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Unterwegs in den Cevennen (Südfrankreich) Schroffe Canyons und verwegene Routen

Gut getarnt fließt der Tarn durch seine selbst gefräste Schlucht im Herzen der Cevennen, der am dünnsten besiedelten Region Frankreichs. Einsame Hochflächen, schroffe Canyons und verwegene Routen sind das perfekte Revier abseits mediterranen Trubels.

Weiße Flächen auf Landkarten üben auf Menschen eine magische Anziehungskraft aus. Das galt vor allem für die Zeit der Entdecker. Heute gibt es solche unerforschten und unbesiedelten Gebiete kaum noch. Niemand würde sie jedenfalls in Frankreich erwarten, doch genau dort gibt es sie. Die Grands Causses in den Cevennen, fast menschenleere, karge Hochflächen jenseits der 1000-Meter-Marke, leuchten auf der Michelin-Karte weiß, weit und leer. Nur ein paar fadendünne Wege kreuzen über die geheimnisvollen Flächen. Das weckt auch in uns den Entdeckergeist.

Vielversprechend und motorradfreundlich wirkt dieses Ziel. Davor liegen aber erst mal 800 Autobahnkilometer, die mit Einzylindern keine Freude aufkommen lassen. Mit der schafsfelloptimierten Sitzbank der Ténéré halten sich die Schmerzen zwar in Grenzen, aber Birgit flucht schon deutlicher über den Folterbalken der Husqvarna Terra. Dann endlich beginnt der Urlaub, nur noch kleine und kleinste Straßen. Was anderes gibt es in den Cevennen ohnehin kaum. Das perfekte Einzylinder-Revier, vor allem für die agile Terra. Das Ziel ist klar, wir wollen zur Gorges du Tarn. Aber wie dorthin fahren? Die Michelin-Karte mit ihrer detailverliebten Darstellung verwirrt, fast alle der maximal gekringelten Straßen sind mit dem grünen Streifen für landschaftlich und fahrerisch wertvolle Routen geadelt. Da kann es leicht passieren, dass man vor lauter UmwegeFahren das eigentliche Ziel aus den Augen verliert. Na und? Genau das ist die Freiheit des Reisens. Wir wählen den Weg zum Mont Mézenc, dem mit 1753 Meter höchsten Berg der Cevennen.

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Grobe Teerflicken, fieser Rollsplitt und respektable Löcher

Schon von Weitem dominiert der klotzige Mont Mézenc den Horizont. Ein schmaler und holpriger Weg, garniert mit Generationen grober Teerflicken, fiesem Rollsplitt und respektablen Löchern, kurvt durch magere Wiesen bergan. Hier und da verstecken sich wenig ansehnliche Höfe im Windschatten knorriger Kiefern. Mit dem südfranzösischen Savoir-vivre hat die raue Realität hier oben nichts zu tun, das karge Land muss mühsam bewirtschaftet  werden. Die Bauern fahren fast ausnahmslos mehr oder weniger museale Land Rover. Englische Autos in Frankreich? Nun, die Grande Nation produziert eben keine Fahrzeuge, die die Menschen in dieser Umgebung brauchen können. Modische SUVs wären auf diesem anspruchsvollen Terrain überfordert. Zuverlässige Arbeitsgeräte mit überschaubarer und robuster Technik sind gefragt. Wie der Land Rover.

Oder unsere Enduros, die sich auf diesen Wegen pudelwohl fühlen. Hier zählen nicht Leistung, sondern Agilität, ordentlich Dampf aus dem Keller, ellenlange Federwege und wenig Gewicht. Das ist Single-Revier, vor allem für die Husqvarna wie geschaffen. Beachtlich, wie die italienischen Techniker den sonst eher phlegmatischen 650er-BMW-Motor aufgepeppt haben. 59 PS, 180 Kilo, kurze Übersetzung, tolles Handling, gewürzt mit einer Prise Super-Moto, verpackt im Kleid einer robusten Enduro, der kaum ein Weg zu schlecht ist. Kurzum, das perfekte Gerät für diese Straßen.

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Langes Wochenende lockt viele Motorradfahrer

Wir lassen den Mount Mézenc hinter uns, legen Kurs Süd an und kommen über Pässe, von denen wir noch nie gehört haben. Col de Bauzon, Col de Meyrand oder Col de Finiels, allesamt fast 1500 Meter hoch. Verkehr findet hier kaum statt, und doch sind einige Abschnitte mit so feinem Teer tapeziert, dass die Angstnippel an den Reifen unter Existenzangst leiden. Erst spätabends erreichen wir Florac. Ein quicklebendiger Ort, der sich zwischen senkrechten Felswänden ans Ufer des Tarn duckt. Florac ist das perfekte Basis­lager, um die Region des Tarn und der Causses zu erfahren.

Folgen wir zunächst der engen Schlucht westwärts. Es ist Christi Himmelfahrt, und von der Ruhe der letzten Tage ist nichts mehr geblieben. Offenbar lockt das lange Wochenende alle Motorradfahrer des Landes zum Tarn. Unglaublich, was hier los ist, wir kriegen die linke Hand vor lauter Grüßen kaum noch an den Lenker. In Frankreich grüßt fast jeder Motorradfahrer, gerne auch mit abgespreiztem Fuß. Die Cafés und Parkplätze im kleinen Ort Sainte-Enimie platzen aus allen Nähten. Und trotzdem lässt es sich entspannt durch die Schlucht cruisen, weil die sommertypische Wohnmobil-Plage noch nicht hier ist.

Düstere Wolken jagen nach Osten

Glasklar strömt der Tarn vorbei an überhängenden hellgrauen Felsen, durch rustikale mittelalterliche Dörfer und lichte Laubwälder. Wie hat es ein derart kleiner und friedlicher Fluss nur geschafft, eine so imposante Schlucht mit 500 Meter hohen Wänden in die Landschaft zu fräsen? Ein zeitloser Job, der noch lange nicht beendet ist. Wir gondeln gemütlich im Feiertagsmodus bis Le Rozier, wo sich die Gorges de la Jonte mit der des Tarn trifft. Die ist nicht ganz so spektakulär, doch dafür entschädigt die mit feiner Auslegeware präparierte D 996 im Kellergeschoss der Schlucht mit sensationellem Fahrspaß. Landschaft hatten wir genug für heute, jetzt zappen wir ins nächste Programm: einfach fahren, Sonne in den Rückspiegeln und gefühlte 500 Kurven voraus. Bis nach Florac, wo sich unser Kreis durch die Schluchten rund um den Causse Méjean schließt. Causse Méjean, einer dieser mysteriösen weißen Flecken auf der Landkarte. Hat der Kartograf schlicht vergessen, Orte und Straßen einzuzeichnen? Sehen wir nach.

Die kleine Straße, die von Florac in der steilen 500-Meter-Wand hochklettert, lockt schon alleine wegen der Warnung in der Michelin-Karte: „Parcours difficile et dangereux.“ Für eine Gold Wing mag das gelten, für unsere Einzylinder sicher nicht. Ein Dutzend enge Kehren, ein schüchternes Mäuerchen, das vor dem Abgrund schützen soll, und eine beachtliche Steigung, die ordentlich Druck aus dem Maschinenraum fordert – mehr nicht. Als wir oben über die Kante kommen, erwartet uns eine andere Welt. Sanfte Kuppen rollen zum Horizont, bedeckt mit schütterem, graugrünem Gras, nie­drigen Büschen und kargen Äckern, hin und wieder ein aus Bruchsteinen aufgeschichteter Unterstand für Hirten oder Schafe. Idyllisch ist das nicht, es sieht eher aus wie in mongolischen oder subarktischen Steppen. Düstere Wolken jagen knapp über unseren Köpfen nach Osten, das Thermometer zeigt erbärmliche sieben Grad.

Was für ein Blick!

Ein raues und lebensfeindliches Land, der völlige Gegensatz zum prallen Leben im Tal. Auf einer Fläche von 350 Quadratkilometern leben kaum 500 Menschen. Island ist doppelt so dicht besiedelt. Und genau deshalb fasziniert uns die schwermütige Stimmung hier oben. Aber nur so lange, bis die rumpelige D 43 den Abbruch in die Schlucht des Tarn erreicht. Was für ein Blick!

Handtuchbreit falten sich Serpentinen 500 Meter abwärts zum Fluss. Eine Straße von alpiner Qualität. Einmal fahren reicht hier einfach nicht. Runter, umkehren, wieder hoch und noch mal runter. Es sind genau diese Straßen, die den Causse Méjean und den Causse de Sauveterre mit der Schlucht verbinden, die dem Erlebnis Cevennen das Sahnehäubchen aufsetzen. Weswegen wir einfach noch einen Tag länger bleiben, bevor wir auf Südkurs gehen.

Vor 2000 Jahren waren die Cevennen fast unbesiedelt

Der Nationalpark Cevennen kann mit der Dramatik der Schluchten nicht mithalten. Ein endloser Kiefernwald, durch den sich die stoßdämpferfordernde Straße ihren Weg hinauf zum Mont Aigoual bahnt. Die 1567 Meter hohe Kuppe ist garniert mit alten Schneefeldern, der mächtigen Wetterstation aus dem 19. Jahrhundert und Parkplätzen, die an diesem Maimorgen leer sind. Der Mistral hat den Himmel freigeblasen. Dank der glasklaren Luft erscheinen das Mittelmeer und der Mont Ventoux, der weiße Riese der Provence, zum Greifen nah. Trotzdem fällt unser Stopp kurz aus, es ist saukalt hier oben. Nichts wie runter in die warmen Täler zum Auftauen.

Die Enduros schwingen über fast verkehrsfreie Straßen, durch Schluchten wie die Gorges du Trèvezel oder de la Dourbie und über Pässe, die kaum noch 500 Meter erreichen. Landschaftlich wird es jetzt mediterran. Weiße Kalksteine, duftende Maccia, wilder Thymian, Mohnfelder und pastellfarbene Orte. Typisch Südfrankreich. Es ist fast dunkel, als wir den Pont du Gard erreichen, jenen Aquädukt, den die Römer für den Wassertransport aus den Bergen gebaut haben. Damals, vor 2000 Jahren, waren die Cevennen fast unbesiedelt, ein großer weißer Fleck auf der Karte. Beruhigend, dass dieser Fleck zwar geschrumpft ist, aber immer noch existiert.

Karte: MAIRDUMONT/Claudia Werel
In zehn Tagen wurden 1500 Kilometer zurückgelegt.
In zehn Tagen wurden 1500 Kilometer zurückgelegt.

Weitere Informationen

Auf dem Weg in den Süden Frankreichs fahren viele an den Cevennen vorbei. Bei den Motorradfahrern der Grande Nation allerdings steht die Region ganz oben auf ihrer Liste. Sie wissen warum.

Allgemeines: Die Menschen in den Cevennen waren schon immer eine Quelle des Widerstands: gegen die katholische Kirche, gegen diktatorische Vollmachten Napoleons, gegen die deutsche Besatzung. Auch heute noch spürt man in den Orten den Geist der Freiheit.

Anreise: Der schnellste Weg aus Süddeutschland führt über Basel, der schönste durch die Schweizer Alpen. Vom Rheinland aus geht es Richtung Saarbrücken und über mautpflichtige Autobahnen bis Lyon. Der Autozug wurde eingestellt, rechnete sich laut Bahn nicht mehr.

Reisezeit: Ab Anfang Mai sind die Pässe in den Cevennen in der Regel schneefrei, die Temperaturen bewegen sich zwischen 15 und 25 Grad. Juni, September und Oktober eignen sich ebenfalls zum Reisen. Im Hochsommer kann es über 30 Grad warm werden. Trotzdem sind die Cevennen auch im Juli/August keineswegs überlaufen.

Unterkunft: Abseits der Hochsaison ist die spontane Zimmersuche kein Problem. Von der Jugendherberge bis zur Übernachtung in historischen Schlössern ist alles möglich. Entlang der Tarn-Schlucht gibt es wunderschöne Campingplätze, oft idyllisch direkt am Fluss gelegen (www.logis-de-france.fr).

Motorradfahren: Ein Netz kleinster Straßen durchzieht die Cevennen. Schnellstraßen und Autobahnen umgehen die Region. Die Straßen sind schmal und kurvig, die Beläge reichen von feinstem Teer bis zu geflickten Wegen, wo ein komfortables und handliches Zweirad mit langen Federwegen der beste Kumpel ist. Französische Autofahrer verhalten sich auffallend freundlich und rücksichtsvoll gegenüber Motorradfahrern.

Literatur: Die Autoren nutzten den Reiseführer „Languedoc-Roussillion“ aus dem Michael Müller Verlag. Auf 560 Seiten bietet dieser eine enorme Informationsfülle für Individualreisende. Preis 24,90 Euro. Ebenfalls empfehlenswert erscheint das Buch „Auvergne & Cevennen“ aus dem Verlag Reise Know How für 19,50 Euro. Für die Vorbereitung und das Lesen zu Hause eignet sich der „DuMont-Bildatlas Frankreichs Süden“ für 8,50 Euro.

Karten: Wie üblich bietet Michelin die besten Karten für die Region. Die Blätter 330, 331 und 339 im Maßstab 1:150000 sind äußerst detailliert. Preis vor Ort 4,50 Euro, mit Umschlag in der BRD 7,50 Euro.

Adressen: Maison de la France: www.franceguide.com, www.sunfrance.com, www.cevennen.fr, www.frankreich-info.de

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