Unterwegs: Elefantentreffen Verrücktes Wintertreffen im Bayerischen Wald

Wer meint, Minusgrade könnten Motorradfahrer vom Touren und Zelten im Freien abhalten, sollte Ende Januar eine Winterreise zum Elefantentreffen im Bayerischen Wald unternehmen. Das Elefantentreffen 2010 findet vom 29. bis 31. Januar im Bayerischen Wald statt.

Foto: Eisenschink
"Die ersten kommen schon eine Woche vorher", meint Wolfgang Schmitz über die Teilnehmer des Elefantentreffens, das jedes Jahr Ende Januar stattfindet. Er selbst ist als Leiter des Organisationsteams ebenfalls schon vorab im Hexenkessel von Loh aktiv. Ob Aufstellen von Schnee- und Absperrungszäunen oder von 45 Toilettenhäuschen, mit seiner Sherco-Trialmaschine ist Wolfgang im Gelände überall zur Stelle. Was nicht jedem Teilnehmer gelingen wird, vor allem nicht mit Straßenreifen; denn der steile Kessel von Loh, der "Hexenkessel", dieser fast wie ein Trichter gebogene Berghang, er hat auch dieses Jahr wieder eisige und schneeglatte Passagen zu bieten. Tatsächlich kommen manche der winterharten Menschen und Maschinen des Elefantentreffens schon lange vor dem Hauptwochenende an, einfach, weil sie in Ruhe quatschen, am Feuer sitzen und nachts ohne Störungen die Eiseskälte genießen wollen. Denn trotz globaler Erwärmung: In den Höhen des Bayerischen Waldes waren bei den letzten Wintern immer wieder kältere dabei, mit nächtlichen Temperaturen von weit unter zehn Grad minus. Da kann man in Ruhe seine Kälte-Knack-Techniken erproben, von denen jeder Teilnehmer sein ganz eigenes Patent hat. Die Biwak-Puristen liegen einfach mit möglichst gutem Daunen-Schlafsack und Isomatten im Minizelt. Andere reisen als Gruppe an und bauen wahre Zelthallen auf, die sie dann mit Heuballen auslegen. Sogar kleinere Kanonenöfen werden auf Motorrädern und Gespann-Beiwagen zum Treffen gekarrt.
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Foto: Eisenschink
Für Übernachtungen im Schnee ist Klaus aus Rottal am Inn, den hier alle nur "den Baron“ nennen, bestens gerüstet; denn geradezu adelig ist der Komfort seines zum Wohnmobil umgebauten Russengespanns: bequeme Liegefläche, gute Isolierung, innen mit rosa Plüsch ausgeschlagen und mit Guckfenster, Dachluke und Mückennetz versehen. Wobei das Mückennetz bei den hier heute Nacht herrschenden 15 Grad minus nicht wirklich nötig gewesen wäre.

Doch die Nacht ist nicht die einzige Kälteprüfung des Winterfahrers, die An- und Abreise mit schneidend kaltem Fahrtwind ist es mindestens ebenso. Auch wenn mancher Besucher im Auto anreist und das Motorrad im Anhänger bringt, die harten Männer der Winterfahr-Fraktion kommen den ganzen Weg mit dem Motorrad. Wie 2009 Dmitry Balaev, der 8800 Kilometer von Moskau über Jordanien anreiste. Auch bei kürzerer Anfahrt ist man entsprechend ausgerüstet: großer Windschild, Windabweiser für die Beine, dick gefütterte Lenkerstulpen, in die man die warmen Handschuhe voll hineinstecken kann und die auch die Wärme der Griffheizung nicht im Wind verpuffen lassen. Ganz zu schweigen vom Nierengürtel mit eingearbeiteten Wärme-Pads oder einer selbst konstruierten Heizung für spezielle Stulpen an den Fußrasten. Das Elefantentreffen zeigt, wie die wahren Kälte-Cracks unterwegs sind.
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Foto: Eisenschink
Und die meisten davon haben ihren Haupt-Anreisetag am Freitag vor dem eigentlichen Elefanten-Wochenende, dem letzten Wochenende im Januar. Bis zum Samstagnachmittag haben sich dann fast alle der Elefanten eingefunden, der Hexenkessel von Loh ist gefüllt. Über 4000 Teilnehmer waren es voriges Jahr: Auf schätzungsweise 3000 Motorrädern und mit fast so vielen Zelten. Das ergab an die 1000 Lagerfeuer.

Langsam senkt sich der Abend über das Elefanten-Lager. Vor Ladenschluss wird noch schnell eine Fahrt nach Grafenau in den Supermarkt gemacht. So manche Flasche Hochprozentiges wird mitgebracht. Der Tag geht, und Johnnie Walker kommt. Wahre Wärme strahlt von innen. Auf ihr Lagerfeuer wollen die meisten dennoch nicht verzichten, und wer keines hat, findet bei den Nachbarn Platz. Das Elefantentreffen ist real funktionierender Sozialismus. Hier rückt man zusammen, macht Platz am Feuer, teilt sich ein Schnitzel, gibt einen Teller heiße Spaghetti oder eine Tasse Gulaschsuppe ab. Tauscht Obstler aus Schladming gegen Bärwurz aus Zwiesel, Grappa aus Vicenza gegen Sliwowitz aus Podgorje. Und quatscht Benzin. Auf Deutsch, Tschechisch, Italienisch, Englisch, Französisch. Das vereinte Europa gabs beim Elefantentreffen schon vor der EU.
Dann ist Sonntag: Auf dem für Autos gesperrten Straßenstück nach Solla ist die Hölle los. Mit Brennholz beladene Gespanne flanieren da, riesige Heuballen werden auf vergleichsweise winzigen Enduros zum Kessel balanciert, eine Ladung Bierkästen kommt mit dem Kettenkrad aus dem Zweiten Weltkrieg angerattert. Viele Besucher stürzen sich als Schaulustige zu Fuß in das Kessel-Treiben. Der Rauch von hunderten Feuern verbreitet die Atmosphäre eines mittelalterlichen Heerlagers. Allerdings mit der Geräuschkulisse einer Panzeroffensive, denn wie donnernde Kampfwagen prescht gerade ein kompletter Motorradclub auf Ural-Gespannen den Hang hoch. Den Besuchern wird das barocke Gesamtkunstwerk aus Form, Farbe und Klang geboten. Und aus Geruch, denn in den Duft der Lagerfeuer, brutzelnden Spanferkel und rauchenden Glühweinpötte mischt sich schneidend die Zweitakt-Note einer partout nicht richtig laufen wollenden Hercules K 125 Military.
Startprobleme und Pannen sind eines der Lieblingsthemen der Winter-Elefanten, die mit glühender Begeisterung jedem Besucher oder Zeltnachbarn erzählen. "Meine 1100er-GS ist mir zu perfekt“, vertritt Michi aus Neumarkt eine gängige Meinung der Winterfraktion. Und reist zum Wintertreffen generell nur mit seinem chinesischen Jangtse-Gespann, das ihn durch ein vielfältiges Pannen-Potpourri mit immer neuen Herausforderungen beglückt. "Vor drei Jahren musste ich das letzte Stück zum Treffen nachts ohne Licht fahren, weil der Strom nur für die Zündung reichte“, erzählt Michi strahlend. "Aber der wirkliche Clou war dann, dass mitten in den Bergen auch noch die Kupplung verreckt ist." Dann eben ohne Licht und ohne Kupplung kilometerweit durch die kalte Nacht. Das kann doch einen Schneemann nicht erschüttern.

Und ein nicht anspringender Motor auch nicht. Jedenfalls liegt der Besitzer eines Russengespanns schon über eine Stunde in stoischer Ruhe auf einer Eisplatte unter seiner Ural am Boden und frickelt an der Zündung - wenig erfolgreich, aber anscheinend in gewohnter Routine. Auf den Tank der schon sehr betagten und sicher schon öfter liegen gebliebenen Maschine hat er geschrieben "Olga, du Sau“. Was für eine Liebeserklärung!
Zeichnung: Archiv

Infos: Elefantentreffen

Seinen Namen hat das Treffen von der Zündapp KS 601, einst auch "Grüner Elefant" genannt. 1956 trafen sich deren Fahrer erstmals bei Stuttgart, seit 1961 wird das Treffen vom BVDM veranstaltet, seit 1987 trifft man sich in Solla/Loh. Termin 2010: 29. bis 31. Januar. Infos unter www.bvdm.de. Auch ein "Altes Elefantentreffen" hat sich etabliert, das am Nürburgring stattfindet. Infos unter www.alteselefantentreffen.de

 

Anfahrt:
Das rund 40 Kilometer nordwestlich von Passau gelegene Solla erreicht man von Süden auf der A 92 Richtung Deggendorf/Passau, von Norden über Regensburg auf der A 3 Richtung Deggendorf/Passau. Nach Deggendorf die Abfahrt Hengersberg und von dort auf der B 533 Richtung Schönberg und Grafenau. Zum Elefantentreffen kurz vor Schönberg in Innernzell rechts ab nach Solla und Loh. Oder auf der A 3 bis zur Ausfahrt Garham/Vilshofen und über Eging nach Thurmansbang und dann nach Loh.

Unterkunft:

Das Hotel zur Post in Schönberg (Marktplatz 19, 94513 Schönberg, Telefon 08554/96160, www.hotel-post-schoenberg.de) bietet für Motorradfahrer kostenlose Garage, Trockenraum, Schrauberecke und Tourentipps für den Bayerischen Wald und das Dreiländereck. Das DZ kostet 62 Euro. Am Freitag und Samstag des Elefantentreffens sind alle Hotels der Region ausgebucht. Rechtzeitige Reservierung absolut nötig! Zimmer-Infos gibt es bei den Touristen-Infos Thurmansbang (Telefon 08504/1642, www.thurmansbang.de) und Schönberg (www.schoenberg-bayerwald.de) sowie beim BVDM (www.bvdm.de).

Literatur:
MOTORRAD-Generalkarte Blatt 17: Regensburg, Weiden, Passau, 1:200000, Preis 5,90 Euro. Wer es ganz genau will: Kompass-Karte Nr. 196 "Mittlerer Bayerischer Wald“, 1:50000, Preis 6,95 Euro.DUMONT Reise-Taschenbuch Ostbayern, Regensburg, Bayerischer Wald von Daniele Schetar und Friedrich Köthe zum Preis von 14,95 Euro. "Mit Hammer und Schlüssel“ von Tom van Endert ist das Standardwerk für Ural- und Dnepr-Gespannfahrer und sollte in keinem Beiwagen-Gepäckfach fehlen, Preis 24,90 Euro.

Informationen:

Neben den bei "Unterkunft“ genannten Stellen und dem Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM) gibt es Auskünfte über den Bayerischen Wald unter www.ostbayern-tourismus.de und www.bayerwald-info.de.

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