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Unterwegs: Bodensee Einmal rund um den Bodensee

Magisch zieht das "Schwäbische Meer" Schriftsteller und Maler an. Doch auch Motorradfahrer können sich inspirieren lassen: von schräglagenverdächtigen Straßen, italienischen Momenten, erhebenden Aussichten und freundlichen Einheimischen.

Aus dem Nebel über dem Wasserspiegel schält sich ein neuer Tag. Knisternd kühlt der Motor ab, die lederbekleidete Heldin geht zum Ufer. Das hier soll Deutschland sein? So mild, so italienmäßig? Es gibt wohl nur wenig Motorradfahrer, die sich über solche ersten Anzeichen mediterranen Klimas nicht freuen. Unsere Protagonistin Anna jedenfalls hält ihre nasskalten Glieder in die aufgehende Sonne. Das Licht hier ist heller als anderswo in unserer Republik und hat schon seit langem Künstler an den Bodensee gelockt. So wie jetzt auch Anna mit ihrer Buell.

Auf der Halbinsel Höri ist die Bodensee-Umgebung am grünsten. Apfelbäume flankieren die kleinen Straßen, Bauern haben Verkaufsstände aufgebaut. Pflaumen, Birnen, Äpfel, vor allem riesengroße Kürbisse. In Gaienhofen hat Pirmin Bruttel den schönsten Stand. Ein fröhlicher Landmann, der rund um die Uhr arbeitet, unterstützt von seiner uralten Mutter. Zufrieden wirkt dieser Mensch, großzügig lässt er alle Umstehenden von seinen Früchten probieren. Ja, sagt er, die Heimat liebe er. Den See, das Klima, die Menschen. Stolz berichtet er von Berühmtheiten, die es hierher verschlagen hat. Der Maler Otto Dix zum Beispiel wohnte ein Dorf weiter südlich, in Hemmenhofen. Auf der Meersburg arbeitete Annette von Droste-Hülshoff. Hier in Gaienhofen lebte Anfang des 20. Jahrhunderts der Schriftsteller Hermann Hesse. Die Erzählung "Unterm Rad" entstand auf der Höri.

Auf dieser Halbinsel kann man mit Treckern um die Wette cruisen, was mit der niederfrequent pulsierenden Buell gar nicht so artfremd erscheint. Mit Schmackes in die zahlreichen Kurven zu stechen, macht aber noch mehr Spaß. Die Straßen winden sich durch Ansammlungen knorriger Apfelbäume auf den Wiesen. Friedlich grasende Pferde und Kühe komplettieren die Land-idylle, schauen kaum auf, wenn die Buell vorbeibollert. Hinter Radolfzell verbindet ein Damm das Festland mit der Insel Reichenau. Auch hier wächst alles prächtig vor sich hin. Nahrhaftes Obst und Gemüse, teilweise in großen Gewächshäusern, was die Anmut des Eilands leicht schmälert.

Trotzdem ist die Insel seit 2000 UNESCO-Weltkulturerbe. Ihren mittelalterlichen Kirchen aus dem 9. bis 11. Jahrhundert sei Dank. Wen es interessiert: Das Münster Sankt Maria und Markus in Mittelzell lohnt einen Besuch. Nicht nur wegen seiner Schatzkammer, auch wegen seines Kräutergartens, der streng nach dem Lehrbuch "Liber de cultura hortorum" von Abt Walahfrid Strabo angelegt ist. Im Jahre 827 erstellte dieser Kirchenmann eine Liste mit 23 Heilpflanzen. Warum, weshalb, wieso genau diese Zusammenstellung? All das kann man nachlesen. Jedenfalls sind bis auf den heutigen Tag alle 23 Kräuter in diesem idyllischen Gärtchen zu finden.

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Foto: Daams

Auf dem Weg zum Strand steht er auf einmal da. Ein winziger Verkaufsstand, ein Gebilde aus zwei Holzkisten, in denen ein paar hellgelbe Kürbisse liegen. Daneben eine weiße Plastiktüte, aus der dunkelgrüner Mangold lacht. Auf dem Boden eine weitere Kiste mit vielleicht zwölf Kürbissen. "Jedes Stück", verheißt ein verwittertes Preisschild, koste 20 Cent. Das ganze Ensemble liegt auf einer alten, verrosteten Schubkarre. Die Krönung dieses Gesamtkunstwerkes ist die Verkäuferin selber. Ein altes Mütterchen. Filzpantoffeln, geblümte Schürze, helle Bluse, braune Strickjacke, Kopftuch, schlohweißes Haar. 82 Jahre ist sie alt und redet wie ein Wasserfall. Letzte Woche habe sie ihre Tante zu Grabe tragen müssen. Nur 101 Jahre sei die geworden. Dann reicht das Mütterchen Möhren und Pfirsiche an Anna weiter. Will nichts von Bezahlung wissen. Die Buell ist schon lange weitergefahren, da bewegen sich die Lippen der Alten immer noch.

Die alte Stadt Meersburg kann man nicht passieren, ohne die Burg Meersburg anzusehen oder Felchen zu essen. Der Felchen ist ein Fisch aus dem Bodensee, eine Spezialität der Region. Bevor sie Meersburg verlässt, tauscht Anna die Buell gegen die Honda CBR 600 ihres Fotografen ein.

Im Vergleich zum Ami-Eisen schnurrt der japanische Vierzylinder leise und geschmeidig. Zügig geht es den Berg hoch. Vorbei an Schloss Salem, auf dessen Parkplatz Karossen stehen, die ausschließlich der Welt großen Wohlstands entstammen. Nur kein Neid, wer will schon bei solchem Wetter im Auto hocken? Bei Markdorf trifft Anna auf Frau Kaup. Auch sie 82 Jahre alt, auch sie extrem mitteilsam. Doch vorher will sie alles wissen. Woher, wohin, warum? Dann kommt ihre Lebensgeschichte. Unaufgefordert, scheinbar immer noch traumatisiert. Von Armut und Krieg. Von den Flüchtlingen, die über den zugefrorenen Bodensee in die Schweiz wanderten, sie selber habe das auch gemacht, um ihre Schwester zu besuchen. Es folgt eine Einladung zum Kaffeetrinken ins Haus der großen Familie von Frau Kaup. Kuchen wird aufgefahren, Enkel kommen zu Besuch, mehr "human touch" geht kaum. Der Abschied fällt Anna schwer, aber sie will noch auf den Pfänder, von dem man einen guten Blick auf die ganzen 63 Kilometer Länge des Sees hat.

Schnell über Markdorf nach Friedrichshafen, leider keine Zeit für das absolut sehenswerte Zeppelin-Museum, dessen Direktion auf unnachahmliche Weise Technik mit Kunst verknüpft hat. Dann Lindau mit seinem malerischen Löwentor-Hafen, der tollen Promenade, anschließend die Grenze nach Österreich, Lochau, Bregenz. Jetzt die Pfänderstraße. Buell und Honda können sich in vielen Kurven austoben.

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Foto: Daams
Bei der Reise um den Bodensee erlebt man vielfältigste Ausblicke. Auf dem Pfänder beispielsweise genießen Motorradwanderer ein nahezu einmaliges Bodensee-Panorama.
Bei der Reise um den Bodensee erlebt man vielfältigste Ausblicke. Auf dem Pfänder beispielsweise genießen Motorradwanderer ein nahezu einmaliges Bodensee-Panorama.

Oben angelangt ein fantastischer Blick. Und wieder dieses Licht, das all die Literaten und Maler angelockt hat. Ernst Jünger, Sigmund Freud, Thomas Mann, John dos Passos, James Joyce, Ernest Hemingway. Sie alle waren hier. Manche sind schnell wieder geflüchtet, weil die Gefahr von Müßiggang und damit von Laster hoch war. Einige Dichter gerieten in eine Art Traumzustand ob dieser lieblichen Landschaft und schenkten der Nachwelt Sätze wie diese: "Nehmen Sie sich vor der Bodenseefaulheit in Acht", oder: "Der Bodenseezustand ist einer des seligen Verblödens."

Der umtriebige Luxemburger Norbert Jacques fuhr auf einer Fähre über den See, sah einen vierschrötigen Passagier an der Reling lehnen und hatte in diesem Moment seine Idee für "Doktor Mabuse". Anna kann verstehen, dass man hier von Menschen zu Romanen inspiriert wird. Immer wieder säuselt die Honda an Herrschaften vorbei, die den Zenit des Lebens längst überschritten haben. Doch dass der Bodensee ausschließlich ein Rentner-Paradies sei, lässt sie nicht gelten. Einer der ganz großen Alten aber ist immer geblieben: Martin Walser, der deutsche Schriftsteller-Star. Sein ganzes Leben, sein ganzes Schaffen lang hat er es am Bodensee ausgehalten, Müßiggang war genauso wenig ein Thema für ihn wie für Anna, die sich jetzt das überirdische Bild vor ihr Zentimeter für Zentimeter einprägt. Mediterran erstreckt sich der See über den Vorderrädern von Honda und Buell, fast unendlich wirkt er. 240 Alpengipfel umgeben ihn. Ein jeder posiert majestätisch am Horizont, grau oder weiß.

Das Schweizer Ufer will auch noch befahren und erlebt werden. Walzenhausen im Kanton Appenzell eilt der Ruf eines "Balkons über dem See" voraus. Wieder genießt Anna den Blick, nachdem schon die Anfahrt alles andere als langweilig war. Schon deshalb nicht, weil Annas Fotograf die Bekanntschaft eines Schweizer Verkehrspolizisten machte, der die Geschwindigkeit der Buell kurz nach einem Ortsschild gemessen hatte. Drei Stundenkilometer zu schnell kosteten dann 40 Franken. Künstlerpech. Glück empfindet Anna beim spektakulären Blick vom 2590 Meter hohen Säntis. Im Sommer lohnt eine Wanderung auf den Gipfel, für schlecht trainierte Flachlandtiroler nicht ganz leicht. Glücklicherweise gibt es noch die Seilbahn, um sich ausgeruht von der anderen Welt in der Höhe und dem rasanten Flug der Bergdohlen überwältigen zu lassen.

Die nächsten Highlights sind Arbon, Romanshorn und später Konstanz oder Stein am Rhein. Anna und ihr Fotograf würden gern in all diesen Orten länger verweilen, doch zerrinnt ihnen die Zeit zwischen den Reifen. Zumal sie drei andere Motorradfahrer auf schweren Tourern treffen und sich mit ihnen soweit anfreunden, dass ein Maschinentausch und damit neue Fahrerlebnisse möglich werden. Als sie endgültig lassen müssen von den Ufern des Bodensees haben sie vieles nicht gesehen. Weswegen sie schwören, sich baldmöglichst wieder vom besonderen Licht und den durch das Hinterland mäandernden Asphaltbändern anlocken zu lassen.

Zeichnung: Archiv

Infos

Bodensee? Da sollten Sie nicht lange warten, der Frühling kommt hier zeitiger als anderswo in Deutschland. Außerdem locken Kurven und Sehenswürdigkeiten.

Allgemeines
Der Bodensee wird von Deutschland (Baden-Württemberg, Bayern), Österreich (Vorarlberg) und der Schweiz (Thurgau, St. Gallen, Schaffhausen) umrahmt, die Ländergrenzen laufen teilweise durch das Wasser. Die anglophile Welt nennt den See "Lake of Constance", die Franzosen schließen sich mit "Lac de Constance", die Italiener mit "Lago die Constanca" an. Bei den Römern hingegen hießen die drei im nördlichen Alpenvorland gelegenen Gewässereinheiten (Obersee, Untersee und Seerhein) "Lacus Brigantinus" (nach der Stadt Bregenz, die ein römischer Stützpunkt war). Die deutsche Bezeichnung "Bodensee" ist vermutlich auf die im Westen gelegene Kaiserpfalz Bodman zurückzuführen. In skandinavischen und slawischen Sprachen wird der Name aus der deutschen Sprache übernommen. Form und Gestalt des "Schwäbischen Meeres" bildeten sich in der Würm-Eiszeit, also vor gut 25000 Jahren, als ein aus dem alpinen Rheintal austretender Gletscher das Fundament für den See legte, der sich vom Hegau bis Oberschwaben erstreckt und nun nach Plattensee (594 m2) und Genfer See (582 m2) mit 536 m2 der drittgrößte See Mitteleuropas (und der größte Deutschlands) ist. Hauptzufluss des Obersees ist der Alpenrhein, Abfluss des Obersees ist der Seerhein, der wiederum Hauptzufluss des Untersees ist. Alpenrhein und Seerhein vermischen sich nur wenig mit den Seewässern und durchströmen sie in meist gleichbleibenden Bahnen. Zahlreiche weitere Flüsse fließen in den See. Die Wasserqualität ist heutzutage wieder sehr gut, nachdem der See nach dem Zweiten Weltkrieg schon stark verschmutzt war. Insgesamt liegen elf Inseln in unterschiedlichen Größen im Bodensee. Die größten im Obersee sind die Mainau und die Insel Lindau. Die größten Halbinseln sind Bodanrück, Mettnau und Höri. Rund um den See liegen Holzboot-Werften.

Klima
Das Bodenseeklima ist mild. Es gilt allerdings aufgrund des ganzjährigen Föhneinflusses, häufigem Nebel im Winterhalbjahr und Schwüle im Sommer als Belastungsklima. Bei Wassersportlern gilt der See aufgrund der Gefahr starker Sturmböen bei plötzlichen Wetterwechseln als nicht ungefährliches und anspruchsvolles Binnenrevier. Gefährlichster Wind ist der Föhn, ein warmer Fallwind aus den Alpen, der durch das Rheintal auf das Wasser schießt und Wellen bis 4,50 Meter Höhe erzeugen kann.

Sehenswert

Archäologisches Freilichtmuseum Pfahlbaudorf bei Unteruhldingen (www.pfahlbauten.de) , Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried für seltene Vögel und Pflanzen (nabu-wollmatingerried.de), Naturschutzgebiet Altenrhein (www.bodensee-ufer.de). Zeppelinmuseum Friedrichshafen: Museum zur Geschichte und Technik der Luftschifffahrt. Gleichzeitig Sammlung von Kunstwerken aus der Bodenseeregion vom Mittelalter bis zur Moderne. Unbedingt ansehen (www.zeppelin-museum.de). Für Fans: Fliegen mit dem weltweit größten und modernsten Luftschiff Zeppelin NT über den See und die Alpen. Einzigartiges Erlebnis, ideales Geschenk (www. zeppelinflug.de). Altstädte oder/und Promenaden von Konstanz, Meersburg, Lindau, Bregenz, Arbon, Rohrschach, Stein am Rhein. Insel Mainau, Insel Reichenau. Burgruine Hohentwiel (www.singen.de), Affenberg Salem (www.affenberg-salem.de) Schloss Salem (www.salem.de), Kartause Ittingen (www.kartause.ch) und unbedingt der Säntis (www.säntisbahn.ch) sowie die Motorradrouten in seiner Nähe, zum Beispiel die Schwägalp.

Felchen
Felchen gehören zur Familie der Lachsfische, zu der auch die ähnlich aussehende Forelle gehört. Vom althochdeutschen Wort "forhana" (für Forelle) leiten sich die Namen der beiden Fische ab. Ursprünglich kamen Felchen in den sibirischen Strömen und in Alpenseen vor, mittlerweile sind sie fast nur noch im Bodensee heimisch. Ihr festes und helles Fleisch ist für die feine Küche geradezu prädestiniert, einfach in Butter gebraten ein unerwartetes kulinarisches Vergnügen.

Anreise

Ab Stuttgart über die A 81 bis Abfahrt Singen. Dann weiter Richtung Konstanz, Singen oder Schaffhausen.

Übernachtung

Ausprobiert: Hotel zum Schiff, Meersburg, direkt am See, Sonnenterrasse, DZ ab 76 Euro. Telefon: 07532/45000, www.hotelzumschiff.de, Berggasthof Fritsch in Lochau am Pfänder, fantastischer Blick auf See, DZ 43 Euro, Telefon: 0043-5574/43029, www.fritsch.co.at. Hotel Linde in Heiden (Schweiz), DZ ab 160 Franken, (www.lindeheiden.ch).

Karten/Literatur

ADAC-Karte Bodensee-Allgäu-Oberschwaben, Maßstab 1:100000, 6,50 Euro, GeoMap-Karte Bodensee, 1:75000, 6,60 Euro. Reiseführer Bodensee, Hans-Peter Siebenhaar, Michael Müller-Verlag, 15,90 Euro. Bohème am Bodensee, Literarisches Leben am See, Manfred Bosch, 69,90 Euro.

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