Tessin Ein Hoch auf Johnny

Die Schönwetterfront mit dem amerikanischen Namen sorgte in den Alpen bereits im Februar für milde Temperaturen - eine Tour ins ohnehin sonnenverwöhnte Tessin bot einen Vorgeschmack auf den kommenden Sommer.

Null Grad in San Bernadino, 23 sind´s in Ascona. Praktisch im freien Fall führt die Straße in einer knappen halben Stunde direkt vom Winter in den Frühling. Haarnadelkurve um Haarnadelkurve steil abwärts vom verschneiten Bergdorf San Bernadino an der Südrampe des gleichnamigen Passes bis zur sonnnenbeschienenen Uferpromenade der Stadt am Lago Maggiore, wo nur der Umstand, daß die Straßencafés so gut wie leer und die meisten Hotels geschlossen sind, daran erinnert, daß die Saison im Februar noch lange nicht begonnen hat. Weder für Touristen noch für die Tessiner, die selbst nicht wissen, wann zuletzt zu dieser Jahreszeit das Klima in den Alpen so mild und die Straßen so eisfrei waren.Wobei die Region ohnehin vom Klima verwöhnt ist. Eine fast schon meditane Vegetation gedeiht rund um den See. Palmengesäumte Uferpromenaden und Straßen, allerlei exotische Gartengewächse, die prächtige Villen und pfirsichfarbene Herrenhäuser umranken, sogar Subtropisches auf der größeren der beiden Brissago-Inseln. Der fjordartige Lago garantiert viel südliches Flair am Rand der Alpen, die gleich einer weißgekrönten Barriere die kalten Nordwinde abhalten. In den siebziger Jahren galt Ascona und sein Umland deswegen wohl als das Traumziel par excellence, wenn es zwar in den Süden, aber nicht in die Fremde gehen sollte, wenn alpenländische Gutbürgerlichkeit gefragt war, aber gleichzeitig ein Platz unter Palmen gewünscht wurde.Doch der ganz große Trubel, damals, als Opel sogar eines seiner Modelle zeitgeistgerecht und werbeträchtig mit dem wohlklingenden Namen Ascona versah, scheint sich gelegt zu haben. Die zahlreichen Pensionäre, die jetzt am Mittag unter dem strahlend blauen Himmel über die ufernahe Piazza G. Motta spazieren, haben ihre Sturm- und Drangzeit längst hinter sich. Und ihren Wünschen entsprechend ist auch das Angebot: biedere Gemütlichkeit in einem pseudo-mondänen Umfeld, sei es in den Restaurants oder in der Fußgängerzone. In meiner Motorradkluft passe ich ganz und gar nicht hierher.Und trotzdem hätte ich mir keinen besseren Platz aussuchen können. In unmittelbarer Nähe öffnen sich drei gewaltige Täler, in denen verlockende Wege und weitere, enge Seitentäler hoch in das - besonders im Winter - einsame und schwer zugängliche Felsenreich des Sopraceneri führen, dem nördlichen Teil des Tessins. Tatsächlich befinde ich mich nur ein paar Minuten später in einer völlig anderen Welt, in dem von bis zu 2800 Meter hohen Gebirgsketten flankierten Valle Verzasca.Steil und kurvig, zu steil und zu kurvig, um mit immer noch wintermüden Reflexen einen einigermaßen sauberen Strich hinzulegen, führen enge Serpentinen schnurstracks hinauf. Eine Weile dauert´s, stets im ersten und zweiten Gang, dann ist der Lago Maggiore endgültig im Rückspiegel verschwunden, bahnt sich der bisweilen einspurige Weg seinen Zickzack-Kurs vorbei am Vogorno-Stausee und durch die immer enger werdenen, nahezu senkrechten Felsenwände. Abwechselnd links und rechts tost tief unter mir die Verzasca über unzählige Felsenstufen - heller Granit, der im Laufe von Jahrmillionen durch die Kraft des flaschengrünen Wassers zu kunstvollen, runden Monumenten geformt wurde, die nicht selten fast schon die Größe von Einfamilienhäusern haben.Wie auf einer Sonnenterrasse schmiegt sich schließlich gegenüber der Straße und weit oben auf einem kleinen Plateau das Bergdorf Corippo an den steilen Hang. Einfache, uralte Gebäude eng über- und nebeneinander und ohne jeden Schnörkel, nur aus grobem Stein mit Dächern aus schweren Granitplatten. Haltbar bis in die Ewigkeit und sozusagen die puristische Antwort auf die unwirtlichen Lebensbedingungen, die den Bewohnern, als sich Land- und Viehwirtschaft noch rentierten, praktisch ein Nomadenleben abverlangten: im Sommer in den Bergen, im Winter runter an den See.Wie Corippo gleichen die meisten der kleinen Dörfer in den Tälern des Tessin heute allerdings Geisterstädten, weil sich anderswo das Geld leichter verdienen läßt. Mancherorts blieben nur die Alten, und schließlich kamen die Touristen, denen inzwischen viele der Rustici, der Bauernhäuser, gehören. Letztere lassen sich aber auch nur im Sommer hier sehen: Die knapp 30 Kilometer lange Talstraße, die bis ins 900 Meter hochgelegene Sonogno führt, gehört in diesem Moment mir ganz allein. Nur ab und zu bremsen Eis- und Schneefelder meinen mit jedem Meter wachsenden Vorwärtsdrang. Die flachstehende Wintersonne erreicht trotz aller Intensität noch lange nicht jeden Winkel in dieser abgeschiedenen Welt - und auch nicht jedes Dorf. Einige führen hinter hohen Bergkuppen oder tief unten in der Schlucht zwischen Dezember und Februar ein dreimonatiges Schattendasein.Beim Eintritt ins anfangs weitläufige Valle Maggia lernen Fahrer und Tiger früh am nächsten Morgen wieder das Laufen, Tempo hundert ist zwar nicht ganz erlaubt, aber mangels enger Kurven problemlos drin. Hellwach wie selten um diese Uhrzeit, weil Bergtouren im Winter wegen einsetzender Dunkelheit und Kälte früh enden und das Asconer Nachtleben gegen 22 Uhr die Pforten schloß, lasse ich den warmen Wind durchs offene Visier um meine Nase wehen.Erst hinter Bignasco verengt sich das Tal, schließlich zirkelt sich die Straße kurz hinter der Ortschaft Prato direkt am Fels nach oben. Serpentinen, so eng, daß ich die Triumph fast schon im Standgas durch die kaum wagenbreiten Kehren rangieren muß. Je höher ich komme, desto öfter sind die kleinen Rinsale oder die Wasserflecken auf dem löchrigen Asphalt zu Eis gefroren. Es wird spürbar kälter, dennoch wird´s der Tiger bergauf und ohne Fahrtwind richtig warm um den Zylinderkopf: Oben angekommem, läuft der Kühler, um mich herum herrscht auf einmal tiefster Winter, liegt der Schnee fast schon meterhoch rechts und links der Straße.Kurz darauf geht überhaupt nichts mehr. Zwar führt von Fusio, dem letzten Ort in diesem Hochtal, noch ein steiler Weg zum 1461 Meter hoch gelegenen Lago Sambuco, doch der ist gänzlich unter der weißen Pracht verschwunden. Daran würde sich die Tiger die Zähne ausbeißen, oder einfacher: ich würde bereits nach wenigen Metern auf der Nase liegen. Weil in dem kleinen Nest weder ein Café noch sonst irgendwas geöffnet ist, bleibt mir nur Rückfahrt.Kaum unten im Tal angelangt, in Cevio, zieht´s mich wieder nach oben, praktisch ganz nach oben, denn das tief verschneite Bosco Gurin gilt als die höchste, ständig bewohnte Ortschaft im Tessin, dessen kurvenreiche Zufahrt allerdings geräumt wurde. Im grellen Mittagslicht glänzen um meinen immerhin 1500 Meter hohen Standpunkt, den ich mit einigen staunenden Skifahren teile, unzählige weiße Gipfel. Unterhalb der Schneegrenze nur winterkahle Wälder, tiefe, unzugängliche Täler, rauschende Wildbäche, die durch enge, dunkle Schluchten tosen.Hier, wo niemand sonst zu leben wagte, ließ sich vor gut 800 Jahren eine Gruppe von Walsern nieder, auf verschlungenen Pfaden aus dem Oberwallis kommend. Erst seit 1928 führt eine abenteuerliche Straße durch dichte Wälder und über karge Felsen in das bis dahin absolut weltabgeschiedene Bosco Gurin, dem einzigen deutschsprachigen Dorf des Tessins. Doch das uralte, heute noch gesprochene guriner-deutsch, das Gurinertitsch, klingt für unsere Ohren unverständlicher und geheimnisvoller als manch andere Sprache. Mit Fremden spricht man dagegen inzwischen Schweizerdeutsch oder Italienisch. Zumindest die Kids aus dem Ort, die mir eine Runde auf ihrem Motorschlitten anbieten, weil ich der erste bin, der in diesem Jahr auf zwei Rädern den Weg hierher gefunden hat.Wie im Rausch beginnt der nächste Tag. Kaum das der Asconer Stadtverkehr hinter mir liegt, treibe ich die Triumph über den griffigen Asphalt, der sich schlichtweg atemberaubend hin und her durch das Centovalli windet. Diese Strecke verzaubert die Sinne und gehört sicher zum Spektakulärsten, was das Tessin zu bieten hat. Über 150 Bäche münden aus ebenso vielen Seitentälern in die reißende Melezza, die sich so tief in das Gestein gefressen hat, daß sie von der weit oberhalb in den Fels gehauenen, oftmals einspurigen Straße nur an wenigen Stellen zu sehen ist. Und nur ab und zu schützen einfache Geländer vor dem drohenden Abbruch. Hundert Meter sind es bis unten. Manchmal auch mehr. Kurz hinter Camedo könnte ich von hier aus ins benachbarte Italien reisen, doch die Fahrt zurück durch dieses Tal erscheint verlockender, zumal es mich über den knapp 1400 Meter hohen Paß Alpe di Negia zwischen Magadino und Biegno in den Süden des Tessin zieht, ins Sottoceneri.Hier ist vieles anders. Keine schroffen Felsen, keine engen und dunklen Schluchten mehr. Die alpine Berglandschaft verschwindet mit jedem gefahrenen Kilometer, die Täler werden weiter, sind schließlich hinter dem Paß nur noch von sanft ansteigenden Hügeln umrahmt. »Die Toskana des armen Mannes« wird dieser Teil auch genannt. Tatsächlich fehlen in diesem Landstrich die imposanten Prachtbauten, wie sie am Nordufer des Lago Maggiore in die buntbewachsenen Hänge modelliert wurden. Doch das alles schmälert nicht im Geringsten meine Begeisterung. Mit dem Protz und Prunk schwindet auch die steife Schweizer Zurückhaltung, und gleich hinter der Grenze nach Italien, auf der kurzen Strecke entlang am Lago zwischen Maccagno und Luinio, tobt das Leben. Jung und alt flanieren laut schwatzend über schattige Uferpromenaden, hier - und gänzlich unerwartet auch in der Schweizer Seestadt Lugano - feiern die Menschen ausgelassen den vorgezogenen Sommer. 25 Grad, und das mitten im Februar, sind´s an der Luganer Piazza Luini.

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