Teneriffa (2)

Foto: Eisenschink
Teneriffa, MOTORRAD 26/2003
Teneriffa, MOTORRAD 26/2003
Nach zwanzig Kilometern verschwinden die letzten Häuser in den Rückspiegeln, und die Straße fädelt sich in schier endlosen Schleifen durch einen Kiefernwald. Wie ein Korsett schmiegt er sich im Bereich der Wolkenzone um den Inselkörper, saugt die Luftfeuchtigkeit in seinen Nadelpelz und versorgt das Erdreich mit kostbarem Nass. Meter um Meter gewinne ich an Höhe, die Temperaturen sinken. „Wir waren starr vor Kälte, obgleich das Thermometer etwas über dem Gefrierpunkt stand“, hatte Humboldt vor rund zweihundert Jahren in seinem Expeditionstagebuch notiert, als er auf dem Weg zum Gipfel war. Ich bin froh um meinen vorsorglich mitgenommenen Fleece-Pulli und das Teide-Sandwich, das unverändert meinen Rücken wärmt.

El Portillo, 1980 Meter. Die Straße gabelt sich und legt Richtung Teide-Nationalpark in der Manier eines Schweizer Alpenpasses gleich noch mal 200 Höhenmeter zu. Zwei Ecken weiter liegt sie plötzlich vor mir: die Kraterlandschaft der Cañadas.
Anzeige
Foto: Eisenschink
Teneriffa, MOTORRAD 26/2003
Teneriffa, MOTORRAD 26/2003
Als sei es gestern gewesen: Links und rechts der Fahrbahn erstreckt sich die zu Stein erstarrte Apokalypse. Schwarze und rostrote Lavaströme bilden ein bizarres Flechtwerk, hinter dem der Vulkan Pico del Teide seinen steinernen Kragen in den Himmel reckt. Gewaltige erdgeschichtliche Kräfte müssen hier gewütet haben, als es die ursprüngliche Inselspitze vor etwa 200000 Jahren mit einem explosionsartigen Knall vom Sockel riss. Der Feuertanz verbreitete seine Spuren bis hinunter zum Meer und hinterließ einen gewaltigen Kraterkessel, eine Caldera mit Steilwänden, die bis zu 700 Meter hoch aufragen.

In der nächsten Parkbucht werfe ich einen Blick auf die weit verzweigten Lavapisten und bin im Nu von Parkrangern umstellt. Der 20000 Hektar umfassende Teide-Nationalpark, so werde ich vorsorglich belehrt, sei abseits der Hauptstraße für jeglichen Verkehr tabu. Für diese hat man allerdings feinsten Asphalt verwendet, der mich mitten durch die versteinerten Lavaströme hindurchführt. Braune Schlackeberge, durchzogen mit safrangelben Schichten, bauen sich rechts und links von mir auf, bisweilen leuchtet es kupferrot, dann wieder jadegrün – selten
wird Geologie so spannend dargeboten.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote