Unterwegs: Enduro-Safari in Lappland In der Mitte von Nirgendwo

Endlose Natur, gnadenlose Einsamkeit und nirgendwo Verbotsschilder. Wer in Lappland Enduro fährt, kommt der totalen Freiheit auf zwei Rädern sehr nahe. Autor Anton Scholz erlebte diesen Traum auf einer Enduro-Safari unter der Mitternachtssonne.

Foto: Scholz
Enduro fahren. Ohne Einschränkungen, durch scheinbar endlose Weiten. Ein lang gehegter Traum, dem ich quer durch Finnland bis in den hohen Norden Lapplands folge. Dort soll es losgehen. In einer kleinen Gruppe mit einem Guide mitten hinein in die Wildnis. Das kleine Dorf Saariselkä, das als Ausgangsbasis für mein Offroad-Abenteuer dient, ist eher ein Wintersportmekka und lebt von den Besuchern, die um die Weihnachtszeit hierherkommen. Dann lassen sich in der polaren Dämmerungsstimmung mit Rentierschlitten oder Snowmobilen die schneebedeckten Winterlandschaften perfekt entdecken.

Jetzt im Sommer ist wenig Betrieb. Statt polarer Kälte herrschen milde Temperaturen, und die Sonne geht rund 250 Kilometer nördlich des Polarkreises nie ganz unter. Ich könnte also theoretisch die ganze Nacht durchfahren! Solche Ideen verflüchtigen sich allerdings rasch. Nach den ersten Stunden Training auf der KTM 250 EXC ist klar, dass ich vom richtigen Enduro fahren ähnlich viel Ahnung habe wie von Nuklearphysik, nämlich keine. "Vergiss alles, was du vom Straßenfahren weißt”, fordert der Instruktor. Langsam beginne ich zu lernen: stehen, sitzen, bremsen, leichte Drifts, schalten im Stehen.

In den Pausen gerate ich ins Nachdenken: Finnland ist ein seltsames Land. Die Landschaft rau und wild und die Menschen davon tief geprägt. Die meisten Finnen sind extrem ruhig. Ja, man könnte sagen, dass Europas führende Nation in der Telekommunikation lieber schweigt. Wer einmal ein Interview mit Formel-1-Pilot Kimi Räikkönen gesehen hat, weiß wovon die Rede ist... Den Finnen wird nachgesagt, dass sie zur Melancholie neigen und Einsamkeit lieben. In der Ruhe liegt die Kraft – vielleicht bringt das Land mit seinen nur fünf Millionen Einwohnern neben der höchsten Selbstmordrate in Europa gerade deshalb so viele herausragende Renn- und Rallyefahrer hervor?

Nach einem harten Training geht es in die ursprüngliche Natur Lapplands. Die ersten Strecken lassen sich noch ganz gut bewältigen: grober Schotter und ausgetretene Wanderwege. "Bereit für ein wenig Wald?” fragt Jysky, der die Enduro-Safaris vor ungefähr fünf Jahren gegründet hat. Auf ein unsicheres Nicken und noch bevor einer ein Wort entgegnen kann, gibt er seiner Enduro die Sporen, dass einem der Dreck um die Ohren fliegt wie ein Schwarm wütender Hornissen. Als Jysky "Wald" sagte, meinte er das offensichtlich wortwörtlich. Es geht über Stock und Stein, im Slalom zwischen Bäumen hindurch, durch Bäche und tiefe Schlammkuhlen, schroffe Hügel rauf und runter.

Während mich die Maschine komplett durchschüttelt, überlege ich, ob das wirklich Spaß oder doch eher Masochismus in Reinkultur ist. Beim Kontakt mit großen Steinen springt das Vorderrad wild hin und her. Ein Gefühl, das bei mir als Straßenfahrer alle Warnleuchten auf Rot schaltet. Sobald die grobstolligen Reifen jedoch wieder die Erde berühren, verbeißen sie sich wie hungrige Wölfe darinund katapultieren die Maschine regelrecht vorwärts. Hat man sich irgendwann an diese Art des Fahrens gewöhnt und auch die ersten längeren Schlammpassagen ohne Sturz gemeistert – nicht ohne seinem Hintermann eine Schlammpackung verpasst zu haben –, ist klar, dass es doch eher Spaß ist. Wobei ein Quäntchen Masochismus sicherlich dazugehört, wie bei jeder Extremsportart.

Auf einem Hügel angekommen, machen wir eine kleine Pause. Meine vom langen Fahren im Stehen schmerzenden Beine finden endlich Ruhe. Ich lasse mich auf den Boden fallen und kann zum ersten Mal das unglaubliche Panorama genießen, das sich vor uns ausbreitet. An einem klaren Tag wie heute reicht der Blick kilometerweit über die sanft geschwungenen Hügel, die sich wie wogende, grüne Wellen bis zum Horizont erstrecken. Lappland ist im Vergleich zum flachen Süden Finnlands direkt bergig, und erst hier finde ich die Ausblicke, nach denen ich mich auf der Fahrt gen Norden einige Male gesehnt habe.

Selten in meinem Leben habe ich mich so entfernt von der Zivilisation gefühlt. Würde Jysky sich jetzt einfach aus dem Staub machen, ich könnte mit meiner KTM herumfahren, bis der Sprit ausginge, ohne reelle Chance, auf eine Straße oder eine Menschenseele zu treffen. Irgendwie ist das Gefühl jedoch eher befreiend als bedrückend, und ich genieße diese schier unendliche Weite des Landes.

Vorbei an kristallklaren Seen, aus denen man ohne Sorge trinken kann, und durch dichte Wälder, die in den warmen Strahlen der Abendsonne einen eigentümlich harzigen Duft verströmen, kehren wir nach Saariselkä zurück. Kurz vor dem Dorf stoppt Jysky plötzlich seine Maschine und gibt ein Zeichen, die Motoren auszuschalten. Zunächst bin ich etwas verdutzt, bis ich dann eine ganze Herde von Rentieren ausmache, die kaum einen Steinwurf entfernt durch den Wald streift. Friedlich ziehen sie vorbei und sind schließlich wieder im Unterholz verschwunden.

Mein erster Tag auf einer echten Enduro – sturzfrei, aber erschöpft und mit reichlich schmerzenden Gliedern freue ich mich auf die heiße Sauna, die unweigerlich am Ende eines jeden Tages in Finnland steht. In der schweißtreibenden Hitze können sich die Muskeln wieder entspannen, und es bleibt Zeit, mit Jysky bei einem kühlen Bierchen die Tour für den nächsten Tag zu planen.

Er erzählt, dass 1865 in Lappland das erste Gold gefunden wurde und wenig später ein wahrer Goldrausch ausgebrochen sei. Selbst heute gibt es noch Menschen, die in der entlegenen Wildnis ohne Strom und Komfort dem Wetter sowie den Milliarden von Moskitos trotzen, um ihrem Traum nachzujagen: den einen großen Goldnugget zu finden. Den einen, der ihnen über Nacht Reichtum bringt. Hier und dort waren schon vereinzelte Zelte der Schürfer im Wald zu sehen, und an einigen Stellen existieren noch richtig kleine Goldgräberdörfer.

Am nächsten Morgen bringt uns Jysky zu einem dieser Plätze, wo ein ehemaliger Goldschürfer seinen alten Traum nun an andere "vermietet": Er verpachtet kleine Abschnitte seines Landes an goldhungrige oder abenteuerlustige Touristen, die dann aus eigener Kraft nach dem Edelmetall schürfen können. Die Gastfreundschaft in der Wildnis ist groß, der Schürfer lädt uns auf ein zweites Frühstück ein. Schwarzbrot mit frischem Rentierschinken und der allgegenwärtige finnische Kaffee, den die Finnen lieben – aber eben nur die Finnen. Vielleicht wäre er mit Milch ein wenig erträglicher, doch Milch ist Mangelware. Wobei gut ein Drittel der finnischen Bevölkerung ohnehin an einer Laktoseallergie leidet.

Beim Essen versichert mir der bärtige, sonnengegerbte Mann, dass eine Woche fleißiges schürfen, genug Gold für zwei Ringe einbringen kann. Zum Beweis zieht er einen frisch geschmiedeten Goldreif aus seiner Tasche. So mancher Heiratswillige würde seine Partnerwahl nach einer harten Woche gemeinsamen Schürfens sicher noch mal überdenken...

Na, da ist Endurofahren die weit angenehmere Alternative. Weiter geht‘s, doch nur wenig später auf einem steilen Stück bergab wird mir die Fahrt plötzlich zu rasant und ich lange in die Bremse. Ein Fehler, denn auf den mit Moos und Flechten bewachsenen Steinen schmiert das blockierende Vorderrad schlagartig weg, und zack, segele ich über den Lenker ins Nichts. Hochrappeln, weiterfahren, nur das Handgelenk schmerzt leicht. Es dauert nicht lange, da gebe ich wieder richtig Gas.

Als ich dann nach dem Mittagessen wieder auf die KTM steigen will, ist das Handgelenk jedoch so geschwollen, dass ich den Gasgriff nicht mehr richtig halten kann. Nun schmerzt es teuflisch. Aber hier draußen gilt: Zähne zusammenbeißen und durch, eine andere Wahl gibt es nicht.

Gegen Abend kommt uns kurz vor Saariselkä erneut ein steiles, felsbrocken-übersätes Bergabstück vor die Räder. Die Erfahrung des Vormittags hat mich gelehrt: Manchmal ist Angriff die beste Verteidigung! Statt zu bremsen gebe ich diesmal Gas und scheine fast über die Felsen zu fliegen. Jaaa, das ist es!

Wenig später sitzen wir schlammverschmiert unter der Mitternachtssonne und genießen ein kühles Bier als Belohnung für den harten Tag. Die Gedanken kreisen um die neuen Erfahrungen. Es ist eine ganz andere Welt, diese Enduro-Welt. Härter, anstrengender und schweißtreibender als ich Motorradfahren von der Straße her kenne. Dafür auch aufregender. Geist und Körper werden an die Grenzen geführt.

Als ich nach vier Tagen purem Offroad-Abenteuer in Lappland schließlich wieder auf meine "Reiseenduro” steige und mich auf den Weg nach Helsinki mache, kommt mir mein Motorrad plötzlich groß, schwer und fast langweilig vor. Wer weiß, vielleicht sollte ich bei nächster Gelegenheit die Koffer abmontieren, andere Reifen aufziehen und testen, wie viel Enduro wirklich in ihr steckt...

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel