Ukraine (2)

Foto: Klinge
Mit Kurs auf die Krim durchqueren wir weitläufige, fruchtbare Hügellandschaften entlang des Dnjestr und der moldawischen Grenze. In Mohylev Podil’skij versuchen wir, ein Bett für die Nacht zu finden. Wir kramen eine unserer handgeschriebenen Karteikarten mit den wichtigsten Redewendungen hervor – „Wir suchen eine Unterkunft“. Die Methode hat Erfolg. Mit Händen und Füßen erklären uns Passanten, dass es beim Sportplatz am Ortsausgang die Pension „Olymp“ gäbe. Kurze Zeit später checken wir als einzige Gäste ein, die Maschinen dürfen im Gang vor unserem Zimmer übernachten.

Tags darauf stehen sie dann plötzlich am Straßenrand: ukrainische Polizisten. Wir hatten schon viel von ihnen gehört, düstere Geschichten zieren praktisch jeden Reisebericht. Und nun winken sie uns raus. Motor aus, Dokumente zeigen. Ein Polizist hält uns die Laserpistole unter die Nase. Statt der erlaubten 50 km/h stehen 98 darauf. Wir sitzen dick in der Patsche! Lappen weg? Motorräder beschlagnahmt? Nichts von alledem. Es bleibt bei einer freundlichen Ermahnung und der erstaunten Frage, wohin wir wollen. Dann wünschen uns die Beamten eine gute Fahrt. Keine Ausnahme, wie sich zeigen sollte: Weitere 25-mal werden wir im Verlauf der Reise gestoppt, nur zweimal ist eine Strafgebühr von sechs Euro fällig.

Odessa kommt in Sicht. Diese pulsierende Stadt, deren berühmte Treppe und Wahrzeichen mit dem Film „Panzerkreuzer Potjemkin“ weltweite Bekanntheit erlangte, wurde erst 1794 erbaut. Wir genießen das bunte Treiben auf den schattigen Plätzen, beobachten die vielen Schachspieler in den Parks. In einem tiefen dunklen Bunker am Rande der Stadt residiert Vlad, der Präsident des ersten Motorradclubs in Odessa. Er ist das letzte und einzige Mitglied und will sich von uns mit Mieze und Motorrad vor dem größten steinernen Lenin der Stadt ablichten lassen. Anschließend folgen wir seiner schwarzen Ural bis zu der schweren Stahltür seines alten Bunkers.
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Foto: Klinge
Vlad geht voran durch die Metalltüren in das Dunkel der Innenräume. Konturen einer Werkstatt sind zu erkennen. Blitze zucken durch das Dunkel – es wird geschweißt an merkwürdigen zwei- und vierrädrigen Gebilden, die einmal zu neuem Leben erweckt werden sollen. Im Stroboskoplicht der Schweißer zeichnen sich eine Bar, eine Bühne und ein Stripteasekäfig ab. Vlad hat es sich inzwischen im Präsidentenstuhl der „Strangers“ bequem gemacht. Wenn wir Hilfe bräuchten, sei er unser Mann, versichert er zum Abschied. Nach einem halben Tag Fahrt sind wir endlich auf der Krim angelangt. Die Buchten sind fischreich, die Böden fruchtbar. Überall an den Straßen werden Früchte, Kaviar und Trockenfisch angeboten. Erst im Süden der Halbinsel tauchen Berge auf. Eine kurvenreiche Strecke führt nach Sewastopol, dem Stützpunkt der einstmals mächtigen Schwarzmeerflotte. Heute gleicht der Hafen, der von einem monumentalen Marinedenkmal überragt wird, nur noch einem Schrottplatz. Überall rosten in den weit verzweigten Buchten Kriegsschiffe vor sich hin, U-Boote sind bereits von Algen überzogen. Der einzige erfreuliche Anblick bei einer Hafenrundfahrt sind springende Delphine.

An der Ostküste des südlichen Zipfels präsentiert sich die Krim von einer äußerst attraktiven Seite: Die Felswände fallen bis zu 1500 Meter steil zum Ufer ab und lassen nur einen schmalen Streifen, um Ortschaften zu errichten. Die berühmteste dieser lang gezogenen Siedlungen ist Jalta. In vielen Kehren windet sich die Straße zu der mediterran anmutenden Promende, den Zypressenhainen und den historischen Villen der Stadt hinab, die nach wie vor ein angesagtes Urlaubsziel für wohlhabende Russen ist. Und der Name Jalta steht natürlich für die Konferenz, die wie keine andere die Geschichte des 20. Jahrhunderts bestimmt hat. Die „großen Drei“, Stalin, Roosevelt und Churchill, verhandelten hier im Februar 1945 über die Neuaufteilung der Welt.

Nach vier Tagen Kultur freuen wir uns auf eine etwa 150 Kilometer weite Offroad-Strecke entlang des Asowschen Meers ...

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