Toskana – apuanische Alpen Marmor, Stein & Eisen

Das Eisen muss man zwar selber mitbringen, doch Steine und vor allem Marmor gibt es in den apuanischen Alpen im Überfluss. Die Toskana zeigt sich hier von einer relativ unbekannten Seite: mit wilden Schluchten, alpinen Gipfeln, geheimnisvollen Seen und überraschend wenig Touristen.

Foto: Gori

Die Welt wird langsam weiß. Nein, keine Bange, es schneit nicht – schließlich schreiben wir Mitte Juli in Südeuropa. Vielmehr legt sich feiner weißer Marmorstaub in immer dichteren Schichten aufs Visier, auf die Kombi, auf die Motorräder. Der Begriff »marmoriert« bekommt hier oben eine ganz neue, bislang ungeahnte Bedeutung.

Zep und ich sind auf dem Weg zu einem der zahlreichen Marmor-Steinbrüche in den apuanischen Alpen, hoch im Nordwesten der Toskana. Mindestens ein solcher Abstecher muss sein, schließlich ist der weiße Marmor aus Carrara weltberühmt; Michelangelo wählte hier vor rund 500 Jahren persönlich den Block für seine geniale David-Statue. Der Bildhauer kam damals allerdings mit dem Pferdefuhrwerk und hatte wohl weniger Mühe als wir. Der Marmorstaub auf dem unbefestigten Weg wird tiefer und tiefer – fühlt sich an wie Dünensand, nur deutlich rutschiger. Die Reifen der Ducati GT 1000 finden längst keinen Halt mehr, Bremsen wird zum Vabanquespiel. Vor der letzten steilen Steigung gebe ich auf, zumal inzwischen rechterhand ein tiefer Abgrund gähnt. Gelohnt hat sich die Mühe dennoch. Eine prächtige Aussicht entschädigt für den vergossenen Schweiß: Eindrucksvolle weiße Bergwände ragen gen Himmel, eingerahmt von grünen Steilhängen ohne Baum oder Strauch und mannshohen Marmorbrocken am Wegesrand. Das Glitzern des Mittelmeers in der Ferne macht das Panorama-Glück perfekt.

Unsere Tour hat in Pievepelago begonnen, rund 80 Kilometer südlich von Modena. Beim Hinaufschlängeln auf den Radici-Pass tauchen im Hintergrund überraschend schroffe Gipfel auf. Über-raschend deshalb, weil wir aus dem Apennin mit seinem weichen, bröckeligen Gestein kommen, der vorwiegend sanfte Höhenzüge bildet. Die apuanischen Alpen zwischen Carrara und Lucca bestehen hingegen aus knallhartem Kalk, der steile Berge formt – eine Art Mini-Dolomiten mit 1500 bis 2000 Meter hohen Gipfeln direkt am Mittelmeer.

Im sanften Spätnachmittagslicht rollen wir in dieser Bergwelt ein. Winzige Dörfer liegen in den schmalen Tälern am Fuß der Bergriesen, erbaut aus grauem und rötlichem Kalkstein, die Dächer mit schweren Steinplatten gedeckt. Sie wirken trutzig und abweisend, doch die Bewohner empfangen uns umso freundlicher. Nur jetzt im Sommer, während der langen italienischen Schulferien, erklärt ein älterer Mann, seien viele der Weiler überhaupt bewohnt. Im Winter bleiben lediglich ein paar Alte, denn die Arbeit in den Steinbrüchen reicht für die Jüngeren längst nicht mehr.
Das Meer liegt gerade mal einen Steinwurf entfernt – allerdings einen ziemlich hohen, was das Angebot an Verbindungsstraßen stark einschränkt. Der schnellste Weg führt von Castiglione di Garfagnana, dem Hauptort des Gebiets, über mehrere Pässe hinunter zu den Stränden. In 50 Minuten ist er laut Auskunft der Einheimischen zu schaffen – aber wir haben keine Eile. Immer wieder locken Abstecher auf Stichstraßen. Zu weiteren Marmor-Steinbrüchen, die es uns ein­deutig angetan haben. Oder über den Croce-Pass zum Stausee von Vagli, auf dessen Grund ein ganzes Dorf versenkt wurde. Alle zehn Jahre wird das Wasser für Wartungsarbeiten abgelassen, dann taucht das »Geisterdorf« für kurze Zeit wieder auf. Beim letzten Mal soll das Spektakel eine Million Touristen angelockt haben – ein Alptraum.

Zurück auf der Hauptstraße erwartet uns Asphalt vom Feinsten – und denkbar wenig Verkehr. Vorbei an verlassenen Steinbrüchen und der verwunschenen Isola Santa im gleichnamigen tiefgrünen See folgen wir der Wegweisung zum Vestito-Pass. Hinter jeder Ecke, jedem Tunnel tauchen neue, faszinierende Gipfel auf, mit bizarren Namen wie Toter Mann, Auspuff des Riesen oder Kreuzschlinge und entsprechend wilden Profilen. Schließlich nehmen wir die Strecke ein zweites Mal unter die Räder; diesmal zum reinen Fahrvergnügen, mit Blick auf den Asphalt und nicht auf die Landschaft. Sonst kommt man hier vor lauter Schaulust gar nicht richtig zum Fahren.

Nach der Stille und den wunderbaren Kurvenwelten der apuanischen Alpen wirkt wenig später der Rummel an der Küste wie ein Misston. Zwar säumen malerische Oleandersträucher in voller Blüte die Straßen, und die salzige Seeluft schmeckt nach Sommer, Strand und Sonnenmilch. Doch schrille Hupkonzerte, Staus und allgemeine Hitzeaggressionen verderben den Genuss. Bald schwingen wir zurück in die Marmor-Alpen, und zwar auf der ein­zigen Alternativstrecke weiter im Süden. Von San Martino in Freddana geht es hinauf, schnell ändert sich die Vege­tation. Statt windgebeutelter Pinien und zerzauster Palmen säumen Laubwälder die Straßen, die bald in schmale Teerpfade übergehen; teilweise passen ein Auto und ein Motorrad nur mit Mühe aneinander vorbei. Riesige Schlaglöcher, hoch aufgeworfene Buckel und breite Rinnen für das Schmelzwasser im Frühjahr machen die Strecke zum Abenteuerspielplatz – am besten, man fährt gleich im Stehen, denn solche Hindernisse können selbst die besten Federelemente nicht abfangen. Wer hier mehr als einen 40er-Schnitt schafft, darf sich als Valentino Rossi der apuanischen Alpen fühlen; empfehlenswert ist das aber nicht, zumal hinter manchen Kurven tief in die Fahrbahn hängende Felsvorsprünge lauern. Die Gegend zeigt einen ganz eigenen Charakter, Dörfer wie Fabbriche di Vallico wirken sogar jetzt im Hochsommer verlassen, ducken sich schwermütig entlang der Wildbäche in den Schatten der Bergriesen.
Danach ändert sich die Szenerie abermals. Auf der rechten Flussseite führt eine Schnellstraße in Richtung Lucca – doch für uns nach den langsamen Buckelpisten eindeutig zu hektisch. Wir wechseln ans andere Ufer und gondeln gemächlich über die Dörfer ins traditionsreiche Thermalbad Bagni di Lucca mit seinen Jugendstil-Villen. Und zum Abschluss gönnen wir uns noch ein schnelles Highlight: der Abetone-Pass mit seinen lang gezogenen, harmonischen Kurven und viel Grip, Mekka der Motorradfahrer aus Modena und Bologna. Der Apennin hat uns wieder. Auch schön – nur der Marmor fehlt ...

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