Das Schicksal brachte den Autor in die Westtürkei. Doch nicht nur die Küste ist sehenswert. Auch das Hinterland ist es wert einen Abstecher dorthin zu machen. Hier der Caybogazi-Stausee nördlich von Kas.

Unterwegs: Die türkische Westküste Enduro-Tour entlang der türkischen Westküste

Er wollte nach Istanbul. Doch das Schicksal entschied anders und zwang unseren Autor auf eine Reise durch die Westtürkei, die ihn neuen Chancen und Risiken auslieferte. Wozu Istanbul, wenn die Erlebnisdichte bereits hier schon so hoch ist?

Foto: Schäfer
Das Schicksal brachte den Autor in die Westtürkei. Doch nicht nur die Küste ist sehenswert. Auch das Hinterland ist es wert einen Abstecher dorthin zu machen. Hier der Caybogazi-Stausee nördlich von Kas.
Das Schicksal brachte den Autor in die Westtürkei. Doch nicht nur die Küste ist sehenswert. Auch das Hinterland ist es wert einen Abstecher dorthin zu machen. Hier der Caybogazi-Stausee nördlich von Kas.

Die Berge voraus wirken wie eine undurchdringliche Wand. Und doch führt dort die einzige Straße hinauf, die Marmaris mit dem Hinterland verbindet. Vor einer halben Stunde sind Thierry und ich mit der trägen Fähre von Rhodos an der türkischen Ägäisküste gelandet. Es ist noch früh. Vereinzelt lavieren Gruppen von britischen Badegästen auf der Suche nach einem englischen Frühstück über die Uferpromenade. Marmaris ist ganz auf Touristen eingestellt und sieht seinen Gästen nach, dass sie die Stadt halb nackt in Beschlag nehmen. Ein Anblick, der Thierry schnurstracks auf Ortsausgang und Berge zuhalten lässt. Oder treibt ihn schon unsere Verabredung zum Brunch? Die wartet gut 200 Kilometer östlich in Kas auf uns.

Wellige Kurven und rauer Belag, der warme Geruch von Pinien in der Nase und die Mundwinkel weit in den Wangenpolstern: endlich wieder in der Türkei! 2008 war ich zuletzt hier, kam von Syrien und wollte über Istanbul heimfahren. Leider verhagelte das Schicksal diesen Plan, ich musste von Anamur, dem Südkap der Türkei, eine Fähre direkt nach Griechenland nehmen, bevor ich die alte Stadt am Bosporus erreichen konnte. Jetzt ist meine zweite Chance für Istanbul gekommen. Zusammen mit Thierry aus Frankreich will ich zum Ausgangspunkt Anamur fahren, um von dort das damals Versäumte nachzuholen. Wir sind gut vorbereitet und rechnen mit vielem. Nur mit einem rechnen wir nicht: dem Schicksal.

Vorerst aber bekommen unsere Augen eine Landschaft vor die Rampe gefahren, die Seltenheitswert hat: der Golf von Gökova. Wie die Scheren eines fulminanten Krebses umschließen zwei Landzungen das azurblaue Meer auf einer Länge von 100 Kilometern. Jetzt ein Foto, doch Thierry schaut auf die Uhr: "Denk an Dave!" Richtig, unser zweites Frühstück. Thierry hatte Dave vor ein paar Wochen über eine Motorradreiseplattform kennen gelernt, und wir sind prompt eingeladen worden.

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Auf der Höhe von Kalkan geht die D 400 auf Tuchfühlung mit dem Meer. Immer enger schmiegt sie sich ans Ufer und muss deshalb jede Biegung der Küstenlinie bis Kas mitmachen. Jetzt lassen wir unsere BMWs die Teerdecke nach Kräften massieren. Der Grip der Strecke ist so tadellos, dass sich die Vorderhand meiner HP2 am Kurvenausgang immer wieder kurz gen Himmelsblau reckt. Und dann kröpft sich die Straße schon wieder in eine andere Richtung. Was für eine Strecke! Da fällt selbst der kleine Hunger zunächst nicht auf, der sich langsam aus den Tiefen des Speiseschachts hervorarbeitet.

Dave hatte uns den Weg von Kas aus durch die Berge zu seinem Haus beschrieben. Und richtig: In einem weiten Hochtal steht das massive Steinhaus unweit einer kleinen Kreuzung. Als wir auf das Tor zufahren, springen uns sechs Hunde entgegen. Dave winkt uns vom Hauseingang zu, einfach hineinzufahren. Hinter ihm, mit den schulterlangen roten Haaren, das muss seine Frau Juliet sein. Der lose Kies auf dem Fahrweg sprotzt unter den Reifen weg, und die vierbeinige Rotte tollt um uns herum. Vierbeinig? Einer der Hunde hat auch nach dem zweiten Hinschauen nur drei Beine. Dave lacht: "Juliet hat ihn aufgenommen. Sie nimmt alle herrenlosen Hunde auf." "Hätte ich ihn einschläfern lassen sollen?", kontert Juliet. "Einen Menschen schläfert man ja auch nicht ein, nur weil ihm ein Bein fehlt. Und jetzt kommt herein!"

Mit dem ersten Schritt ins Haus verlassen wir die Türkei und reisen nach Großbritannien ein. Mobiliar von der Insel, Fotos vom Armycorps. "Mein Vater war bei der Armee, und ich bin schließlich auch hingegangen. Als Munitionsentschärfer. Ich habe lange in England und danach in Deutschland gearbeitet." Dave schaltet auf Teildeutsch um: "In Mönkengladbak. Da habe ik Motorradfahren gelernt. Fantastisch! Now, I have eine XT und eine TT 600. Good bikes für die Türkei."

Mit einem Full English Breakfast im Bauch nehmen Thierry und ich eine der heißesten Strecken auf dem Tellerrand der türkischen Riviera unter die Reifen. Sie heißt immer noch D 400, taucht bald in schattige Wälder ein, und der würzige Geruch von Blättern und Holz strömt durchs angewinkelte Visier. Dann tritt sie wieder ins Freie und scharwenzelt 200 Meter über dem Meer. Unablässig reihen sich kleine Steilkurven hintereinander, die schräglagentastende Fußspitzen ins Leere fühlen lassen. Das 80-Kilometer-Spektakel geht erst zu Ende, als die Burg von Anamur im weichen Abendlicht am Ende eines ewig langen Strandes über den Horizont lugt. Eben dieser Strand ist unser Ausgangspunkt für den Weg nach Istanbul.

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Vom Tourismus entdeckt: die Kalksinterterrassen von Pamukkale.
Vom Tourismus entdeckt: die Kalksinterterrassen von Pamukkale.

Verborgen unter den Sandkörnern von Anamur schlummert zigtausendfaches Leben. Vor ein paar Monaten haben Scharen von Caretta-caretta-Schildkröten ihre Eier hier vergraben. Mit dem nächsten Vollmond schlüpfen die Jungen. Die wenigsten von ihnen werden überleben, denn Vögel, Krabben und Fische warten schon. In diesem Jahr können wir das große Schlüpfen leider nicht abwarten. Rund 1000 Kilometer trennen uns jetzt von Istanbul, und ab Antalya werden wir noch genug Fantastisches zu sehen bekommen. Die unglaublichen Sinterterrassen von Pammukkale zum Beispiel. Oder die Meerenge der Dardanellen. Also, Zeit zum Aufsatteln! Doch dann kommt dieser irritierende Moment, den jeder kennt.

Thierrys Boxer brummelt schon vor sich hin, als ich auf den Startknopf drücke. Ein ungewohntes Geräusch begleitet die Arbeit des Anlassers. Es hört sich so an, als verpufften seine Energien ungenutzt, aber schließlich springt der Motor an. War also doch nur ein vorübergehendes Hüsterchen, das kommt und wieder geht.

Mit weiten Serpentinen lässt die Straße Richtung Denizli das überbordende Häusermeer von Antalya und dessen einträgliche Strände hinter sich. An einem unscheinbaren Abzweig mit dem Hinweis "Termessos" biegen wir von der Hauptroute ab. Stellen Sie sich einen Berggipfel vor, in den man nachträglich einen Krater eingebaut hat. Genau so wirkt das Amphitheater von Termessos. Nur dass dieser Krater über steinerne Sitzreihen verfügt. Und wenn man auf den oberen Reihen sitzt, sieht man 1000 Meter tiefer die türkische Riviera. Auch ohne Schauspieler ein Schauspiel der Extraklasse!

Kaum sind wir wieder bei den Bikes, macht sich das Hüsterchen von Anamur wieder bemerkbar. Diesmal länger. Der Anlasser jammert kraftlos vor sich hin, und am Ende will der Boxer nur noch durch Anrollen gestartet werden. Sollen wir so nach Istanbul fahren? Thierry schüttelt den Kopf. "Wenn wir mal kein Gefälle haben, kommst Du mit dem Ding keine 100 Meter weit." Was sollen wir tun? Thierry kommt auf eine Idee.

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Immer an der Wand lang: Die Küstenstraße nach Kas hat es in sich.
Immer an der Wand lang: Die Küstenstraße nach Kas hat es in sich.

Es ist schon später Nachmittag, als wir wieder bei Dave, Juliet und der Hundemeute einlaufen. Thierrys Gedanke, dass Dave dem lahmen Anlasser auf die Sprünge helfen könnte, trifft ins Schwarze. "Kein Problem, das bekommen wir wieder hin!" Dave ist ganz in seinem Element. "Das wird der Anlasserfreilauf sein.

Im Ort gibt es einen Schweißer, der das reparieren kann." Wenig später schweißt sich der hilfsbereite Mann in Rage. Im Funkenflug wird der Freilauf zunächst wieder heil. Doch bevor ihn jemand daran hindern kann, verschweißt der eifrige Helfer den Freilauf kraftschlüssig mit dem Gehäuse. Just in diesem Augenblick ist Istanbul, das heute Morgen noch so nah schien, auf einen anderen Planeten gewandert. Dave macht mir Mut. "Bis das Ersatzteil hier ankommt, nimmst Du meine XT, und wir erkunden Lykien, mein Hinterland. Morgen geht‘s los!"

Das Hochtal, in dem Daves Haus steht, bleibt schnell unter uns zurück. Zahllose Kurven bringen uns höher und höher, bis sich ein neues, noch höher liegendes Tal vor uns auftut. In seiner Mitte prangt jadefarben der Caybogazi-Stausee. Thierry grinst: "Warum willst Du eigentlich nach Istanbul?" Dave versucht das Ballern der TT zu übertönen: "Wenn Euch das schon gefällt, dann wird es gleich noch mal besser!" Sagt's, kickt den ersten Gang rein und biegt auf einen breiten Feldweg ab. Der schraubt sich auf die nächste Ebene des lykischen Hochlands. Immer wieder passieren wir Schafherden, die von bewaffneten Hirten begleitet werden. "Wegen der Wölfe", ruft uns Dave zu.

Als wir über die nächste Kuppe fahren, kann ich durch die Staubfahnen der TT und der GS zunächst nicht richtig sehen. Aber als sich der Dunst legt, breitet sich im Tal ein gigantischer Spiegel aus. In absoluter Windstille reflektiert der Girdevsee die umliegenden Zweieinhalbtausender perfekt. Dave frohlockt: "Na, was meint ihr?" Thierry nimmt mir die Worte aus dem Mund: "Istanbul kann warten."

Was wir noch nicht wissen: Der Expressversand des Ersatzteils wird noch über eine Woche brauchen. Istanbul muss weiter warten, das Schicksal hat uns ausgetrickst.

Zeichnung: Archiv

Infos

Egal, ob mit oder ohne Istanbul-Besuch: Eine Reise entlang der Küste und durch das Hinterland der Westtürkei ist ein fahrerisches und emotionales Erlebnis.

Anreise:

Von Stuttgart bis Izmir muss man etwa 2500 Kilometer veranschlagen. Die Route führt über Österreich, Ungarn, Serbien oder Rumänien und Bulgarien. Wer diese Distanz auf eigener Achse scheut, kann ab Villach in Österreich den Autozug (www.optimatours.de) bis Edirne/TR nutzen. Die einfache Fahrt gibt es ab 240 Euro. Alternative Abkürzungen sind die Autozüge bis Verona (www.autozug.de) und die Fähre Ancona/I-Cesme/TR von www.marmaralines.com ab 230 Euro für eine Person mit Motorrad.

Reisezeit:
Frühjahr und Herbst sind die idealen Reisezeiten für die westtürkischen Küstenregionen. Im Sommer wird es an der Küste bisweilen sehr heiß, aber in den Bergen des Hinterlands kann man sich auf ein paar Grade niedrigere Temperaturen einstellen.

Übernachten:
Die türkische West- und Südküste ist auf Touristen eingestellt. Besonders in der Gegend zwischen Bodrum und Marmaris sowie zwischen Antalya und Alanya sind Hotels so häufig wie die Wellen im Meer. Bei dem großen Angebot lohnen sich Preisvergleiche und -verhandlungen. Empfehlungen sind das Hotel www.nisanyan.com in Sirince in der Nähe von Efesus/Efes und der Campingplatz www.anamurdragonmotel.com von Pervin Kilic am Strand von Anamur gleich neben der mächtigen Burg.

Die Strecke:
Die Türkei wartet mit allen erdenklichen Straßenqualitäten auf. Autobahnen (mautpflichtig) und Landstraßen sind oft in gutem bis sehr gutem Zustand. Auf kleinen Nebenstrecken geht's schon mal ruppiger zu. Freunde steiniger und staubiger Pisten werden überall schnell fündig. Oft lassen sich auch größere Distanzen ohne Asphalt zurücklegen. Wer die Muße hat, den Küstenstreifen zwischen Antalya und Alanya durch das Hinterland zu umfahren, tut sich einen Gefallen. Die komplette Strecke führt entlang der Neckermann-Burgen und quält sich mit reichlich Verkehr. Auf türkischen Straßen gilt für Motorräder ein Tempolimit von 70 km/h, das auf den großen Überlandstrecken mit mobilem Radar kontrolliert wird. Die Strafen sind empfindlich.

Karten/Literatur:

  • Bücher: Michael Müller-Verlag "Türkei Mittelmeerküste". Mit nahezu 700 Seiten ein echtes Schwergewicht mit allem, was man für die türkische Mittelmeerküste und das Hinterland bis nach Kappadokien benötigt. Für 22,90 Euro bekommt man mit diesem Führer eine gute Gegenleistung. DUMONT Richtig Reisen "Westtürkei". Der Wälzer mit fast 500 Seiten bietet mehr Informationen, als man in einem ganzen Jahresurlaub nutzten könnte. Landet bei Bedarf für 24,95 Euro im Topcase. MARCO POLO Reiseführer "Türkei". Mit 128 Seiten deutlich handlicher als die beiden anderen. Für 9,95 Euro passt die kompakte Reiseanleitung locker neben Fotoapparat und Wegzehrung in den Tankrucksack.
  • Karten: In Deutschland erhältliche Kartenwerke haben meist einen sehr groben Maßstab. Für die gängigsten Routen reicht beispielsweise die Euro-Karte Gesamt-Türkei von Mair-Dumont im Maßstab 1:750000. Gegen 9,90 Euro wechselt sie vom Buchladen ins Kartenfach. Noch ein Satz zur Währung: Für einen Euro erhält man aktuell 2,1 Türkische Lira (TL).

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