Unterwegs Italian Legendary Tour 2009

Bekleider Dainese lud zur "Italian Legendary Tour" mit drei Weltmeistern ein. Das Los entschied, welche Kunden und Händler auf Firmenkosten das Beste italienischer Motorradkultur so der nicht gerade bescheidene Anspruch erleben durften.

Foto: Dentges
Darf man eigentlich auf italienischen Landstraßen Tempo 150 fahren? Legenden wie Giacomo Agostini dürfen. Unvermittelt jedoch verlangsamt der mehrfache Grand-Prix-Weltmeister seine Maschine und tuckert mit 80 km/h über die Bergstrecke. Und keiner traut sich so recht, die Rennlegende zu überholen. Immer wieder nimmt er eine Hand vom Lenker, beugt sich nach vorn, gibt Gas, bremst, beschleunigt, beugt sich erneut nach vorn. Der seltsame Fahrstil erledigt sich nach ein paar Minuten - die eingegangene SMS auf seinem Mobiltelefon scheint offenbar einhändig und unfallfrei beantwortet, und Ago gibt wieder Gas. Agostini ist eines der Aushängeschilder für die Italian Legendary Tour, ausgedacht vom Motorrad-Bekleidungsspezialisten Dainese aus Vicenza mit dem Ansinnen, Kunden und Premium-Händlern etwas Schönes zu bescheren, vielmehr: das Schönste und Beste, was Italien Motorradfahrern bieten kann. Der 67-jährige Agostini zeigt sich jedenfalls nur von der besten Seite und setzt bei jedem Stopp seinen Helm ab, schaut in den Rückspiegel und legt sich mit den Fingern zunächst jede einzelne Strähne seiner Haare sorg-fältig zurecht. Eine Gewinnerin aus Frankreich, die mit ihrem Mann angereist ist, kommt auf Agostini zu und fragt, ob sie einmal als Sozia mitfahren dürfe. Nonchalant bejaht der Ex-Rennfahrer, bietet ihr das Sitzbrötchen der MV Agusta Brutale an und swingt mit der aufgeregten Dame von Kurve zu Kurve.
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Foto: Dentges
Auch Marco Lucchinelli, 500er-Weltmeister von 1981, dient gern als Chauffeur. Einmal für seinen kleinen Pinscher-Mischling namens „Mami“, der im Tankrucksack der Ducati ST 3 mitreist, und außerdem für eine Reporterin einer italienischen Frauenzeitschrift, die von der Tour Wind bekommen hat. Der große Ohrring, die polternde Stimme und verwaschene Tätowierungen verleihen Lucchinelli die Aura eines Freibeuters. Der illustre Weltmeister ist tatsächlich kein Kind von Traurigkeit, verbrachte in der Vergangenheit einige Zeit hinter Gittern (Drogenhandel), konnte in Spanien nie ein Rennen gewinnen (?Zu viel Fiesta vor den Rennen") und ist Vater von zweieinhalb Kindern (zwei bereits erwachsene, die Geburt des dritten steht kurz bevor). Sein Gesicht ist selbst jüngeren (italienischen) Motorradfahrern bekannt, so wundert es kaum, dass an einer Tankstelle ein Sportmotorrad-Fahrer in den Zwanzigern begeistert herübergelaufen kommt und dem 55-jährigen Lucchinelli wie ein Gangmitglied mit eingedrehtem Handschlag überschwänglich begrüßt.
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Foto: Dentges
Tour-Teilnehmer Florian aus Berlin kannte Lucchinelli bisher nicht. Agostini auch nicht, ebenso wenig MV Agusta und Moto Morini. Alles Neuland. „Weeste, ick kenn' gerade mal den Max Biaggi und Ducati, dit andere sagt mir jetzt nicht so viel“, erklärt er fast schon entschuldigend. Wie Alice im Wunderland lässt er die Eindrücke auf sich einwirken. Sein Glück kann er noch gar nicht fassen. Vor einiger Zeit hat er sich von seinem kargen Studentenjobgehalt eine neue Dainese-Jacke abgespart, dann kam eine Mail: „Sie haben gewonnen. Die er gleich mal als Spam klassifiziert und gelöscht hat, denn im heutigen Internetzeitalter ist ja jeder dauernd Gewinner. Erst nachdem ein Dainese-Mitarbeiter direkt aus Italien angerufen hat, um ihm mitzuteilen, dass der Gewinn keine Internetfalle ist, wurde ihm bewusst, welch ein Glück er hat. Tagsüber sitzt er nun auf absoluten Traummotorrädern von Ducati, MV Agusta und Moto Morini, abends bei Pasta und Grappa zusammen mit Weltmeistern zum Anfassen. Lucchinelli offeriert der Frauenzeitschrift-Reporterin wahrscheinlich noch ganz andere Möglichkeiten, die sie allerdings höflich ablehnt. Lucchinelli fährt also lieber mit seinen zotigen Witzen fort, faltet ein Streichholz wie gespreizte Frauenbeine und erzählt Anekdoten aus seiner wilden Zeit als aktiver Rennfahrer.
Foto: Dentges
Der Superbike-Pilot und mehrfache Grand-Prix-Weltmeister Max Biaggi, ebenfalls vom Sponsor auf Tour geschickt - kaut währenddessen lieber an seinen Fingernägeln. Beinahe schon schüchtern verkriecht er sich im Hintergrund, gibt aber brav Autogramme, posiert fürs Foto und hört zu, was die Tourguides zu berichten haben. Eher selten ergreift er das Wort. Wenn aber doch, dann kommt ein kaum enden wollender Schwall schnelles Italienisch aus seinem Mund. Es geht um Motorräder, Rennen und Motoren und Fahrwerksabstimmungen und Rennen und... um die Geburt seines ersten Kindes. Hoppla, der 39-Jährige wird in den nächsten Tagen Vater, deshalb sitzt er während der Italian Legendary Tour auch auf heißen Kohlen und verabschiedet sich immer schnell nach Pflichterfüllung.
Foto: Dentges
Zweiter Tag, die Königsetappe: Auf der Sella-Passhöhe, 2240 Meter Höhe, Mitte September, italienischer Spätsommer: Es ist extrem kalt und außerordentlich unwirtlich. Um null Grad, Schneeflocken bleiben auf dem leicht vereisten Asphalt liegen, dunkelgraue Wolken verhüllen wie ein schwerer Vorhang die wenigen Lichtstrahlen eines Tages, der vermutlich mit dem übelsten Wetter dieses Jahrhunderts in die Aufzeichnungen eingehen wird. Bewusst, gewollt, mit Ansage. Wenn jemand zu einer Tour ein-lädt, die eine Legende werden soll, dann ist alles Extreme und Außerordentliche gerade-zu die Maßgabe. Ob sich Tour-Veranstalter Dainese das allerdings so vorgestellt hat?
Foto: Dentges
Florian bekommt jedenfalls Muffensausen. Erstens, weil er außer ein paar Kurven rund um Berlin (welche eigentlich?) keine richtigen Motorradstrecken kennt. Zweitens, weil sich die italienische Leihmaschine in den Alpen eben doch etwas brutaler benimmt als seine vergleichsweise zahme Kawasaki Z 1000 daheim. Und drittens, weil seine Finger in den komplett durchnässten Lederhandschuhen sich wie zehn Eis am Stil anfühlen. Die Passabfahrt liegt noch vor ihm, insgesamt sind es rund 20 Kilometer bis zum Hotel. 20 Kilometer, die wie eine Antarktis-Durchquerung, Weltumsegelung und Everest-Besteigung zugleich anmuten. Im Schritttempo eiern Florian und seine tapferen Mitstreiter den Berg hinunter - alle auf hochemotionalen und typisch kapriziösen italienischen Maschinen. Einige Fahrer tragen Rennkleidung aus perforiertem Leder, umhüllt lediglich von dünnen Regenkombis. Durch die Bank weg sind alle für dieses Wetter zu dünn angezogen.
Foto: Dentges
Die geplante Traumrunde gerät kurzzeitig also zum Alptraum. Schmerzen in den Fingern statt Knie am Boden, Bibbern statt Heizen. Florian ist trotzdem Gewinner. Ex-Weltmeister Max Biaggi hat unter diesen Bedingungen nämlich schon längst das Handtuch geschmissen. Beziehungsweise haben die Verantwortlichen von Dainese die Reißleine gezogen, schließlich ist das Fahren in dieser Mischung aus Schnee und Regen auf höchst anspruchsvollen Strecken nicht nur Wahnsinn, sondern auch gefährlich. Die Gruppe rund um Florian, dem 26-jährigen Berliner, hat vom Tourabbruch allerdings nichts mitbekommen und ist in Richtung Sella-Höhe weitergerauscht.

Runter kommen sie alle - und sogar ohne größere Verluste. Und diese Helden haben den Tourabbrechern, die bei Espresso, Gnocchi und Saunabad im beheizten Hotel auf die Vermissten warten, nun eines voraus: Dieser Tag wird für jeden von ihnen zur Legende. Markus, ein anderer deutscher Gewinner aus Dortmund, erzählt mit wiedergewonnener Freude und nach halbstündiger Warmwasser-Behandlung seiner Hände: „Davon werde ich noch meinen Enkeln berichten, so was hab' ich noch nicht erlebt." Diego, italienischer Barkeeper in München, ebenfalls Passbezwinger, schlottert zwar noch am ganzen Leib, schwärmt aber wie ein Tourismus-Direktor der Region.
Foto: Dentges
Keine Frage: Der eigentliche Plan, an diesem Tag 300 Kilometer über feinste Passstraßen zu kurven (bei diesen Strecken im wahrsten Sinne, denn gerade Abschnitte finden sich hier kaum), hätte den Teilnehmern sicherlich mehr zugesagt. Der Stopp in Cortina mit Empfang durch Bürgermeister und Musikkapelle musste eben-falls storniert werden. Wie auch eine exklusive Seilbahnfahrt zum Panoramapunkt Lagazuoi auf fast 3000 Metern. Schade, denn alles bei der Italian Legendary Tour war liebevoll vorbereitet worden, und am ersten Tag ließ es sich mit vielen tollen Abschnitten zwischen Vicenza und San Pellegrino auch gut angehen.

Jetzt aber kommt die Sonne raus, und beim nächsten Halt nutzt Florian die Gelegenheit für ein Foto: der junge Snowboarder, Rock-Fan und Großstadt-Hipster neben dem altehrwürdigen Grand-Prix-Star. Eine auf jpg-Format gebrannte Erinnerung an große Momente in Italien, an eine einmalige Tour und daran, dass man manchmal einfach Glück im Leben hat. Schnee und Regen sind vergessen. Und Florian hätte nichts dagegen, irgendwann mal wieder ein Gewinner zu sein.

Dainese plant zumindest schon jetzt die nächste Italian Legendary Tour. Toskana, Sardinien, Sizilien? Zusammen mit Valentino Rossi? Würde als lebende Legende auch gut dazu passen...
Zeichnung: Archiv

Infos

Wer sich während des Aktionszeitraums (Tour übrigens auch für 2010 wieder geplant) mit Dainese-Artikeln im Wert von mindestens 250 Euro ausgestattet und sich im Internet unter www.dainese.com (D-Club) angemeldet hatte, besaß die Chance, mit dabei zu sein. Unabhängig von der Auslosung steht es jedem Fan italienischer Motorrad-Kultur natürlich frei, auf eigene Faust seine eigene Legendary Tour zu fahren. Von Mai bis Ende September sind die Chancen am besten, in den Dolomiten auch die über 2000 Meter hohen Pässe bei Sonnenschein zu überqueren. MOTORRAD hat das Roadbook der diesjährigen Italian Legendary Tour gemopst und stellt an dieser Stelle die komplette Streckenführung zur Verfügung. Viel Spaß in Italien!
Zeichnung: Archiv
Tag 1: Durchs Grappa-Land - von Vicenza nach San Pellegrino
Tourbeschreibung: Vicenza (hübsche Altstadt) - Caldongo-Schio - Valli del Pasubio - auf SP 46 weiter nach Rovereto (ab hier sehr kurvenreich) - Umweg über Nagoredo (Grappa-Destillerie Marzadro) - weiter auf SS 12 bis zur SS 350 bei Calliano - Passo di Sommo - bei Carbonare auf SS 349-Passo della Fricca - über SP 1 und SS 47 nach Levico-Roncegno/Borgo Valsugana - auf SP 31 zum Passo Manghen (wunderschöner, schmaler Pass über 2000 Meter, fahrtechnisch anspruchsvoll, uriger Gasthof auf Passhöhe) - in Molina auf SS 48 nach Predazzo - in Moena auf SS 346-Passo San Pellegrino (1918 Meter)
Tageskilometer: 216 km
Reine Fahrtzeit: 4-5 h
Fahrtechnik: überwiegend leicht bis mittel (Passo Manghen schwer)

Tag 2: Die Königsetappe - große Dolomiten-Runde nach Canazei
Tourbeschreibung: San Pellegrino-Moena - auf SS 48 in Richtung Pozza di Fassa - in Vigo di Fassa auf SS 241 - über Passo Costalunga (1752 Meter) und Passo (Via) Nigra (1690 Meter) nach Tires – Sciliar – Siusi - über Passo (Via) Pinei nach Ortisei-weiter auf SS 242 nach Selva-Passo Gardena (2137 Meter) - auf SS 243 nach Corvara - auf SS 244 nach La Villa-auf SP 37 und SP 24 über Passo Valparola (2191 Meter, beeindruckendes Militärmuseum) und Passo Falzarego (2117 Meter) - auf SR 48 nach Pocol - ab Cortina d’Ampezzo optional eine Passrunde über SS 51, SS48/49, SP 49 und SR48 (hinter Misurina mit Passo Cimanbanche, 1530 Meter) und Passo Tre Croci (1809 Meter) - Cortina d’Ampezzohinter Pocol auf SP 638 zum Passo Giau (2236 Meter) - Selva di Cadore-auf SP 251 über Pescul und Dont zum Passo Duran (1601 Meter) – Agordo - auf SR 203 nach Alleghe und Caprile - abbiegen auf Passo Fedaia (2057 Meter) – Canazei
Tageskilometer: 310 km
Reine Fahrtzeit: 8-10 h
Fahrtechnik: mittel bis schwer

Tag 3: Ciao, ciao, Dolomiti Sella Ronda und zurück nach Vicenza

Tourbeschreibung: Canazei - auf SS/SR 48 über Passo Podoi (2057 Meter) nach Arraba-auf SS 244 über Passo Campolongo (2057 Meter) nach Corvara - auf SS 243 über Passo Gardena (2137 Meter), weiter auf SS 242 zum Sella-Joch und nach Canazei - auf SS 48 über Moena nach Predazzo - auf SS 50 über den Passo Rolle (1981 Meter) nach Fiera di Primieroweiter bis Pove di Grappa (Besuch der Brauerei Ai Trenti) - ab Bassano del Grappa auf SS 248 bis zum Start/Ziel Vicenza
Tageskilometer: 258 km
Reine Fahrtzeit: 6-8 h
Fahrtechnik: mittel

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