Toskana Dem Frühling auf der Spur

Tolle Landschaften, historische Städte, fantastische Strecken – wenn dann noch so richtig die Sonne scheint, wirkt der Saisonstart-Trip in die Toskana wie ein Wundermittel gegen jede Winterdepression.

Foto: Eisenschink

Es ist, als gleite die Ducati durch ein dreidimensionales Gemälde. Aus dem Frühnebel tauchen sanft geschwungene Hügel mit Zypressen auf den Kuppen auf, von Parkanlagen gerahmte Villen und der mittelalterliche Glockenturm von Fiesole. Die Ginsterbüsche am Straßenrand beginnen mit den ersten Sonnenstrahlen goldgelb, die Mohnblumen tiefrot zu leuchten – als hätte sie ein Maler mit ein paar Pinselstrichen in die Landschaft getupft. Es ist angenehm warm, der Zweizylinder brabbelt rhythmisch von Kurve zu Kurve. Wer zum Sonnenaufgang eine kleine Runde durch die Toskana einlegt, braucht entweder einen griffbereiten Fotoapparat oder – bei entsprechendem Talent – Leinwand, Pinsel und Farbpalette. Hinter jeder Biegung tauchen neue, lohnende Motive auf: eine malerische Allee hier, eine blumenumrankte Marmorputte dort. Die Toskana betört auf Anhieb die Sinne – besonders, wenn’s der erste richtige Motorradausflug im Jahr ist. Es tut ungemein gut, endlich wieder die Sonne durchs Visier im Gesicht zu spüren. Nach den langen und tristen Wintermonaten eine wahrhaft therapeutische Wirkung!

Eine Stunde später geht es dann richtig los: über die Serpentinenstraße von Fiesole hinab nach Florenz. Die Multistrada und ich werden endgültig warm miteinander, und die Reflexe melden sich angesichts dieses verschnörkelten Asphaltsbands prompt in voller Stärke zurück. Kuppeln, schalten, bremsen, von links nach rechts schwingen – na bitte, geht doch! Wie von Sinnen flitzen Ducati und Pilotin nach einer Weile von Biegung zu Biegung, während sich die ineinander verschachtelten Dächer, Kuppeln, Türme und Paläste der Arno-Metropole aus der Vogelperspektive präsentieren. Die Aussicht ist dermaßen berauschend, dass es kaum verwundert, wenn in Reiseführern von über 800 Villen die Rede ist, die von betuchten Bürgern in die umliegenden Hänge gepflanzt wurden.

Das Zentrum von Florenz ist über diese brillante Strecke zügig erreicht. Seit den Glanzzeiten der Renaissance scheint sich nicht allzu viel verändert zu haben. Na ja, abgesehen vom Autoverkehr. Der Palazzo Medici steht noch in der Via Cavour, der Dom Santa Maria del Fiore erhebt sich noch von der Piazza del Duomo, die Ponte Vecchio führt noch über den Arno. Vor den Uffizien, die ich im Schlepptau diverser Sightseeing-Gruppen zu Fuß erreiche, steht eine nahezu endlose Menschenschlange für eine Sonderausstellung über Leonardo da Vinci an. Würde mich auch interessieren, keine Frage. Aber dafür drei Tage lang auf Einlass warten?

Lieber schlendere ich durch die Gassen dieser lebenslustig-prächtigen Stadt, in der man Ruhe vermutlich selbst im tiefsten Winter vergeblich sucht. Vor den Uffizien haben sich unzählige Künstler breit gemacht, Tische und Stühle der vielen Straßencafés sind bis auf den letzten Platz von Teenagern, Studenten, Geschäftsleuten oder Besuchern aus aller Welt besetzt. Todschick gekleidete Italienerinnen flanieren anmutig über die Bürgersteige, jede Bewegung so elegant, als schritten sie im Blitzlichtgewitter unzähliger Fotografen über einen Laufsteg. Ich tauche im Gewühl unter, lasse mich für eine Weile treiben. Kirchen, Statuen und Paläste, schließlich das Ufer des Arno. Englische, japanische und französische Wortfetzen, Souvenirstände mit Domkuppel-Sonnenschirmen, Michelangelo-Fächern und Plüsch-Pinocchios. Auf der einen Seite Anmut und Eleganz – auf der anderen Hektik und Andenkenkitsch. Florenz hat viele Gesichter. Zu viele für einen Tag wie heute, an dem mein Sinn ohnehin nur nach Fahren steht. Rasch noch ein Cappuccino, dann rauf auf die Ducati und so schnell wie möglich wieder raus aufs Land.

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Foto: Eisenschink

Ich peile Vinci an und überlege kurz, zumindest eines der beiden viel gelobten Leonardo-da-Vinci-Museen zu besuchen. Dort sind einige der über 100000 Erfindungen des berühmten Sohns der Stadt – vom Fahrrad über den Taucheranzug bis zum Bratenwender – liebevoll nachgebaut und in tollem Ambiente ausgestellt. Doch die Lust, an so einem perfekten Tag wie heute noch ein wenig im Sattel zu bleiben, überwiegt endgültig. Über Empoli und Castelfiorentino geht’s anschließend hügelauf, hügelab gen Süden. Kurz nach Certaldo streife ich perfekt geschwungene Zypressenalleen sowie von Weingärten gerahmte Gehöfte, und irgendwann rücken die mittelalterlichen Türme von San Gimignano ins Visier. Fünfzehn mittelalterliche Wolkenkratzer, die hinter der lückenlos erhaltenen Stadtmauer emporragen. Die hohen Bauwerke dienten den wohlhabenden Kaufmannsfamilien San Gimignanos als Schutz wie auch als Statussymbol. Bereits im 13. und 14. Jahrhundert wurde vorherrschender Wohlstand – im Sinne von: „mein Haus, mein Auto, mein Pool... “ – gerne für jedermann sichtbar gemacht. Genau 72 Turmhäuser sollen es gewesen sein, als der Ort nach der großen Pest von 1348 die wirtschaftliche Basis und die politische Autonomie verlor.

Hochmut kommt vor dem Fall, denke ich mir. Und kollidiere ums Haar mit einem Fasan, der direkt vor mir in ein Mohnfeld stiebt. Tausende rote Blütenkelche unter stahlblauem Himmel. Zwei Ecken weiter trifft der Blick auf einen riesigen Teppich aus violetten und zitronengelben Luzernen, der während der Kurvenhatz nach San Gimignano zu einem abstrakten Gemälde im Augenwinkel verwischt. Als ich schließlich durch die Porta San Matteo in die „Stadt der schönen Türme“ gelange, dringt ohrenbetäubendes Palaver unter meinen Helm. Wenig verwunderlich, dass Touristen aus aller Herren Länder durch die verwinkelten Gassen der von der UNESCO zum Weltkulturerbe gekürten Altstadt schlendern und lautstark den Dom (12. Jahrhundert), die Zisterne (13. Jahrhundert) oder den 54 Meter hohen Turm des Palazzo del Popolo (frühes 14. Jahrhundert) bestaunen. Wo bekommt man sonst schon Geschichtsunterricht durch die Jahrhunderte wie im Freilichtmuseum dargeboten? Und – natürlich – die Leonardo-da-Vinci-Ausstellung mit Fallschirmen, Flugdrachen, Kugellagern, Schneckengetrieben und „schwimmenden Schuhen“, mit denen man übers Wasser laufen kann (Ende 15. und Anfang 16. Jahrhundert). In den warmen Motorradklamotten schaffe ich allerdings nur grob die Hälfte des Programms, doch drei Kugeln „Cioccolata“ im Schatten der „Gelateria di Piazza“ sind ein durchaus angemessener Trost für verpasstes Kulturgut.

In Monteriggioni empfängt mich wenig später ein ähnlich beeindruckendes Ortsbild. Hier thronen vierzehn Wehrtürme auf einer komplett erhaltenen, gut 600 Meter langen Rundmauer, die kaum mehr als zwei Dutzend mittelalterliche Häuser, eine Hand voll gepflasterte Straßen und die winzige „Piazza Roma“ umfasst. Beachtlich. In einer Bar gibt’s zum Cappuccino einen Auszug aus Dantes „Göttlicher Komödie“ als Aufdruck auf einem Zuckertütchen: „...wie über seiner Mauerrunde, Monteriggioni mit Türmen sich krönt...“. Nun gut.

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