Toskana (2)

Foto: Eisenschink
Auf einer Nebenstraße brumme ich in Richtung Siena, schwenke dann nach Westen und rolle über kleine Wirtschaftswege durch Wiesen und Felder. Ab und an taucht ein Weiler auf, aber nirgends ein Wegweiser. Offenbar rechnet man hier nicht mehr mit Touristen. Freundliche Bewohner eines einsamen Hofes helfen weiter und geben eine detaillierte Wegbeschreibung nach Pievescola. Von dort schlage ich mich kreuz und quer durch die Gegend, um schließlich in Strove zu stranden. „Von Langobarden 994 nach Christus gegründet“ ist am Eingang des mittelalterlichen Dörfchens zu lesen. Und ich rätsle in Anbetracht meiner Odyssee, wie dieses Volk ohne Karten und Satellitennavigation hierher gefunden hat.

Im Ort empfängt mich ein Meer aus Geranien und Rosen, die an den pittoresken Steinhäusern emporranken. Ich drehe eine Runde durch die gepflasterten Gässchen, entdecke so manchen wahrhaft verwunschenen Winkel. Allerdings dauert es, bis die Ducati in dem Wirrwarr wieder den richtigen Kurs zurück nach Monteriggioni findet. Statt direkt nach Siena zu fahren, entscheide ich mich für weitere Landstraßenkilometer, die auf der Karte hochattraktiv aussehen. Über eine Nordschleife via Mercatale rollt die Duc schließlich über die „Via Chiantigiana“, die sich von Florenz durch die Hügel nach Siena schlängelt. Ein herrliches Auf und Ab durch Weinberge, Wiesen und Wälder. Hin und wieder ein verlassenes Gehöft oder eines der alten, traditionsreichen Weingüter, die wie Märchenpaläste auf den umliegenden Hügelketten thronen.

Kurz vor Greve dann ein Werbeplakat mit dem „gallo nero“, dem schwarzen Hahn, der auf die hiesigen Chianti-Classico-Winzereien verweist, und beim Blick auf das Angebot der „Cantine di Greve in Chianti“ kann ich nicht widerstehen. 140 Weine warten darauf, verköstigt zu werden. Der Reihe nach probiere ich einen Chianti Classico, einen Chianti Classico Riserva, einen Brunello di Montalcino und einen Vin Santo. Den Weg zum Hotel lege ich zu Fuß zurück.
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Foto: Eisenschink
Tags darauf toure ich südwärts über Castellina nach Radda in Chianti weiter, umgeben von Burgen, Weingärten, Olivenhainen und schattigen Wäldchen. Trotz des extrem verschlungenen Streckenverlaufs komme ich zügig voran und realisiere erst bei Asciano, dass sich inzwischen die Szenerie komplett verändert hat. Kein Weingut und keine Weinreben mehr. Stattdessen: karge Lehmböden, weiter Himmel, tiefziehende Wolken im Schäfchenformat. Ich bin in der Crete, wo sich die Toskana unvermittelt weitet, die Farben und grafischen Linien der Landschaft sich aufs Wesentliche reduzieren.

Vorbei an der Abtei Monte Oliveto Maggiore, stoße ich über wunderschön geschwungene Straßen zu den wehrhaft ummauerten Städtchen Montalcino, San Quirico d’Orcia, Pienza und Montepulciano vor und umfahre den mit 1738 Meter höchsten Berg der Toskana, den erloschenen Vulkan Monte Amiata. Was für ein Tag! Mein Fahrdrang wird allenfalls von der sich allmählich verabschiedenden Sonne gebremst. In Montalcino werfe ich einen Blick auf die Karte, um die optimale Route nach Siena zu finden. Die einsame Bergstrecke über Roccastrada und Roccatederighi entpuppt sich tatsächlich als krönender Abschluss. Schwer zu sagen, wann ich das letzte Mal in solch einen Fahrrausch geraten bin.

In Siena angelangt, parke ich die Duc zufällig vor einem Souvenirladen. Das Leonardo-da-Vinci-Shirt im Schaufenster wechselt rasch den Besitzer, hält quasi als Ersatz für die entgangenen Museumsfreuden her. Der Weg ins Zentrum ist auch ohne Stadtplan schnell gefunden – einfach dem Menschenstrom nach. Wie von selbst gelange ich bis zur Piazza del Campo. Der berühmteste Platz Sienas senkt sich wie eine Muschelschale zum Rathaus hin ab und ist übersät mit Menschen. Kinder springen vergnügt herum, Wanderer lehnen an ihren Rucksäcken, Radler hocken im Schneidersitz neben ihren Bikes. Ein kurzes Zögern, dann lege ich mich rücklings auf den Platz, schiebe mir meine Motorradjacke als Kissen unter den Kopf und genieße die Wärme der alten Steine. Das schmeckt schon fast nach Sommer. Perfekt!

Morgen – so mein Plan – geht es dann mit der Ducati über Arezzo und die unendlichen Kurvenstrecken des Apennin zurück nach Norden in Richtung Heimat. Leider. Vermutlich werden mir viele Motorradfahrer auf dem Weg in den Süden entgegenkommen. Ein Jammer, dass der geniale Leonardo da Vinci zwar 1490 Kampfmaschinen, diverse Flug-, Tauch-, Schwimm-, Geh- und Fahrgeräte, jede Menge Hebel, Kurbeln, Pleuelstangen, Bremswerke, Getriebe, Kupplungen, Ketten, Achsen und Zahnräder – aber keine mechanische Winkhand entworfen hat.

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