Unterwegs Abenteuer in Thailand: unterwegs mit einem Tuk Tuk

Von Chiang Mai bis Bangkok sind es 783 Kilometer. Das entspricht 13 Stunden Zugfahrt oder 50 Minuten Flugzeit. Redakteur Rolf Henniges brauchte 75 Stunden - mit dem Tuk Tuk, einem dreirädrigen Taxi.

Foto: Henniges
Er trägt ein blaues Hemd, das drei Nummern zu groß ausfällt. Seine Lippen entblößen eine gelbbraune, lückenhafte Zahnparade. „No problem, wiederholt er zum x-ten Mal und lächelt obskur. Natürlich könne er die Tour fahren, no problem. Sein Fahrzeug sei dafür hervorragend gerüstet: Reifen, die nie platt werden, Treibstoff, der praktisch nie ausgeht, ein Fahrer der sich bestens auskennt und gewiss nicht schlapp macht. Außerdem, das betont er am Ende jedes zweiten Satzes, habe er die nötige „experience“. Hätte den Trip schon über zehn Mal gemacht. Thongtherm Chabchinda ist geschätzte 50 plus. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Seine Haare kleben planlos am Schädel, die Augen schimmern rötlich. Er spricht gebrochen englisch und raucht Selbstgedrehte. Mister Chabchinda ist Tuk Tuk-Fahrer in Chiang Mai, Nordthailand, und wird uns, wie er beteuert, bis zum International Airport Bangkok fahren - rund 780 Kilometer direkter Weg.

Wir beide, mein Freund Rocky und ich, müssen verrückt sein. Das bestätigen die Reaktionen vieler Tuk Tuk-Fahrer, die wir gefragt haben. Jedes Mal, wenn wir das Ziel nannten und den Fahrern klar wurde, dass wir es ernst meinten, wellten sich ihre Stirnfalten, schüttelten sie langsam den Kopf. Nein, das sei verrückt. Zu viele Gründe gäbe es, diesen Trip von Chiang Mai bis Bangkok nicht durchzuführen.
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Foto: Archiv
Erstens: Tuk Tuks, die in Chiang Mai registriert sind, dürfen nicht außerhalb der Stadtgrenze operieren. Zweitens: Die Motoren sind nur für Kurzstrecken ausgelegt, sterben auf Langstrecken den Hitzetod. Drittens: In keiner Stadt zwischen Bangkok und Chiang Mai gibt es Tuk Tuks, ergo gibt es auch keine speziellen Tankstellen. Und die Motoren benötigen LPG-Gas. Viertens: Fast alle Fahrer kommen aus Chiang Mai oder den umliegenden nördlichen Provinzen. Die meisten von ihnen können nicht lesen, sich nicht orientieren, sind froh, einen Tag im Verkehrschaos Chiang Mai zu überleben. Bangkok als Ziel? Ebenso hätten wir Paris angeben können. Der Start soll um 9.00 Uhr am folgenden Tag erfolgen. Mister Thongtherm Chabchinda, kurz Chinda genannt, will uns pünktlich abholen. Einen Tag hat er eingefordert, um sich und das Tuk Tuk vorzubereiten.
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Es ist einer von diesen Morgen in Chiang Mai, an denen die Sonne sich um den Körper schmiegt wie eine Decke aus Mikrofasern. Der leichte Nordwind hat den heißen Atem der 300000-Seelen-Metropole aus den Straßen gewischt. Um exakt 8.57 Uhr biegt Chindas Tuk Tuk in die Hoteleinfahrt. Sein Gefährt ist blaumetallic, trägt die Nummer 416, hat zirka 15 Jahre auf dem Buckel und 244052 Kilometer abgespult. Vielleicht auch 100000 mehr. Es wird angetrieben von einem Suzuki-Dreizylindermotor mit 800 Kubik, der wohlwollend geschätzte 22 PS leistet. Abgebremst wird es durch zwei an der Hinterachse montierte, 250 Millimeter große Bremstrommeln. Um die Federung bemühen sich vorn eine Motorradgabel, hinten zwei Blattfedern. Die Fahrgäste sitzen auf einer mit Plastikfolie überzogenen Bank, Sitzfläche 35 mal 100 Zentimeter. Chinda trägt das blaue, weite Hemd vom Vortag. Fünf Plastiktüten baumeln an den Seiten seines Dreirads. Proviant für die kommenden drei bis vier Tage: vier Kilogramm Orangen, zwei Rollen Klopapier, drei Liter Motoröl, dutzende Schraubenschlüssel, ein Liter Bremsflüssigkeit.
Auf dem Gepäckträger hinter den Passagiersitzen sind zwei Gasflaschen provisorisch mit dünnen Seilen befestigt. Ein Auffahrunfall hätte fatale Wirkung. Die große fasst 16, die kleinere acht Liter. Per Gartenschlauch und Schlauchschellen sind sie mit dem 20-Liter-Fahrzeugtank verbunden. Hahn auf, dann saugt der Motor sich seine Zusatzvesper durch diese Konstruktion. „No other Tuk Tuk can go so far“, lächelt Chinda, „I have experience. Trust me, cause it‘s my life too, har har."

Eine Stunde später: Außer unserem ist kein anderes Tuk Tuk mehr auf der Straße zu sehen. 80 km/h fühlen sich in unserem Gefährt an wie 250. Chinda stoppt an der Straßenseite, legt eine Rauchpause ein. Als er wieder starten will, verweigert der alte Motor. Erst nach dem 18. Versuch nimmt er zögernd die Arbeit auf. 30 Kilometer haben wir bislang zurückgelegt. Rund 700 sind es noch bis Bangkok. „No problem, sagt Chinda. Der Motor sei wie seine Frau. Den verstehe er blendend. Der zickt nur ab und zu herum, meint es aber nicht so.
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Drei Minuten und drei Kilometer später riecht es nach Kühlwasser. Es ist heiß, 36 Grad Außentemperatur, die Sonne hängt am Firmament wie ein großer gelber Gouda. Wir bremsen ab. Chinda hält die Nase hoch, schnüffelt. Ein ernsthaftes Problem? „No Mister", lacht unser Chauffeur. Es sei nicht mehr als ein mechanischer Furz. Er ignoriert den süßlich-herben Geruch, der wie eine Warnung aus den Eingeweiden unseres Gefährts kriecht, und setzt die Reise auf der schnurgeraden Strecke fort.

Der Fahrtwind gleicht einem Föhn, verbrennt die Feuchtigkeit aus Nasenschleimhäuten und Augen. Die Straße ist bräunlich-schwarz gescheckt. Bremsflüssigkeit, Öl und Kühlwasser haben den Teer über die Jahre eingefärbt, ihm eine unverwechselbare Patina verpasst. Jahreszeitlich bedingt, hängen Staub, Abgase und Brandqualm in der Luft. Es gibt kaum Luftzirkulation. Wir fahren unter einer Dunstglocke. Die umliegenden Hügel und Berge lassen sich teilweise nur erahnen, wirken wie aus einem Stück Schatten geschnitzt. Erde und Horizont verschwimmen zu aschgrauer Tristesse.
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Am frühen Nachmittag stoppen wir in Lamphun, einer beschaulichen Kleinstadt mit 25000 Einwohnern und der komplexen Tempelanlage Wat Chan Haripunjai, mit deren Bau im Jahre 1044 begonnen wurde. Haripunjai beherbergt dubiose Mönche. Dubios für europäische Erwartungen. Sie telefonieren, fotografieren, tragen Sonnenbrillen und Nike-Turnschuhe. Die 1300 Jahre alte Stadt ist wie auch Chiang Mai von einem Stadtgraben umgeben, der zur Verteidigung diente. Der Stopp in Lamphun ist kurz, die Weite des Nordens und der Bundestrasse 1147 nimmt uns wieder gefangen.

Zwei Rauchpausen und 30 Minuten später erreichen wir den Fuß eines Bergrückens, der die Gebietsgrenze zwischen Chiang Mai und Lampang markiert. Chinda schaltet zurück vom vierten in den zweiten Gang. Das TT kämpft gegen geschätzte 20 Prozent Steigung, keucht, schwitzt, ächzt. Vor und neben uns: Ruß schleudernde Lkw im Kriechgang. Kaum schneller als ein Fußgänger, eine Wolke hinter sich herziehend wie James Bond, wenn er seine Verfolger abschütteln will. Wir passieren ein Elefantencamp am Straßenrand, Dickhäuter dösen in der Nachmittagsglut, plötzlich geht es steil bergab. Das Teerband schlängelt sich die Hügel hinunter wie ein Band der rhythmischen Sportgymnasten. „Easy 100, schreit Chinda gegen den Fahrtwind und zeigt auf den Tacho, „Easy, easy!" Wir schlingern. Abgefahrene Reifen, ausgeschlagene Radführung, Bremsen mit mehr als zweifelhafter Wirkung. 40 Kilo Gepäck, 90 Kilo Fahrer, 150 Kilo Beifahrer und rund 40 Liter Propangas - das könnte beim Einschlag einen gewaltigen Krater hinterlassen.
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Doch es geht gut. Überglücklich, Lampang erreicht zu haben, checken wir im erstbesten Hotel ein: 350 Baht (sieben Euro) kostet das Doppelzimmer. Dafür gibts aus der Wand gerissene Kabel, die Badewanne ist ein Schimmelpilz-Paradies, das Interieur abgenutzt und verlebt, die Matratze feucht und durchgelegen.

In solchen Etablissements bekommt man ihn dann serviert, den asiatischen Geräuschcocktail. Wer nicht vorwiegend in Spa-Resorts oder hochpreisigen Hotels absteigt, wird merken, dass nicht nur Thailands Hauptstadt Bangkok die „City, that never sleeps" ist. Stille ist wahrlich das allerletzte, was man hier findet. Stattdessen: rebellierende Hunde, kreischende Sirenen, lärmende, halbkaputte Klimaanlagen, nervendes Gezeter, ohrenbetäubend laut gedrehte Fernseher, schlagende Türen, zankende Hähne, dröhnende Karaoke-Bars und Nonstop-Verkehr bis Mitternacht. Auf jeder Straße, in jeder noch so kleinen Gasse.
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Freitagmorgen, 9.15 Uhr: Wir sind kaum ein paar hundert Meter gefahren, da wird Chinda etwas hektisch. „I need only half an hour, sagt er. Die Rückholfeder des Bremspedals ist gebrochen. Erst die fünfte der angefahrenen Werkstätten widmet sich dem Job. Die vier anderen lehnen ihn mit fadenscheiniger Ausflucht ab. „Too busy, erklären sie. Der wahrscheinlichere Grund: Sie fürchten sich. Tuk Tuks kennt man hier nur aus dem Fernsehen, die Mechaniker haben Angst, sich bei der Reparatur eine Blöße zu geben.

Gegen zehn Uhr setzen wir die Fahrt mit unserem Dreirad fort, folgen dem endlos erscheinenden bleigrauen Teerband, das uns in die Stadt Tan führen soll. Stromkabel schleppen sich über schräg stehende Masten entlang der Straße, verbinden selbst kleinste Ortschaften mit dem elektrischen Nerv der Zivilisation. Um die Seiten unserer Kabine spannt sich die Landschaft: Lindgrüne Zuckerrohrfelder, brachliegende und abgeerntete Reisplantagen. Diffus angelegt, als hätten Dreijährige versucht, ein überdimensionales Schachbrettmuster zu entwerfen. Mittendrin spartanische Unterstände, bestehend aus einer überdachten Plattform zum Sitzen, ein Meter über dem Boden.

Wir gleiten dahin mit steten 80 km/h. Worte werden vom Fahrtwind zerfetzt. Der Sound der Reise ist wie ein Wasserfall, der sich zusammensetzt aus dem Brausen des Fahrtwindes und dem unablässigen rhythmischen Tak-tak-tak der Hinterradachse, wenn die Räder über die Betonschwellen der Fahrbahn hoppeln. Dem Zirpen der Plastiktüten, in denen Chinda seinen Proviant verstaut hat, mit denen der Fahrtwind spielt. Dem ununterbrochenen Ääähhh des quäkenden Zweitakt-Motors, dem pelzigen Abrollgeräusch der Reifen. Unterbrochen von plötzlichem Zischen, wenn nagelneue Mittelklasselimousinen mit enormem Geschwindigkeitsüberschuss an uns vorbeischießen. Oder einer Bugwelle Fahrtwind von den Lkw, die uns auf den Geraden oder im Gefälle überholen.
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Lkw, deren Fahrer es durch ihr Improvisationstalent schaffen, jeden 7,5-Tonner mit mindestens zehn Tonnen zu beladen. Die Güter mit Bindfäden gegen Herabfallen gesichert, Öl triefende Motoren, notdürftig repariert, Chassis mit eiernden Rädern, als wollten diese in den nächsten Sekunden abfallen. Lkw, deren Fahrer übermüdet, betrunken und miserabel ausgebildet sind. In Thailand braucht man keinen Führerschein. Hauptsache, man kann fahren. Sechsachsige Sattelzüge, denen gegenüber das Tuk Tuk wie ein Spielzeug wirkt. Thailänder leben und fahren in Gottvertrauen. Ein pflichtbewusster deutscher TÜV-Beamter würde hier ad hoc einem Herzinfarkt erliegen.

Kaum zwanzig Minuten durch die ausgedorrte Öde gefahren, rollt das Tuk Tuk an die Straßenseite. Unser Chauffeur steckt sich eine Zigarette an, geht seelenruhig nach hinten, schwingt sich unter sein Taxi und öffnet die Zehn-Liter-Gasbuddel. Es zischt - Druckausgleich zwischen Flasche und Tank. Wir hechten in Deckung und hoffen, dass der Gartenschlauch dicht ist. Chinda zieht genüsslich an seiner Zigarette und schmunzelt. „Easy", sagt er, „trust me."

Fernreisen des MOTORRAD action teams 2008

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Abenteuerstory Thailand Teil 2

Zwischen Tak und Kamphaeng Phet wechselt die Landschaft ihr Gesicht. Der Highway führt uns durch eine grüne Talsohle, eskortiert von schemenhaft zu erahnenden Bergen. Durch ein Delta, gesäumt von fruchtbaren Reisfeldern, Palmen wie dichtem Buschwerk - wir sind im Reich des Ping-River. Wabernder Nebel hängt über dem Fluss wie ein nasser, schwerer Sack. Majestätisch gelassen schiebt er sich unter einer endlos erscheinenden Brücke voran. Die mächtige, feuchte Ader ist selbst in extrem trockenen Jahren wie diesem Garant für Leben. Eingefasst von riesigen Reisplantagen, Schilf und Urwald bahnt sie sich ihren Weg südwärts.

Wir bleiben dem Highway treu und im Einflussgebiet des Ping-Rivers. Gewaltige Reisplantagen säumen den Weg bis Nakhon Sawan. Südlich der Stadt vereinigen sich die vier Flüsse Ping, Wang, Yom und Nan zum mächtigen Chao Phraya. Unser bescheidenes Zimmer zu 350 Baht (sieben Euro) im Peng Nueng-Hotel ist nicht nur preislich mit dem der vorherigen Nacht identisch. In der Mitte des Raums stehen zwei Stühle, an denen jeweils ein Bein fehlt. Die Matratzen, durchgelegen, feucht, ruhen auf dünnem Stahlgeflecht, das schon bei kleinstem Druck nachgibt. Völlig zerfetzte Zargen umrahmen eine Tür, die nicht richtig schließt.
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Über der Hauptstraße wogt ein Fahnenmeer. Gelb-rote Flaggen spannen sich zwischen den Häuserschluchten, verkünden das Chinese New Year. Der neue Morgen strotzt vor Betriebsamkeit. Doch von Hektik keine Spur. Die Straße quillt über von Fahrzeugen aller Art, die sich wie ein langsam abkühlender Lavastrom durch die Häuserschlucht wälzen. Thailand hat keine Straßenverkehrs-Zulassungsordnung. Wer geschickt ist, etwas basteln kann, das sich irgendwie vorwärts bewegt, im günstigsten Fall auch noch eine Menge transportieren kann, der tut es auch. Viele kleine Mopeds werden mit abenteuerlich geschweißten Beiwagen versehen. Bremsen? Egal. Beleuchtung? Wozu?

Der Highway ist vierspurig ausgebaut, ein zehn Meter breiter, trichterförmig gestalteter Rasenstreifen trennt die beiden Fahrspuren für jede Richtung. Es geht zu wie auf einer Ameisenstraße. Wir zählen drei schwere Unfälle auf den ersten 25 Kilometern zwischen Nakhon Sawan und Chainat. Die Hauptursachen: technische Defekte oder eingeschlafene Trucker. Trotz Einnahme von Drogen oder dem Konsum kleiner Muntermacher wie Lipovitan - ein an jeder Tankstelle erhältlicher Drink, der zwar ein paar Vitamine, hauptsächlich aber Koffein und ein Kodein-Derivat erhält.
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Hier wird der Teufel sekündlich herausgefordert. Das provisorisch befestigte Transportgut schwingt und hüpft mit jedem Schlag der Blattfedern, jeder Bodenwelle. Die Straße ist löchrig, ungesichert und gepflastert mit herabgefallenen Teilen oder überfahrenen Hunden. Im Zentrum der Verkehrsanarchie: die Mopedfahrer. Mit nackten Armen und Beinen, ungeschützt vor Sonneneinstrahlung, Insekten oder Stürzen. In einer Hand das Handy, SMS schreibend, trudeln sie um die Lkw, kreuzen die Fahrbahnen, fahren im Zickzackkurs, als gelte es, einen Übungsparcours zu absolvieren. Geschätzte zwanzig Millionen Zweiräder tummeln sich auf Thailands Straßen. In die Unfälle mit rund 13000 Verkehrstoten jährlich sind zu 80 Prozent Motorradfahrer verwickelt. Sechs Jahre lang hat Ex-Ministerpräsident Thaksin Shinawatra vergeblich versucht, die bestehende Helmpflicht mit Bußgeldern durchzusetzen. Helmlos fahren kostet 500 Baht (elf Euro) Strafe. Dennoch fährt mehr als die Hälfte weiterhin ohne Helm. Kontrollen sind rar und außerhalb der Städte mangels Beamter kaum durchführbar.

Die Landschaft, die an uns vorüber zieht, ist bizarr, da absolut kontrovers: Kleine Schutzhäuschen der Reisbauern werden eingekesselt von gewaltigen Hochspannungsleitungen, die Energie in die Weite transportieren. Ärmlich gekleidete Männer mit aufgeschulterten Zentnern kontra Pick-ups neuester Generation mit ESP, ABS, Klimatronic, Einparkhilfe und Seiten-Airbags. PS-protzende Traktoren nebst Esel- und Pferdefuhrwerken, 100 Quadratmeter große Werbetafeln konkurrieren mit selbst gekritzelten Schildern der kleinen Garküchen entlang der Straße. Thailand ist ein zwiespältiges Land. Ein Land, in dem das Durchschnittseinkommen der Handwerker bei 8000 Baht (165 Euro) im Monat liegt, das Bier 6,4 Prozent Alkohol aufweist, der Liter Superbenzin so viel kostet wie ein Big Mac (75 Cent) und Prostitution zum Alltag gehört wie Aldi zu Deutschland. Ein kontroverses Land. Auf der einen Seite die Highways, die geschäftigen Großstädte oder die Touristenenklaven. Auf der anderen die vielen kleinen Orte, die von der Hauptschlagader der Zivilisation kaum gespeist werden.
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In Höhe Phayuha Khiri rollt Chinda von der Hauptstraße, beinahe kollidieren wir mit einem Lkw. Unsere Fahrt endet nach zwei Kilometern vor der Garküche einer alten Frau, die Nudeln und Reis aus ihrem Wohnzimmer heraus verkauft. Hier scheint der Nerv zur Neuzeit gekappt. Ein willkürlich verlegtes Elektrokabel speist einen maroden, völlig verrosteten Kühlschrank, ein paar Glühbirnen und ein Kofferradio mit irgendwo abgezweigter Energie. Ein elektrisches Wirrwarr, dem man kaum glauben kann, dass bei Regen noch irgendetwas funktioniert. An den Hof grenzen hölzerne Wohnbaracken, bedeckt mit Wellblech, innen nackter Erdboden, nicht isoliert gegen Kälte und Feuchte, statt Fenstern glaslose Aussparungen. Als Betten dienen Brettergestelle mit Stroh und dünnen Decken. Den vier mal vier Meter großen Raum teilt sich eine achtköpfige Familie mit ein paar Hühnern, Gänsen und Ziegen. In dieser Umgebung fällt es schwer, der Jahreszahl auf dem überall präsenten Kalender mit Königsporträt von Bhumibol Adulyadej Glauben zu schenken: 2009.
Es sind Orte ohne viel Farbe. Braune Erde, graue Fassaden, dunkelhäutige Menschen in bescheidener, tausend Mal gewaschener Kleidung, von der Sonne gebleichte Bretter, vergilbte, abgestorbene Bäume. Plätze, an denen das gelbe Fahrrad eines Fünfjährigen so integriert wirkt, wie eine Coladose, die man bei der Erstlandung auf der Venus finden würde. Ebenso deplatziert: die ultramodernen Frisuren sowie bizarr aufgepeppte kleine Motorräder oder im Dauerbetrieb flimmernde Fernseher. Trotz 24-stündiger Berieselung durch Dailysoaps und Nachrichten ist die Aufklärungsrate über AIDS oder Vogelgrippe gering. Wer in baulichen Verhältnissen lebt, die 200 Jahre praktisch unverändert geblieben sind, für den ist es nahezu unmöglich zu begreifen, dass Hühner plötzlich gefährlich oder Geschlechtsverkehr riskant sein sollen. Sie habe davon gehört, gibt die Garköchin zu, und schlachtet nebenbei ein Huhn. Irgendwo dort draußen lauere die Gefahr, wahrscheinlich in Amerika. Doch wie ist sie ins Verhältnis zu setzen? Die Köchin will sich von niemandem vorschreiben lassen, wohin sie ihre Hühner zum Schlafen schickt. Letztlich scheint der Nachbarstaat Laos für viele Thailänder ebenso weit entfernt zu sein wie die USA oder Neuseeland.
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20 Kilometer vor Chai Nat visiert Chinda einen Parkplatz an, auf dem sich ein Haufen Trucker um einen kleinen Verkaufsstand drängen. Zwei Frauen bieten gegrillte Ratten an, das Kilogramm für 130 Baht (2,70 Euro). Bei den Truckern scheinen die Tiere besonders beliebt. Chinda beschreibt den Geschmack „wie der eines besonders zarten Hühnchens". Wir kosten zaghaft. Er hat Recht. Innerhalb von zehn Minuten verkaufen die beiden Frauen 27 Exemplare und klären uns über die Herkunft der Tiere auf: Chainat gilt als Hauptstadt des Reisanbaus. 50 Prozent der thailändischen Gesamtproduktion stammen aus der Gegend. Die Ratten laben sich an der Saat, werden von den Reisbauern in Fallen gefangen und an die beiden Frauen geliefert. Diese nehmen die Ratten aus, häuten und verkaufen sie. Auf dem Pickup der Verkäuferinnen steht eine Kühltruhe, die von einem Notstromaggregat versorgt wird. Sie ist voll mit gefrorenen Nagern, unterteilt in drei Größen und geschnürt zu handlichen Paketen von je einem Kilogramm - für die Grillparty daheim.
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Die Strecke zwischen Chainat und Ayutthaya legen wir auf mit Kurven gespickten Nebenstraßen zurück, die Chinda stets auf der Ideallinie nimmt, ohne sie auch nur ansatzweise einsehen zu können. Riesige, teilweise abgeerntete Zuckerrohrplantagen dominieren die Weite, haben den Reisanbau verdrängt. Hunderte von Lkw, beladen hoch wie zweistöckige Häuser, transportieren das Gut in die Fabriken und stehen vor deren Toren Schlange. Nach Brasilien, Indien, China und den USA ist Thailand mit rund 7,5 Millionen Tonnen der weltweit fünftgrößte Zuckerproduzent. Die Straßen sind bedeckt von heruntergefallenen, zerfledderten Halmen, die hinter dem Tuk Tuk hochwirbeln, als wollten sie unsere Spur für immer verwischen.

Zehn Kilometer vor Ayutthaya beginnt Dunst die Atmosphäre zu regieren. Um den 60000-Seelen-Ort winden sich die Flüsse Chao Phraya, Lopburi und Pa Sak. Die Luft ist schwer, süßlich, modrig. In der Stadt weht ein Fahnenmeer, Chinese New Year wird groß zelebriert, rund 20000 Besucher sind dazu angereist. Wir irren durch übervolle Straßen und Gassen, finden erst nach zweistündiger Suche ein paar freie Zimmer.
Das Mai Thai-Hotel ist in punkto Übernachtung der absolute Tiefpunkt unserer Tour: glaslose Fenster, zerfetzte Moskitonetze, Schränke ohne Türen und Zwischenböden. Dazu so sauber, als wären sie vor Jahrhunderten gebaut und seitdem nicht mehr gekehrt worden. Diese Patina der Gleichgültigkeit wirft ein schlechtes Licht auf die Stadt, die ab 1350 rund 400 Jahre die Hauptstadt Siams und Berichten zufolge die beeindruckendste Stadt Asiens war. 1767 wurde sie von den Burmesen nahezu zerstört und ist heute eine unbedeutende Provinzstadt, die sich mit den Überresten der Vergangenheit schmückt.
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Sonntagmorgen. Vom Bangkok-Airport trennen uns nur noch 100 Kilometer, die wir schnellstmöglich zurücklegen möchten. Trotz des Feiertags ist der Highway mit Fahrzeugen aller Couleur überflutet. Seine Fahrbahnoberfläche, die der eines Schweizer Käses gleicht, teilt fiese Schläge aus. Die Blattfedern unseres Tuk Tuk resignieren angesichts dieser Attacken. Die Aufhängung der Passagiersitzbank bricht, wir werden durchgeschüttelt wie die Kugeln bei der Ziehung der Lottozahlen. Unser Gefährt fühlt sich so an, als sei es in den letzten drei Tagen um 20 Jahre gealtert. „No problem", brüllt Chinda gegen den Lärm, "I've everything under control“.

Industrieanlagen und Geschäfte stürmen im Sekundentakt rechts und links vorbei. Der Weg - eigentlich als Highway ausgewiesen - scheint ein Tentakel des Acht-Millionen-Molochs Bangkok zu sein. In der Stadt der 400 Tempel quälen sich weit mehr als zwei Millionen Fahrzeuge durch das überlastete Straßengeflecht. Rußkanonaden und Abgasbombardements attackieren uns. Jetzt wird klar, warum hier jeder Vierte einen Atemschutz trägt. Gegen 11.15 Uhr expandieren und verschachteln sich die Beton- und Teerschlangen, auf denen wir fahren, immer gewagter, der Schilderwald wird unübersichtlich, Chinda immer nervöser und unsicherer. "17 Years ago, I was in Bangkok the last time, sagt er. „Everything changed." Nun ist es heraus. Unser Fahrer hat uns angeschwindelt. Vor Ewigkeiten ist er diese Strecke zuletzt gefahren, vielleicht sogar im Zug. Er hatte gar keine Erfahrung.
Es grenzt an ein Wunder, dass wir in den letzten Minuten nicht in eine Kollision verwickelt werden, denn erst jetzt stellt sich durch sein Anschleichen an Schilder und das Zickzackfahren etwas heraus, das wir schon lange vermutet haben: Chinda sieht schlecht, erkennt Schilder und Wegweiser erst auf den letzten Metern. Unser Fahrer hat von Beginn an seinem Siebten Sinn vertraut. Und der scheint hier in Bangkok nicht so recht zu funktionieren. Egal, um Punkt zwölf Uhr, nach exakt 75 Stunden, stehen wir vor dem Terminal des Bangkoker Flughafens. Die anwesenden Taxi- und Tuk Tuk-Fahrer scharen sich um Chinda, dessen Nummernschild über seine Herkunft Auskunft gibt. „800 Kilometer - du musst verrückt sein, rufen sie und klopfen ihm beeindruckt auf die Schulter.

Chinda ist überglücklich. Er lacht, steckt die andere Hälfte der vereinbarten Summe in die Tasche seines im Wind flatternden blauen Hemdes, das er während der gesamten Reise nicht gewechselt hat, und schüttelt den Kopf: „Crazy“, gluckst er immer wieder, "totaly crazy, har, har, har."

Wir sind uns nicht sicher, wen er damit meint. Uns oder ihn.
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Infos

Wissenswertes über Tuk Tuks. In vielen Ländern Asiens gehören drei-rädrige Taxis zum Straßenbild. Das Thailand-Tuk Tuk, ein in Bangkok seit Mitte der 60er Jahre hergestelltes Unikat, hat durch Spielfilme und Postkarten weltweiten Ruhm erlangt. In Thailands Hauptstadt sind rund 7500 Tuk Tuks registriert, davon sind 4000 bis 5000 im täglichen Einsatz. Nur zwei Prozent der Fahrer sind gleichzeitig Eigner. Die meisten mieten ihre Gefährte (350400 Baht/Tag in BKK, 150-200 Baht/Tag in Chaing Mai) von speditionsähnlich organisierten Großunternehmern. Der krude Mix aus Motorrad vorn und Auto hinten vermittelt einen abenteuerlichen Transportgenuss, den man trotz diverser Gefahrenhinweise in einschlägigen Reiseführern unbedingt einmal erleben sollte. Erste Regel: Den Preis unbedingt VOR Fahrtantritt aushandeln. Wem es nicht ums Feeling geht, der sollte speziell in Bangkok in ein klimatisiertes Taxicab steigen - es ist oft sogar günstiger als das Tuk Tuk. Kaufinteressenten müssen für ein fahrtüchtiges Tuk Tuk ohne Zulassung rund 80000 Baht (1660 Euro) veranschlagen. Wer es für den Taxibetrieb zulassen möchte, zahlt nochmal 170000 Baht (3540 Euro) Gebühren an den Staat.
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Wie in Bangkok gibt es auch in Chiang Mai mafiösie Abkommen zwischen TT-Fahrern und Nightclub-Besitzern, Boutiquen, Schneidern oder Juwelieren. Unbedarfte Touristen werden zu einer Tour durch die Stadt mit Dumping-Preisen (beispielsweise den ganzen Tag fahren für nur zehn Baht) geködert, und dann von Geschäft zu Geschäft gefahren. Der Chauffeur erhält unabhängig davon, ob der Tourist kauft oder nicht, von jedem Geschäftsinhaber eine „Anschlepp-Summe" (in Bangkok 200 Baht). Nachts erhalten die Tuk Tuk-Fahrer für jeden angelieferten Freier oder Gast in die für das Land berüchtigten Sex-Shows 20 Prozent des Eintrittsgeldes, bzw. der Summe für den Liebesdienst.
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Thongtherm Chabchinda, ist eigentlich 61. In seiner ID-Card sind jedoch 56 eingetragen - wegen der Versicherung, wie er sagt. Mr. Chabchinda ist einer von rund 4000 Tuk Tuk-Fahrern in Chiang Mai. Er spricht mittelmäßig englisch, fließend chinesisch, hat ein abgeschlossenes Politik-Studium und zuvor bei einer Versicherung gearbeitet. Der gebürtige Bangkoker fährt seit 15 Jahren Tuk Tuk und ist Vater zweier erwachsener Söhne, von denen der jüngste ebenfalls Tuk Tuk-Fahrer ist. Der Diabetiker mit dem Lebensmotto „Everybody is born to die" trinkt täglich einen Liter Bier und raucht dazu mindestens ein Päckchen Tabak. Sein bislang längster Trip war eine 100 Kilometer lange Rundfahrt um Chiang Mai, die zwei Engländer für 2000 Baht gebucht hatten. Den Normal-verdienst auf den Straßen in Chiang Mai beziffert er mit 1000 bis 1500 Baht an einem zehnstündigen Arbeitstag. Hiervon sind 160 Baht Tuk Tuk-Miete und die Kosten für eine Tankfüllung (350 Baht) abzuziehen.

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