Über England nach Skandinavien (2)

Foto: Schulz
Wasser in seiner norwegischsten Form: der Sognefjord
Wasser in seiner norwegischsten Form: der Sognefjord
Doch welcher Empfang! Ein steinaltes Herrenhaus in einem prächtigen Park, mit Teichen, exotischen Pflanzen und Bäumen, so mächtig wie Westminster Abbey. Vom Golfstrom umspült, badet Südengland in geradezu privilegierter Wärme, bietet zusammen mit britischer Perma-Feuchtigkeit der Vegetation paradiesische Urständ, die hier so lustvoll-üppig gedeiht wie in einem Genforschungslabor. Wir bleiben. Finden freundliche Aufnahme im Gästehaus Hooke, wandern durch stilvoll möblierte Räume, intonieren die „Britannia“ auf dem alten Klavier, blicken durch große Fenster in den Garten – betrachten den eben einsetzenden Landregen. Noch wissen wir nicht, was das heißt.

Als der Regen nachlässt, sind drei Tage rum. Und wir haben verstanden. Verstanden, warum Engländer so gerne lesen, warum sie so viel Tee trinken, so gemütliche Zimmer und keine künstlich durch die Sommerzeit verlängerten Tage haben. Trotz anhaltenden Nieselwetters schnüren wir unser Bündel. Urlaub auf der Insel – es hat uns keiner gezwungen. Ab zur Küste. Über eher unspektakuläres Hügel- und Weideland an jenen markanten Punkt, wo das Meer unmittelbar an die Straße stoßen müsste. Zumindest laut Landkarte. Zu sehen ist davon allerdings nichts. Dichter Nebel macht die Orientierung nicht leichter. Okay: zu Fuß. Auf schmalen Ziegenpfaden und Geröll immer steiler abwärts. Harter Wind treibt Wolkenbänke, zerrt heulend an sich festkrallenden Büschen. Finstere Endzeitstimmung. Dann passiert, was man nur aus Filmen kennt: Ein gewaltiger Sturmstoß reißt den bleiernen Vorhang auf, gibt den Blick auf den Ärmelkanal tief unter uns frei. Als hätte sie diesen Auftritt seit Tagen geprobt, sticht die Sonne in See, den Atlantik in schier unwirklichem Blau erleuchtend. Mit weißen Schaumkronen rollen die Wellen über Felsen auf die lang gezogenen Sandstrände. Direkt vor uns das Naturtor Durdle Door. Hier trennt sich Großbritannien vom übrigen Europa.

Trockene Straßen, zum ersten Mal seit Tagen. Kurs Nordwest und wunderbare Kurven auf dem Weg zum Exmoor Nationalpark. Gluckernde Bäche in urwaldähnlichen Tälern, weidende Schafe auf den Hügeln, Wildpferde mit Fohlen zwischen Ginsterbüschen. Pures Idyll in der Grafschaft Somerset. Bis es wieder zu kübeln beginnt. Nach zwei Stunden hocken wir im ersten Pub, nach vier an der Tankstelle, nach fünf im Bushäuschen des Nationalparks. Als um 16 Uhr auch noch das Zigarettenpapier durchweicht ist, geben wir auf und werden in Porlock nahe der Bridgwater Bay bei einem Bed & Breakfast vorstellig. Der Hausherr, sich sofort an seine Bultaco-Zeiten und Deutschkenntnisse erinnerd, führt uns in Nummer fünf. Direkt neben dem Flurbadezimmer mit Wanne. 25 Pfund für Kamin, Wolldecken, Mustertapete sowie Bücher und Zeitschriften für drei Wochen schlecht Wetter. Fast hätten wir das Pub verpennt. Stürmen eine halbe Stunde vor „Last Call“ in die verrauchte, brechend volle Gaststube. Prächtige Stimmung, 70er-Jahre-Musik. Zwei „Stella Lager“ sind bis 23 Uhr noch drin.

England und seine unerschütterliche Gastfreundschaft nehmen uns immer gefangener. Warum nicht einfach bleiben? „Newcastle-Norwegen“ sausen lassen. Obwohl – nach all den Jahren? Die Neugier siegt. Entlang des behäbig dahinwallenden Severn geht’s dem Fährhafen entgegen. Bristol, Birmingham, die Midlands. Mit verrußten Industrierevieren, roten Backsteinhäusern, Weideland und Rindern bis zum Horizont. Auf den Landstraßen Traktoren der Größe mittlerer Einfamilienhäuser. Kurz vor Manchester wird definitiv klar, dass die Puppenstuben-Phase rum ist. Mächtige Türsteher vorm Pub „Red Cow“, drinnen Typen Marke Osttribüne Manchester United. Nicht ganz unser Fall. Ein Bier, dann hauen wir ab. Könnten jetzt noch in den „Weißen Bären“ oder den „Schwarzen Löwen“ gehen. Besser jedoch ins Bett.
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Foto: Johann
Praktisch und weit verbreitet: norwegische Campinghütte
Praktisch und weit verbreitet: norwegische Campinghütte
Eine gute Entscheidung, denn auch so hätten wir die „Princess of Scandinavia“ fast verpasst. Der morgendliche Berufsverkehr um Manchester kostet uns mindestens eineinhalb Stunden. Als Newcastle in Sicht kommt, steht die Prinzessin schon unter Dampf. Einschiffungskai suchen. „Ja, wir wollen wirklich nach Kristiansand. Nein, nicht nach Holland“ – keine typische Reiseroute für Deutsche, wir sind die Einzigen. Ein Gefühl, wie auf einem anderen Kontinent. Fremd. Und viel, viel besser als erwartet. Auf dem Boden der Tatsachen landen wir nach Eroberung zweier Leder-Fauteuils im Admiralsclub. Genauer, nach Erhalt der Rechnung für zwei 0,2er-Bier: 3 Pfund! Kein Wunder, dass an den unzähligen Spielautomaten gezockt wird, was das Zeug hält. Alle spielen: Männer, Kinder, sogar Greisinnen in Hut und Dirndl. Romantisch versinkt die Sonne hinter den Bullaugen, begleitet vom Scheppern eines einarmigen Banditen. Vor uns stimmt die Bordkapelle ihre Instrumente: „Seemannsbraut ist die See...“

Als wir anderntags in Kristiansand an Land poltern – eine Pionierstimmung, als hätten wir die alte Welt neu entdeckt – wird in den Straßencafés der sonnigsten Stadt Norwegens gerade der Sommer in seiner strahlendsten Form genossen. 22 Grad im Schatten, Spitzenwert seit Cuxhaven. Trotzdem wirkt hier alles eine Spur kühler als drüben auf der Insel. Kühler – nicht unfreundlicher oder gar verschlossener. Weniger verspielt und dennoch fröhlicher, weniger gemütlich, aber irgendwie vertrauter. Freier. Eine Mischung aus Amerika und „old Europe“.

Keine zehn Kilometer auf der E 9, dann hat uns dieses Land in all seiner Intensität erreicht. Wilde, unverbrauchte, große Natur, auf Anhieb präsent, während England eher im Detail zu finden ist. Das Küstengebirge steigt zunehmend an, moos- und flechtenüberzogene Felsen, reißende, Gischt speiende Flüsse. Keine Herrenhäuser, keine Parks, kein Cream-Tea. Stattdessen Holzhütten, Wälder und Seen wie in Alaska, warme Würstchen mit Senf und Pappbecherkaffee. Gegessen wird an Holztischen, möglichst im Freien. Der kurze Sommer muss jede Sekunde gelebt werden.

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