Türkei (2)

Foto: Seitz
Ich nehme mir ein paar Tage Zeit, um diese ungewöhnliche Region zwischen Göreme, Ürgüp, Aksalur und Incesu ausführlich zu erkunden. Den besten Aussichtspunkt entdecke ich gleich kurz hinter Ürgüp. Nach ein paar Kurven endet die steile Straße an der Kante eines kleinen Hochplateaus. Der Blick reicht weit über die zerfurchte Landschaft bis zur markanten, einige Kilometer entfernten Felsenburg von Üchisar – vorausgesetzt, die Sicht ist so klar wie an diesem Tag.

Ab Kayseri halte ich stur Kurs in Richtung Ost, peile Gürün an. Und komme mir vor wie im Kino, wo ein Film über traumhafte Landschaften läuft. Zunächst entführt mich dieser Streifen in unglaubliche Weiten, dann tauchen plötzlich schneebedeckte Berggipfel auf, die völlig überraschend aus einer Wolkenschicht ragen. Die kleinen Dörfer rechts und links der Hauptstraße wirken gepflegt und unerwartet modern. Landwirtschaft und eine gute Verkehrsanbindung sichern den Menschen hier offensichtlich ein gutes Einkommen.

Erneuter Szenenwechsel: Mit dem Tahtali-Gebirge sind wieder mehr Berge in Sicht. Irgendwann steigt die Straße leicht an, überquert den Ziyarettepesi-Pass, der immerhin 1900 Meter hoch ist. Ohne ein Hinweisschild hätte ich diesen Übergang allerdings gar nicht bemerkt. Hinter einem weiteren Pass, dem 1800 Meter hohen Mazikiran, liegt Gürün, eine jener gesichtslosen Durchgangsstationen, wie man sie so oft in abgelegenen Regionen an den Hauptverbindungsstrecken findet. Entlang der überbreiten Straße durch den Ort reihen sich lückenlos mehrstöckige Häuser, deren Fassaden von Dieselruß und dem Schmutz der Straße mit einem graubraunen Schleier überzogen sind. In den Auslagen der vielen Geschäfte finden sich Obst, Holzöfen, Autobatterien, Elektroartikel, Blecheimer und vieles mehr, was man zum harten Leben in der Weite Anatoliens benötigt. Ich genehmige mir in einem kleinen Lokal einen Tee, anschließend checke ich in das einzige Hotel des Kaffs ein. Ein billiger Schuppen, dessen Zimmer besser nicht genauer in Augenschein genommen werden sollten.
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Karte: Maucher
Vor dem Start am nächsten Morgen heißt es erst mal eine Eisschicht von der Sitzbank kratzen. Die Hauptroute führt weiter durch die Berge. Zuerst recht kurvig, doch nachdem der erste Anstieg überwunden ist, liegt das Asphaltband leider wieder viel zu gerade in der Landschaft. Die Ausblicke in Schluchten und Täler, auf schneeweiße Bergkämme und perfekt geformte Tafelberge lassen indes absolut keine Langeweile aufkommen. Vermutlich haben die Osmanen sich deshalb dazu entschlossen, hier eines ihrer schönsten Bauwerke zu errichten. Die Ulu Cami, die große Moschee von Divrigi, begeistert durch ihre prachtvollen Portale mit unglaublich reichhaltigen Ornamenten. Dagegen verblassen selbst die Eingänge der berühmten Moscheen Istanbuls.

Auf dem Weg nach Arapkir macht mir erneut der Regen einen Strich durch die Rechnung. Nervt zuerst lediglich der schlechte Zustand der Straße, gleicht sie nach rund zehn Kilometern einer Rutschbahn: Auf dem festgefahrenen Sand hat sich eine Schicht wie Schmierseife gebildet. Als ich am Straßenrand die Karte nach einer Alternative studiere, hält plötzlich ein Pick-up. Der gute Mann am Steuer liefert mit eindeutigen Gesten wichtige Informationen: Die Verbindung nach Arapkir sei zur Zeit überhaupt nicht befahrbar. Gut, das jetzt schon zu erfahren und nicht erst dreißig Kilometer später. Also umkehren. Via Kangal halte ich Kurs auf das weiter südlich gelegene Malatya. Schade nur, dass das Landschaftskino für zwei Tage geschlossen hat. Die Bergwelt verbirgt sich unter Regenwolken und dichten Nebelfeldern. Besser wird’s erst wieder in der Nähe von Adiyaman. Es ist zumindest trocken, als wenig später hinter Kâhta die Auffahrt zum Nemrud Dagi beginnt. Die letzten acht Kilometer der steilen Bergpiste bestehen aus groben, uralten Pflastersteinen – eine unglaubliche Rüttelpiste, die bis auf rund 2000 Meter Höhe führt und an einer urigen Berghütte endet. Wer weiter auf den Gipfel will, muss die letzten 150 Höhenmeter über steile Geröllhalden zu Fuß erklimmen.

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