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Panorama-Pause bei Orne.

Mit dem Motorrad auf der griechischen Insel Motorradreise auf Kreta

Kreta ist das krisenfreie Motorradparadies: Kurven über dem Meer, Gebirgspässe, Schluchten, dramatische Panoramen und gastfreundliche Menschen. Wenn Achilles einem dann noch die besten Strecken zeigt, will man nie wieder weg.

Steil windet sich die Straße über dem Meer. Jeder Schlag des Ténéré-Einzylinders hämmert gute Laune ins Gemüt. Satt drückt der Motor ab 3000 Touren vorwärts, jetzt schön am Gas bleiben, auch wenn der Untergrund einer vulkanischen Kraterlandschaft gleicht. Sind das noch Reste uralten Asphalts, oder ist das bereits wilde Steinpiste? Schmatzend schlucken Gabel und Federbein Löcher und Aufwerfungen. Hoch über dem abenteuerlichen Mischbelag kreisen drei riesige Geier, tief unten donnert Brandung gegen die Felsen. In die Salzluft mischt sich intensiver Geruch von Kräutern und Blüten, erst mit einiger Verzögerung glaubt das Gehirn den Sehnerven diese atemberaubende Aussicht auf Küstenlinie und Berge.

Kurz vor der totalen Sinnesüberlastung die nächste Kehre. Volle Konzentration, blitzschnelle Entscheidung für die einzig sturzvermeidende Linie, instinktive Schaltmanöver, Heck und Front wieder unter Kontrolle bringen, erneut losstürmen. Mensch und Maschine sind eins, die Ténéré bollert mit doppelter Herzschlagfrequenz, alles Fühlen kriecht in die Mechanik, spürt die Wucht des großen Kolbens, die Drehung der Wellen, Kettenrasseln, Ventile-tickern, kribbelnd wandert Glück die Wirbelsäule hoch, dann beißen malträtierte Beläge wieder in heiße Bremsscheiben.

Ein von Einschusslöchern perforiertes Ortsschild taucht auf, weiß getünchte Steinhütten, schwarz gekleidete Omas, drei Kafenions, davor lauter ältere Männer. Lebensspuren auf der Lederhaut, so tief wie die Schluchten im Südwesten Kretas, Charaktergesichter, genug für zehn neue Filme im „Alexis Sorbas“-Format. Auf den Straßen zerbeulte japanische Pick-ups, die meisten transportieren einen Hund auf der Lade-fläche. Je jünger die Besitzer, desto protziger werden die Pick-ups, ein echter Insel-Macho braucht breite Reifen und Aufkleber mit PS-Angabe an Heck und Flanken.

Wir brauchen Achilles. Dank seiner eindrucksvollen Erscheinung wirkt der nicht gerade schmächtige Mann wie ein griechischer Gott. Geboren im Badeort Matala an Kretas Südküste, wo sich bis in die frühen Achtzigerjahre noch echte Hippies in Felshöhlen mit Cannabis zudröhnten, hat er nach Stationen als Lkw-Fahrer, Kneipier, Koch und Kutterkapitän sein Leben in den Dienst geführter Motorradtouren gestellt und zeigt uns jetzt die schönsten Strecken seiner Heimat. Die hält unendlich viele Sträßchen bereit, gespickt mit zahllosen Kurven, dramatischen Felsschluchten und ergreifenden Ausblicken. Sein Portfolio an Enduro-Pisten ist noch größer. Achilles verfügt also über einen wahren Schatz an Routen, aus dem er abhängig von Wetter und Bedürfnissen seiner Kunden schöpfen kann.

Noch wichtiger als seine Streckenkenntnisse scheinen aber seine Fähigkeiten, fremden Motorradreisenden einen Einblick in die Seele Kretas zu ermöglichen: die Insulaner und ihre über Jahrtausende gewachsene Gastfreundschaft. Das beeindruckt sogar Dani Lengwenus, den Cheftourguide des MOTORRAD action teams, selber ein Touren-Guru. Das Gefühl des Willkommenseins in den Reihen der Landbevölkerung, die endlosen Spaghetti-Wege, die Pässe und Panoramen bereiten ihm genauso viel Spaß wie unserem neuen Freund Günther aus dem tiefen Norden Deutschlands, der die Reize Kretas mit anspruchsvollem Fahrtraining verbindet.

Denn die Strassen sind hier spannend. Mal rutschig, mal gesegnet mit Grip, gerne extrem verschlissen oder gleich ganz weggebrochen. Bremsbereitschaft hilft enorm. In jeder Kurve können Schafe oder Ziegen sein. Achilles fährt mit Gefühl. Und findet eine reizvolle Mischung aus Fahren und Feiern. Unser mehrsprachiger Guide scheint beinahe jeden Kreter persönlich zu kennen. Kein Wunder, letztlich ist hier auch fast jeder mit jedem verwandt. In all jenen Dörfern, in denen die Zündschlüssel auf „off“ gedreht werden, spürt man wärmend die Herzlichkeit der Menschen, die nichts lieber zu tun scheinen, als Durchreisende mit schmackhaften Köstlichkeiten zu bewirten. Oliven, Zwiebeln, Tomaten, Paprika, Orangen und Mandarinen. All das schmeckt nach Sonne - und so viel intensiver als bei uns. Dabei spielt in den Mienen unserer Gastgeber nicht immer nur wohlwollende Freigiebigkeit, sondern mitunter auch unbeugsamer Stolz und eiserner Freiheitswille mit. Die 6000 Jahre alte Geschichte Kretas ist voller Beispiele für die Konsequenz der Insulaner, die zahlreiche Besatzer erduldet und zuletzt der deutschen Wehrmacht ein blutiges Beispiel kretischer Widerstandsfähigkeit geliefert haben.

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Foto: Biebricher
Abenteuerliche Brücke über die Aradena-Schlucht.
Abenteuerliche Brücke über die Aradena-Schlucht.

Während die älteren Männer Karten klopfen, das kretische Nationalgetränk Raki durch ihre Kehlen und Gebetskettchen durch die Hände fließen lassen, betritt Giorgios die Kneipe. Wortreich preist er aus seinem eigenen Weinanbau den besten Tropfen. Davon bekommt jeder eine Flasche geschenkt. Zum Dank werden die Raki-Gläser gefüllt und „Jammas“ (Prost) gebrüllt. Kaum einer der Männer hier, der nicht seinen eigenen Weinberg, einen Olivenhain oder eine Schafzucht besitzt. Das reicht für ein passables Überleben. Andere Kreter machen in Tourismus oder führen ein Kloster, so wie der Pope vom Moni Vrondisiou. Von seinen zig Mönchen sind noch drei übrig geblieben. Schon immer konnte das Kloster auf reichhaltige Spenden der Bevölkerung setzen, und es halten sich Gerüchte, dass der Pope bis heute gerne mit Exponaten aus seiner Kalaschnikow-Sammlung herumballere. Klöster waren in der an Besatzern reichen Geschichte Kretas oft bewaffnete Widerstandsnester. Auch sonst geht in den Bergen Kretas und den Geheimnissen der griechisch-orthodoxen Kirche noch vieles zusammen, was in furchtsameren Regionen als Widerspruch geächtet würde.

Nicht nur in sozialer, sondern auch in verkehrspsychologischer Hinsicht gehen die Uhren auf Kreta anders: Man verliert das Gefühl für Entfernungen. Nach geschätzten 10 000 Kurven und unzähligen Auf- und Abstiegen überrascht uns die geringe Anzahl der zurückgelegten Kilometer. Ist der Tacho kaputt? Nein, es ist das Überangebot an Eindrücken, der schnelle Wechsel der Szenerie, die anhaltende Spannung, die Hitze der Ebenen, die Kälte der Berge. All das strapaziert unsere Sinne, lässt die Kräfte schwinden, die Glückshormone sprudeln.

An der Straße von Pitsidia nach Matala liegt auf einem Hügel die Kneipe von „Crazy George“, der auf seiner Veranda ein BMW-Wehrmachtsgespann und diverse englische Oldtimer-Motorräder mit grandiosem Meerblick kombiniert. George liebt Motorräder und schwärmt von Kuba und Fidel Castro. Warum, sagt er nicht. Selbst unser Achilles weiß nicht, warum George immer „Viva la Revolución“ brüllt, doch er kann uns immerhin glaubhaft versichern, dass viele Kreter wie George einen Hang zu historischen Fahrzeugen zeigen. Nicht, dass Achilles keine Oldtimer besäße: eine Flotte hochbetagter Mercedes, einen originalen Willys Jeep und mehrere alte Harleys, darunter eine fahrbereite von 1947.

Fahrbereit sind wir schon lange, und so schrauben wir die Motorräder dynamisch in die Höhen des Psiloritis-Gebirges. Runterschalten, rechts abwinkeln, links umklappen, rausbeschleunigen, das Geballer der Motoren wird von den Felswänden zurückgeworfen. Bald rücken Schneewände immer näher an die Piste, dann ist die Passage kaum breiter als der Lenker. Das Ende kommt vor einer fünf Meter hohen Schneemauer.

Besser ergeht es uns an den Flanken der Weißen Berge (Lefka Ori), etwa hundert Kilometer Steilkurven weiter westlich: Idyllische Wege schlängeln sich durch heimelige Dörfchen nach Hóra Skakión. Dort legen Fähren nach Loutro oder Paleochora ab. Es locken aber auch grandiose Serpentinen entlang der Steilküste in die Wildnis der Weißen Berge - mitten in eine der Erde entrückte Steinlandschaft. Die schmale Brücke vor der Ténéré führt über die Aradena-Schlucht. Holzbohlen klappern beim Passieren. Lieber nach vorn schauen, denn zwischen den Hölzern blickt man geradewegs auf den 200 Meter tiefer liegenden Abgrund.

In einer Art Kiosk am Rande der Schlucht, direkt neben dem alten Kloster des Erzengels Michael, sitzt Yannis. Tiefschwarze Haarpracht, wilder Bart, blitzende Augen. Sichtlich erfreut über unseren Besuch, kramt der Charakterkopf die Raki-Flasche raus. Endlich hat das Schafezählen mal ein Ende.

In einer Höhe von weit über 1000 Metern endet bei Agios Ioannis auch unsere Straße. Die wüst-romantische Umgebung bietet aber Raum für weitere Abenteuer, und intensive Gewürzdüfte sorgen für eine olfaktorische Reizüberflutung. Dazu schwingt das Aroma des Weins vom Vorabend an den Gaumen zurück. Die Stille nach dem Abstellen des Motors ist gewaltig, und eine tief stehende Sonne spiegelt sich im Yamaha-Lack. Weit weg glitzert das Meer, im Herzen macht sich der Wunsch breit, diese Inselerkundung möge nicht enden.

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Foto: Werel

Infos

Allgemeines:
Kreta ist die größte griechische Insel, liegt 100 Kilometer südöstlich des Peloponnes und dehnt sich auf einer Fläche von 8261 Quadratkilometern über 260 Kilometer Länge. Sie wird durchzogen von vier über 2000 Meter hohen Gebirgen. Die Inselbreite variiert zwischen zwölf und 60 Kilometern. Alle größeren Städte liegen an der Nordküste, internationale Flughäfen sind Chania im Westen und Heraklion in der Mitte. Auch die meisten Hotels stehen an der Nordküste, was den Charme der schwerer zugänglichen und mit weniger Badestränden ausgestatte-ten Südküste erklärt. Gesellschaftlich ist Kreta immer noch durch das Patriarchat geprägt, weil kaum soziale Reformen stattfanden und in ganz Griechenland die Industrialisierung (die Frauen oft stärkere ökonomische Unabhängigkeit bietet) nur langsam voranschritt. Die wichtigsten Erwerbszweige der Kreter sind Tourismus und Landwirtschaft, hier vor allem Oliven, Obst, Gemüse, Wein und Käse. Fast die gesamte Bevölkerung Kretas gehört der griechisch-orthodoxen Kirche an, die traditionell einen großen Einfluss auf das Inselleben ausübt. In der Geschichte sorgte die Kirche für die Erhaltung der Kultur und ersetzte staatliche Autorität. Den zahlreichen Fremdherrschern trat die Kirche nicht nur mit geistigen Mitteln, sondern auch mit Waffengewalt entgegen, weshalb auf Kreta etliche Klöster als Widerstandsnester festungsähnlich ausgebaut sind. Ostern ist das bedeutendste Fest, es gibt pompöse Prozessionen, Böllereinsatz wie in Deutschland zu Silvester und kulinarische Gelage, für die so manches Lamm sein Leben lässt.

Geschichte:
Nachdem die Insel etwa 6000 v. Chr. von Anatolien aus besiedelt wurde, revolutionierte ab 2800 v. Chr. die Kupferherstellung das Leben. Ab 2000 begannen die heute nach ihrem sagenhaften ersten König Minos benannten Minoer damit, sich unter mächtigen Königen zusammenzuschließen und prächtige Paläste zu bauen, deren Überreste heute in Knossós, Festós, Mália und Káto Zakrós zu besichtigen sind. Ab 1450 v. Chr. wurde Kreta für 300 Jahre von der mykenischen Kultur dominiert, bevor römische Einflüsse überhandnahmen. Im Jahr 59 besuchte der Apostel Paulus die Insel und setzte seinen Schüler Titus als ersten christlichen Bischof Kretas ein. Das folgende Jahrtausend verbrachte Kreta unter byzantinischem Einfluss, immer wieder unterbrochen durch Überfälle von muslimischen Arabern. Ab 1204 fiel Kreta für 465 Jahre unter die Herrschaft Venedigs. Anschließend wurde die Insel durch die Türken erobert, unter deren Herrschaftsbereich sie bis 1898 blieb. Dann erfolgte die Selbstständigkeit, 1913 der Anschluss an Griechenland. Im Zweiten Weltkrieg leisteten die Kreter deutschen und italienischen Truppen von 1941 bis 1944 erbitterten Widerstand. Die Wehrmacht löschte in Racheakten für kretische Partisanentätigkeiten ganze Dörfer aus.

Foto: Biebricher
Kourtaliótiko-Schlucht auf dem Weg von Spili nach Preveli.
Kourtaliótiko-Schlucht auf dem Weg von Spili nach Preveli.

Aktivitäten:
Kreta bietet für alle Interessengebiete großartige Erlebnisse: für Naturliebhaber teilweise unberührte und gut zu beobachtende Flora und Fauna, Traumhafte Wanderrouten, viele Tropfsteinhöhlen, packende Biketrails, kurvenreichste Motorradstrecken on- und offroad sowie an den Küsten alle nur denkbaren Wassersportarten. Archäologisch Interessierte kommen dank uralter Kultstätten, Paläste und Klosteranlagen aus einer 6000 Jahre alten Kulturgeschichte auf ihre Kosten.

Motorradfahren:
Wer nicht lange genug auf der Insel bleibt, um die eigene Maschine mitzubringen, kann auf ein üppiges Angebot an Motorradvermietungen zurückgreifen. Die meisten bieten schlecht gewartetes Material. Die Beste von mehreren Ausnahmen ist Yannis Michalakis. Infos: www.eurodriver.gr. Er ist von mehreren Medien bereits zum besten Motorradverleiher Kretas gekürt worden. Seine Modellpalette umfasst Yamaha XT 660 R, Yamaha XT 660 Ténéré, BMW F/G 650 GS, Suzuki DL 650 V-Strom. Yannis arbeitet mit Achilles zusammen, der seinerseits eine Palette von leichten Kawasaki KLX 250 für härtere, reine Enduro-Einsätze (auch im Rahmen seiner geführten Offroad-Touren) anbietet. Kreta ist weniger eine Insel für geschwindigkeitsorientierte Sportfahrer als für Genießer. Die Asphaltqualität reicht von rutschigen und extrem beschädigten Oberflächen bis zu nagelneuen Trassen, die ordentlich Grip bieten. Bei Nässe ist generell besondere Vorsicht geboten, Verkehrsregeln werden seitens der Insulaner eher großzügig interpretiert.

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