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Motorradtour durch Tibet Mit dem Motorrad aufs Dach der Welt

Himalaja-Riesen in Mondlandschaften, Mönche, Klöster, Nomaden, Pilger, Yaks und wilde Pisten. Bevor chinesische Modernisierungswut das traditionelle Tibet auflöst, sollte man hier noch mal mit dem Motorrad hin.

Versteinerte Gesichter hinter Sonnenbrillen, Finger an den Abzügen automatischer Waffen, so zielen sie in die wogende Menge. Die chinesischen Scharfschützen sitzen auf den Dächern rund um den Barkhor-Platz der Altstadt von Lhasa. Jeden Moment könnten sie feuern, doch niemand nimmt davon Notiz. Händler preisen ihre Waren an, Touristen feilschen, Arbeiter singen, Soldaten marschieren im Gleichschritt oder stehen mit durchgedrücktem Kreuz in mannshohen Glaskästen.

Zum 60. Gründungsjahr der Volksrepublik zeigt Peking militärische Stärke in seiner Problemprovinz. Vor dem Jokhang-Tempel, der den heiligsten Buddha Tibets beherbergt, werfen sich Hunderte Pilger auf den Boden. Drinnen drängen sich Gläubige und Mönche in rauchgeschwängerter Luft entlang heiliger Schreine und goldener Buddhafiguren, rezitieren endlos das älteste und populärste Mantra des tibetischen Buddhismus: "om mani padme hum". Die Gegenwart löst sich auf in Tausend bunte Filme, Dauergänsehaut und Kurzatmigkeit bleiben bestehen. Ein probates Heilmittel gegen die permanente Atemnot
ist Motorradfahren.

Wie eine Sauerstoff-Druckbetankung wird Fahrtwind in Nase und Mund gerammt. Kurz bevor wir auf unserer Akklimatisierungstour von Lhasa Richtung Namtso die auf 5160 Metern gelegene Passhöhe des Lhachen La erreichen, stottert der Motor unserer Yamaha. Dann der Ausblick auf ein gigantisches blaues Auge inmitten einer Mondlandschaft, in der Ferne ruhen Himalaja-Riesen. Der Namtso glänzt auf 4718 Metern, ein heiliger See der Tibeter. Sein Wasser ist salzig, kein anderer See der Welt liegt höher. Bei der Abfahrt sportliche Kurven, dann geraten Nomadenzelte und Yak-Karawanen in den Blick unserer weit aufgerissenen Augen. Am See probiere ich Yakbutter-Tee.

Verfalle diesem tibetischen Zaubertrank für den Rest der Reise. Tourguide Tom lächelt. Der ranzige Geschmack liegt nicht vielen Europäern, aber die Inhaltsstoffe geben den Sherpas Kraft zum Bergsteigen und mir Reserven auf Rüttelpisten. Auch bei den Mitreisenden macht sich Euphorie breit. Sie geben zu, dass Motorradfahren in dieser Landschaft trotz Atemnot süchtig machen kann. Starke Persönlichkeiten würzen unsere Gruppe.

Heinz und Gerd, Vater und Sohn aus Wien, liefern Charme, fahren chinesische Jialing, wassergekühlte 600er Einzylinder mit Benzineinspritzung im Softenduro-Fahrwerk. Auch die Charakterköpfe Hans Hermann und Jan aus Hannover vertrauen auf die Technik der chinesischen Bikes. Der charismatische Harel aus Israel und die gute Seele, das wandelnde Tibet-Lexikon in Person von Tourguide Tom, setzen auf bayerische Boxer-GS.

Han-Chinese Rick, unser Mann für die Fäden hinter den Kulissen, bevorzugt wie Claudia und ich die bewährt langen Federwege der Yamaha XT 660 Z Ténéré. Auf der Rückfahrt nach Lhasa passieren wir Damshung. Immer wieder Polizeikontrollen. Ohne Rick und sein Verhandlungsgeschick hätten wir keine Chance, hier zu reisen - ohne die Gesamtorganisation und die Erfahrung unseres Reiseveranstalters Edelweiss Bike Travel auch nicht. Für jede Strecke benötigt man in Tibet Genehmigungen, permanent müssen wir unsere Pässe abgeben, Rick und Tashi, unser smarter tibetischer Kulturbeauftragter, sind schwer damit beschäftigt, Permits zu besorgen. Anschließend sind die Umgebungsreize wieder so groß, dass wir alle Drangsal vergessen und uns zwischen den Checkpoints völlig frei fühlen.

Vor allem, weil Tom die Teilnehmer auch alleine fahren lässt. Man trifft sich an Attraktionen, wo ohnehin jeder anhält. Kein Gruppenzwang, aber die Sicherheit einer Organisation, falls mal etwas schiefgeht. Wir geraten in die glückliche Lage, dass die Mitglieder der Gruppe einander mögen. Neben unserer Route verläuft die Bahnstrecke Peking - Lhasa. Seit 2006 ist dieses wichtigste Element der chinesischen Modernisierungsstrategie in Betrieb. Drei Milliarden Euro hat das 4046 Kilometer lange Prestigeprojekt verschlungen.

Die Bahn muss auf ihrer 48-stündigen Fahrt Höhen von mehr als 5000 Meter überwinden und besitzt eine eigene Sauerstoffversorgung. Ein Zug naht, doch unsere Aufmerksamkeit gebührt der Straße, die laufend von Schweinen, Ziegen, Schafen und Hunden überquert oder als Platz für die Mittagsruhe genutzt wird. Festlich gekleidete Pilger mit großrädrigen Karren, auf denen ihr ganzes Gut liegt, strömen Richtung Lhasa. Mitunter brauchen sie ein ganzes Jahr, um den prächtigen, weltbekannten Potala-Palast, Sitz des abwesenden Dalai Lama, zu erreichen. Sie campieren am Straßenrand, entzünden Feuer in ihren Zelten und verschwinden im Dieselruß der Lastwagen. Endlich angekommen, umrunden die Pilger den Potala- wie auch den Jokhang-Tempel im Uhrzeigersinn, begeben sich auf die "Kora", wie der Rundgang heißt. Murmeln religiöse Verse und drehen ihre Gebetsmühlen. Dazwischen verkaufen zugewanderte Chinesen, die rund ein Drittel der 690000 Einwohner Lhasas ausmachen, Waschmittel und billige Elektrogeräte.

Alles andere als billig ist das Innere des Potala-Palastes. Was die Chinesen nach der Kulturrevolution übrig gelassen oder wieder hineingestellt haben, blendet unsere Augen. Tonnen von Gold sollen in den Buddhafiguren, den Grabstätten (Tombs) und Reliquienenschreinen (Stupas) verarbeitet sein, ein Raum ist prachtvoller als der andere. Düfte, Farben, Formen, eine geballte und innige Religiosität, die von Greisen bis Babys alle Tibeter beseelt, nehmen uns den Atem. Dazwischen checken chinesische Spitzel die Führungen. Als Touristen, Mönche oder Feuerwehrleute verkleidet, sind sie nach einiger Zeit leicht zu enttarnen. Tashi formuliert seine Erklärungen mit Bedacht, Tränen glänzen in seinen Augen. Ein regimekritisches Wort während seiner Erklärungen, und er landet im Knast.Das passiert nicht, stattdessen finden wir uns einen Tag später auf den tief verschneiten Höhen des über 5000 Meter hohen Passes Mi La beim Übergang in die Provinz Kham wieder.

Riesige Yak-Herden, Nomadenzelte und zutrauliche Kinder machen wir im dichten Schneetreiben aus. Vorsichtig ins Tal getastet, dann treffen wir uns zum Mittagessen in Shungdor. Endlich wieder Yakbutter-Tee, acht Tassen müssen es sein, dann reicht die Kraft für die endlose Buckelpiste nach Bayi und die Aufmerksamkeit für große Yaks und kleine, schwarze Schweine, die immer dann unbedingt über die Straße müssen, wenn sie unsere Yamaha herannahen hören. Anderntags rollen wir vor einem kleinen Kloster aus. Außer uns keine Touristen, eine intime Wohlfühlatmosphäre aus Willkommensein und der Bereitschaft, religiöse Andacht mit den Fremden zu teilen. Der zweite Stopp gilt dem prächtigen Kloster Lamaling, wo wir das Privileg erhalten, den 95-jährigen Lama zu besuchen, und Zeuge werden, wie ein großer Ziegenbock einem offenkundigen chinesischen Spitzel seine Hörner in die Weichteile rammt.

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Foto: Biebricher/Werel
Pang-La-Pass mit 100 Kehren auf dem Weg zum Mount Everest.
Pang-La-Pass mit 100 Kehren auf dem Weg zum Mount Everest.

Auf dem steinigen Parkplatz bricht der Seitenständer von Hermanns Jialing. Kein Thema für die Improvisationskünstler der örtlichen Schmiede, doch kurze Zeit später, nachdem wir den wilden Windungen des Yarlung Tsangpo gefolgt waren und die Landschaft karger geworden war, reißt auch noch Hermanns Kette. Mechaniker Jason zieht in kürzester Zeit Ersatz auf, sodass die Fahrt schnell an den riesigen Sanddünen entlang des Flusses bis nach Langxian weitergehen kann. Ab hier staucht eine wilde Piste Federelemente und Bandscheiben. Wir teilen unser Picknick mit einem 93-jährigen Nomaden am Fluss. Sein Gesicht ist so zerfurcht wie der Himalaja. Zähne besitzt er nicht mehr. Also Bananen und eine Zigarette.

Dann stauben die Motorräder die Folterpiste zum Budrang-La-Pass (4910 Meter) hinauf, eine Herausforderung für Mensch und Maschine. Ich bekomme kaum noch Luft, auch die Yamaha nimmt nur noch wenig Gas an, und Hermanns Jialing zieht eine bedrohliche Rauchfahne hinter sich her. In einer Haarnadelkehre mit Sand, Geröll und Spurrillen kommt ein riesiger Sattelschlepper entgegen, manövriert sich millimeterweise an der Schlucht entlang. Bleibt er stecken, kann man ihn hier oben nur noch auseinanderflexen. Die Motorräder schaffen es ohne Verluste hinunter in die Provinz Ü, dem historischen und kulturellen Herzen des Landes. Das Tal des Yarlung Tsangpo gilt als die Wiege der tibetischen Zivilisation, denn es waren die hiesigen Könige, die im siebten Jahrhundert das Land einten. Zwischen kleinen Feldern und Sanddünen liegen zahlreiche Klöster und Tempel wie hingewürfelt.

Schon saugt mit dem Kamba La der nächste 5000er Pass an der unerschrockenen Gruppe. Endlose Kehren, dann der Durchbruch auf die andere Seite: eine Landschaft, die auf einem fremden Planeten liegen könnte, der Yamdrok-Yumtso-See und ferne 7000er Ketten rauben noch mehr vom kostbaren Atem. Den Karo-La-Pass, zwischen Nangartse und Gyantse gelegen, schafft die Yamaha nicht mehr aus eigener Kraft. Toms dicke BMW GS Adventure zieht uns hoch und schenkt uns so einzigartige Blicke auf den Gletscher des 7140 Meter hohen Nojin Kangtsang. Bis Gyantse mit seiner gigantischen Festung und seiner 35 Meter hohen Stupa tuckert der Einzylinder dann wieder zuverlässig, auch durch die Wüste entlang des Nyang-Flusses und auf der "Straße der Freundschaft", die Lhasa mit Kathmandu in Nepal verbindet. Den höchsten Pass unserer Tibet-Tour, den Lhakpa La mit 5248 Metern, schafft die Yamaha dann wiederum nur mühsam im zweiten Gang. Kurze Zeit später leuchtet der höchste Berg der Welt in unsere Seelen. Zum Greifen nah steht der Mount Everest, den die Tibeter Qomolangma nennen, im Abendlicht. Dabei ist er noch 160 Kilometer entfernt. Eine Distanz, die wir von Tingri aus über eine üble Piste mit Wellblech, Sand, Schotter, 100 Haarnadelkurven und dem Pang-La-Pass (5150 Meter) mühevoll verringern. An einem Checkpoint wird uns sogar das Lachen verboten, doch die Aussicht, das Everest Base Camp mit dem Motorrad zu erreichen, lässt alle Mühsal klein werden. Am Rongbuk-Kloster, dem höchstgelegenen der Welt, treffen sich Yak-Karawanen mit Reis, Tsampa und dem begehrten Brennstoff Yak-Dung. Wettergegerbte Sherpas bewundern Toms GS, die er Claudia und mir für die Expedition Basislager geliehen hat. Endlich schaffen wir es, unser aller Traum wird war, der Chef aller Berge zeigt für 30 Minuten seinen Gipfel in schwindelnder Todeszone. Dann versteckt er das göttliche Haupt wieder in schneeschwangeren Wolken, während die Gruppe dem Riesen verzückt zu Füßen liegt und in einem der Base-Camp-Zelte Yakbutter-Tee und Reis gereicht bekommt.Auf der Rückreise liegt der Lhakpa La erneut auf unserer Route. Eine gewisse Yamaha läuft heute wie der Teufel, als wolle sie vergangene Schmach und Kurzatmigkeit wettmachen. Die 5270 Meter der Passhöhe sind ihr nicht genug. Sie verführt mich, sie über loses Geröll auf einen nahe gelegenen, gebetsfahnenverzierten Gipfel zu treiben, der noch mal gut 200 Meter höher liegt. Oben ist der Blick weit, Everest, Lhotse, Cho Oyu und Makalu grüßen herüber, kristallklare Sicht, Kälte schneidet in die Kombi. Vom Pass aus quälen sich Claudia und Gerd zu Fuß herauf, Sauerstoffvorräte in der Hand, oben steht ein Mensch auf dem Dach der Welt und ist endgültig atemlos.

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Touren-Infos

Reisedauer: 14 Tage
Gefahrene Strecke: 3000 Kilometer

Allgemeines: Tibet fasziniert mit ergreifender Geschichte, tiefreligiösen Menschen und vielfältigen, wilden Landschaften. Das Land wird von den höchsten Bergen der Erde umrahmt, was viele Jahrhunderte für eine ungestörte Blüte der tibetischen Kultur sorgte. Dennoch ist die tibetische Geschichte zumindest auf politischer Ebene reich an Auseinandersetzungen mit China und anderen Ländern. Zwischen 1950 und 1970 brachte China die tibetische Hochebene endgültig unter seine Kontrolle, jagte den geistigen Führer Tibets, den Dalai Lama, und 100000 Tibeter ins Exil nach Indien und zerstörte systematisch den größten Teil des geschichtlichen und kulturellen Erbes des Landes. Dazu gehörte ein Großteil der gut 6000 buddhistischen Klöster auf tibetischem Boden. Einige werden wieder aufgebaut, weil Peking das touristische Potenzial erkennt, die Kraft des Buddhismus unterschätzt hat und weitere Unruhen unter den Gläubigen fürchtet. Seit Jahren setzt die Zentralregierung alles daran, den Tibetern die technischen Errungenschaften moderner chinesischer Zivilisation, aber auch kommunistische und kapitalistische Ideologien aufzuoktruieren, was nicht nur Proteste und Aufstände zur Folge hatte, sondern auf bestimmten Ebenen auch Vorteile brachte. Dennoch setzt Chinas Kulturpolitik samt ihren Bildungsinhalten dem ursprünglichen Tibet hart zu. Zudem flutet Peking das Land mit Han-Chinesen. Die Zahl der Tibeter nimmt ab, und einfache Bauern haben keine Chance, am rasanten Fortschritt teilzuhaben. Auskünfte zum Rohstoffabbau in der ressourcenreichen Provinz Tibet gibt Peking ebenso wenig wie zum Thema Atom-Endlagerstätte oder Armeepräsenz. Tibet bleibt ein heikles Thema, doch der Mythos vom sagenumwobenen, weltentrückten "Schneeland" lässt sich nicht so
leicht ausrotten und zieht Reisende magisch an.

Motorradreisen in Tibet: Individuelle Motorradreisen sind aufgrund der politischen Situation so gut wie nicht möglich. Rigide Einreisebestimmungen, Streckengenehmigungen, chinesische Führerschein- und Versicherungspflicht sowie zahlreiche militärische und polizeiliche Checkpoints würden jeden Versuch scheitern lassen. Eine Alternative ist die Teilnahme an einer organisierten Motorradreise. Der weltweit führende Anbieter von organisierten Motorradreisen, die Firma Edelweiss Bike Travel aus Mieming/Tirol, bietet die beschriebene Tibet-Tour an. Die Reiseprofis sorgen neben einem eigenen Tourguide für einen chinesischen Spezialisten, der dank jahrelanger Kontakte alle Genehmigungen einholt und dabei von einem tibetischen Guide assistiert wird. Dieser fungiert in den Klöstern als Kulturbeauftragter. Edelweiss sorgt zudem für ein Begleitfahrzeug, das einen Mechaniker, Gepäck, Benzinvorräte, ein medi-
zinisches Notfallpaket sowie Nahrung und Getränke für das Picknick unterwegs transportiert.


Motorräder: Zur Auswahl stehen chinesische Viertakt-Einspritz-Einzylinder vom Typ Jialing JH 600, die sich als Softenduro mit etwa
38 PS und geringer Sitzhöhe gut für weniger erfahrene Piloten eignen, denen aber das letzte Quantum technischer Perfektion (noch) abgeht. Yamaha XT 660 Z Ténéré meistern mit gutem Offroad-Fahrwerk auch schwierige Pisten, während BMW R 1200 GS mit ausgeprägtem Reisekomfort und Leistungsreserven verwöhnen.
Kosten: zwischen 4800 und 7980 Euro, je nach Motorradtyp und Zimmerwunsch. Alle Informationen: www.edelweissbike.com oder gebührenfrei aus ganz Europa: Telefon 0 08 00/3 33/5 93/4 77. Preise und Aufwand sind hoch, doch die Tour ist ein grandioses Erlebnis.


Voraussetzungen: Offroad-Erfahrung und Ausdauer sind notwendig, auch wenn die Anzahl abenteuerlicher Schotterpisten dank chinesischer Asphaltierungswut abnimmt. Tibeter und Chinesen pflegen einen krassen Fahrstil,
an den man sich erst gewöhnen muss. Genauso wie an Sauerstoffmangel und klimatische Be-
dingungen, die Wetterkapriolen und extreme Temperaturunterschiede einschließen.

Buchtipp

Der Tibet-Führer von Oliver Fülling aus dem Stefan Loose Verlag für
22,95 Euro hat sich aus dem Tibet-Reiseführer-
Angebot für die Autoren als informativstes
und nützlichstes Werk herauskristallisiert.

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