Leben: Über die Bergrennstrecken der Fränkischen Schweiz Wiedersehen macht Freude

Vor genau 40 Jahren rauschte Motorrad-Redakteur Werner Koch in aller Eile den Ellerberg hinauf. Platz vier bei den 250ern, Pokal und ein Hurra. Jetzt hat er sich umso mehr Zeit für die schönsten Motorradstrecken der „Fränkischen“ genommen. Dafür gab’s zwar keinen Pokal, aber tausend Kurven und traumhafte Aussichten.

Der goldene Pokal hat was mit­gemacht. Von einer WG in die nächste umgezogen, vom Keller in die Vitrine und wieder zurück, irgendwann zur Ausmusterung beim Alt­metall gelandet und nur durch einen Anfall nostalgischer Gefühle wieder in die Vitrine einsortiert. Gut so, denn jetzt, beim beschaulichen Rückblick, frag ich mich, warum wir in der Fränkischen Schweiz nur bei den Bergrennen wie die Berserker ein Dutzend Kurven hochgerast sind, für den Rest des hügeligen Frankenlandes aber keinen Blick hatten. Höchste Zeit nachzuholen, was damals im Rausch der Geschwindigkeit verpasst wurde.

Wobei: Auch die Bergrennen damals waren eine Reise wert. Ganze Dörfer waren im Großeinsatz. Feuerwehr, Rotes Kreuz, der Bürgermeister, der Landrat, die örtlichen Gasthöfe und Brauereien sowieso. Ein Fest für alle, nicht nur für die Rennfahrer und zigtausend Besucher. „Unsre Männe worn von Freidoch bis Sondochnocht unnerwegs, um die Strohbollen und den ganzen Zergus an der Strecken zu organisieren, hamms gsocht – dobei sans im Werdshaus ,Hönig‘ gsessen und ham an gsoffen“, berichtet mit knitzigem Schmunzeln eine gebürtige Zeitzeugin aus Tiefenellern in schönstem „Släng“ über die Zeiten von damals. Eine Zeit, in der nicht nur die Nachwuchsrennfahrer mutig – oder besser: sorglos – vorbei an offenen Leitplanken, Telegrafenmasten und Bäumen dem Gipfelziel zugerast sind.

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Erstes Motorradrennen in Tiefenellern

Hauptsache, man konnte ohne Gegenverkehr und mit voller Lotte um die Kurven stechen. Natürlich ging so was nicht ohne mächtig viel Formulare, Anträge und Bestätigungen über die Bühne, um die B-Lizenz zu bekommen. Der Herr Doktor musste zustimmen, die oberste Motorsport-Kommission, kurz OMK, und – das war 1974 noch so – die Eltern, denn volljährig waren die Bu­ben und Mädels erst mit 21 Jahren. So, und was tun, wenn der Papa den Servus verweigert, weil er nicht einsieht, dass sein Junge sich bei der Raserei den Hals bricht? Genau, Freundin Conny unterschrieb den Lizenzantrag in schönsten Sütterlin-Schwüngen.

Nenngeld überweisen, Startnummern aufkleben, die Benelli 250 noch etwas fri­sieren und ab zum ersten Motorradrennen nach Tiefenellern! Eine halbe Weltreise im VW-Bus in die hinterste Walachei der Republik, kurz vor der Zonengrenze. Das Fahrer­lager in der sumpfigen Wiese stellte auch Hardcore-Camper vor große Aufgaben, um nicht mitsamt der Rennmaschine im Morast zu versinken. Tja, und bevor’s losging, waren da noch die Herren der technischen Ab­nahme. Mein lieber Scholli, die konnten in strammem Bundeswehr-Kommandoton das halbe Fahrerlager in Angst und Schrecken versetzen. Ölablass-Schrauben mussten mit Draht gesichert, Startnummernschilder und Schutzbleche mit genormtem Radius verrundet sein, wegen der Verletzungsgefahr beim Sturz. Dass die ungeschützten Leitplanken an der Strecke gefährlicher waren als das schärfste Fallbeil und sich die Strohballen vor den Telegrafenmasten bereits auflösten, kümmerte die Herren im blauen Kittel weniger. Doch irgendwann stehst du selbst am Start. Das Herz in der Hose, die Reifen kalt, der Mensch kalt, die Nerven blank. Fünf, vier, drei, zwei, eins, die Ampel springt auf Grün, der Rennleiter gibt dir einen Klaps auf die Schulter. Einhundertzwanzig Sekunden im vollen Fokus auf eine Strecke, die du nicht kennst, die halbnass und brandgefährlich ist. 30 000 Alpenkilometer und ein halber Liter Adrenalin sollten helfen, die 3,62 Kilometer lange Strecke so hoch­zubügeln, dass immer ein paar Zentimeter Luft zur Leitplanke bleiben, der Bremspunkt sitzt und die Linie passt. Ich halte die Luft an und die 30 PS der Benelli in Schwung, trau mich aber trotz energischem Einsatz und Risiko kaum, die Ergebnisliste am Aushang zu lesen. Alter Trick: Man beginnt von unten, damit man weiß, dass es Sportkameraden gibt, die noch langsamer sind.

Am Ende steh ich neben meinem Idol Georg Lehr aus Feuchtwangen, der sich mit seiner Adler RS vehement gegen die
Yamahas zur Wehr setzte. Es gibt einen goldenen Becher, als Sachpreis vom örtlichen Elektrohandel einen Rowenta-Toaster und – viel wichtiger: Punkte für die internationale Fahrerlizenz. Denn mit grade mal 20 Jahren will jeder, der hier am Berg Kopf und Kragen riskiert, auch mal deutscher Meister werden. Jeder. Auch Karl-Thomas „Ali“ Grässel aus Hof. In den 70er- und 80er-Jahren eines der ganz großen Talente im deutschen Motorradrennsport und am Ellerberg ewiger Rekordhalter mit seiner 350er-Yamaha TZ. Heute verkauft und repariert Ali Yamaha-Motorräder (www-motorrad-grässel.de), tingelt aber immer noch mit großem Spaß durch seine Heimat. Und er weiß, wo’s langgeht in der „Fränkischen“. Deshalb auf diesem Weg ein Dankeschön nach Hof für die vielen Tipps und die besten Strecken. Die mit Sicherheit gleich zu Beginn unserer verschnörkelten Rundtour durch das nördliche Bayern vor den Rädern liegen.

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Fränkische Küche und das Bier sollte man nicht auslassen

Die Achterbahn von Tiefenellern nach Neudorf macht den Anfang und führt uns vorbei an der markanten Felsnase des Eulensteins. So markant, dass Fotograf Dave Schal Ross und Reiter auf die Kante bugsiert. Schön stillhalten, bitte nicht in die Schlucht stürzen, klick, Foto, und weiter geht’s Richtung Norden. Würgau ist das nächste Ziel, auch dort rasten Motorräder und Rennwagen dem Gipfel zu. Heute beschränkt man sich auf klassische Revivals und lässt die alten Zeiten in gemächlichen Demonstrationsfahrten wieder aufleben.

Wir biegen rechts ab und erreichen nach einer Schleife über Kleukheim den Ort Dörrnwasserlos. Ein paar schnittige Kurven runter nach Stübig und deshalb gerne von den Motorsportlern des MSC Schesslitz als Bergrennstrecke genutzt. Auch hier prägen spitze Felsnadeln in karstigen Wiesen die Landschaft. Ein paar Umdrehungen weiter kreuzen wir das mächtige Gemäuer und zwei spitze Kirchtürme des Klosters Vierzehnheiligen, das hoch über dem Maintal thront. Kerzen, Kruzifixe und sonstiges Mitbringsel für den gläubigen Christen an allen Ecken und Enden. Jetzt nicht ins Maintal verirren, denn dort drängen sich Bahngleise, Fluss, Schnellstraßen und emsiger Verkehr in kompakter Zähigkeit. Oben bleiben heißt die Devise, die uns auf verkehrsarmen Kurvenstrecken durch malerische Landschaften Richtung Wallersberg führt. Anstatt dem Weismain durchs Tal zu folgen, bleiben wir auf der Höhe und schwenken erst im Ort Weismain Richtung Osten. Ziel ist die vierte Bergrennstrecke in der Fränkischen Schweiz, von Stadtsteinach nach Presseck.

Ab hier tauchen wir im wahrsten Sinn des Wortes in den Frankenwald ein. Dichte, dunkelgrüne Wälder säumen die Strecke, die uns in einer Schleife ins Thüringer Schiefergebirge und über Hof wieder Richtung Süden führt. Die Höhenzüge erreichen bei Bischofsgrün dann die 1000-Meter-Marke. Auf dem Weg zurück zum Ellerberg darf natürlich ein Abstecher nach Heckenhof bei Aufseß nicht fehlen. Das ist der Motorradtreffpunkt in der „Fränkischen“ schlechthin, auch wenn es mit einem Kathi-Bräu nichts wird. „Drive – don’t drink.“ Und das in der Region mit den meisten Privatbrauereien? Eine Übernachtung wird also zur Pflicht, denn die fränkische Küche sollte man nicht auslassen, das Bier sowieso nicht. Oder wo sonst gibt es eine frische Halbe für einen Euro sechzig? Genau, am „Ellerbergstübla“, dem Bremspunkt zu Kehre eins. Ich sag doch: Wiedersehen macht Freude.

Infos

Die Fränkische Schweiz, der Frankenwald und das angrenzende Fichtelgebirge sind wie gemacht für eine abwechslungsreiche Motorradtour.

Anreise: Wer auf dem direkten Weg über die Autobahn zum MOTORRAD-Tourentipp anreisen möchte, kann dies aus allen Himmelsrichtungen problemlos tun. Allerdings bieten sich die angrenzenden Regionen geradezu an, die Reise auszudehnen. Von Norden führt der Thüringer Wald zum Tourenziel, von Westen die Hassberge, aus Süden kann der Veldensteiner Forst vorgeschaltet werden.

Die Bergrennstrecke: Ellerberg, von Tiefenellern nach Neudorf; Scheßlitz, von Stübig nach Dörrnwasserlos; Würgau, von Würgau auf der B 22 nach Hohenäusling; Stadtsteinach, von Stadtsteinach nach Presseck. Heute werden die Bergrennstrecken, wenn überhaupt, nur noch für Klassikveranstaltungen genutzt. Wo früher selbst bärenstarke Formelrennwagen und alle Motorradklassen um Sieg und Ehre kämpften, knattern heute zum Beispiel in Würgau zur Freude der Klassikfans die alten Rennfahrzeuge in gemäßigtem Tempo den Berg empor. Wer die Bergrennen der 70er-Jahre verpasst hat, kann dies bei Bernd Schrüfer vom ersten AC Bamberg mit einem digitalisierten Super-8-Film später nachholen. Schlag­hosen, Beatles-Frisuren, Miniröcke und schalldämpferlose Rennmaschinen inklusive.
Preis: 20 Euro, Kontakt unter: bernd.schruefer@t-online.de

Essen & Schlafen: Mit der weltweit höchsten Braue­reidichte ist das Bierland Fränki­sche Schweiz Garant für gutes
Essen und Trinken. Die Zeit sollte man sich nehmen. „Brauereigasthof Hönig“ in 96123 Litzendorf-Tiefenellern, gute
fränkische Küche; „Ellerbergstübla“ an der alten Rennstrecke, samstags/sonntags geöffnet; „Gasthof Hartmann“ in 96110 Würgau, Biergarten und gutes Essen; „Gasthof Spitzberg“ in 95183 Bad Steben/Bobengrün, gutes Essen; „Gasthof Falter“ in 95030 Hof, gutes Essen und Übernachtungen; „Hotel am Maxplatz“ (Garni) in 95028 Hof, Übernachtungen; „Kathi-Bräu“
in 91347 Aufseß-Heckenhof, der Motorradtreffpunkt.

Strecke und Region: Der MOTORRAD-Tourentipp führt  über ausgesuchte verkehrsarme und kurvige Straßen. Auf den
ers­ten Kilometern hinter Tiefenellern noch mit freier Sicht übers fränkische Land, ist die Strecke ab Stadtsteinach dicht bewaldet. Über 700 Meter hohe Bergrücken sorgen für eine nette Kurvensause durch enge Täler und über steile Bergstrecken. Das detaillierte Roadbook (im Infokasten rechts) kann auf DIN-A4 vergrößertwerden. Die Landkarten dazu sollten im Maßstab 1:150 000 oder kleiner sein. Wer sich via Navigationssys­tem durch die Fränkische Schweiz lotsen lässt, kann die navitaugli­chen Daten unter www.motorrad online.de herunterladen. Für MOTORRAD-Helden ist dieser Service kostenlos.

Reisedauer: 2 Tage

Gefahrene Strecke: zirka 400 km

MOTORRAD-Roadbook

Tiefenellern–Bergrennstrecke am Eulenstein vorbei nach–Neudorf–Kübelstein–Würgau–Burgellern–Döschendorf–Pausdorf–Oberoberndorf–Kleukheim–Oberküps–Stübig–Weichenwasserlos–Wattendorf–Stublang–Uetzing–Vierzehnheiligen–zurück–Klosterlangheim–Roth–Lahm–Köttel–Rothmannsthal–Arnstein–Wallersberg–Mosenberg–Weismain–Dörflies–Mainleus–Mainroth–Gartenroth–Schimmendorf–Kirch­leus–Lösau–Lehental–Stadtsteinach Bergrennstrecke nach–Presseck–Schnappenhammer–Wellersberg, Neuengrün–Schlegelshaid–Wolfersgrün–Langenau–Geroldsgrün–Carlsgrün–Bad Steben–Lichtenberg–Kemlas–Eisenbühl–Schnarchenreuth–Gottmannsgrün–Joditz–Hof–Tauperlitz–Kautendorf–Rehau–Martinlamitz–Schiedateich–Waldfreibad–Hallerstein–Förmitz–Benk–Sparneck–Aussichtspunkt Waldstein Weißenstadt–Weißenhaid Egerquelle–Bischofsgrün–Wülfersreuth–Heinersreuth–Bad Berneck–Neudorf–Nenntmannsreuth–Hettersreuth–Neudrossenfeld–Thurnau–Menchau–Felsengarten–Sanspereil–Wonsees–Kainach–Hollfeld–Hainbach–Plankenfels–Hochstahl–Aufseß–Wüstenstein–Breiten­lesau–Waischenfeld–Langenloh–Burg Rabenstein–Oberailsfeld–Behringersmühle–Doos–Rabeneck–Saugendorf–Voigendorf–Gößmannsberg–Siegritz–Schloss Greifenstein–Zoggendorf–Tiefenpölz–Herzogenreuth–Tiefenellern.

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