Unterwegs in Deutschland Von Frankfurt nach Frankfurt

Zwei Städte mit dem gleichen Namen. Womit die Gemeinsamkeiten weitest­gehend erschöpft sind: Am Main glänzende Fassaden und die Mieten so hoch wie der Türme der Deutschen Bank, an der Oder tristes Grau und ein Hauch von Hoffungslosigkeit. Und dazwischen? Jede Menge deutsche Provinz.

Foto: Daams

Zwei Städte mit dem gleichen Namen. Womit die Gemeinsamkeiten weitest­gehend erschöpft sind: Am Main glänzende Fassaden und die Mieten so hoch wie der Türme der Deutschen Bank, an der Oder tristes Grau und ein Hauch von Hoffungslosigkeit. Und dazwischen? Jede Menge deutsche Provinz.

Der nächtliche Turn durch Frankfurts Zentrum hat etwas von einem Computerspiel. Wie zwei einsame Jäger rollen Harley und Ducati dort, wo die imposanten Türme der Finanzwelt am höchsten sind, durch dunkle, leergefegte Straßenzüge. Die bis zu 260 Meter hohen, gestylten Fassaden aus Glas, Stahl und Beton heben sich ­nur schwach vom Nachthimmel ab, verstärken im Mondschein bei den Piloten den Eindruck, sich in einem virtuellen Schluchten­labyrinth zu bewegen. Ein in Europa nahezu einzigartiges Fahrgefühl – allenfalls das Moskauer Stadtzentrum verfügt über eine vergleichbare Hochhauskulisse.

Kurzer Orientierungsstopp unterhalb des Messeturms. ­»Ah, Ducati! Beautiful!« Herr Wang stammt aus China, outet sich als Chef einer Firma für Lautsprecher-Chassis mit über 1000 Angestellten und würde gerne ein Foto von der roten Multistrada machen. Darf er. Ob er einen schönen Urlaub habe, will ich wissen. »Oh no, only business!« Er sei gerade damit beschäftigt, den deutschen Markt zu erschließen. In den letzten 20 Jahren habe er keinen Tag Freizeit gehabt, was aus seinem Mund so klingt, als sei freie Zeit eine Todsünde.

Kurz vor Mitternacht beziehen Fotograf Klaus und ich unsere nüchternen Schlafkabinen im dritten Stock der Frankfurter Jugend­herberge (Achtung: keine Handtücher!). Deutlich jenseits der 40 heben wir zwar den Altersdurchschnitt mächtig an, aber irgendwie scheint das niemanden zu stören. Die unzähligen Teens und Twens sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Es herrscht ein babylonisches Stimmengewirr auf den Fluren und im Auf­enthaltsraum und jene beneidenswerte Ausgelassenheit, wie man sie nur von Klassenfahrten oder den ersten Reisen ohne Eltern ­in Erinnerung hat. Vermutlich ist das Leben nie wieder so spannend wie zu dieser Zeit. Fieser Nebeneffekt: Klaus und ich fühlen uns mit einem Mal älter, als wir es eigentlich sind.

Montag, 8.30 Uhr. Streckenbesprechung während des Frühstücks. Die Route hat diesmal der PC ausgewählt. Oder besser: der MOTORRAD-Tourenplaner (Siehe auch Download am Ende des Artikels). Die Parameter für diesen Trip: von Frankfurt am Main möglichst direkt auf landschaftlich schönen Strecken bis Frankfurt/Oder. Die Route, die nach ­kurzer Rechnerei auf dem Bildschirm empfohlen wird, ist 608,4 Kilo­meter lang, soll bei mittlerem Tempo in 12,20 Stunden reiner Fahrtzeit zu schaffen sein und kann sich wahrhaftig sehen lassen – ein laut Karte überraschend ausgewogener Kompromiss zwischen Kilometer machen und optimalem Kurvenspaß. Zumindest bis Leipzig. Dahinter sieht’s fahrspaßmäßig eher mau aus: Dort, wo die Topographie der eines Billardtischs ähnelt, ­fährt man sich die Reifen notgedrungen eckig – daran kann auch der Tourenplaner nichts ändern.

Raus aus Frankfurt, Kurs Nordost. Stur nach Richtungspfeil auf dem Display eines GPS-Empfängers, der zuvor mit den Daten der Route gefüttert wurde. Angeblich hat die digitale Revolution die gute alte Karte längst überflüssig gemacht. Drei Blätter im Maß­stab von 1:200000 sind dennoch mit dabei. Quasi als Rettungsanker, um bei Stromausfall, Systemabsturz oder – wahrscheinlicher – Fehlbedienung nicht irgendwo im hessischen oder thüring­ischen Outback zu verhungern.
Hätten wir uns bereits im Frankfurter Zentrum auf die satellitengestützten Richtungsangaben verlassen, würden wir vermutlich heute noch durch die Stadt irren. Eine Umleitung verwirrt den kleinen Computer am Lenker so sehr, dass er uns beharrlich mit einer Bitte-wenden-Aufforderung zum Ausgangspunkt des Trips zurückführen will. Also zurück zu klassischen Werten: Wegweiser. Gut zehn Kilometer später kennt sich ­auch die Satellitentechnik wieder aus. Da ist Frankfurts ­imposante Skyline längst in den Spiegeln verschwunden, wird es ab Bruchköbel spürbar ländlicher, provinzieller. Gediegenes Fachwerk anstelle moderner Bürotürme, Banken bestenfalls im Tante-Emma-Laden-Format.

Nidderau, Limeshain, Büdingen. Die Strecke schmeißt sich allmählich ins Zeug, serviert schließlich ein erstes Highlight: der Weg von Bleichenbach über Bergheim nach Ortenberg. Auf der Karte nur ein schwer erkennbarer weißer Strich, den man bei der Streckenplanung garantiert übersehen hätte – und dem man zudem rein gar nichts zutraut. Am Lenker einer Ducati sieht die Sache dagegen vollkommen anders aus. Piekfeiner Asphalt ohne Mittelstreifen und Leitplanke, nur flankiert von einem flaschen­grünen Bach, saftigen Wiesen oder dichtem Wald und ein paar perfekt geformten Hügeln. Ein kurzer Anstieg wird mit einer Handvoll deftiger Kurven gemeistert, bis die alte Befestigungsanlage von Ortenberg in Sicht kommt. Sieben Kilometer, die es in ­sich haben. Keine Ahnung, woher der Tourenplaner diesen Weg kennt. Dafür kapituliert das GPS in den steilen historischen Gassen von Ortenberg. Egal. Vor dem Café Strackgasse landet man auch so. Hessische Gemütlichkeit zwischen uraltem Mauerwerk und Kopfsteinpflaster. Frankfurt erscheint Lichtjahre entfernt. Das gilt auch bezüglich der Preise: Einen Cappuccino gibt’s für einsfünfzig, Schnitzel mit Bratkartoffeln für fünf Euro.

Anzeige

Weiter im Tiefflug. Hirzenrain, dann links ab in Richtung Schotten. Die Panoramen steigern sich. Hintereinander gestaf­felte Höhenzüge, tiefe Täler, endlos scheinende Rapsfelder. Leuchtendes Gelb umgeben von sattgrünen Baumreihen unter einem tiefblauen Himmel – sicherlich eine der schärfsten Farbkombinationen aus dem Malkasten der Natur. Die Strecken­führung gewinnt gleichermaßen an Dramatik. Kurven in sämtlichen Variationen führen durch diese bewegte Topographie, formieren sich zu einem Gesamtkunstwerk und verlangen ein klares Bekenntnis: fahren oder schauen. Beides gleichzeitig ­geht nicht. Viele von denen, die entgegenkommen, haben sich augenscheinlich eindeutig entschieden – die Menge an tiefergelegten Fahrzeugen ist sprunghaft angestiegen. Willkommen im Naturpark Hoher Vogelsberg.

Hinter Schotten schließlich historisch bedeutender Asphalt: Die Ducati pfeilt bergan über den ehemaligen Schottenring. Tatsächlich entpuppt sich dieser Teil des Kurses bis zum Abzweig nach Ulrichstein weniger spektakulär als erwartet. Die Kurven und Kehren waren zuvor einen Hauch verwegener. Dennoch ertappe ich mich ebenfalls bei einer deutlich engagierteren Fahrweise. 1953 wurde hier vor über 170000 Zuschauern der Große Preis von Deutschland ausgetragen – auf so einer Bühne kann man einfach nicht wie eine Schnecke daherrollen. Die vielen schwarzen Streifen auf dem inzwischen arg strapazierten Asphalt lassen ohnehin nur einen Schluss zu: In dieser gegend wird weiterhin mit Benzin im Blut gefahren, obwohl die Zeit der ­großen Rennen bereits 1955 zu Ende war. Naturstrecken wie diese galten fortan als zu gefährlich. Doch Schottens Bewohner scheinen ohne offizielle Rennerei nicht leben zu wollen: Seit 1989 findet auf einem neuen Stadtkurs einmal im Jahr vor vollem Haus der Oldtimer-Grand-Prix statt. Die Region bekennt sich klipp und klar zum Motorsport.

Lautertal, Lauterbach, Schlitz, Bad Hersfeld. Die unangefochtenen Höhepunkte dieser Etappe: ein froschgrüner NSU Prinz aus dem Jahr 1971, der im winzigen Rhina am Straßenrand vor der museal anmutenden Landmaschinenwerkstatt der »Gebr. Lotz« zum Verkauf angeboten wird (was zu einer gut einstündigen Pause führt, weil sich der Besitzer als überaus redselig erweist) und die knackige Strecke über die Mengshäuser Kuppe. An­sonsten zeigen sich die An- und Aussichten in der hessischen Pampa nahezu unverändert: Raps bis zum Abwinken. Daran ändert sich auch hinter der Thüringer Landesgrenze ­­wenig. »Deutschlands grüne Mitte« – man ist stolz auf seinen Wald­reichtum. Wir lassen es laufen, genießen jenes Hochgefühl, das sich nach kilometerlanger entspannter Landstraßenfahrt irgendwann wie von selbst einstellt. Auf einmal ist der Kopf so frei wie nach drei Wochen Urlaub.

Ankunft in Eisenach. Oben die Wartburg, in der Martin Luther das Neue Testament übersetzte, links eine imposante Filiale des Orion-Verlags, die Artikel zur »Ehehygiene« feilbietet – die Stadt lockt auf den ersten Blick mit unterschiedlichsten Attraktionen. Eine arg angeschlagene Straße führt an mausgrauen Häuser­reihen vorbei ins Zentrum, hinterlässt den Eindruck, als hätte die Wende erst gestern stattgefunden. Die Stadtmitte präsentiert sich dafür umso freundlicher. Buntes Fachwerk rund um Marktplatz und Georgenkirche. Zweimal Kaffee und Kuchen, zwei Ladungen Benzin, dann sind wir auch schon wieder raus aus Eisenach, spüren eine erste große Veränderung: Der Blick reicht weiter als bisher. Ab hier erstreckt sich das Land platt wie ein Pfannkuchen.

Eine Umleitung wegen einer gesperrten Ortsdurchfahrt ­bei Reichenbach entführt tiefer in die thüringische Provinz: Abseits der B 84 scheint die Moderne gänzlich auf der Strecke geblieben zu sein. Farblose Dörfer, die ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften verlassen und verfallen. Plakate werben für eine Erotik-Messe, für die NPD, für die Zeltdisco am Samstag im Nachbardorf. Der Unmut ist in den Gesichtern unübersehbar. Wer kann, ist längst abgehauen. Viele von denen, die geblieben sind, haben vermutlich resigniert. Einzige erkennbare Zugeständnisse an ­das Hier und Jetzt: Satellitenanlagen auf nahezu jedem Dach und Winfried Mönchs Bikershop in Warza. Das kantige Design einer Aprilia Futura im Schaufenster wirkt in dieser Umgebung so ungewöhnlich wie ein Trabi vor dem Portal der Deutschen Bank. Der Chef selbst entpuppt sich als Zweiradfan durch und durch, »sonst würd’ ich das hier nicht machen«, erzählt begeistert von der bevorstehenden Motorradsegnung am nächsten Wochenende. Nebenbei gibt’s Kaffee satt und, »weil wir so gemütlich zusammensitzen«, geschätzte 200 Urlaubsbilder am PC von der letzten Reise durchs Baltikum. Irgendwelche Kunden? Fehlanzeige. »Man hält sich gerade so über Wasser.«

Weiter in östlicher Richtung. Die Strecke zieht sich, sorgt für erste Ermüdungserscheinungen. Bad Langensalza, Sömmerda. Irgendwo dazwischen versorgt ein rollender Imbiss am Sraßenrand Reisende mit lokalen Spezialitäten: Thüringer Bratwurst ­und »Jim Him« – eine Rosa leuchtende Himbeerbrause, die nicht im Geringsten nach Himbeere, sondern nur nach Zucker und künstlichen Zutaten schmeckt.

Hinter Bad Bibra urplötzlich eine Anhöhe, die nach den vergangenen konturlosen Kilometern fast schon so imposant ­wie die Alpen erscheint. Eine Handvoll Serpentinen bringen ­die trägen Reflexe rasch wieder in Fahrt, und für einen kurzen Moment wähnt man sich in der Toskana: Der Blick fällt auf terrassierte Weinberge – die nördlichsten in Europa. Kurz darauf folgen wir ein paar Kilometer der »Weinstraße Saale-Unstrut«, die hinunter nach Freyburg führt, quasi dem Epizentrum der hiesigen Winzer und Heimat der Sektkellerei Rotkäppchen. Dass wir vorher in Richtung Leipzig abbiegen, hat rein praktische Gründe. Vor Einbruch der Dunkelheit wollen wir die sächsische Metropole passiert haben, da ein Großstadtbummel heute nicht auf dem Programm steht. Tatsächlich reicht’s noch bis Torgau, knapp 50 Kilometer östlich. Duc und Harley holpern durch 1000 Jahre alte Gassen bis zum Marktplatz, wo sich die letzten Gäste soeben von der Terrasse des Hotels Goldener Anker erheben. Zwei Abendessen sind aber gerade noch drin. Glück gehabt. Denn die Kulisse ist unschlagbar. Renaissance, Gotik, Barock. Alles perfekt arrangiert und restauriert. Eine städtebauliche Perle – mit so etwas hatten wir nicht gerechnet. Am nahen Elbufer läuft das volle Kontrastprogramm: »DJ Bunnychecker« peitscht die Jugend der Stadt mit knallharten Beats bis zur kollektiven Ekstase.

Endspurt. Die B 87 führt praktisch bolzgerade bis nach Frankfurt/Oder. Kurvige Alternativrouten? Nicht in diesem Teil der Welt – vermutlich ist die Streckenführung nur noch im mittle­ren Westen der USA geradliniger. Einzig der Spreewald, der ­es inzwischen auf die Liste der UNESCO-Biospährenreservate geschafft hat, verspricht ein wenig Dramatik. Das große Kapital der wasserreichen Region rund um das arg beschauliche Lübben: Kahnfahrten und Gurken. Letztere gehören zu den wenigen ­DDR-Produkten, die auch nach der Wende noch gefragt sind.

Ein Blick auf die Karte hilft, um der Monotonie entlang der B 87 zu entgehen. Bei Groß Leine rechts ab, dann ein gutes Stück am Schwielochsee entlang und weiter durch die Prärie bis kurz vor Frankfurt. Ein Volltreffer, auch wenn die Kombination aus Tourenplaner und GPS-System beharrlich auf eine Rückkehr zum ursprünglich geplanten Kurs besteht. Da hilft nur eines: Die Technik ignorieren, denn Klaus und ich cruisen über eine der vermutlich schönste Alleen der Republik. Hinter Goyatz fällt der Blick dann und wann auf den schimmernden See, auf wunderschöne Datschen direkt am Ufer. Beneidenswert.

Zurück auf der B 87, schließlich die letzten Kilometer. Triste Plattenbauten, manche immerhin mit etwas Farbe versehen, markieren die Stadtgrenze von Frankfurt. Gleich darauf im Blickfeld der 89 Meter hohe Oderturm, ein unansehlicher Klotz aus Beton mitten im Zentrum, dahinter der Fluss, die Grenze zu Polen. Für eine Weile kreuzen wir durch den trostlos wirkenden Innenstadtbereich, der im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört wurde und praktisch nur ­noch über eine Handvoll historische Bauwerke verfügt. Graffiti an vielen Wänden, eingeschlagene Fensterscheiben, stark renovierungsbedürftige Fassaden – die Stadt kämpft an vielen Stellen offensichtlich ums Überleben, und man ertappt sich bei der Überlegung, wie man einen Teil des Glanzes der Main­metropole hierher abzweigen könnte. Größter Hoffnungsschimmer: Seit Verschiebung der EU-Außengrenze weiter in Richtung Osten befindet man sich hier plötzlich quasi in der Mitte eines neuen Europas.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote