Szene: Meine abwegigste Tour Meine abwegigste Tour

Wie ein Familienausflug zu Irlands Traumstrand für Surfer zum Beinahe-Fiasko wird. Nicht ganz unschuldig daran: zwei von drei Enduros in etwas maladem Zustand, die als Reisemittel herhalten mussten.

Foto: Pogo

Mit unseren Surfboards paddeln wir durch die Brecher vor Rossnowlagh, einem menschenlosen Strand im Nordwesten Irlands. Das Wasser ist kalt, aber uns ist wohlig warm, denn Surfen ist unsere Pflicht auf Erden. Wir sind am Reiseziel angelangt und in unserem Element. Dafür war uns kein Weg zu weit, zu schwierig, zu abgefahren. Und zu diesem für Surfer absoluten Traumstrand führt keine Straße, fährt kein Bus, geht keine Bahn. Willst du dorthin, musst du laufen. Oder mit einem geländetauglichen Motorrad fahren - unsere Wahl. Obwohl Enduros sich eigentlich nicht besonders gut zum Transport von Surfbrettern eignen, und der Weg von Heilbronn auf die Grüne Insel weit ist.

Dieser Trip hat sich jedenfalls den Titel "Chaos vom Feinsten" verdient. Rückblick: In den Ardennen verabschiedet sich nach einem Proviantstopp der Kickstarter von der Yamaha TT 350 meiner Frau Mupi mit metallischem Klingeln auf dem Asphalt. Also kann sich Mupi für die restlichen 4000 Kilometer unserer Tour regelmäßig der "manuellen" Starthilfe ihrer männlichen Crew erfreuen. Hundert Kilometer vor Le Havre und eine Stunde vor Abfahrt der Fähre dann allerdings das nächste Problem: Peng - Kette gerissen an meiner TT 600! Immerhin kann ich die Kette bergen und mache mich mit lächerlichem Eifer an das Auffeilen eines Gliedbolzens, was ohne richtiges Werkzeug jedoch schlicht unmöglich ist.

Um das Schiff noch pünktlich zu erreichen, ist klar, dass nun ein improvisierter Abschleppdienst vonnöten ist. Und zwar einer mit Volldampf voraus. Also vertauen wir das Gepäck mit Schuhbändern und Gürteln, um die Gepäckspanngurte als Abschleppseil umzufunktionieren. Man stelle sich nun vor, wie sich ein Zug von bekloppten Deutschen mit drei hoffnungslos überladenen Maschinen abschleppender Weise mit einer beachtlichen Geschwindigkeit von 120 km/h fortbewegt, das Ganze unter dem metronomischen Hin und Her der Beladung. Besser gesagt: unter der "Besegelung" in den Windböen, denn aufrecht stehend befestigte Surfbretter sind nicht wirklich windschnittig, wie wir feststellen müssen. Die Autofahrer hinter uns gehen jedenfalls lieber auf Respektabstand. Während die Fahrt auf der Autobahn schon äußerst heikel ist, gerät das Abschleppen durch Le Havres Innenstadt zu einem echten Drahtseilakt. Mupi verliert an einer roten Ampel die Bodenhaftung und legt auf der Mittelspur einer dreispurigen Straße ihre vollbeladene Mühle ab, der Rest der Chaoten-Truppe tut es ihr mit den verknoteten Karren beinahe nach, während sich der hupende Verkehr vorbeiquetscht.

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Schließlich schaffen wir es zur Fähre, und die Autoschlange steht sogar noch dort. Wir können es nicht fassen und vollführen einen ekstatischen Freudentanz. Endlich mal eine willkommene Fahrplanänderung. Wirklich willkommen? "Die Fähre ist kaputt. Sie fährt überhaupt nicht mehr. Nicht heute und nicht diese Woche", erklärt uns ein niedergeschlagener Autofahrer. Also stellen wir erst einmal auf der einzigen, wenige Quadratmeter großen Grünfläche im Fährenghetto unsere Zelte auf. Es folgt eine Nacht mit Schlange stehen und Verhandeln mit der total überforderten Crew von der Fährgesellschaft. Ich mache dem Agenten klar, dass wir mit eineinhalb kaputten Motorrädern festsitzen und erst mal den Samstag für Reparaturen brauchen. Er tut sein Bestes und bucht uns auf eine Fähre von Roscoff am äußersten Zipfel der Bretagne nach Rosslare in Irland.

Bei einem Yamaha-Händler fische ich am nächsten Tag, kopfüber in der dortigen Mülltonne versenkt, verschiedene Kettensegmente heraus und lasse mir daraus in der Werkstatt ein paar passende Glieder zurechtflexen. Glücklich über die "Organspende" beginne ich später auf dem Fährparkplatz mit der Reparatur.

Dummerweise ist die Kette schon mit einem einzigen Komplettglied zu lang, ein einzelnes Innenglied hätte genügt. So eines habe ich mir aber nicht freilegen lassen, und der Laden ist nun schon im Wochenendschlaf. Eine Flex ist nirgends aufzutreiben, und mit der stumpfen Handfeile sind wir chancenlos gegen die Kettenbolzen. Beim besorgten Nachdenken darüber, ob wir nun wohl überhaupt noch zum Surfen kommen, kommt mir eine Idee: Wir stecken einen kleinen Ast quer durch das Kettenreststück, so dass es mit der Seitenfläche auf dem Asphalt liegt und binden die Konstruktion an die Africa Twin meines Bruders Guma, so dass ich - stehend auf der Kette - über den Asphalt surfen kann. Schon nach 30 Metern glüht die Seite der Kette blau und die Bolzenköpfe sind abgeschliffen. Geschafft! Nun kann die Kette geflickt werden, und es liegen angeblich nur noch 300 Kilometer bis zur Ausweichfähre vor uns.

Allerdings stehen nach gewissen, für uns durchaus nicht ungewöhnlichen Navigationsproblemen, weit mehr als 500 Kilometer auf dem Zähler, als wir den Fährhafen in Roscoff erreichen - natürlich auf den letzten Drücker. Wie sich dann herausstellt, hatte man bei der Umbuchung Mupi vergessen. Und Gumas zwölfjähriger Sohn Finn hat keinen Ausweis dabei. "Ohne Papiere kommen Sie nicht auf die Fähre", macht die feistleibige Chefin der Fähragentur klar, die hinterm Tresen Stellung bezieht. "Wir werden alle auf diese Fähre gehen", drücke ich mich unmissverständlich aus, dann satteln wir auf. Die korpulente Drahtbürste hält uns irgendwelche Vorschriften vor und will die Grenzpolizei holen.

Unterdessen schicken wir Mupi auf das Schiff, um schon mal einen Fuß in der Tür zu haben. Kaum an Deck, wird die Rampe hochgezogen. Mupi ohne Tickets, Geld und Pass. Das könnte bei der irischen Einreise spaßig werden - oder auch nicht. Schreikrampfend heißt Mupi deshalb die Mannschaft an, das Tor wieder hinunterzulassen. Währenddessen tobt eine Diskussion zwischen der Dampfnudel mit den Haaren auf den Zähnen, dem Grenzer und mir. Die Gute von der Fährgesellschaft hat irgendeinen Paragraphen gefunden, wonach uns beim Einreiseversuch ohne Pass droht, beim irischen Zoll 2500 Euro pro Person zahlen zu müssen, um dann auf derselben Fähre wieder zurückgeschickt zu werden. "Kein Problem, zahlen wir", sagen wir, und die Frau beginnt langsam zu verzweifeln, zumal nun auch noch die Rampe für uns wieder heruntergelassen wird. Während ihres Gezeters lässt sie dann einmal kurz ein "okay" fallen, das zwar einem anderen Sachverhalt galt, aber egal: für uns eine förmliche Einladung zum Missverständnis. Mit all dem Charme, den ich vortäuschen kann, dränge ich mich zwischen Fährfrau und Grenzer und schüttelte beidhändig und innig deren Hände.

Bei so viel überschwänglichem Dank kann sie nicht mehr zurückrudern, und wir rollen mit einem Gefühl auf die Rampe, als ob wir den Scheißpott erobert hätten. Von hier an lief übrigens alles wie geschmiert, und während zwei Urlaubswochen in Irland fiel kaum ein Tropfen Regen. Nass wurden wir trotzdem jeden Tag, jedoch nur beim Surfen auf Wellen, die nur uns allein gehörten.

Yoma Pogo, seine Frau Mupi, sein Bruder Guma und dessen Sohn Finn sind Menschen, denen Bretter aller Art die Welt bedeuten. Bretter ohne Räder, Bretter mit Rädern, aber eben auch Motorräder. Kein Wunder, dass Yoma seiner Leidenschaft auch beruflich frönt und einen Skateboardladen bei Heilbronn betreibt. Weil Yoma und seine Familie Lebenskünstler sind, fackeln sie nicht lange und nehmen die jeweiligen Boards auch auf dem Motorrad zu ihren Einsatzgebieten mit...

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