Tiroler Alpen Zwischenstopp

Wer auf dem schnellsten Weg über den Brenner brettert, verpasst eine Menge Natur. Jenseits der Autobahn laden Inntal, Wipptal und diverse Seitentäler zu Entdeckungsreisen ein.

Oh Mann, jetzt reicht’s aber. Seit über einer halben Stunde schwankt die Tachonadel nur mehr zwischen 20 und 70 km/h, weil sich der Wochenendverkehr wieder mal nach Süden staut, dem Brenner entgegen. Und das schon auf der A 93, gut 20 Kilometer vor der deutsch-österreichischen Grenze. Scheint so, als habe halb Deutschland beschlossen, auf dem schnellsten Weg nach Italien zu kommen: A 93, A12, A 13. Nächste Abfahrt: Degerndorf. Entnervt setze ich den Blinker. Raus hier. Schließlich kann man die Alpen auch auf Nebenstraßen überwinden.Zehn Minuten später röhrt die Honda NX 650 durch grob in den Fels gehauene Steintunnel und folgt der gewundenen Tatzelwurmstraße hinauf zur Passhöhe Sudelfeld. Der Blick zurück könnte schöner nicht sein. Unter den zackigen Konturen der Berge, die ihre Gipfel in einen unverschämt blauen Morgenhimmel recken, schleicht der Frühnebel durchs Tal. Autobahn samt Wohnwagenkolonnen sind darunter verschwunden. Warum nicht gleich so?Freie Fahrt nach Österreich, über Bayrischzell und durchs Ursprungtal. »Ursprung« – was für ein Einstieg nach Tirol. Der sich prompt anschließende Ursprungpass verzeichnet zwar weder Steigungen noch Serpentinen, aber ab Landl wird’s wieder extrem kurvig, wie ein speziell an Biker gerichtetes Schild am Ortsausgang ankündigt: »Gib deinem Schutzengel eine Chance.« Die Strecke ist nicht nur fahrtechnisch genial, sondern bietet auch was fürs Auge: mächtige Felsen, ein rauschender Wildbach, urige Tiroler Bauernhäuser. Der silbern glänzende Thiersee fliegt rechter Hand vorbei, dann stürzt sich die Fahrbahn in ausgelassenen Schlenkern hinunter nach Kufstein.Warum eigentlich Italien? Als ich von der Festung Kufstein übers Inntal blicke, habe ich das sichere Gefühl, angekommen zu sein. Was sich da nach Westen hin quer durch Tirol schneidet, siet kein Tal, sondern eine monumentale Schneise, die der Inntalgletscher kunstfertig aus der Bergwelt gehobelt hat. Die Aussicht von hier oben ist perfekt. Im Rücken das majestätische Kaisergebirge, zur Rechten das Rofangebirge, zur Linken die Kitzbüheler Alpen. Dahinter, Richtung Brenner: Karwendel, Stubaier-, Tuxer- und Zillertaler Alpen – ein massives Aufgebot an Zweit- und Dreitausendern der Extraklasse.Italien kann warten. Ich nehme die alte Inntalstraße, tuckere nach Mariastein. Auf einem überhängenden Felsen, direkt neben der Fahrbahn, thront der 42 Meter hohe mittelalterliche Turm der Burg Stein. Ein antiquierter Wolkenkratzer, dessen enge Wendeltreppe zur doppelstöckigen Gnadenkapelle in der Turmspitze führt. Im Inneren: dicke Mauern, geheimnisvolles Dämmerlicht, Kerzenflackern, Gänsehaut. Wie ein mystisches Schattenreich wirkt auch das waldige Dickicht auf dem Weg nach Breitenbach. Dann jedoch weitet sich die Landschaft zur Tribüne über dem Inntal. Ein See reiht sich an den nächsten, Kanufahrer gleiten übers glitzernde Wasser, umgeben von einer prächtigen Hochgebirgskulisse – und das nur einen Steinwurf von der Autobahn entfernt.Ein Idyll ganz anderer Art hält der Ferienort Kramsach bereit. Auf dem »lustigen Friedhof« gibt es zwar keine Toten, aber unkonventionelle Grabkreuze, die man aus dem ganzen Land zusammen getragen hat: »Hier liegt in süßer Ruh’, erdrückt von seiner Kuh, Franz Xaver Meier.« Oder: »Hier in dieser Gruben liegen zwei Müllerbuben, geboren am Chiemsee – gestorben am Bauchweh.”Nach dem Rundgang durchforste ich die Landkarte nach Seitentälern der Inntal-Brenner-Route. Zillertal, Stubaital, eh klar. Aber da sind noch andere, nur hauchdünn verzeichnete Sträßchen, die links und rechts ins Gebirge führen. Und nach wenigen Kilometern unvermittelt enden. Eins davon zweigt gleich hier in Kramsach Richtung Norden ab. Die Landschaft, zunächst noch lieblich, dann vom wilden Naturell der Brandenberger Ache geprägt. Bei Brandenberg selbst öffnet sich unvermittelt ein weiter Talkessel: sanftgrüne Hügel, Viehweiden, ein kleines Bergnest – zwei Ecken weiter von Wäldern, Farnen, wilden Blumen verdrängt, und das karibisch grüne Wasser der Kaiserklamm sägt durch eine klaustrophobisch enge Schlucht.Zurück in Kramsach, überquere ich den Inn und teste gleich das gegenüberliegende Alpbachtal. Auch hier ist nach gut zehn Kilometern Schluss mit Fahrspaß. Gebirge nach drei Seiten, darüber tiefblauer Postkartenhimmel, dazwischen Alpbach, ein verschlafenes Nest – möchte man meinen. Denkste. Seit 1945 tagen hier alljährlich Größen aus Politik, Wissenschaft und Kultur beim Europäischen Forum Alpbach, und schon am Ortseingang empfangen mich die selbstbewussten Schilder: »Schönstes Dorf Österreichs” und gar »Schönstes Blumendorf Europas«. Staunend rolle ich an perfekt restaurierten Bauernhäusern vorbei. Wo man hinschaut Holzbalkone und Erker, die unter ihrer Geranienlast zu bersten drohen. Das gläserne Kongresshaus am Ortsende wirkt so fremdartig wie ein soeben gelandetes Raumschiff.Nun, ein bisschen Moderne muss ja nicht schaden. Wenn es jedoch geballt kommt, wie im parallel verlaufenden Zillertal, dann ist die Tiroler Ursprünglichkeit schnell beim Teufel. Auf der 169, dem Zillertaler Highway, hilft nur eins: Gas geben. Vorbei an Supermärkten, Skiliften und Discotheken – dem Zillertaler Treffpunkt für selbst ernannte Schürzenjäger. Nach 30 Kilometern ist der Spuk vorbei. Die Gletscherberge der Zillertaler Alpen rücken in greifbare Nähe, die Fahrbahn gabelt sich, und der Abzweig ins Zemmtal beschreibt ein paar hübsche Schlenker hinauf Richtung Ginzling. In einer Rechtskurve brettere ich ums Haar in eine Gruppe bunt gedeckter Tische am Straßenrand. Sie gehören zum Wirtshaus Jochberg, das schon seit hundert Jahren an der alten Schmugglerstraße durchs Zemmtal liegt. Bei einer Portion heißem Apfelstrudel wird offenbar, dass der Verkehr hier oben bis heute kaum zugenommen hat. Und die Strecke, die mit bis zu 20 Prozent Steigung hinauf in die Zillertaler Alpen führt, konnte sich einen Hauch von Abenteuer bewahren. Eine Serpentine folgt der anderen, vorbei an steilen Berghängen, auf denen von Lawinen niedergewalzte Nadelbäume wie Mikadostäbchen verstreut liegen.Nach zwei engen, nur einspurig befahrbaren Steintunnels trifft der Blick auf eine gigantische Staumauer. Dahinter: der Schlegeis-Speicher – ein azurblauer Gletschersee, umgeben von eisgepanzerten Dreitausendern. Auf rund 1800 Metern Höhe endet die Straße. Wer jetzt ins fünf Kilometer entfernte Italien hinüber will, muss zu Fuß weitere 500 Höhenmeter überwinden. Schon klar, warum sich der Brenner mit seinen mickrigen 1375 Höhenmetern im Lauf der Geschichte zum meistfrequentierten Alpenpass entwickelt hat. Nirgendwo in seiner Umgebung findet sich eine ähnlich tiefe Delle im Alpenhauptkamm.Ich kapituliere vor der eindrucksvollen Gebirgsbarriere und kehre um. Ein Abstecher zum Achensee – Tirols größtem Bergsee – muss sein, schon wegen der kehrenreichen Strecke. Dann geht’s in fliegender Fahrt hinab in die Landeshauptstadt. Eingenistet ins Tal, im Norden von den gezackten Flanken des Karwendels, im Süden von den Ausläufern der Zentralalpen überragt: Innsbruck. An pastellfarbenen Bürgerhäusern entlang rolle ich ins historische Zentrum, dessen enge Pflastersteingassen von prachtvollen Bauwerken sämtlicher Stilepochen gerahmt sind. Doch die meisten Besucher interessiert nur eins: das Goldene Dachl. Ein Prunkerker mit rund 2700 vergoldeten Kupferschindeln – das Wahrzeichen der Stadt. Schon am Eingang zur Herzog-Friedrich-Straße rennt mich eine japanische Touristengruppe auf der Hatz nach der beliebten Fototrophäe fast über den Haufen. Die Hektik ist kaum nachzuvollziehen, schließlich hat sich das von Kaiser Maximilian I. gestiftete Dachl seit 500 Jahren nicht von der Stelle bewegt. Es ist auch noch da, als ich mir nun schon den zweiten Kaffee zum Kaiserschmarren bestelle und die Sonne die Altstadt in goldenes Nachmittagslicht taucht.An Durchgangsverkehr ist Innsbruck gewöhnt, schließlich liegt es seit eh und je am Transitweg zwischen Nordeuropa und Italien. Bereits im Mittelalter eilten Händler, Wallfahrer, Reisende, Kaiser samt Hofstaat, ja sogar Ritterheere mitten durch die Stadt, wenn sie durchs Wipptal hinüber zum Brennerpass wollten. Und schon damals zwirbelte sich die Route über den Schönberg, etwa dort, wo heute die Brennerstraße mit ihren berühmt-berüchtigten 65 Kurven verläuft. Die genialen Windungen ziehen nicht nur Biker magisch an, sondern auch mit Radarpistolen gerüstete Verkehrspolizei.Ich lasse es locker angehen, versuche, mich nicht über die lange Blechschlange zu ärgern, die vor mir den Berg hinaufkriecht. Im Augenwinkel klettert die parallel verlaufende A 13 über die Europabrücke, die mit 815 Metern Länge und 190 Metern Höhe als eine der bedeutendsten Brücken der Welt die Sillschlucht überspannt. Das Verkehrsaufkommen auf der alten Brennerstraße ist nichts im Vergleich zu dem, was sich dort oben abspielt: 13 Millionen Fahrzeuge jährlich, das sind über 35000 pro Tag. Die Brücke, unter der man problemlos den Kölner Dom platzieren könnte, macht den Weg frei für eine beispiellose Transalp-Rallye, die vor 3000 Jahren als erster zaghafter Völkeraustausch begonnen hat.Steinach. Hier zweigt die Straße ins Gschnitztal ab. Eine fantastische Strecke, parallel zum Stubaital, kurvig, wenig befahren, zu beiden Seiten gewaltige Felswände, am Talende die eisigen Mauern der Stubaier Gletscher. In Gschnitz dreht sich das hölzerne Mühlrad im gleichen Takt wie vor hundert Jahren. Als der Motor der Honda verstummt, knallen Schüsse. Das Echo hallt dumpf über die Berge. Vielleicht musste gerade ein Steinbock dran glauben. Die habe man Mitte der achtziger Jahre in diesem Teil der Ostalpen wieder ausgesetzt, erklärt mir ein Wanderer, der gerade von einer Gebirgstour kommt. Ein uraltes Netz schwindelerregender Saumpfade führt am 3277 Meter hohen Habicht vorbei kreuz und quer durch die Bergwelt. Unterwegs könne man die schrillen Pfiffe der Murmeltiere hören, schwärmt er, und Steinadler sehen und Schneehühner. Mist. Hätte ich doch bloß die Wanderschuhe eingepackt. Der touristische Schnelldurchgang wie am Goldenen Dachl funktioniert hier nicht.Also fahre ich zurück auf die Brennerstraße, wo der Reiseverkehr gen Süden pulsiert. Was für eine Hektik! Ein paar mit Gepäckrollen beladene Ducati bollern an mir vorbei, auf dem Weg ins knapp zehn Kilometer entfernte Italien. Einen Augenblick zuckt es in den Fingern. Jetzt Gas geben und hinterherrauschen. Nur weil ich im letzten Moment widerstehe, erwische ich den winzigen Abzweig bei Stafflach. Über St. Jodock geht’s ins Schmirn- und Valsertal. Schon erscheint die vergletscherte Flanke des 3476 Meter hohen Olperer. Die Strecke ist frei. Irgendwo da hinten gibt es gemütliche Alpengasthöfe, wo man sich warmen Apfelstrudel oder Kaiserschmarrn einverleiben kann. Das Tiramisu in Italien muss noch warten.

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