Szene: MOTORRAD CLASSIC-Frühjahrs-Ausfahrt 2011 Zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee

Sonne satt, super Strecke: Besser hätte es nicht laufen können, als ein Dutzend fein zurechtgemachter Youngtimer die Jungfernfahrt des MOTORRAD CLASSIC-Eigenbaus Suzuki Scracer 402 begleitete - auf verschlungenen Sträßchen zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee.

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Schnurrt wie’s Kätzle, die kleine Suzuki GS 400 nach dem großen Umbau zum Scrambler mit Racer-Genen (Heft 2/2011). Wird auch Zeit, einen Tag vor der groß angekündigten Leser-Ausfahrt Mitte April von Tübingen zum Bodensee. Na ja, laufen tut das Ding schon seit einem Jahr, aber immer mit ein paar Gebrechlichkeiten und noch nicht perfekt. Mal spielte der aus Altteilen aufgebaute Motor verrückt und fraß eine Zündkerze um die andere, dann eierte das Fahrwerk wie der berühmt-berüchtigte "Lämmerschwanz" um die Kurven, und zuletzt gab der Elektrostarter beim Startversuch nicht mehr als das gut bekannte "Klack" von sich. Das macht er jetzt zwar auch noch, doch der klassische Kickstarter - von einigen Lesern als zwingendes Merkmal für den Scrambler/Racer eingefordert - bringt den 180-Grad-Twin jetzt zuverlässig in Schwung. Na dann, Vollgas in die Werkstatt und Klamotten packen.

Doch dann passiert’s. Keine 20 Stunden vor der Ausfahrt streckt die 400er ihre Waffen. Langliegend, Tempo 140 auf der Uhr, volle Dröhnung, die Grinse im Gesicht -  und dann der GAU. Von einer Sekunde auf die nächste, Ende, aus, fertig. Nervöses Gefingere an Benzinhahn und Kill-Schalter, Zündung an, Zündung aus - kein Mucks. Ausrollen auf der Schnellstraße, peinliches Fußeln und Schubsen bis zur nächsten Parkbucht. Kurzer, hundert Mal erlebter Technik-Check. Sicherung? Ok. Sprit? Blubbert in fettem Strahl aus dem Schlauch. Kerzen? Rehbraun. Zündfunke? Hallo, Zündfunke? Nix.

Bleibt nur der Notruf per Handy: "Kannst du mich abholen mit dem Transporterle? Schnellstraße, Parkplatz am Forsthaus."

Zuhause folgt zum Glück die Erleichterung: Der vermeintliche elektrische GAU der Suzuki Scracer 402 entpuppte sich als ein aus der Steckverbindung gerutschtes Zündschlosskabel. Ein Kabelbinder hält den Stecker jetzt in seiner Position. Der Ausfahrt mit den Lesern und ihren Maschinen - eine schöner als die andere - stand nichts mehr im Weg.

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Die Sonne schiebt sich behäbig über den Horizont, verdrängt Nebel und Kälte, die sich in der klaren Nacht über dem Neckartal breitgemacht haben. Tübingen, Studenten-Metropole und am Rande der Schwäbischen Alb gelegen, ist der Ausgangspunkt der Tour von MOTORRAD CLASSIC. Als Erstes trudelt eine Münch ein. Nein, keine klassische Münch 4, sondern eine höchst individuelle Komposition aus Klassiker und Moderne. Ganz im Sinne unserer Suzuki Scracer 402 also. Ein altes Motorrad, aufgepeppt mit neuer Technik. Alu-Schwinge und Titan-Auspuff entstammen der Suzuki GSX-R 1000 K6 von 2006, die martialische Vollverkleidung mit rechteckigen Doppelscheinwerfern ist selbstgedengelt. Manche werden die Nase rümpfen, manche wittern Verrat am Original. Für den Erbauer allerdings ist seine Münch ein individuelles Lebenswerk zum Fahren und genießen.

Und überhaupt, das Genuss-Motorradfahren, eine neuer Trend, der mit Jet-Helm, Lederjacke und legerer Beinkleidung auch die Neuzeit-Generation erreicht hat, ist bei Youngtimer- und Klassik-Freaks schon lange "in". Weil es beim Alteisen-Reiten nicht mehr darauf ankommt, der Schnellste oder Waghalsigste zu sein. Was zählt, ist das Gefühl für den alten Motor, wenn er sich beim stramm gespannten Gasseil an langen Steigungen müht und plagt, dafür beim Dahingleiten auf der Standgasdüse vor sich hinblubbern darf. 100, 110, vielleicht mal 120 km/h, wenn der Tross schwungvoll in die langen Senken hinabsaust. Dabei könnten sie mehr, viel mehr: Die neuwertige Honda CB 750 von Siegfried Kerner oder die Yamaha TR 1 von Gunter Baron, auch die bildschöne Laverda SF 750 oder Waldemar Schwarz’ Honda-CBX-1000-Sechszylinder, sie alle haben mächtig Dampf für einen strammen Topspeed. Aber das alles braucht es nicht, um die Leidenschaft auf zwei Rädern am Köcheln zu halten. Ganz im Gegenteil, weshalb man auch mit einer Kawasaki W 650, Honda CB 500 Four oder Guzzi California 850 keine Mühe hat, dem Scout zu folgen.

Straße oder Schotter - auf dem Weg zum Bodensee hat man die Wahl. Deshalb stellte  der Autor seine Frühlingstour so zusammen, dass alle überfüllten Bundesstraßen, zähe Stadtdurchquerungen und gähnend langweilige Asphaltbänder außen vor bleiben. Kreuz und quer, über verlassene Bauernhöfe, tief eingeschnittene Täler und von Hand ausgesuchte Schotterstrecken, verbinden sich die kurvigsten Sektionen der Alb zu einer höchst abwechslungsreichen Tagestour. Und wem sein poliertes Sahnestückchen zu schade ist, um es auf den Schotterpassagen einzustauben, der folgt dem CLASSIC-Roadbook.

Und warum  führt die Route gerade über die Schwäbische Alb zum Bodensee? Weil es im Frühjahr nichts Schöneres gibt, als in aller Gemütlichkeit durch die oft karge, gottverlassene, aber wunderschöne Landschaft der Schwäbischen Alb zu schlüpfen, um am Ende des Tages das fast mediterrane Klima der Bodenseeregion und den faszinierenden Blick auf die Alpenkette zu genießen.

In moderatem Tempo ging es durch das einsame Fehlatal nach Veringenstadt. Von dort hangelte sich die CLASSIC-Truppe in scharfen Serpentinen hinunter ins Schmeiental, einem Seitental des zerklüfteten Donautals zwischen Tuttlingen und Sigmaringen. Verkehrsarmes, amüsantes  Kurvenvergnügen war hier garantiert.

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Logisch, die Highlights einer Tour über die Schwäbische Alb durften nicht fehlen. Der Knopfmacherfelsen etwa für die Mittagspause, mit Aussicht aufs Donautal und Kloster Beuron, oder der kurvige Aufstieg von Tiergarten nach Stetten am kalten Markt. Dort war Spritfassen angesagt, wobei ein ortsansässiger Klassikfreund die Truppe als höchst fachkundige Hilfe in Sachen Youngtimer erkannte. Sein Sohn hatte sich mit viel Mühe eine Yamaha RD 400 aufgebaut, zweifelte jetzt aber an den derben Vibrationen und dem metallischen Zirpen des Motors. Worauf sich der Autor und Zweitakt-Spezialist kurzerhand auf die Yamaha RD 400 schwang und nach einer Testfahrt Entwarnung geben konnte. "Die Vibrationen in den Fußrasten sind normal und das helle Zirpen aus den Kühlrippen gibt keinen Anlass zur Sorge. Das Ding geht tadellos." Und so kreischen Vater und Sohn mit der Yamaha RD 400 zufrieden davon.

Über eine schwungvolle Achterbahn in Richtung Hegau wedelte die Reisegesellschaft schließlich zu ihrem Ziel am Bodensee. Um diesen Augenblick mit allen Fahrensfreunden zu teilen, gibt es keinen schöneren Platz als den Haldenhof bei Sipplingen, gut 200 Meter über dem See gelegen und mit einer traumhaften Sicht über die Schweizer Alpen bis zur verschneiten Silvretta-Gruppe im Osten. Selbst die aus dem keine 80 Kilometer entfernten Albstadt stammende Klassik-Clique zeigte sich hellauf begeistert von der Kaffeepause über dem See. "So ein schöner Flecken Erde, kaum zu glauben", war Wolfgang Breuling, der mit seiner Horex Regina unterwegs dazugestoßen ist, von den Socken.

Weiter geht’s, denn der Thomas wartet. Thomas heißt Bischoff mit Nachname, restauriert im Hauptberuf alte Motorräder bei der Firma Oldtimer-Service Thomas Martin (www.oldtimer-service.com) und hat sich über die Jahre ein kleines Museum eingerichtet (www.oldtimer-museum-neumühle.de). Alte Motorräder in allen Variationen, alte Autos, alte Radios - alles was es eben heute nicht mehr gibt.

Dafür gab es viele nette Menschen mit alten Maschinen, die sich am Museum versammelten. Menschen, die mit ihren alten Schätzchen Neues erleben. Weil sie damit fahren, sich treffen, ein Bierchen trinken, über Motorräder reden und über die witzigen Geschichten drumherum lachen. Man hat sich köstlich amüsiert an diesem Abend. Auch über den elektrischen Kollaps der Suzuki Scracer.

So, und wer sich im Frühjahr 2012 an den MOTORRAD-CLASSIC-Stammtisch in Mahlspüren setzen möchte, darf dies gerne tun. Der Termin und alle Infos zur nächsten Frühjahrs-Ausfahrt werden rechtzeitig in MOTORRAD
CLASSIC bekannt gegeben.

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