Thüringen Licht und Schatten

In Deutschlands Mitte schlägt ein grünes Herz. Thüringen gehört zu den waldreichsten Regionen im Bundesgebiet. Doch auch ohne schützendes Blätterkleid ist es ein lohnendes Reiseziel.

Der Wind streicht fast lautlos durch die Äste der schlanken Buchen und Fichten, und nur wenige Sonnenstrahlen finden den Weg zu den Schneeresten auf dem Boden. An diesem kühlen Wintertag ist auf den Höhen des Thüringer Waldes nicht viel los. »Über allen Gipfeln ist Ruh’...« - das Gedicht, das Goethe einst auf dem 861 Meter hohen Kickelhahn bei Ilmenau in die Bretterwand einer Waldaufseherhütte ritzte, beschreibt treffend die Atmosphäre. Kaum traue ich mich, den Starterknopf zu drücken. Das Gepötter ignorierend, dirigiere ich den Simson SR 80 vorsichtig um die Schneereste auf dem Parkplatz.Und dann geht´s schon in flotter Fahrt durch die Kurven ins Tal hinab. Das beherrscht er perfekt, der kleine Roller. Kein Wunder, die Gegend hier ist ihm schließlich bestens vertraut. Sein Geburtsort Suhl liegt quasi um die Ecke, und wir machen natürlich einen kleinen Verwandtenbesuch. Im Firmenmuseum ist seine ganze Ahnengalerie von über 100 Exponaten vertreten. Unter anderem eine K. G. von 1920, konstruiert von der Motorfahrzeugbau Gebrüder Krieger GmbH, Suhl, und die älteste Kardan-Maschine Deutschlands. Daneben ein ganzer Stammbaum von Schwalben: Die älteste hat fast 40 Jahre auf dem Buckel. Doch das Museum informiert nicht nur über die Gattung der Blechvögel, sondern auch über die gefiederten Namensgeber der Simson-Baureihen und erzählt auf kleinen Tafeln von Sperbern und Staren.Nach diesem kleinen Ausflug in die Ornithologie fahre ich an der Werra entlang in die Thüringische Rhön. Immer wieder sind alte Grenzsteine zwischen den Bäumen zu erkennen. Sie zeugen von den vielen Kleinstaaten, aus denen das Land Thüringen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges bestand. Ebenso die Burgen aus dem achten bis fünfzehnten Jahrhundert, deren Überreste in fast 200 Orten des Landes zu finden sind. An Berühmtheit kaum zu übertreffen ist sicher die Wartburg bei Eisenach. Doch der Weg dorthin zieht sich. Auch wenn auf einem Roller schnell und langsam ziemlich relativ ist - auf der Wartburgallee geht es jedenfalls definitiv langsam voran, da eine endlose Autoschlange die Serpentinen zur Burg verstopft.Die Sage erzählt, daß Graf Ludwig aus dem Thüringer Wald um das Jahr 1000 bei der Entdeckung des Gipfels ausgerufen haben soll: »Wart’ Berg - du sollst mir eine Burg werden!« Gut gebrüllt, Ludwig. Über 500 Jahre später bot diese Burg Martin Luther Zuflucht, um in der Rekordzeit von zehn Wochen das Neue Testament vom Griechischen ins Deutsche zu übersetzen. Im benachbarten Eisenach hatte er zuvor während seinem Besuch der Lateinschule Gasse an Gasse mit einem prominenten Sohn der Stadt gelebt: keinem Geringeren als dem Komponisten Johann Sebastian Bach.Am nächsten Morgen sind von der Landschaft nur verschwommene Konturen zu erkennen. Vor Kälte beißender, dichter Nebel liegt über der Straße. Doch es hilft nichts, ich verlasse Eisenach auf der B 7 und rollere in der Wolke eines vor mir her qualmenden Trabbi in Richtung Gotha. Der Zweitakter erinnert nicht allein an DDR-Zeiten, wie bald offenbar wird. In der Versicherungs- und Bankenstadt ist die historische Bausubstanz an allen Ecken und Enden verfallen. Die Fassaden bröckeln ab, Fenster sind eingeschlagen, und von manchem Gebäude steht gerade noch das Fachwerkskelett. »Das sieht ja hier noch aus wie nach dem Krieg«, schüttelt ein Rentner aus Düsseldorf den Kopf.Fröstelnd binde ich das Tuch enger um meinen Hals, drücke auch den letzten Knopf meiner Jacke zu und steige wieder auf meinen Roller. Ich weiß nicht, was weniger trist ist. Gotha oder das Wetter. Besser weiterfahren. Glücklicherweise lichtet sich die Eintönigkeit allmählich, und bald schon tauchen die Türme der Landeshauptstadt Erfurt am Horizont auf. Auch wenn der Dom die Stadt an der Gera dominiert, ist ein anderer Bau noch faszinierender: Die Krämerbrücke, die einzige bebaute Flußüberquerung nördlich der Alpen. In Erfurt treffe ich erneut auf die Spuren berühmter Persönlichkeiten. Diesmal sind es Goethe und Schiller. Wobei fast jede Stadt an der sogenannten Klassikerstraße zwischen Eisenach, Jena, Ilmenau und Meiningen ihre Goethe- oder Schiller-Gedenkstätten hat, insbesondere natürlich Weimar: Am Theaterplatz grüßen die Dichter als Denkmal die vielen tausend Besucher, am Frauenplan steht das Goethe-Nationalmuseum, in der Schillerstraße das Schiller-Wohnhaus. Sollte bezüglich der beiden Dichter aus der Schulzeit ein Bildungslücke klaffen, hier kann sie geschlossen werden.Ein anderer, allerdings etwas profanerer Klassiker Thüringens sorgt für den Rauch, der in dichten Schwaden über dem Marktplatz hängt: die Bratwurst. An der Rezeptur, so sagt man, habe sich seit 1613 nichts geändert, und noch immer wird das pikant gewürzte Rind-, Kalb- und Schweinefleisch im Schweinedarm über der Holzkohlenglut gebraten. Entsprechend gestärkt mache ich mich auf den letzten Abschnitt meiner Rundreise, durch eine sanft gewellte Landschaft von Äckern und Wiesen in Richtung Jena. Am Stadtrand, wo Carl Zeiss 1846 seine feinmechanische Werkstatt gründete, ragen Plattenbausiedlungen der Zeissianer in den Himmel, auf der grünen Wiese wechseln sich riesige Möbelhäuser mit verwilderten Schrebergärten, Hotelneubauten mit leerstehenden Fabrikanlagen ab. Auf der anschließenden B 88 scheint dagegen in den alten, idyllischen Dörfern die Zeit stehengeblieben zu sein. Kirche und Marktplatz bilden nach wie vor den Mittelpunkt des Dorflebens, rundum dringt Hämmern und Sägen aus den Fenstern: Die vielen Fachwerk- und Schieferhäuser sind dringend renovierungsbedürftig. Genauso wie die Straßen. Ortsdurchfahrten sind für den Simson jedesmal eine Herausforderung. Große Schlaglöcher tun sich plötzlich vor dem Vorderrad auf, schlüpfriges Kopfsteinplaster vereitelt jede Fahrstabilität. Doch er packt es, der Star, denn auf und für solche Strecken wurde er entwickelt. Stabil und solide. Schon bald rahmen die hohen Bäume des Thüringer Waldes die Straße wieder ein. Mit jedem Höhenmeter wird es kälter. Und allmählich ist sie wieder da, diese Ruhe. Vor allem ganz oben, wo die letzten Schneereste noch weiß zwischen den Bäumen leuchten.

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