Unterwegs: Georgien, südlicher Kaukasus Abenteuer Kaukasus

Gewaltige Gebirgslandschaften, haarsträubende Pisten, skurrile Ortschaften, kommunistische Überbleibsel und engagierte Menschen – all das und mehr ist Georgien, ein Land auf dem Weg zu einer neuen Identität.

Foto: Rank

Kulturschock? Dazu bin ich zu viel gereist und habe zu viel gesehen. Und doch erwischt es mich. In Europa, aber zugegebenermaßen am äußersten östlichen Rand. Stephan und ich sind in einem alten Ford Transit eingepfercht. Zusammen mit 17 anderen Passagieren. Wir sind unterwegs von Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, zur Hafenstadt Poti, wohin wir unsere Motorräder per Seefracht verschickt haben. Es ist brütend heiß, und unser Fahrer unternimmt bei pausenlosem Gegenverkehr lebensverachtende Überholmanöver. Irgendwann ist der Hafen erreicht, und mit Hilfe eines äußerst umtriebigen Schleppers bekommen wir tatsächlich noch die Motorräder aus dem Zoll. Es kann losgehen! Am Straßenrand winken uns die Menschen zu, und der laue Fahrtwind kühlt das Gemüt.

Unser Plan: den gesamten georgischen Teil des Kaukasus zu durchkreuzen. Hier im Nordwesten des Landes gibt es die erste Einschränkung. Der Abchasien genannte Landesteil ist nicht unter Regierungskontrolle, ein Bereisen ist wegen vielerlei Gefahren unmöglich. Gleich nebenan liegt Swanetien. Allein schon der Name dieser abgelegenen Gebirgsregion beflügelt die Fantasie, wobei sich dort in der Vergangenheit Raubüberfälle häuften. Inzwischen hat sich die Lage gebessert, so dass wir ohne die sonst obligatorische einheimische Begleitung aufbrechen.

Langsam, aber stetig steigt der Weg an, einen lang gezogenen Stausee lassen wir bald hinter uns, es wird zunehmend grüner und alpiner. Nach einer der unzähligen Kurven erscheint vollkommen unerwartet direkt vor uns der Ushba, ein Berg, mächtig und schön wie das Matterhorn. Unsere Blicke kleben förmlich an diesem fast 5000 Meter hohen Giganten. Erst das Gebell eines uns nachjagenden Hirtenhunds reißt uns zurück in die Wirklichkeit.

Mestia, der Hauptort Swanetiens, zeigt sich in der Ferne. Hauptsächlich Türme sind auszumachen. Es sind die für diese Region charakteristischen Wehrtürme, die in der Vergangenheit als Zufluchtsstätten während kriegerischer Auseinandersetzungen oder Blutrachefehden dienten.

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Strahlender Sonnenschein am nächsten Tag. Die schmale Spaghetti-Linie auf der Karte verspricht eine Strecke der Extraklasse, immer am Hauptkamm des Kaukasus entlang. Ziel ist Ushguli, der mit 2200 Metern höchstgelegene, ganzjährig bewohnte Ort Europas. Es folgen Schotterkurven ohne Ende, ab und zu ein Gehöft, immer mit Turm. Eine Schlucht wird auf schmalem Weg hart an einem gähnenden Abgrund durchquert. Dann noch ein paar Serpentinen, und ein atemberaubendes Bild tut sich auf: Am Ende des Tals präsentieren sich mehrere Vier- und Fünftausender, davor ein Bergdorf wie aus einer anderen Zeit. Erst am frühen Nachmittag verlassen wir diesen mystischen Ort auf einem schmalen Pfad und holpern über einen 2600 Meter hohen Pass. Einem drohenden Gewitter können wir gerade noch entfliehen. Immer wieder kommen wir in vollkommener Abgeschiedenheit den riesigen Bergen und Gletschern ganz nah.

Hinter Lentekhi löst eine zerbombte Teerstraße die bis dahin übliche schmale, aber gut befahrbare Piste ab. Eine knifflige Angelegenheit. Schließlich gelangen wir in die Region Racha und nach Shovi, wo wir eine Zeitreise in den Sozialismus sowjetischer Prägung erleben: Vollpension in einer Kantine mit Plastiklüstern und Stalinporträt, dazu kaltes Gulasch zum Frühstück. Besser als nichts, denn zu kaufen gibt es nirgendwo was. Wir erkunden die umliegenden Dörfer Ghebi und Gona, doch den 2820 Meter hohen Momosonis-Pass schaffen wir nicht, eine Furt durch einen reißenden Gebirgsbach lässt uns die Anfahrt abbrechen. Hier die Kiste zu versenken wäre dumm, es gibt noch so viel zu entdecken – und in Gedanken sind wir schon im Süden Georgiens, im Kleinen Kaukasus.

Diesmal verspricht eine dicke rote Linie in der Karte nach tagelangem Staubschlucken endlich flotteren Kurvenspaß. Doch von wegen! Wieder schütteln wir über Teerfetzen, erreichen mitten im Wald ein vollkommen desolates, aber von Menschen überquellendes Kurheim. Von einem Imker kaufen wir frischen Honig fürs Frühstück. Wir ahnen schon, dass uns der immer schlechter werdende Forstweg zu einer Zeltübernachtung in der Wildnis zwingen wird. Als Entschädigung gehört uns am nächsten Tag der knapp 2200 Meter hohe Tekaris Pass ganz allein, nur ein paar Hirtenhütten sind da und dort auf den Almwiesen auszumachen.

Auf der Südseite ändert sich die Landschaft innerhalb weniger Kilometer radikal. Im Regenschatten des Gebirges ist jegliches Grün verdorrt. Erst kurz vor dem Erholungsort Borjomi erreichen wir wieder im grünen Bereich. Und bekommen in der Urlaubszeit nur in einem alten Sanatorium eine schäbige Kammer für die Nacht. Viel hält uns hier nicht, immerhin verwöhnt das neue Restaurant am frisch renovierten Bahnhof mit gehobener georgischer Küche und üppigen Mengen.

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Die Magistrale M1 Richtung Tiflis bietet wenig Abwechslung. Einziger Höhepunkt: Die fast 1000 Jahre alte Tskhoveli-Kathedrale am Abzweig zur großen Heeresstraße, die in Richtung Norden nach Russland führt. Die Wehrburg Ananuri, eine Stunde später, ist perfekt an einem türkisblauen See drapiert. Georgien aus dem Bilderbuch! Doch die Idylle währt nur kurz. Rund um den winzigen Weiler Gudauri, gleich vor dem 2380 Meter hohen Jochs des Dzhvris-Passes, wird gerade begonnen, ein modernes Skigebiet aus dem Boden zu stampfen.

Bald folgt Kazbek mit dem gleichnamigen 5033 Meter hohen Hausberg an seiner linken Seite. Wir machen einen Ausflug an die russische Grenze inklusive Mittagsmenü in einem alten Bauwagen. Dort plaudern wir mit einem deutsch sprechenden Georgier. Nach diversen Zwistigkeiten sei Georgien bei den russischen Machthabern in Ungnade gefallen. Seitdem gebe es, neben anderen Dingen, auch kein Gas mehr vom großen Bruder, und die Grenze bliebe zu. Wir wollen ohnehin nicht hinüber, sondern nach Juta, ein kleines Bergdorf zwei Stunden entfernt. Die Landkarte verspricht Top-Panorama, und wir werden nicht enttäuscht. Hier liegt die Antwort des Kaukasus auf die Dolomiten!

Der Ort Shatili wirkt so skurril wie aus einem Comic. Eine Handvoll bizarre, steinerne Gebäude verteilen sich ineinander verschachtelt um einen zackigen Felsen. Für Romantik ist aber kein Platz. Zu hart sind die Lebensbedingungen ohne Strom und fließend Wasser. Auch die Nähe zu Tschetschenien ist nicht von Vorteil. Vor Jahren erlebte Shatili einen Bombenangriff der russischen Luftwaffe wegen hier vermuteter Separatisten.

Unsere russische Generalstabskarte weist den weiteren Weg ins 70 Kilometer entfernte Paralleltal als reinen Bergpfad aus, der über einen 3400 Meter hohen Pass führt. Das bedeutet: zurück und von der anderen Seite hoch. Wir übernachten in Telavi, einem gemütlichen Ort in der Weinbauregion des Landes, und füllen noch einmal die Tanks unserer Motorräder. Die Strecke über den knapp 3000 Meter hohen Abanos Pass ist ein Enduro-Traum. Zunächst schmal in den Fels gemeißelt, direkt daneben ein Gebirgsbach, satte, tiefgrüne Vegetation an den Hängen. Dann geht es in unzähligen engen Kehren bis zur Passhöhe. Von dort müssen wir noch hinab bis kurz vor Omalo. Schnell das Zelt am Fluss aufgestellt, den Kocher angeworfen, die Welt kann so schön sein. Ist sie aber nicht immer, denn diese Nacht machen wir kein Auge zu. Ein gigantisches Gewitter entlädt sich über unserem Zeltplatz, stundenlang trommelt heftiger Regen auf die Zelthaut, es prasselt so laut, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Was ist mit den Motorrädern, sind sie umgekippt, läuft der Sprit aus? Wie benimmt sich der Fluss? Droht Hochwasser?

Am nächsten Morgen hängen Nebelschwaden in den Bäumen, der Regen hat aufgehört. Glück gehabt! Aber was ist bloß aus der Piste geworden? Gleich zu Beginn fährt sich die BMW im knietiefen Schlamm fest. Abpacken, schieben, wieder aufpacken. Die Nordrampe des nächsten Passes wird zur Herausforderung. Immer wieder hat das Unwetter den gesamten Unterbau der Piste weggespült, nur grobe Felsbrocken übriggelassen. Die Bodenfreiheit der Enduros kommt an ihre Grenzen, zugleich droht allerhöchste Steinschlaggefahr. Irgendwie schaffen wir die Passhöhe. Um kurz darauf festzustellen, dass die Südrampe teilweise verschüttet ist. Glücklicherweise ist Samstagmorgen, diverse Lada samt ihren furchtlosen Piloten sind auf Heimaturlaub in ihre Dörfer unterwegs. Mit Klappspaten und bloßen Händen sind sie anscheinend schon seit geraumer Zeit dabei, den Weg freizuschaufeln. Eine Stunde später quält sich der erste Wagen unter höchstem Risiko am Hang entlang. Irgendwann sind wir an der Reihe. Abenteuer Kaukasus bestanden!

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