Mit dem Motorrad unterwegs im Bergischen Land Die letzte Ausfahrt des Jahres

Jedes Jahr das Gleiche: Viel zu früh wird die Saison vom nahenden Winter verschluckt. Da gilt es, die letzten Herbsttage zur finalen Runde zu nutzen, die Melancholie der bunten Wälder zu spüren und den Motorrädern noch etwas Auslauf zu gönnen. Folgen Sie uns ins Bergische Land.

Foto: Deleker

Geht es Euch nicht auch so? Fühlt sich das Ende der Motorradsaison nicht jedes Jahr überraschend an? Wir wollten noch so viele Touren fahren, aber plötzlich fallen die Blätter, der Winter droht, und es bleibt vielleicht nur noch dieses eine sonnige Wochenende im November zur letzten Runde. Die Natur bäumt sich noch mal mächtig auf, schüttet die schönsten Farben des Jahres über die Wälder, bevor die sich in Depri-Grau-Braun verwandeln und in winterliche Lethargie verfallen. Also los. Wobei eine Tour um diese Jahreszeit wettertechnisch große Überraschungen bereithalten kann. Die Vorhersage hilft uns heute kaum weiter, verspricht zähen Nebel und sonnige Abschnitte. Da gilt es, flexibel zu sein.

Als wir Köln verlassen, schiebt sich die Sonne gerade über den Horizont. Dumm nur, dass sie ein paar Kilometer später schon wieder untergeht. Dichter Nebel, kalt und nass. Wir stochern durch die graue Suppe nordostwärts, hoffen, dass sich die Pampe im Rheintal konzentriert und sich die Hügel des Bergischen Landes samt ihrer verführerischen Kurvenstrecken in der Herbstsonne rekeln. Sonne im Bergischen? Doch, so etwas soll es tatsächlich geben. Obwohl dieser Landstrich zu den regenreichsten Regionen des Landes zählt und nicht umsonst den Kosenamen „Herrjotts Pisspöttche“ (das Urinal Gottes, des Herrn) trägt.

Geduldig bohrt der Lichtstrahl der Ténéré Löcher in den Nebel, Birgit versucht mit der Versys mein Rücklicht nicht zu verlieren. Wir schleichen durch das Tal der Wupper, die finsteren Fichten sehen aus wie Riesen aus dem Reich Mordor. Schieferverkleidete Häuser huschen vorbei, die mächtige uralte Burg Berg.

Hier lebte vor 850 Jahren Graf von Berg, Namenspatron für das Bergische Land. Herbstmarkt vor den historischen Gemäuern, dick vermummte Händler warten an ihren Ständen auf Touristen. Es riecht nach Glühwein. Bloß schnell weiter.

Spätestens jetzt hadern wir mit unserer Idee, noch mal losgefahren zu sein. Zu Hause könnte der Ofen bollern, wir könnten mit Freunden von der letzten Alpentour schwärmen oder uns einfach nur auf dem Sofa fläzen. Dumm, dass es im Mäusekino der Kawasaki keine Funktion „Nebelradar“ gibt. Das wäre jetzt wirklich hilfreich. Aber dann - ein Hoffnungsschimmer! Die Tönung des trostlosen Graus scheint sich zu verändern. Wird zunächst nur etwas heller, tendiert dann zum leichten Gelbstich, der sich rasend schnell verstärkt. Urplötzlich öffnet sich der Nebelvorhang zur Gänze und spuckt uns hinaus in eine andere Welt. Eine Welt voll Licht und Farben. Motorradfahren kann einfach wunderschön sein - und das nicht nur im Sommer, sondern sogar im allerspätesten Spätherbst.

Die nassen Jacken dampfen in der Sonne, bange Blicke in die Rückspiegel, nicht, dass uns die Pampe noch einholt. Sicherheitshalber noch ein paar Kilometer fahren, bis der Nebel außer Reichweite ist. Und an der Bevertalsperre endlich die Motoren abstellen, ans Ufer setzen, Wärme und Licht genießen. Kaum anderswo gibt es so viele Talsperren wie zwischen Bergischem Land und Sauerland. Viele wurden schon im 19. Jahrhundert angelegt, um den Wasserbedarf der Industrie zu decken. Heute dienen sie als Trinkwasserreservoire und dem Freizeitvergnügen.

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Foto: Jo Deleker

Wir hangeln uns von See zu See, meiden die nervigen Hauptstraßen und staunen lieber auf kleinen Wegen über den kunterbunten Farbencocktail von Eichen, Buchen und Birken, wirbeln durch dichte Laubteppiche und schnuppern den herrlich modrigen Herbstgeruch. Bis wir ins Negertal nach Unterneger und Oberneger kommen. Hoppla, in Zeiten, wo Mohrenköpfe zu Schaumküssen werden, müsste dann Oberneger nicht antirassis-tisch korrekt in „Oberschwarzer“ umbenannt werden? Dabei ist das Negertal - die Herkunft des Namens liegt im Vorgermanischen verborgen – längst nicht der einzige kuriose Ortsname im Bergischen. Das Land ist voll davon. Wir bilden mal mutig folgendes Worträtsel: Die Unterommer aus Windfus plant einen Anschlag auf den Oberneger, der durch seinen Halbhusten arg geschwächt ist, trotzdem Zweiffel hegt, Husten bekommt und auf seinem Dohrgaul durchs Dhünntal zum Baukloh flüchtet. Wie viele Ortsnamen verstecken sich in diesem Satz? Zehn.

Es wird Zeit, den Motorrädern noch etwas Auslauf zu gönnen, bevor es dunkelt. Über kleine, fast verkehrsfreie Straßen kurven wir Richtung Südwesten. Einfach nur fahren, genießen und die sanfte Wärme der Sonne durchs Visier spüren. So ein Wetter im fortgeschrittenen November ist wie ein Geschenk. Wer weiß, ob nicht schon in zwei Wochen der erste Schnee die bis dahin braunen Hügel überzieht. Gerade dieses Bewusstsein schärft die Sinne, lässt uns jede Kurve und jeden Gasstoß intensiver erleben, als bei einer x-beliebigen Runde im Hochsommer.

Erstaunlich viele kleinste Straßen verstecken sich zwischen den Hügeln. Dabei ist das Bergische völlig zersiedelt, trotzdem äußerst abwechslungsreich, viele winzige Orte und einzelne Höfe - traditionell als schwarz-weißes Fachwerk oder mit Schiefer verkleidet, weiße Fensterrahmen und grüne hölzerne Fensterläden - Laub- und Nadelwälder, Wiesen, Äcker, alles in kleine Parzellen aufgeteilt. Manchmal wirkt diese Region wie eine Modellbahnlandschaft. Wir lassen uns einfach treiben, biegen nach Lust und Laune mal rechts oder links ab und entdecken die feinsten Motorradstrecken: Meinerzhagen - Fürwiggetalsperre - Versetalsperre, von Marienheide über Genkel nach Lantenberg oder von Hohkeppel über Linde und Kürten nach Wermelskirchen. Hier ist mindes-tens alles drin, was eine Gute-Laune-Runde ausmachen sollte: Kurven, Kuppen, kurze Geraden. Dumm nur, dass die Tage im November so schrecklich kurz sind.

Die Täler füllen sich schon wieder mit feinen weißen Schleiern, und die Sonne bohrt sich in die Tiefebene hinter Köln. Die Aussicht nach Westen von den Höhen des Bergischen Landes ist grandios. Trotzdem, zum Träumen bleibt keine Zeit. Ab nach Hause. Aber das Déjà-vu-Erlebnis lauert schon hinter der übernächsten Kurve. Wir haben das Rheintal noch gar nicht erreicht, als uns dieser fiese fette Nebel wieder verschluckt. Was uns hier und heute ziemlich schnuppe ist. Es war ein traumhafter Tag, sicher die letzte wirklich gute Runde des Jahres. An den nahenden Winter mag noch keiner denken, dafür hatten wir heute einfach zu viel Spaß. Und nur das zählt.

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Foto: Werel

Infos

Das Bergische Land, die Region zwischen Rhein, Ruhrgebiet, Sauer- und Siegerland, kennt kaum Superlative. Und zählt doch zu den beliebtesten Motorradrevieren des Landes

Allgemeines:
Das Bergische Land ist nicht wirklich bergig, sondern viel eher das Land der zehntausend Hügel. Namensgeber war Graf von Berg, der im 12. Jahrhundert auf Schloss Burg residierte. An Sommerwochenenden sind Tausende Motorräder unterwegs, liegen doch das Ruhrgebiet, Köln und Düsseldorf nur einen Gasstoß entfernt. Im November ist es paradiesisch ruhig. Obwohl die Region im Gegensatz zur benachbarten Eifel dicht besiedelt ist, gibt es viele kleinste Nebenstraßen ohne Verkehr. Die beliebtesten Motorradtreffpunkte sind Café Hubraum, Landgasthaus Fuchs, Futterkrippe Schönenberg, Bikers Ranch und der Imbiss am Biggesee.

Reisezeit:
Der Herbst kommt in den Höhenzügen des Bergischen Landes bereits Mitte Oktober. Die buntesten Tage im Bergischen fallen meist in die letzte Oktober oder die erste Novemberwoche.

Unterkunft:
Typisch deutsche Infrastruktur: Vom einfachen Campingplatz bis zum Fünf-Sterne-Haus ist alles zu haben. Das größte Angebot stellen private Pensionen und Gasthäuser. Selbst in der Hochsaison ist die spontane Zimmersuche meist unproblematisch.

Sehenswert:
Viele Orte im Bergischen sind langweilig. Aber ebenso viele Orte sind einfach nur schön mit uralten Fachwerkhäusern, schmalen Gassen und netten Cafés. Die schönsten Orte: Hückeswagen, Lennep, Berg-neustadt, Wipperfürth und Nümbrecht. Ebenfalls sehenswert sind die vielen Talsperren, Burgen und Schlösser sowie die Müngstener Eisenbahnbrücke aus dem 19. Jahrhundert.

Literatur:
Guter Begleiter für das Bergische Land ist der gleichnamige Motorrad-Reiseführer aus dem Highlights-Verlag. An-sons-ten: Generalkarte Großblatt 4, 1:200 000, www.bergischesland.de, www.naturarena.de.

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