Unterwegs Amazonas

Mehr Motorrad-Abenteuer geht kaum: Entlang der legendären Transamazonica kämpft sich unser Autor durch den größten Regenwald der Erde. Er trifft auf Goldgräber, Kautschukzapfer und ursprüngliche Indianervölker. In den peruanischen Anden wuchtet er seine Maschine zur Amazonasquelle hinauf, fährt flussabwärts mit rostigen Seelenverkäufern. Ein Wahnsinnstrip.

Foto: Pichler
Es stinkt nach Fisch, es duftet nach Kräutern, es riecht nach Schweiß, Öl, Tabak. Unbeschreiblich, was den Sinnesorganen in der großen Markthalle von Belem an der Mündung des Amazonas dargeboten wird. Ich parke mein Motorrad und lasse mich durch die Reihen der Händler treiben. Hunderte Fischverkäuferinnen überbieten sich stimmstark im Anpreisen einer unüberschaubaren Flossenvielfalt. Im größten Fluss der Welt leben mehr Fischarten als im ganzen Atlantik. Mehrere Tausend sollen es sein. Am berühmtesten ist der Piranha, doch auch der Zitteraal zählt dazu, der für Stromschläge 800 Volt aufbauen kann, oder der winzige Candirú, der von Urin angezogen wird und so manchem Menschen beim Urinieren im Fluss in die Harnröhre gekrochen sein soll. Nicht weniger eindrucksvoll ist das Angebots-Spektrum an Heilmittelchen und Medizin aus der Naturapotheke des Regenwaldes. Viagra natural ist der Renner, doch auch die selbstgemixte Anti-Moskito-Creme aus 100 Prozent biologischem Anbau verkauft sich gut. Der Mückenschutz muss meiner Ausrüstung hinzugefügt werden, in den nächsten Wochen auf der Transamazonica werden die Quälgeister mit Sicherheit präsent sein. Bereits wenige Stunden später, als ich auf der Straße nach Itaituba verschwitzt und entkräftet vom Motorrad falle, fliegen Moskito-Geschwader aus dem Hinterhalt die ersten Angriffe. Starke nächtliche Regenfälle haben die gestern noch staubige Transamazônica in ein riesiges, nahezu unpassierbares Schlammloch verwandelt.
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Foto: Pichler
Bis zu den Radnaben steckt die Maschine im Schlamm, haltlos dreht der Hinterreifen durch, permanent stellt sich die Fuhre quer, ein Weiterkommen ist Schwerstarbeit. An einer Steigung sind bereits die ersten Lastwagen steckengeblieben. Alle Fahrer müssen nun vier bis fünf Stunden warten, bis der Schlamm auftrocknet. Sie umringen mich, können nicht verstehen, was ich hier mache. In ihren Augen muss man völlig verrückt sein, um freiwillig und dazu noch allein mit dem Motorrad diese Höllenstrecke zu befahren. Wie Recht sie haben, denn ich erreiche die kleine Stadt Itaituba, Hauptsitz der römisch-katholischen Kirche der Region, nur mit allerletzter Kraft.
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Es ist Samstagabend, und auf der Uferstraße tummeln sich gut aufgelegte Brasilianer. Nachdem meine Lebensgeister zurückgekehrt sind, entere ich eine Bar und lande in illustrer Runde: Ein Minenbesitzer, ein völlig betrunkener Buschpilot und der örtliche Radioreporter sprechen über Gott und die Welt. Zu später Stunde kommt noch der Pfarrer hinzu. Als er von meinen Plänen hört, die Transamazônica bis nach Peru zu fahren, gibt er mir spontan seinen Segen. Ansonsten nimmt er es mit den Regeln der Kirche nicht so genau. Gegen Mitternacht schlägt er einen Ausflug ins "Planet" vor. Dort steigt heute eine Forró Feira (Open Air Party mit Live Band), auf der die hübschesten Mädels der Stadt schon auf ihn warten.
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Auf mich wartet anderntags eine einsame Etappe. Die Monotonie der Piste wird nur von zwei als Bretterbuden getarnten Gasthäusern, vier Autos und zwei riesigen schwarzgelben Schlangen unterbrochen. Nach 400 Kilometern ohne jegliche menschliche Ansiedlung erreiche ich staubbedeckt das als malariaverseucht geltende Jacareacanga. Von hier will ich nach San José, einem Goldgräberdorf mitten im Regenwald. Das ist nur per Boot möglich, und so fahre ich mit João, einem unerschrockenen Händler, durch die vom Dschungel fast zugewucherten Flusschleifen des Rio Pacu. Nach vier Stunden kommen wir in San José an: ein verlaustes Hotel, zwei Geschäfte und fünf zwielichtige Bars. Mit Alfredo und seinem Mototaxi geht es auf einer extrem schlechten Piste weiter zu einem Goldgräbercamp.
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Garimpos, wie die Goldgräber genannt werden, schuften hier unter unvorstellbaren Bedingungen. Den großen Reichtum vor Augen, lassen sie sich von Moskitos zerfressen, wühlen halb wahnsinnig geworden im Schlamm. Der goldhaltige Urwaldboden wird mit einem Hochdruck-wasserstrahl abgetragen, der entstehende Schlamm abgesaugt und gefiltert. Das bearbeitete Gebiet sieht aus wie nach einem Bombenabwurf. Das wäre ja noch nicht so tragisch. Doch um das eventuell vorhandene Gold aus dem Schlamm zu binden, wird hochgiftiges Quecksilber verwendet. Das gelangt dann mit dem Spülwasser in Flüsse wie Grundwasser und wird zu einer tödlichen Gefahr für Menschen, Tiere und Pflanzen.
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Zurück auf der Piste Richtung Westen muss ich mit schwerbeladenen Holztransportern kämpfen. Sie ziehen riesige Staubwolken hinter sich her, das Überholen wird zum gefährlichen Glücksspiel. Und nun, am Ende eines staubigen Tages, versperrt eine Schranke die Straße. Ein Indianer-Reservat, das Terra Indigena Tenharim Marmelos, muss durchquert werden, gegen Gebühr. Wenn das Geld den Indios zugute kommt, zahle ich gerne die 15 Reais, etwa sechs Euro für die 17 Kilometer Staubpiste. Am späten Nachmittag erreiche ich endlich den Rio Madeira. Das schwierigste Stück der Transamazônica liegt hinter mir, und zur Feier des Tages gibt es ein kühles Bier.
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Die gefürchtete Piste BR 317 von Rio Branco nach Assis Brasil hat ihren Schrecken verloren. Im Jahre 1990 befuhr ich diese Strecke zum ersten Mal und versenkte mein Motorrad immer mal wieder bis zum Lenker in tiefen Schlammlöchern. Heute ist sie Teil der Estrada do Pacífico und eine nagelneue Asphaltstraße. Es ist daher kein Problem, Puerto Maldonado rechtzeitig zu erreichen, um meine Frau Renate, die mich den Rest der Reise begleiten wird, am Flughafen abzuholen.
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Die nächsten Tage werden zu einer extremen Belastung: Wir fahren vom tropischen Regenwald in die eisigen Höhen der Anden. Kehrenreich führt die staubige Piste auf den Hualla Hualla Pass. Hier, in 4800 Metern Höhe, ist die Luft schon ziemlich dünn, und Kopfweh macht sich bemerkbar. Doch wir geben nicht auf, schließlich wollen wir die Quelle des Amazonas erreichen. Anfangs ist der schmale Weg noch gut erkennbar, vorbei an verlassenen Dörfern fahren wir höher und höher hinauf. Auf einem Hochplateau ist die Piste schließlich zu Ende. Durch tiefen Sand und über Geröllfelder kämpfen wir uns rutschend am Nevado Mismi weiter Richtung Quelle. Endlich: Nach 7587 Kilometer quer durch Brasilien und Peru stehen wir am Ende unserer Kräfte auf 5184 Metern Höhe an der Quelle des Amazonas. Frisches, glasklares Amazonasquellwasser zu trinken ist ein exklusives Erlebnis.
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Nach all der Knochenarbeit auf staubigen Pisten eine gut ausgebaute Asphaltstraße von Cuzco aus weiter Richtung Norden zu befahren, tut im Anschluss richtig gut. Bei Tarma verlassen wir die eisigen Höhen der Anden. In engen Serpentinen windet sich eine schmale Straße in die Tiefe. Schwülwarme Luft steigt uns aus dem Amazonasbecken entgegen.
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In weniger als zwei Stunden durchfahren wir alle Vegetationsstufen der Erde. Wasserfälle stürzen in die Tiefe, dichte Bambuswälder säumen den Straßenrand. Erneut tauchen wir ein in den Urwald und fahren auf einer extrem schmalen Piste nach Pucallpa. Hier enden alle Straßen, ein Weiterkommen ist nur per Schiff möglich.
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"Hoy 5 PM", "Abfahrt heute 5 Uhr Nachmittag, steht in großen Buchstaben auf der Henry 3, einem rostigen Seelenverkäufer, der uns in vier Tagen von Pucallpa nach Iquitos bringen soll. Aber es hat nicht den Anschein, als ob wir heute noch abfahren würden. Wie Ameisen schleppen Lastenträger unzählige Kisten an Bord. Wir hängen unsere Hamacas (Hängematten) auf und warten. Die ganze Nacht wird durchgearbeitet, bis endlich 700 Tonnen Fracht an Bord gebracht sind. Meine KTM findet zwischen Kochbananen und Kokospalmenpflanzen noch knapp Platz. Mit 20 Stunden Verspätung legt das Schiff ab. Zusätzlich zur Fracht sind noch 200 Personen an Bord, das Deck ist gefüllt mit Hängematten. Die Henry 3 ist kein Schnellboot, sie fährt jedes noch so kleine Dorf am Ufer an. Für die hier lebenden Menschen ist das Schiff die einzige Verbindung zur Außenwelt.
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Iquitos ist mit 400000 Einwohnern die größte Stadt der Welt, die nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar ist. Dennoch hat die Stadt ein beeindruckendes Verkehrsaufkommen: Über 20000 dreirädrige Mototaxis knattern durch die Straßen. Zebrastreifen dienen bestenfalls als Straßenverzierung, und vor der heranbrausenden Meute rettet nur ein Sprung auf den Gehsteig. Doch wir müssen weiter. Die einzige Möglichkeit, nach Brasilien zu gelangen, ist der Frachter Lucho. Das Schiff ist in einem erbärmlichen Zustand und völlig überfüllt. Aus Platzgründen sind die Hängematten in zwei Etagen übereinander angeordnet, Platz ist Mangelware. Der Weg zu den Toiletten ist ein Hindernislauf. Gebückt unter Hängematten durch, über am Boden schlafende Kinder und vorbei an gackernden Hühnern geht es zu den WC-Anlagen, deren Zustand unbeschreiblich ist.
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Sechs Tage später erreichen wir Manaus im Herzen Amazoniens. Wir sitzen an der Praça São Sebastião und genießen den Anblick des Teatro Amazônico. Ein neobarockes Bauwerk im Urwald, dessen Baumaterialien aus Europa importiert wurden. Die 36000 Fliesen für die Kuppel stammen aus dem Elsass, die Lüster sind aus italienischem Muranoglas. 1897 fand hier mit großem Pomp die Premiere der Oper "La Gioconda" von Ponchielli statt.
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Zwei Schiffstagesreisen später erreichen wir Alter do Chão. Der weiße Sandstrand am Rio Tabajós erinnert mehr an die Karibik als an ein menschenfeindliches Urwaldgebiet. Der Geruch von gegrilltem Fisch liegt in der Luft, und in der Strandbar wird eiskaltes Bier serviert. Nur beim Schwimmen sollte man aufpassen: Der flache Sandstrand ist Tummelplatz unzähliger Stachelrochen, die bei Berührung bestialische Schmerzen verursachen können.
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Nach 3400 Schiffskilometern starten wir unser Motorrad und fahren auf schmalen Pisten durch dichten Regenwald. Wir möchten die letzten Indianer des Amazonasgebietes besuchen und gelangen nach Redenção. Hier gibt es ein Büro der FUNAI (Indianerbehörde) und nur die stellt die erforderliche Genehmigung zum Besuch der Kayapó aus. In deren Gebiet führen keine Straßen, wir müssen ein Flugzeug mieten. Buschpilot Fernando fliegt uns mit seiner einmotorigen Piper nach Krikretum. Mit im Flugzeug sind vier Säcke Reis, sechs Kartons Zucker, drei Großpackungen Kaffee, fünf Kilogramm Tabak und vier Schachteln Kekse - unser Eintrittsgeld in die fremde Welt des Kayapó-Volkes. Als wir landen, bereitet sich das Dorf auf ein Fest vor. Die Menschen schmücken ihre Körper mit schwarzer Naturfarbe, sie legen farbenprächtigen Federschmuck an. Dann folgen zwei Tage voller mystischer Tänze und Gesänge.

Zurück in Redenção packen wir die KTM. Es geht auf eine letzte, lange Etappe nach Westen zurück an die Atlantikküste. Unsere Reise endet nach 14500 Kilometern mit dem Motorrad und 3400 Schiffskilometern in Fortaleza, wo sie vor 100 Tagen begonnen hat.

Foto-Shows: Reise-Angebote des MOTORRAD action teams

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Infos

Ein Motorrad-Trip entlang der legendären Transamazônica durch das gesamte Amazonasgebiet ist eines der letzten großen Abenteuer. Zum Nachfahren nur bedingt zu empfehlen!

 

Der Amazonas:
Länge: ca. 6500 km
Anrainer: Brasilien, Bolvien, Peru, Ecuador, Kolumbien
Einzugsgebiet: 7000000 km2
Quelle: 5184 Meter über dem Meer in den peruanischen Hochanden
Mündung: Bei Belem fließen 300000 m3/s in den Atlantik

Allgemeines:
Das Amazonasgebiet ist ein Fluss-System der Superlative. Ein Fünftel der gesamten Süßwassermenge der Erde fließen an seiner Mündung in den Atlantik, ein Drittel des Südamerikanischen Kontinentes wird vom Amazonas und seinen Nebenflüssen entwässert. Einst war der Amazonas-urwald ein zusammenhängendes Regenwaldgebiet. 1973 begannen die Bauarbeiten an der Transamazônica, einer Straßenverbindung vom Atlantik zu den Anden. Es war ein Kampf gegen die Natur, 11000 Arbeiter wurden von Armee-Einheiten unterstützt. Von dem stolzen Projekt ist heute nicht viel übrig geblieben: Der geplante Highway ist mehrheitlich ein schlechter Feldweg. Wenn überhaupt, ist er nur in der Trockenzeit befahrbar.


Gesundheit:
Impfungen gegen Hepatitis A/B und Tetanus sowie eine Malariaprophylaxe bzw. Hautschutz gegen Insektenstiche und ein Schmerzmittel sind zu empfehlen.


Anreise/Einreise:
Variante 1: Transport mit Luftfracht ist in jede Großstadt möglich. Die Zollformalitäten zur Einfuhr des Fahrzeuges sind in Brasilien sehr zeitaufwändig und kostspielig.
Variante 2: Transport mit Seefracht. Prinzipiell ist die Seefracht in alle großen Hafenstädte möglich. Unbedingt die Zollformalitäten im Vorfeld klären. Ein gültiger Reisepass, nationale Zulassung und nationaler Führerschein sind obligatorisch. Internationale Zulassung/Internationaler Führerschein oder Carnet de Passage waren auf dieser Reise nicht nötig. Eine Auslandskranken- und Rückholversicherung ist zu empfehlen.


Beste Reisezeit:
Das gesamte Amazonasgebiet ist am besten von Mai bis Oktober zu befahren.


Motorrad und Verkehr:

Außerhalb der großen Städte ist das Verkehrsaufkommen gering, eine Reichweite von 450 Kilometern und gewisse Off-Road-Kompetenz sind auf der Transamazônica erforderlich. In Brasilien besteht Benzin zu 25 Prozent aus Alkohol, daher unbedingt entsprechende Vorkehrungen am Motorrad treffen.


Kommunikation:
Grundkenntnisse im Spanischen für Peru, sowie Portugiesisch für Brasilien sind von Vorteil, denn Englisch wird nur in Touristenzentren verstanden. Öffentliche Telefone sind überall zu finden, das Mobilfunknetz ist dicht, Internetcafés gibt es in allen größeren Ortschaften.
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Literatur und Karten:
Gute Karten bietet der Reise Know-How Verlag: Peru ISBN 3-8317-7080-8, Brasilien ISBN 3-8317-7149-9. Geeignete Reiseführer kommen ebenfalls von Reise Know-How und von Lonely Planet. Infos im Netz: www.horizonsunlimited.com, Infos zur vorliegenden Reise: www.josef-pichler.at

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