Ukraine Es muss Kaviar sein

Der Plan, unseren nächsten Urlaub in der Ukraine zu verbringen, stieß auf viel Unverständnis. Warum dorthin und nicht nach Frankreich oder Spanien? Eine gute Frage. Auf die es viele gute Antworten gibt.

Foto: Klinge
Unschlüssig mustern uns die beiden Damen des ukrainischen Reisebüros in Berlin, während wir die Anträge für die Visa ausfüllen. Ihr Blick verrät Anerkennung für unseren Entschluss. Aber auch Bedenken. „Kann jemand von euch Russisch?“ „Nein.“

Zugegeben, wir und unser Kumpel Marc sind ziemlich nervös, als wir uns nach einer 1000 Kilometer langen Anreise dem ukrainischen Schlagbaum nähern. Zum ersten Mal begegnen uns die ungewohnten kyrillischen Buchstaben, aufgedruckt auf den Tarnuniformen der Beamten. Dann geht alles ganz schnell. Ein Grenzsoldat winkt uns an der Autoschlange vorbei, und wir erhalten eine „Expressabfertigung“. Nach wenigen Minuten können wir einreisen.

Von neugierigen Blicken begleitet, starten wir ins Unbekannte. Die kleine Grenzstadt Chop ist für uns Wechselstube – und zugleich der Ort, wo wir umgehend schmerzhafte Bekanntschaft mit ukrainischen Straßenverhältnissen machen. Nur durch einen wilden Slalom-Kurs können wir die vielen tiefen, mit Wasser gefüllten Schlaglöcher umfahren. Ein stark alkoholisierter Mann, der in einer Pfütze liegt, zwingt uns zum ersten Stopp. Wir wollen helfen. Passanten winken uns jedoch weiter und geben zu verstehen, dass alles in Ordnung sei. Die Freiheit der Landstraße am Ortsende schon vor Augen, übersehen wir einen diagonal über die Straße verlaufenden Schienenstrang. Praktisch im selben Moment rutschen einer der beiden Honda und der BMW die Vorderräder weg. Die Folge: zwei zerbröselte Verkleidungsscheiben und ein undichter Ventildeckel beim Boxer. Wir werden die folgenden 6000 Kilometer vorsichtiger angehen müssen.
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Während wir die Gabel der Honda wieder gerade ziehen und der GS mit Flüssigmetall auf die Sprünge helfen, zieht ein Gewitter auf. Also besser umkehren, zurück ins Zentrum von Chop. Ein Hotel wird sich dort schon finden. Doch von wegen. Bis plötzlich ein Wagen mit Wiener Kennzeichen neben uns stoppt. Wir lernen Khalid kennen, einen Parfümschmuggler, und seine Freunde. „Ich kenne alle hier. Kein Problem!“ Mit einem Affenzahn fährt er voran durch die Häuserschluchten, und fünf Minuten später hat er für die drei havarierten Motorradfahrer eine Absteige im Bahnhof gebucht. Die Motorräder finden eine Unterkunft bei einem Kumpel, der Wachmann in der Gepäckaufbewahrung ist. Wir brettern über den Bahnsteig, und die Mopeds verschwinden bis zum nächsten Morgen im Gepäckschuppen. Anschließend lädt uns Khalid zu Schaschlik und immer vollen Gläsern Wodka ein, und wir reden die halbe Nacht über Hitler und Stalin. Ukrainische Gastfreundschaft, der man sich kaum entziehen kann.

Am nächsten Morgen werden schnell die letzten Reparaturen erledigt, und wir peilen unser erstes Ziel an: die etwa 1000 Kilometer entfernte Halbinsel Krim. Um größere Irrfahrten im kyrillischen Schilderwald zu vermeiden, navigieren wir per Satellit. Dazu fahren wir die jeweilige Tagesetappe per Maus auf einer vorher eingescannten Karte auf dem Display eines Laptops ab und überspielen die Wegpunkte der Route in die GPS-Empfänger. Leider erweist sich nach kurzer Zeit die zu Grunde gelegte Landkarte als zu ungenau – an mancher Kreuzung ist die Orientierung trotz aller technischen Hilfsmittel nicht einfach.

Der Weg führt an den Nordausläufern der Karpaten entlang durch Galizien. Schließlich biegen wir in das Gebirge ab, nähern uns über Hängebrücken und Schotterpisten dem Hoverla, mit 2061 Metern der höchste Berg der Nordkarpaten. Von reißenden Flüssen gegrabene Schluchten, ausgedehnte Wälder, romantische Dörfer mit Holzhäusern und Holzkirchen prägen die Landschaft dieser einzigartigen Region in der geographischen Mitte Europas.

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