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Mit Schwung durch Sandpassagen – oder stehen bleiben und staunen: Die Pisten der Baja sind reich an Abwechslung, fordern von ihren Bezwingern aber einen bewussten Umgang mit Wasser und Benzin.

Unterwegs: Enduro-Abenteuer Abenteuer an der Baja California

Die schmale mexikanische Halbinsel südlich von Kalifornien gilt mit ihren vielseitigen Facetten als eines der ganz großen und unvergleichlichen Offroad-Eldorados dieser Welt. Rainer Herhaus und Joachim Sauer suchten auf den Spuren der berühmten Rallye Baja 1000 nach den besten Trails.

Die rechte Hand liegt am Abzug seiner Maschinenpistole. Grimmig blickt der Uniformierte auf die Sport-Enduros, mit denen Rainer und ich nur fünf Minuten zuvor über die mexikanische Grenze gelangt sind. Plötzlich hellt sich die Mine des Polizisten auf und er schreit: "Wheelie". "Wie bitte"? Seine Gestik ist eindeutig: "Wheelie!" Es gibt keinen Zweifel mehr: Nichts wie weg, erster, zweiter Gang, und ich ziehe durch bis in den vierten. Auf dem Hinterrad. Die Checkpoint-Truppe jubelt.

Nach wenigen Kilometern biegen wir auf einen unscheinbaren Schotterweg nach Süden ab. Er schlängelt sich durch ausgedehnte Nadelwälder auf den Parque Nacional Constitucion zu, dessen Gipfel noch mit blendend weißen Schneekuppen überzogen sind. Ein ganz anderes Gesicht Mexikos dann östlich von Ensenada, wo alljährlich die große Baja 1000 Rally gestartet wird, ein Martyrium von 1000 Meilen in unter 30 Stunden, ohne Pause! Bunte Bänder an Sträuchern weisen uns den Einstieg in die Rennstrecke. Über einen flüssigen Track mit meterhohen Anliegern und kübelgroßen Löchern gelangen wir bald in ein breites, trockenes Flussbett. Erste Kakteen mit zentimeterlangen Stacheln tauchen auf. Wer wie wir nicht mit Moose-Schläuchen unterwegs ist, hält besser Abstand. Der feuchte, griffige Sand bildet eine tolle Spielwiese für erwachsene Männer mit ihren 450er-Spielzeugen.

Die Markierungen der Rennstrecke leiten uns Richtung Sierra San Pedro Mártir, mit über 3000 Metern die höchste Erhebung der Halbinsel. Unser heutiges Ziel, Mike’s Sky Ranch, ist bekannt als Treffpunkt der Offroad-Szene. Die Anfahrt bietet einmal mehr Gelände für Genießer. Nach einigen Kilometern auf schnellen Sandpisten kurbelt sich der Weg allmählich in die Höhe. Regen setzt ein, und extrem rutschiger Schlamm kommt ins Spiel. An einer steilen, mit Felsen durchsetzten Auffahrt treffen wir auf einen schwer bepackten Hummer-Geländewagen. Jack aus Alabama ist gerade dabei, mit einem schweren Hammer die vordere Gelenkwelle zu tauschen. Hilfe brauche er nicht, danke. Er habe im Irak-Krieg gekämpft, da seien das hier nur Peanuts, erklärt er uns stolz.

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Foto: Sauer
Weiter geht's durch Felder mit riesenhaften Kakteen.
Weiter geht's durch Felder mit riesenhaften Kakteen.

Noch eine letzte breite Flussdurchquerung, und wir erreichen nass und durchfroren endlich die Ranch. Zum Glück gibt es einen geheizten Salon, wo Jim und Nick aus Los Angeles das Wort führen. Richtige Baja-Freaks, die ihre Zuhörer bis spät in die Nacht mit Abenteuer-Storys fesseln. Mit zahlreichen Tipps versehen, bollern wir anderntags Richtung Ostküste. Die Fleece-Pullis können schon bald ausgezogen werden. In der Laguna del Diablo, einer großen Salzpfanne im Schatten der Sierra, ist es schon so warm, dass die Luft flimmert. Welch ein Kontrast: oben schneebedeckte Bergketten, unten pure Wüste, überzogen mit einer weißen Salzkruste. Die Versuchung ist groß, mit Vollgas einfach über die weite Ebene zu brettern. Doch Nick hat davor gewarnt: "Unbedingt auf der Hauptspur bleiben!" Abseits davon könne man leicht durch die vermeintlich harte Deckschicht einbrechen "and then you are in deep shit".

Südlich von San Felipe stoßen wir auf den Golf von Kalifornien. Schmale Schotterpisten führen einsam direkt an der traumhaften Küste entlang. Eine Strecke, die geradzu euphorisch macht. Dann nehmen wir den anspruchsvollen Calamajue Canyon in Angriff. Hohe Felswände strahlen in den buntesten Farben, während Wasser, Tiefsand und Schlamm genau die richtigen Ingredienzien für unsere Mopeds bilden. Für ein Foto gibt Freund Rainer seiner KTM so richtig die Sporen und gerät in einer Kurve mit dem Vorderrad in eine tiefe Rinne. Kapitaler Überschlag - mit dem Kopf voran kracht er auf den Boden, die Maschine zum Glück an ihm vorbei. Er schreit vor Schmerz. Mein erster Gedanke: "Wo finde ich in dieser gottverlassenen Gegend einen Arzt?"

Glücklicherweise klagt Rainer nach einigen Minuten und einer ersten Zigarette nur noch über starke Schmerzen an Oberschenkel und Rippen. Vorsorglich hat er Schmerztabletten eingepackt, und so geht es nach einer halben Stunde und einem kleinen Service am Bike weiter nach Bahía de los Angeles, wo ich ihm eine ausgiebige Erholung verordne.

Mit dem gesamten Vorrat an schmerzstillenden Tabletten der örtlichen Apotheke brechen wir nach zwei Nächten wieder auf. Eine lange Etappe quer über die Halbinsel Richtung Pazifikküste steht auf dem Plan. Hundert Prozent Offroad durch den unbeschreiblichen Parque del los Cyrios. Neben mächtigen Cirio Kakteen, zusammen mit den Säulenkakteen so etwas wie die Wahr-zeichen der Baja, sprießen hier auch kleinere Kakteenarten, dafür mit mächtigen Dornen. Für Rainer kein Problem, als ich ihm einmal mit dem Leatherman vier Zentimeter lange Stacheln aus der Hand herausoperieren muss - seine Pillen wirken Wunder.

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Foto: Sauer
Auch kleine Bäche regen die Vegetation der Wüste an und lassen sie immer wieder anders erscheinen.
Auch kleine Bäche regen die Vegetation der Wüste an und lassen sie immer wieder anders erscheinen.

Kurzer Tankstop beim Überqueren der MEX1 - ein dubioser, graubärtiger Gemüsehändler verkauft Sprit in alten Milchkanistern - und schon geht es weiter gen Westen. Verwaschene und abgelegene Schotterspuren führen durch riesige Kakteenwälder. In der Ferne spiegelt sich der Pazifik, doch es dauert eine Ewigkeit, bis wir an die Küste gelangen. Pure Einsamkeit. Die in der Karte eingezeichneten Dörfer stellen sich als verlassene Fischercamps heraus. Unsere Motoren laufen bereits auf Reserve. In einem Ort, den uns Nick genannt hatte, soll man Benzin kaufen können, doch weit und breit zeigt sich keine Menschenseele. Uns dämmert, dass wir hier heute nur noch im Dunkeln rauskommen, wenn überhaupt. Endlich - die Sonne senkt sich bereits wie eine mächtige Apfelsine spektakulär in den Ozean - entdecken wir in der Ferne ein Boot in einer kleinen Bucht. Eine Fischerfamilie verkauft uns jeweils eine Gallone Sprit. Damit sollten wir es zurück zur MEX1 schaffen, auch wenn bereits die Nacht anbricht.

"Noch 120 Kilometer, maximale Konzentration!", ermahne ich Rainer. "Hier darf absolut nichts passieren!" Parallel nebeneinander leuchten zwei mal 35 Watt eher schlecht als recht, um Spuren und Auswaschungen auf den engen Sandwegen zu erahnen. Doch nach einer Kurve urplötzlich ein tiefer Graben, ich kann im letzten Moment mit einem Gasstoß durchtauchen. Mein Freund überschlägt sich erneut. Alles ist finster und still. Nur ein schmerzvolles Stöhnen lässt ahnen, dass es Rainer gröber erwischt hat. Ganz vorsichtig den Helm abnehmen. Einige Minuten später kann er sich langsam etwas aufrichten. Seine Diagnose: "Jetzt isse ganz hin, die Rippe."

Nach einer längeren Pause hieve ich Rainer auf seine Maschine, hänge mir seinen Rucksack um. Irgendwann weit nach Mitternacht erreichen wir ein rettendes Motel. Das Abenteuer Baja ist damit fast zu Ende. Hart im Nehmen, quält sich Rainer schon am nächsten Morgen auf sein Bike. Ihm steht die letzte, nun vielleicht sogar härteste Etappe bevor: 400 Kilometer nach San Diego. Nach einem nicht enden wollenden Tag und haarsträubenden Erlebnissen mit schmerzfreien Truckern sind wir am Ende wieder in den USA und damit zurück in der hektischen Zivilisation. Hasta la vista, Baja!

Zeichnung: Werel

Infos

Die Baja California ist ein Reiseziel für alle, die Wüsten mögen und Naturliebhaber sind. Ihre Flora und Fauna sind einzigartig, das Motorradfahr-Erlebnis vor allem offroad fast überirdisch gut!

Allgemeines:
Die mexikanische Halbinsel Baja California schließt südlich an den US-Bundesstaat Kalifornien an. Wichtigste Nord-Süd-Verbindung ist die etwa 1700 Kilometer lange Asphaltstraße MEX1 von Tijuana bis Cabo San Lucas. Die Baja übertriffft in der Länge den italienischen Stiefel, ist aber deutlich schmaler. Mit weniger als drei Menschen pro Quadratkilometer ist die Baja, die aus zwei mexikanischen Bundesstaaten besteht, dünn besiedelt. Im Gegensatz zu anderen Regionen Mexikos, in denen archäologische Ausgrabungen, prächtige Kolonialstädte oder bunte Indianermärkte Touristen faszinieren, bietet die Baja pure Natur. Zwischen Mitte Januar und Ende März ist sie in verschiedenen Buchten eines der weltbesten Ziele, um Grauwale zu beobachten. Pelikane, Geier und weitere Tiere können jeden Tag gesichtet werden. Die Vielfalt der 120 verschiedenen Kakteenarten, von denen einige bis zu 20 Meter hoch werden, ist legendär.

Anreise:
Entweder über Kalifornien (San Diego) nach Tijuana/Tecate oder von Arizona aus nach Mexicali. Weitere Möglichkeit: im Zuge einer Mexiko-Reise per Fähre von Mazatlan nach La Paz oder Guayamas. Für die Einreise genügen in der Regel gültiger Reisepass sowie eine Autorisierung des Besitzers zum Gebrauch des Fahrzeuges.

Reisezeit:
Zwischen Oktober und Mai liegt die beste Reisezeit. Von Februar bis April herrschen tagsüber ideale Bike-Temperaturen von 20 bis 25 Grad Celsius.

Geld:
Für einen Euro erhält man derzeit etwa 15,5 Pesos. Kreditkarten werden in größeren Orten akzeptiert, in abgelegenen Regionen zählt nur Bargeld. US-Dollar werden fast überall akzeptiert, an Geldautomaten kann man mit der EC-Karte (Maestro) Pesos abheben.

Motorrad Fahren:
Wer die Baja intensiv erfahren möchte, sollte eine geländetaugliche Maschine benutzen. Straßenmotorräder sind mehrheitlich auf die gut ausgebaute MEX1 mit ihrem sicheren Tankstellennetz angewiesen. Für Touren abseits der Hauptroute sollte der Tank mindestens 250 Kilometer Reichweite ermöglichen. Wenn das nicht genügt, findet man mit etwas Glück auch Sprit aus Kanistern in kleinen Siedlungen.

Organisierte Reisen:
Die meisten Baja-Touren werden von den USA aus organisiert. Im Offroad-Sektor gibt es drei Tipps: www.bajaoffroadtours.com, www.bajaboundmoto.com, www.trailbosstours.com. Onroad empfielt sich die Firma Edelweiss, die Trips von San Diego nach Cabo San Lukas anbietet. Infos: www.edelweissbiketravel.com.

Übernachten:
Die Baja ist trotz dünner Besiedlung reich gesegnet mit Campinplätzen, Pensionen und Hotels, deren Preise bei etwa 25 Dollar starten. Empfehlenswert: Pinta Hotels. An vielen Küstenorten im Westen und Osten findet man primitive, aber lohnenswerte Hütten, wildes Campen ist möglich.

Karten/Literatur:
Karte Baja California, Reise Know How, 1:650000, 8,90 Euro, Führer Baja California & Los Cabos, Lonely Planet, 19,99 Dollar, Baja California Almanac, 24,95 Dollar, www.baja-almanac.com

Foto: Sauer
Die Zivilisation entlang mancher Strände dienen auch als Stationen für die Rallye
Die Zivilisation entlang mancher Strände dienen auch als Stationen für die Rallye "Baja 1000".

Mutter aller Rallyes - Baja 1000

Die Baja 1000 gilt als brutalstes Offroad-Rennen der Welt. In den USA genießt die Rallye höchsten Stellenwert, die Fahrer sind Helden.

Unglaublich, aber die Baja wird in nur einer Etappe bestritten, so dass die Sieger auf der extrem schnellen und staubigen Strecke nicht selten ohne Pause 25 Stunden unterwegs sind. Allerdings können sich mehrere Fahrer ein Motorrad teilen. Die Veranstaltung, die jeden November stattfindet und meistens von Ensenada nach La Paz sowie teilweise wieder zurück verläuft, wurde am 31. Oktober 1967 zum ersten Mal gestartet. Sie ist berüchtigt für ihre fanatischen Zuschauer, die auch schon mal tiefe Löcher ausgraben oder Sprungschanzen bauen, um das Spektakel zu steigern. Der Status der Baja gleicht in den USA dem der Dakar in Europa, was die starke Werksbeteiligung erklärt. Wer die Baja gewinnt, wird zur Legende. Unter den bisherigen Siegern glänzen die Amerikaner Steve Hengefeld und Larry Roeseler, zunächst auf Motorrädern, später in der Autowertung. In den letzten Jahren errang der Deutsche Armin Schwarz in der Buggywertung Podestplätze. Bei den Motorrädern war Cyril Despres einer der erfolgreichsten europäischen Piloten.

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