Unterwegs in Nord-Portugal Portugal: Wahre Liebe

Liebe auf den ersten Blick – das kann im Norden Portugals schnell pas­sieren. Denn der Charme der einsamen Bergsträßchen, stillen Dörfer oder pulsierenden Städte am Atlantik ist sehr verführerisch. Was aber, wenn man einen zweiten Blick riskiert?

Es war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick, damals im Norden Portugals. Trás-os-Montes, Land hinter den Bergen, heißt die abgelegene Region zwischen spanischer Grenze und Atlantik. Ein verschlungenes Netz schier endloser Sträßchen durch einsame Serras und entlang der Wein­terrassen über dem Fluss Douro, menschenleere Sandstrände, Dörfer und Bars voll wohltuender Ruhe und nicht zuletzt die grob gezimmerten Ochsengespanne, von den Bauern im Stehen gelenkt wie römische Streitwagen – Bilder aus anderen Welten. Das ar­chaische Portu­gal hatte mich vor 14 Jahren im Sturm erobert.

Nach langen Jahren des Schwärmens aus der Ferne mache ich mich erneut auf zu meiner alten Liebe. Zum gleichen Zeitpunkt wie damals, im Oktober, doch sonst hat sich einiges geändert. Portugal gilt längst nicht mehr als Armenhaus, sondern als aufstreben­des Mitglied der Europäischen Union. Die BMW R 1100 von einst ist einer KTM 990 Adventure gewichen, und Begleiterin Susanna hat die lange Anreise im Flugzeug zurückgelegt. Moderne Zeiten. Treffpunkt Porto.

400000 Einwohner im Zentrum, 1,6 Millionen im Umland, nach Lissabon zweitgrößte Stadt des Landes, 2001 europäische Kulturhausptstadt und – Metropole des Portweins. Ob man schon mal da war oder die Stadt nur von Fotos kennt – gespeichert dürfte das immer gleiche Bild sein: atemberaubende Eisenbrücke und malerische Boote vor Häusermeer. In realitas ist Porto ein verzwicktes Gewirr aus Straßen, Plätzen und Gassen, verteilt auf 140 Höhen­meter. Im Sattel unserer Kati stechen wir mitten hinein. Im Zweifelsfall immer bergab, irgendwie wird’s schon zum Douro und der berühmten zweistöckigen Dom-Luis-I.-Brücke gehen. Sanft dümpeln auf dem Fluss die Kähne, in denen früher der Most von den 100 Kilo­meter stromaufwärts gelegenen Weinbergen herangeschafft wurde. Heute erledigen das Tanklaster; die Boote füllen nur noch Fotoalben oder Festplatten.

Geschafft, ein freies Fleckchen Parkraum direkt an der Praça da Ribeira, dem zentralen Platz zwischen Uferpromenade und Altstadtviertel. Fledermäusen gleich schweben Studenten in schwarzen Talaren über den Platz, die sie traditionell zu Beginn und Ende des Semesters tragen. Flankiert von Holz­giraffen und bunten Schmuck feilbietenden Straßenhändlern. Afrika ist nah, und Portugals ehemalige Kolonien Angola und Mosambik lassen grüßen.

Ein plötzlicher Schauer treibt uns unter die großen Schirme des Restaurants »Casa Peza Arroz«. Von der hie­sigen Spezialität, Kutteln (tripas) mit wei­-ßen Bohnen, sehen wir lieber ab, obwohl sich hinter diesem Gericht ein illustres Stück Geschichte verbirgt: Um die Besatzung Heinrich des Seefahrers mit Fleisch zu versorgen, opferten die Portuenser einst ihr gesamtes Vieh; für sie selbst blieben nur die Innereien – und bis heute der Spitzname »tripeiros«, Kuttelesser. Währenddessen überquert 63 Meter hoch über unseren Köpfen eine Bahn eine an den umgekippten Eiffelturm erinnernde Brücke. Kein Wunder, stammt sie doch von einem Schüler des fran­zö­si­schen Meisterkonstrukteurs. Ein A-cap­pella-Quartett am Nachbartisch macht inzwischen Stimmung. Bei »Love you a little bit more« suchen wir eilig den Weg zurück zum Hotel.
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Foto: Daams
Da Morgenstund’ zwar Gold, aber besser noch keinen »Sandeman« im Mund hat, belassen wir es beim Blick auf die zahllosen Portweinkeller im Stadtteil Vila Nova de Gaia. Und dann heißt es »adeus Porto«. Die Staatsstraße 108 am zersiedelten Nordufer des Douro führt flussaufwärts ins Landesinnere und bietet reichlich Gelegenheit, geduldig den Motor warm zu fahren. Richtung Arouca wechseln wir auf die kleinere N 224, und sofort erkenne ich es wieder, »mein« Portugal von 1993. Die Straße ein buckeliges Band aus gelebtem Asphalt, wie Iggy Pop in abenteuerlichen Ver-renkungen durch die Botanik zuckend. Gierig folgt Kati dem Kurs. Es duftet nach Lavendel und Thymian, grün-rot leuchten die Nationalfarben in den Gärten, zwischen Wäscheleine und Weinreben sonnt sich Erika, die Bäume haben glatte Schlangenarme und sehen aus wie gehäutet.

Hinter Arouca schlagen wir einen Zickzackkurs nach Alvarenga ein. Die Straße scheint plötzlich wie aus dem Musterkatalog, mit frisch aufgelegter, griffiger Decke und schwungvoll gezeichneten Radien. Die Natur dagegen gleicht Bildern aus der »Tagesschau«: von Waldbränden großflächig zerstört. Eine apokalyptische Szenerie.

»It’s a crime, what a pity«, beklagt Maria Armanda Ribeiro de Sousa die Bausünden an der zubetonierten Peripherie von Amarante. Oberhalb des Städtchens haben wir in der »Casa da Pedra« ein kommodes Quartier ge-funden, versteckt in den grünen Hügeln und geleitet von der pensionierten Dorfschullehrerin Maria. Sie meint es gut mit ihren Gästen, kredenzt Kekse nach einem von Mönchen überlieferten Rezept, die papos d’anjo, Engelshälse, dazu Portwein ohne protziges Etikett. Als Abschiedsgeschenk am nächsten Morgen regnet es sogar noch zwei Rosen, die Kati – selbst für solch seltene Eventualitäten bestens gerüstet – knitterfrei im Handschuhfach verstaut.

Passend zu den Rosen entpuppt sich Amarante im Kern als ganz romantisch. Eine eindrucksvolle Granitbrücke überspannt den trägen Tâmega, viele der alten Bürgerhäuser tragen Schindeldächer, eine Renaissance-Kirche zieht die übrigen Blicke auf sich. Schutzheiliger der Stadt ist São Gonçalo, der Patron der Liebenden. Ihm zu Ehren gibt es am Marktstand ein halbmeterlanges Gebäck in Phallusform. Fünf Euro kostet der sperrige Spaß.

Im Sauseschritt düsen wir auf der bestens ausgebauten IP 4 nach Nordosten gen spanische Grenze, dringen dann auf der N 314 ins bergige Hinterland vor. Die Route führt über Avidagon und Abreiro durch eine karge Landschaft mit fast 1000 Meter hohen Bergen, getürmt wie aufgewühlte See, worin sich die Reiseenduro fühlt wie, logo, ein Fisch im Wasser. Schnitt. Wie Figo sehen sie nicht gerade aus, die hiesigen Männer, konstatiert Susanna bei einem Zwischenstopp; immerhin seien Portugiesen aber meist charmant und nicht so papagallig. Was fällt sonst auf? Auf jeden Fall die vielen Korkeichen, deren geschälten Stämme sich nach unten verjüngen und glatt sind wie eloxierte Upside-down-Gabeln.

Orange leuchten Tacho und Drehzahl­messer mit dem Mond um die Wette, als wir spät abends am Etappenziel Miranda do Douro eintreffen. Das abgeschiedene 2000-Seelen-Nest an der spanischen Grenze liegt im Trás-os-Montes, also jener Region, die anno 93 mit ihrem archaischen Charakter für großes Herzklopfen bei mir gesorgt hatte. Und heute? Warten wir ab bis zum Morgen.
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Foto: Daams
Weit sieht man von der hoch über dem Douro gelegenen Kathedrale Mirandas ins Land. Und vergisst darüber fast den Blick ins Gotteshaus auf das kuriose »Jesuskind mit dem Zylinderhut«, eine volkstümliche Votivgabe aus dem 19. Jahrhundert. Auf der Suche nach einem ähnlich originellen Mitbringsel stolpern wir in den Laden »Pardo e Surrobeco« – dem Reich von Lili, die handgearbeitete Ponchos, Schals und Taschen aus Filz verkauft. Bevor Nähmaschinennadel und Schere hurtig weitersausen und auch der V2 die Sporen kriegt, verstaut Susanna noch eine Eselpacktasche auf der KTM.

Auf der N 221 reiten wir gen Süden. Zweisprachige Ortsschilder sind Indiz für das hier noch weit verbreitete »miran­dês«, ein aus dem Lateinischen stammendes Idiom. »Und was ist mit den Ochsenkarren à la Ben Hur?« quengelt die Erinnerung. In Duas Igrejas will ich es wissen, biege von der Hauptstraße ab ins Dorf. Vor den einfachen Häusern stehen Kürbiskalebassen, in einem Ge­viert aus unbehauenen Steinen weiden Kühe. Das Interesse der zwei Fremden bleibt nicht unbemerkt. Freundlich bittet uns ein Bauer in seinen Stall, wo unter einem Gewölbe dichter Spinnweben ein Kälbchen an Mamas Zitzen saugt. Doch weit und breit kein Ochsengespann, weder hier noch anderswo. Die Zeiten haben sich wirklich geändert.

Bei Travanca steht eine Runde offroad über Feldwege an. Kati staubt und schnaubt zufrieden. Highnoon. Ein verlassener Trecker döst in der Mittagsglut, daneben jagt eine Katze einer federleichten Heukugel hinterher. Doch uns ruft der Torre, mit 1993 Meter der höchste Berg des portugisischen Festlands weiter nach Süden. Zügig geht es auf der wie ein Korkenzieher gewundenen N 221 voran, vorbei an Terrassen voller Olivenbäume, die Hügel wie grüne Noppen überziehend, während tief unten die Fluten des Douro wallen. Plötzlich kommen die Fluten allerdings auch von oben, ein wahrer Wolkenbruch. Wir flüchten in ein Bushäuschen, ziehen irgendwo unterwegs schnell erstandene Haushaltshandschuhe aus knatschblauem Plastik über die Lederfingerlinge.

So schwarz wie inzwischen die Nacht, so funkelnd wenig später die Lichter von Covilhã am Fuße des Torre in der Serra da Estrela. Dem St. Moritz Portugals quasi. Und tatsächlich empfängt uns formvollendet wie aus einer Schweizer Touristikschule das Personal des Hotels Turismo, obwohl wir durchgefroren und pitschnass ins Foyer platschen. Was hier jedoch öfter vorkommt, wenn auch eher im Winter: In der Serra da Estrela, dem Sterngebirge, liegt das einzige Skigebiet Portugals, die Berge klettern auf fast 2000 Meter. Jetzt im Oktober dominieren Flechten und Moose auf den schroffen Hängen, an denen sich die Vegetation schon bei 1000 Höhenmetern verabschiedet. Entsprechend würde die Landschaft auch gut nach Schottland oder Skandinavien passen. Und das Beste: leere Straßen, so weit das Auge reicht.

Von der Serra da Estrela geht’s bergab bis nach Aveiro am Atlantik, dem Venedig oder Amsterdam Portugals, wie die Stadt in leichter Übertreibung gern genannt wird. Am vorgelagerten Strand genießen wir den Sonnenuntergang. Salzige Luft, Staunen und Schweigen. Freier Blick bis Amerika. Schweren wie vollen Herzens kehren wir zurück ins quirlige Zentrum von Aveiro. 12000 Studenten leben hier, und das Nightlife schäumt aus allen Poren. Zwischen Bier aus Plastikbechern und Drum’n Bass aus den Lokalen in der Rua do Tenente Rezende lernen wir Stephanie und Amália kennen. Sie studieren, die eine »language business«, die andere »computer technologies« und beide nebenbei das Leben in vollen Zügen.

Zum Aufwärmen rauschen wir mit Kati am nächsten Morgen ans Meer bei Costa Nova, zu bunt gestreiften Häuschen wie aus der Haribo-Tüte und anschließend einer Runde Schluchtenflitzen in der Serra da Arada, in Dörfern mit Repsol-Bars und freundlichen Herren auf Mokicks – entfernte Verwandte jenes Zweirads, das am 10. September 1964 der Portugiese Armando Rodrigues de Sá als einmillionster Gastarbeiter bei seiner Ankunft am Bahnhof Köln-Deutz von der westdeutschen Regierung geschenkt bekam. Und das heute im Bonner Haus der Geschichte an die arbeitssame Nachkriegsgeschichte zwischen unseren Ländern erinnert.

Zum Gran Finale sind wir wieder in Porto, genehmigen uns noch einen Besuch in einem Fado-Lokal – das gehört schließlich zu einem Portugal-Trip. »Fado means a very deep and sad feeling«, hatte uns im Hotel Turismo in der Serra da Estrela die freundliche Rezeptionistin den Begriff dieses traditionellen Musikstils erklärt. Der angeblichen Melancholie zum Trotz verbringen wir einen durchaus unterhaltsamen Abend im Restaurant »O Fado« und fallen eher müde als traurig ins Bett.

Ein paar Wochen später bekomme ich Post von Jesus. Nein, kein Weihnachtspäckchen. Sondern ein Einschreiben aus Portugal, unterzeichnet von Jesus Machado Lopes, Chefe de Divisão in Bragança, die mich auf der Anreise mit ihrer Radarfalle erwischt hatten. Eineinhalb Seiten portugiesisches Beamtenchinesisch, gespickt mit Vokabeln, die selbst ein befreundeter Portugiese, seit 35 Jahren im Ruhrpott zu Hause, noch nie gehört hat. Erzwingungshaft? Rechtshilfeersuchen? Ach du schöne EU! Dabei hatten mir Jesus’ Kollegen bereits vor Ort 120 Euro abgeknöpft. Mal sehen, wie’s weitergeht. Manchmal kann wahre Liebe recht kompliziert und schmerzhaft sein.

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