Teufelsmoor ...und immer geradeaus

Kurven und Pässe? Nun ja, eher selten. In Norddeutschland sowieso und erst recht im Teufelsmoor. Trotzdem, das platte Land rund ums Künstlerdorf Worpswede begeistert - nur eben auf andere Art.

Lange Nebelfetzen hängen über den sattgrünen Wiesen und Weiden rechts und links neben mir. Schemenhaft die mächtigen Baumriesen, die im Dunst wie aus dem Nichts urplötzlich auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden, die riesigen Gehöfte, die auf den Nebelfeldern zu schweben scheinen, die harmlosen Kühe, die auf einmal wie furchterregende Wesen aussehen, hier und dort schmale Kanäle, deren spiegelglatte Wasseroberfläche förmlich dampft. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, noch regiert dieses diffuse Licht zwischen Nacht und Tag, dieser kurze Moment zwischen Dunkel und Hell, in dem das Moor um so unheimlicher, weil unwirklicher wirkt. Wohl darum wurde mir geraten, so früh wie möglich loszufahren.Wie mit einem Lineal gezogen, führt die schmale Straße ohne Wenn und Aber geradeaus, nach einer Weile flankiert von dichtstehenden Birken, deren Laubdach über dem Asphalt längst zusammengewachsen ist. Der feuchte und kühle Fahrtwind ist ein guter Ersatz für einen Kaffee, ohne den bei mir morgens um vier eigentlich überhaupt nichts geht. Meter für Meter bleibt die Müdigkeit auf der Strecke. Neugierig betrachte ich durch das Visier die weltfremde Dramaturgie dieser einsamen Landschaft, durch die mich das mächtige V2-Triebwerk der Suzuki mit dumpfen Grollen schiebt, genieße den weiten, bewegungslosen Raum, der zu dieser Tageszeit nur mir gehört. Schließlich der wunderbare, langgezogene Linksknick irgendwo zwischen Oyten und Fischerhude, der auch noch den letzten Rest müder Gedanken vertreibt - und gemessen an süddeutschen Verhältnissen den Namen Kurve wirklich verdient.Weit schneller als erwartet beginnt der Tag. Nur noch Minuten, wenn nicht Sekunden, bis die letzten Dunstschwaden im ersten Sonnenlicht verschwunden sind. Plötzlich zeigt das Land seine wahre Größe. Wiesen, soweit der Blick reicht, nur unterbrochen von langen Baumreihen, kleine Seen und Tümpeln, in denen sich bereits jetzt das schwache Blau des Himmels spiegelt. Überhaupt, dieser Himmel. Er ist es, der dieses Land so gewaltig erscheinen läßt, der aus jedem Gegenstand, und wenn er für sich genommen noch so belanglos ist, etwas Besonderes macht. So imposant die Alpen auch sein mögen - sie verblassen gegen die unglaubliche Großzügigkeit dieses Landstrichs.Rumpelnd rolle ich mit der hart gefederten Suzuki über grobes Kopfsteinpflaster. Vorbei an herausgeputzten, reetgedeckten Fachwerkhäusern im Schatten steinalter Eichen und inmitten Fußballfeld großer, buntbewachsener Gärten, bei deren Anblick ich als Stadtbewohner vor Neid platzen könnte - in Fischerhudes urigen Ortskern scheint die Welt noch in Ordnung. Langsam erwacht das Dorf, zwei Kids reiten auf einem Pony zur Schule, ein Bauer bringt mit einem Handwagen verschieden große Milchkannen von Tür zur Tür, drei kräftige Burschen treiben eine Herde Kühe über den kleinen, schattigen Marktplatz zur Weide. Mich treibt´s weiter, weil´s trotz der Idylle kein Frühstück gibt.Schnurstracks geradeaus führen die Wege in Richtung Worpswede. Straßen im rechten Winkel zueinander, eingerahmt von kilometerlangen Birkenalleen, dem Moorbaum schlechthin. Doch bis zum eigentlichen Moor - oder dem, was davon heute noch übrig ist -, dem Teufelsmoor, ist es noch ein gutes Stück. Gleich hinter Fischerhude konzentrieren sich die ungezählten Kanäle. Mit ihnen wurde Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen, diese einst unwirtliche und menschenfeindliche Sumpflandschaft trockenzulegen, um aus den feuchten, kaum bewohnten Niederungen zwischen den Flüssen Hamme und Wümme fruchtbares Ackerland zu machen. Ein karges Auskommen hatten bis dahin nur die wenigen Bauern, die auf den Moorflächen Torf stachen, den sie auf einem der vielen Wasserwege nach Bremen brachten, wo er schließlich als Brennstoff verkauft wurde. Heute sind die die langen Reihen der zum Trocknen aufgeschichteten Torfsoden nur noch an wenigen Stellen zu sehen, die Moorschiffe mit ihren schwarz geteerten Segeln sind gänzlich verschwunden.Grasberg, Worphausen, Worpheim. Die Fahrt durch das einst schwerzugängliche Moor begeistert - trotz der nahezu kurvenlosen Straßenführung. Die kleinen Sträßchen zwischen den winzigen Nestern, die oft nur aus einer Handvoll Häuser bestehen, sind teilweise sogar moosbewachsen oder aus groben Kopfsteinen gepflastert. Zwar nicht unbedingt das Terrain für die sportliche TL 1000, die jeden Huckel hart an meine Handgelenke weitergibt, aber trotzdem, das Land hat Charakter. Der laue Wind duftet nach feuchten Weiden, nach Feldblumen, vermischt mit dem Geruch von brackigen Wasser im Graben rechts neben der Straße. Immer wärmender blinzelt die Sonne durch das dichte Blätterwerk über dem Asphalt, überall tanzen Lichtpunkte auf dem Weg vor mir. Bunte Fachwerkhäuser mit tief herunter gezogenen Reetdächern stehen leicht erhöht wie auf kleinen Inseln und von dichtem Büschen und Bäumen umgeben neben den Wegen, in den großzügigen Gärten blühen knallbunte Dahlien und Astern, wachsen Kartoffeln und Rosenkohl, gedeiht das Nützliche neben dem Schönen.Doch auf einmal ist Schluß mit dieser stillen Idylle. In Worpswede herrscht Hochbetrieb. Vollbesetzte Reisebusse schieben sich durch den alten, bildhübschen Dorfkern der weltberühmten Künstlerkolonie, dicht an dicht parken Autos vor den zahlreichen Ausstellungen, Kunst und Kitsch werden an jeden Ecke feilgeboten - die Gründerväter des Ruhms, die Maler Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Hans am Ende, Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker würden heute einen großen Bogen um Worpswede machen, denn von der Ruhe und Einsamkeit, die sie um die Jahrhundertwende in diese ländliche Abgeschiedenheit lockte, ist nicht mehr viel zu spüren.Geblieben ist bis heute die gewaltige Ausdruckskraft ihrer Bilder - das Moor in allen Variationen und zu allen Jahreszeiten, mal als karge, schwermütige Kulisse, mal als Gemälde voller Licht und Farben, kunstvoll oder romantisch arangiert: Das Land und die Menschen standen für die Maler der ersten Generation als Sinnbilder für eine unverdorbene Natürlichkeit. Wer so malt, darf sich nicht wundern, daß Worpswede früher oder später von nachahmungswütigen Künstlern und erholungssuchenden Touristen förmlich überrannt wird.Kaum raus aus dem Ort, empfängt mich wieder dieses weite, fast schon melancholische Land, das sich am Ufer der Hamme fast grenzenlos erstreckt. Am Schiffsanleger und Wirtshaus Neu Helgoland gibt´s in rustikaler Atmosphäre endlich Kaffee. Früher einer der wichtigsten Verkehrswege der Moorbauern, dümpeln heute nur ein paar Ausflugsschiffe und Sportboote vor mir im braunen Wasser der Hamme. Über 18000 Holzboote sollen es in guten Jahren gewesen sein, die im letzten Jahrhundert von hier aus Torf nach Bremen transportierten. Ein mühseliges Geschäft mit kargem Auskommen. Gut verdient haben schließlich nur die Wirte, die ihre Gaststätten direkt an den Ufern der Kanäle und Flüße eingerichtet hatten.Wieder unterwegs, spüre ich auf einmal den heftigen Wind am Helm, der hier fast ununterbrochen über das widerstandslose Land weht. Tiefhängende Wolken huschen schnell vorbei und werfen ihre Schatten auf die flachen Hänge des Weyerberges. Mit 54 Metern Höhe eigentlich kein Berg, sondern vielmehr ein Hügel. Aber dort, wo alles eben ist, erscheint das niedrige viel höher als anderswo.Stur geradeaus folge ich der breiten Straße in Richtung Neu Sankt Jürgen, dann ein abrupter Kurswechsel im rechten Winkel nach links. Birken, Gräben, Wiesen, verziertes Fachwerk, das Bild bleibt unverändert. Doch irgendwo hier soll noch sein, was Land und Bewohner geprägt hat wie kein anderes Element: das Teufelsmoor, das »Davelsmoor«, das taube, unfruchtbare Moor, dieser unheimliche Landstrich, dem die Menschen von Anfang an mißtrauisch gegenüberstanden.Kurz hinter dem Ortschild Teufelsmoor biege ich nach rechts ab und folge gespannt einem einspurigen Weg, der kopfsteingepflastert über sumpfige Wiesen führt. Mitten im Nichts ist Schluß, kein Haus, kein Schild, kein Mensch. Nur ein schmaler Pfad verschwindet hinter dichten Büschen. Zu Fuß spaziere ich über den weichen Boden, der unter jedem Schritt mit einem hohlen und dumpfen Geräusch nachgibt, schließlich immer weicher und matschiger wird. Aber wer hier Unheimliches oder gar Lebensfeindliches erwartet, wird enttäuscht: Längst ist aus der sumpfigen Falle, die einst unvorsichtige Menschen und Tiere lautlos verschluckte, eine rare Idylle in einem kleinen Naturschutzgebiet geworden, in der man bei einem Fehltritt höchstens nasse Füße riskiert. Im Schatten junger Birken wächst grüner Binsen, ein sanfter Wind streicht durch das weiße Wollgras, hier und dort kleine, silbrig schimmernde Wassertümpel zwischen dem braunen Torfboden. Die Harmonie der Farben, das milde Klima, diese absolute Stille - das Teufelsmoor zeigt sich an milden Sommertagen von einer ausgesprochenen lieblichen Seite.In einem weiten Bogen führt die Straße wieder vorbei am Teufelsmoor, dann geht´s - alles andere wäre unpassend, weil untypisch - kilometerlang geradeaus in Richtung Vollersode. Eine wunderbare Vollgasstrecke, schießt es mir durch den Kopf, denn zu sehen gibt´s nicht mehr als anderswo. Falsch. Hier beweisen die Moorbauern erst recht Lebensstil, geschmackvoll wie großzügig. Mächtige, uralte Höfe, blumenbunte, grün überdachte Wohninseln, braunes Fachwerk, blaues Fachwerk, rotes Fachwerk, alles im weiten Abstand von der Straße und nur über einen schmalen Damm zu erreichen, der bei Hochwasser gerade noch eben über die Fluten schaut. Dahinter birkengesäumte Moorwiesen, Pferde und Kühe, der Horizont. Das ist er, der Stoff, aus dem meine Träume sind.Später Nachmittag. Langsam neigt sich die Sonne gen Westen. Trotzdem, die Tage scheinen hier länger. Wenn in den Bergen die meisten Täler längst im Schatten liegen, leuchtet in der Ebene noch jeder Winkel. Die weißen Stämme der Birken glänzen dann für einen langen Moment wie pures Silber, das kräftige Grün der Wiesen scheint noch eine Spur intensiver, der Himmel noch blauer. Selten hat mir das Fahren mehr Spaß gemacht, selten hat mich ein Landstrich, der auf den ersten Blick gänzlich unspektakulär erscheint, so begeistert wie dieses platte Land im Norden Bremens.Gelassen bummele ich bis nach Gnarrenburg, mal auf der breiten Hauptstraße, dann wieder auf schmalen Wegen, die parallel zu unzähligen Entwässerungskanälen verlaufen. Immer weniger erinnert jetzt an die ursprüngliche Moorlandschaft, immer öfter ersetzen rote Backsteinhäuser die wunderbaren Fachwerkgehöfte, Kilometer für Kilometer verschwindet der einzigartige Charme des Moores, das auf weiten Flächen fruchtbarem Weide- und Ackerland gewichen ist. Um so überraschender, daß gerade hier das Vergangene am anschaulichsten präsentiert wird: »das Gold des Moors«, backsteingroße, federleichte Torfsoden, fein säuberlich gestapelt, so wie sie im letzten Jahrhundert im Moor gestochen wurden. Eine mühevolle Handarbeit, die außer auf dem Gelände des Museumshofs in Augustenburg seit der Moorkultivierung kaum noch Tradition hat. Längst hat das Moor seine Schuldigkeit getan, doch der Reiz dieser herben Landschaft ist geblieben - um so unwirklicher und dramtischer, sobald von den Wiesen und Seen, von Hamme und Wümme wieder der Nebel aufsteigt, der den Tag davonzieht.

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