Unterwegs: Bulgarien Europas Rückseite

Bulgarien hat mehr zu bieten als günstigen Pauschalurlaub an den Badestränden des Schwarzen Meeres: eine bis zu 3000 Meter hohe Gebirgskette, jede Menge alter Kulturschätze sowie tiefe Einblicke in Europas ungeschminkte Rückseite.

Foto: Daams
Der Türsteher schüttelt den Kopf – und bittet uns trotzdem mit einer einladenden Geste ins Restaurant "Green World". Häh? Was denn nun – rein oder raus? Doch wer sich vor dem Trip gen Balkan ein wenig informiert hat, weiß, dass Kopfschütteln hier – sozusagen im postkommunistischen Raum-Zeit-Kontinuum – Zustimmung bedeutet, Nicken dagegen ein Nein. Also gibt es hier um 23 Uhr, mitten in der wenig kuscheligen Pampa knapp hinter der Grenze, noch was zu futtern. Und nur das ist momentan entscheidend.

Vor einer Stunde sind wir samt obligatorischer Motorrad-Desinfektion aus Serbien eingereist, haben im Grenzort Dragoman ein bescheidenes Zimmer gefunden und stehen nun vor dieser fast intergalaktisch anmutenden Versorgungsstation namens Grüner Welt. "Komm und dann geh weiter, einwandfreie Bedienung, günstig", werben die Flyer und zeigen sogar Swimmingpool und Volleyballplatz. Wow! Es gibt Salat, Pilzsuppe mit Fleischeinlage und eine Tomaten-Paprika-Paste mit Namen Ljutenitza. Die Bedienung ist nicht bloß einwandfrei, sondern ausgesprochen attraktiv. Eine Ankunft, die verschmerzen lässt, dass es im Hotel bis zum nächsten Morgen gerade kein Wasser gibt. Willkommen in Bulgarien.

In einem Bogen den bergigen Süden bis zum Schwarzen Meer durchqueren – das ist in groben Zügen der Plan für die nächsten Tage. Um die nahe Hauptstadt Sofia weiträumig zu umfahren, suchen wir in Slivnica den Abzweig nach Breznik. Gar nicht so einfach, da viele Wegweiser in Kyrillisch geschrieben sind. Und anders als noch vorgestern in Montenegro, findet sich kaum jemand mehr, der englisch oder gar deutsch spricht. Immerhin gelingt es, an einer Bushaltestelle ein prasselndes bulgarisches Wortgewitter auszulösen, das uns schließlich doch irgendwie auf Kurs spült. Nach der Brücke rechts – und dann immer geradeaus. Schließlich empfangen uns Schlaglöcher und Sonnenblumen, so weit das Auge reicht. Der Versuch, wenigstens ab und zu noch ein Stück Asphalt zu treffen, erfordert die ganze Straßenbreite. Aber bis auf gelegentliche Esel- oder Pferdefuhrwerke kommt kaum jemand entgegen. "Germania", lacht ein Bauer mit blitzendem Goldzahn von seinem Kutschbock herab. Erinnerungen an die alte, vorsowjetische Waffenbrüderschaft mit Deutschland während der beiden Weltkriege? Ab Breznik endlich Wegweiser in lateinischer Schrift. Vermutlich Folge des EU-Beitritts 2007. Brooaammm – eine einheimische Fireblade zerreißt bei Dupnica die Monotonie auf der E 79 und zeigt der braven Verwandten CBF 1000 mal schnell, dass über 200 Sachen auch auf der Landstraße locker drin sind.
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Foto: Daams
Wir sind auf dem Weg zu Kloster Rila, prächtigstes Wahrzeichen orthodoxen Glaubens in ganz Bulgarien und Touristenmagnet erster Güte. Umgeben von den fast 3000 Meter hohen Gipfeln des Rila-Gebirges in einem engen Talkessel angesiedelt und nur durch eine enge Schlucht erreichbar. Auf den ersten flüchtigen Blick wirkt es in seinem Streifendesign wie Kunst aus einer Haribo-Lakritzetüte. Zentrum der Anlage ist das so genannte Katholikum, eine dreischiffige Kreuzkuppelbasilika, die an jeder freien Stelle von Decken und Wänden mit üppigen Fresken bedeckt ist. Drinnen schwarzgewandete Mönche mit wallenden Vollbärten. Einer ihrer Vorgänger, Mönch Raphael, hat einst bewiesen, wozu menschliche Geduld fähig ist, und zwölf Jahre, 1790 bis 1802, an einem Kreuz mit 650 winzigen Figuren geschnitzt. Tragischerweise kostete ihn die Mühe anschließend das Augenlicht, aber das Raphaelskreuz gilt heute als eines der bedeutendsten Exponate des Klosters.

Leider sind die Gästezimmer hier ebenso belegt wie die im nahen Hotel Pchelina, so dass wir noch mal durchstarten müssen. Also zurück durchs Tal, anschließend ein Stück E 79 bis Simitli und von dort nach Bansko, dem Tor zum Pirin-Gebirge. Als bedeutendstes Wintersportzentrum Osteuropas gibts in Bansko eine top entwickelte touristische Infrastruktur und sogar ein Kempinski-Hotel. Uns lotst dagegen ein hilfsbereiter Mopedfahrer zur gemütlichen Pension Duata Smar?a in der Altstadt.

Vor der Kirche Sveta Troica lernen wir Plamen Sivka kennen. Der 49-jährige ehemalige Mercedes-Arbeiter aus Berlin-Tempelhof betreibt auf der Ladefläche eines ehemaligen Kfor-Geländewagens mit aufgeklebten Einschusslöchern einen regen Handel mit Ikonen und anderen Preziosen. Mittendrin eine original Glashütte-Taschenuhr mit Hakenkreuz auf dem Zifferblatt. "Es ist immer das Gleiche: Die Parteigenossen von früher sind jetzt hier die Kapitalisten von heute", fasst der geschäftstüchtige Plamen die Situation im Land zusammen. "Es gibt keine Mittelschicht mehr. 90 Prozent der Bulgaren sind unzufrieden, während der Rest wie die Made im Speck lebt." Er jedenfalls nagt nicht am Hungertuch. 150000 Euro habe man ihm schon für seine Münzsammlung geboten, erzählt er. Immerhin enthalte sie Kostbarkeiten aus der Zeit Alexander des Großen.

Wenige Meter entfernt steht die bombastische Statue des Mönchs Paisij Chilendarski (1722 bis1773), der als erster die Geschichte Bulgariens niederschrieb. Von den Anfängen im siebten Jahrhundert bis zur 500 Jahre währenden osmanischen Herrschaft und der damit verbundenen Existenz als türkische Provinz. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging der Wandel im einst kommunistischen Bulgarien, anders als bei den Nachbarn Rumänien und Ex-Jugoslawien, still und friedlich über die politische Bühne. Am 10. Juni 1990 gab es die ersten freien Wahlen, 2004 die Aufnahme in die Nato und 2007 in die EU. Der in den Augen beißende Baustellenstaub verdeutlicht den zumindest ökonomischen Aufschwung des Landes.

Wir fahren weiter Richtung Vihren, dem mit 2914 Metern höchsten Berg des Pirin-Gebirges. Ein holperiges Vergnügen, das schließlich an einer Liftstation sein wenig spektakuläres Ende findet. Umgerechnet 140 Euro kostet hier ein sechstägiger Skipass. Wenig für uns, aber verdammt viel für ein Land, in dem das Gros der Einwohner oft kaum 100 Euro Monatseinkommen zur Verfügung hat.
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Foto: Daams
Goce Delcev, Dospat, Yagodinska – 150 kurzweilige und verschwenderisch kurvenreiche Landstraßenkilometer knapp oberhalb der griechischen Grenze. Der Asphalt oft fragwürdig, aber was macht das schon, außer Spaß? Die liebliche Landschaft erinnert an Schwarzwald und Vogesen. Wären da nicht die ärmlichen Roma-Familien, die sich immer wieder auf ihren Pferdefuhrwerken die Steigungen hinaufquälen. 390000 Mitglieder umfasst diese ethnische Gruppe in Bulgarien, für die selbst mustergültige Antidiskriminierungsgesetze, Stipendien und Wohnungsbauprogramme die Lebensumstände kaum dauerhaft verbessern, sondern eher Neid und Missgunst vieler Einheimischer provozieren, denen es auch nicht gerade rosig geht.

Eisig haucht es aus dem Eingangsschlund der Jagodinska-Höhle, die bei Jagodina einen fesselnden Blick ins Erdinnere ermöglicht und bereits Wohnspuren aus der Jungsteinzeit an ihren Wänden trägt. Heute ist sie die längste Tropfsteinhöhle der gebirgigen Rhodopen.

Der Rückspiegel schafft es kaum, das Panorama aus Felsen, Bäumen und versinkendem Sonnenball einzufangen, das bei Grohotno unseren stetigen Ostkurs begleitet. Konzentrierter Blick nach vorn ist dann auf einer regelrechten Bergsonderprüfung zwischen Stojkite und Smoljan gefragt, wo der Vierzylinder seine sportlichen Gene eindrucksvoll inszeniert. Der Mond steht bereits am Himmel, als wir endlich Smoljan erreichen, in dem bulgarische Flaggen hoffnungsfroh an den Rohbauten des Ortes flattern. Die Stadt ist nicht nur die höchstgelegene, sondern mit zehn Kilometern auch die längste des Landes. Gottlob kürzt ein Taxifahrer die Zimmersuche ab und bringt uns zu dem im Reiseführer empfohlenen Dreitannen-Haus, der Pension von Milena Yurukowa. Die Wirtin spricht nicht nur Deutsch, sondern zaubert im Handumdrehen auch noch was zu essen auf den Tisch. Gemüsesuppe, Salat, Kräutersauce, gefüllte Paprika, Hühnchen, Knoblauchzwiebeln, Zuckererbsen, Kartoffeln – könnte glatt zum Exportschlager werden.

Wir bleiben auf Ostkurs, mal holterdipolter auf buckligen Sträßchen, mal schwebend über frischem, von der EU mit finanziertem Asphalt. Der bulgarische Süden – eine ziemlich ambivalente Region: Auf der einen Seite optimistisch stimmende Projekte wie hier eine neue Kläranlage und dort eine moderne Überführung, die wie Manna vom Himmel gefallen zu sein scheinen. Dann wiederum Dörfer ohne jede Schokoladenseite, dafür mit kariösen Häusern, in deren leeren Fensterhöhlen Plastikfolie flattert.

Madan mit seinen zwei Moscheen, Fotinovo mit einem Laternenmast als Minarett, von dem drei Lautsprecher blechern zum Gebet rufen, der Duft von gegrillten Spanferkeln irgendwo bei Makaza und der Geschmack neongrüner Plastiklimo an einer Tanke im Nichts – Stationen eines Sonntagmittags. Am Straßenrand warten mit Decken und Kartons vor der Hitze geschützte Autos auf kältere Zeiten. Dass diese kommen, verraten ganze Batterien sorgsam geschichteten Brennholzes für den Winter. Vom Leben nach der Schrottpresse träumt ein ausgemustertes Omnibuspärchen bei Tokacka. Genauso nutzlos geworden wie das alte Polizeihäuschen bei Ivajlovgrad. Das daran erinnert, dass hier einst der Eiserne Vorhang die Welten trennte. Wenige Kilometer südlich beginnt Griechenland. Seltsamerweise ist die Grenze zum Nachbarn noch immer geschlossen. Öffnung und Annäherung gehen langsam vonstatten. Nur eine unerschrockene Vorbotin des nahen Westens kriecht uns wenig später gut gepanzert vor die Räder – eine griechische Landschildkröte.

Noch knappe 60 Kilometer bis Ljubimec, genau die richtige Dosis vor dem Feierabendbier. Ruhiges Geschlängel zunächst entlang eines Stausees, ehe sich die Straße vehement aus dem Tal emporschraubt. Ein Adler steht am Himmel, gibt das Signal zum kühnen Steigflug für die 1000er mit dem stolzen Flügel im Tankemblem. Mit mächtigem Druck aus allen vier Zylindern fegt die CBF die Berge hinauf. Mitten im Aufstieg sehen wir abseits der Straße ein Lager der Roma. Extrem deprimierend. Ljubimec bildet buchstäblich den Scheidepunkt der Reise: Jeweils genau 285 Kilometer sind es von dort entweder zurück nach Sofia oder östlich weiter Richtung Istanbul. Wir entscheiden uns für die goldene Mitte, quartieren uns direkt hinterm Wegweiser im Motel Boliarka ein. Jetzt ists nicht mehr weit zum Schwarzen Meer. Nach vier schweißtreibenden Stunden durch flache, wenig spektakuläre Landschaft, schält sich die Industrie- und Hafenmetropole Burgas aus dem Dunst. Mühsam und nur noch nach Strand und Kühlung lechzend, quälen wir uns durch die Stadt. Die nahe Felsenbucht von Pomorie entpuppt sich allerdings als Flop, das Wasser ist trübe, die Ufer zugemüllt. Also weiter. Besser wird es in Nessebar. "Komm mit, Reisen für Anspruchsvolle", steht auf einem zweistöckigen Bus, der im Ort vor einer Bettenburg parkt. Trolleys klackern, Pferdedroschken traben – willkommen im Bulgarien aus dem Reisekatalog, an der "Perle des Schwarzen Meeres". Doch es kann auch anders, zumindest in der von der UNESCO als Weltkulturerbe geadelten, malerisch auf einer Halbinsel prangenden Altstadt. Dort finden wir – dank eines Tipps von Milena Yurukowa aus Smoljan – mit dem Hotel Stankoff eine nette Bleibe direkt an der Promenade (vor dem Stadttor links halten). Vis-a-vis starten die Ausflugsboote zum berühmt-berüchtigten Sonnenstrand von Slãncev Brjag. Im Hochsommer wird dort in ähnlich großem Stil gebruzzelt und gebräunt wie in Torremolinos in Spanien oder in Rimini an der italienischen Adria.

350 Kilometer weit erstreckt sich die Küste hier am Schwarzen Meer zwischen Rumänien im Norden und der Türkei im Süden. Mit Strand in allen Versionen, felsig, sandig und satten 37 Grad im Schatten. Hinten gibts Bauland für sieben Euro pro Quadratmeter, vorne an den Ortspromenaden das europaweite Universal-Unterhaltungsspektrum mit Bild-Zeitung, Abziehtattoos, Schaumpartys und gelegentlich einem coolen Motorrad. Wie weggepustet der Spuk dann bei Kap Kaliakra, wo sich am Strand von Kavarna die Dorfjugend beim Beachvolleyball vernügt. Wir haben das Ende des neuen Westens erreicht. Am anderen Ende des Meeres beginnt bereits der Kaukasus.

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