Unterwegs Kroatien Mission Inselhüpfen

Wenige Länder sind so reich an Inseln wie Kroatien: 1185 Eilande gibt es, nur 67 davon sind bewohnt. Das verspricht landschaftliche Abwechslung zwischen mediterranen Küsten, wilden Bergen und pittoresken Orten. Jo Deleker (Text und Fotos) blickte aber auch auf die Narben eines schrecklichen Krieges.

Der erste Eindruck eines Landes prägt nicht selten die Erwartung auf die bevorstehende Reise. Insofern müsste Kroatien ein fantastisches Land sein, denn die Ankunft hätte ich mir nicht besser vorstellen können. Morgens um halb sieben legt die dreiviertelleere Fähre von Bari kommend in Dubrovnik an. Die XT rollt im warmen Morgenlicht und bei subtropisch milder Temperatur auf kroatischen Boden, wird vom Grenzpolizisten einfach durchgewunken. Ein Geldautomat spuckt ohne Zicken einen Packen frische Kuna aus, dessen erste Scheine sofort in Croissants und Kaffee umgesetzt werden. Die Aussicht auf die historische Altstadt von Dubrovnik macht sprachlos: Hinter den massiven Mauern, bis zu sechs Meter dick und 30 hoch, versteckt sich ein Ensemble bestens restaurierter alter Häuser.

Den optimalen Blick auf die Stadt verspricht aber der Berg Srd. Eine schmale Straße klettert zum 400 Meter hohen Gipfel und offenbart ein atemberaubendes Panorama. Weit unten liegt Dubrovnik, eine der schönsten Städte Europas, und dahinter verliert sich ein Dutzend Inseln jeglicher Größe im Mittelmeer. Trotzdem sorgt dieser Ausblick der Extraklasse nicht nur für Euphorie, sondern auch für einen dicken Kloß im Hals. Hier oben steht die von serbischer Artillerie zerbombte Bergstation der früheren Seilbahn, ein deprimierendes Denkmal aus zerborstenem Stahlbeton, Erinnerung an die grausamen Jahre des Jugoslawien-Krieges, dessen Ende gerade mal 18 Jahre zurück liegt.


Anzeige
Foto: Deleker

Ich suche mir einen Campingplatz, bevor ich in aller Ruhe das tausendjährige Dubrovnik erkunde. Im Mittelalter eiferte Ragusa, so der damalige Name der Stadt, mit Venedig um die größte Seemacht im Mittelmeer. Der Prunk der fetten Jahre ist noch heute zu erkennen, mit Marmor gepflasterte Gassen, wunderschöne Paläste, Adelshäuser und Kirchen, ein aufregendes Freiluftmuseum für Architektur und Kultur. Heute sorgen Touristen für den Reichtum der Stadt, schlendern durch sündhaft teure Boutiquen und Kunstläden, bevölkern Eiscafés und Restaurants. Das Leben könnte italienischer kaum sein.

Anderntags gebe ich mir das komplette Kontrastprogramm, wage einen Abstecher ins nahe Bosnien-Herzegowina. Der Grenzer versteht mich nicht, ich ihn genauso wenig. Er scheint etwas ratlos, bis ich ihm meinen Pass gebe, er den Stempel reindrückt und mir emotionslos zunickt. Also fahren. Das Land und der Himmel scheinen zur Mimik des Grenzers zu passen: grau und konturlos. Die fast verkehrsfreie Straße windet sich durch unbesiedelte Hügel. Schwarz verkohlte Büsche auf weißem Kalkstein zeugen von den verheerenden Bränden des letzten Sommers.

Die erste größere Stadt – Trebinje – macht mich zum Analphabeten, alle Schilder sind kyrillisch. Ich fahre der Nase nach und finde tatsächlich den richtigen Ausgang, die M20 nach Norden. Die Berge werden höher, der Himmel heller, die Büsche grüner. Schon sieht alles viel freundlicher aus. Anders als in Kroatien sehe ich kaum neue Autos. Yugos, Zastavas und Ladas prägen das Bild. Aber das Lieblingsmobil der Bosnier scheint der VW Golf II zu sein.

Tourismus findet hier nicht statt. Keine Hotels, keine Hinweise auf Sehenswürdigkeiten, die Adriastrände sind weit. Über Nebenstraßen rolle ich westwärts, komme durch kleine Orte zwischen karstigen Tausendmeter-Bergen und erreiche schließlich Stolac. Eigentlich ein netter Ort mit einer Burg, einer Kirche, zwei Moscheen und Straßencafés, in denen ausschließlich Männer hocken. Wenn da nicht die vielen zerschossenen und ausgebrannten Häuser wären und ein viel zu großer Friedhof mit neuen Grabsteinen. Der Krieg bekommt ein Gesicht, der Kloß im Hals schwillt an. Und doch geschieht noch etwas Freundliches, Lebendiges: Ein hupender Konvoi von locker 30 Autos lärmt durch die Stadt, eine Hochzeitsgesellschaft. Lachende Gesichter, aus geöffneten Fenstern werden Bonbons geworfen.

Anzeige
Foto: Deleker

Trotzdem bin ich erleichtert, als ich abends wieder in Kroatien bin und die Insel Pelješac anpeile. Die Straße kurvt durch üppig grüne Berge, die Hänge sind dicht mit Steineichenwäldern und Weinstöcken bewachsen. Hier gedeiht der berühmte schwere Rotwein Dinga?, aber auch der nicht ganz so exklusive Plavac, den ich abends im Restaurant von Podgorje mit dem gebotenen Respekt teste. Die Speisekarte verrät dazu in holprigem Deutsch: „Plavac Badel, genießbar, sehr zugänglich, gemäßigter Abgang.“

Auf der anderen Seite der Meeresenge, die Pelješac von Korcula trennt, lockt die mittelalterliche Stadt gleichen Namens. Berühmtester Sohn von Korcula ist Marco Polo, der legendäre Weltreisende. Im 13. Jahrhundert erkundete er auf jahrelangen Reisen völlig unbekannte Regionen wie Tibet, Madagaskar und Japan. Dann verfasste er sein Buch „Weltbeschreibung“, das nach der Bibel am meisten übersetzte literarische Werk.

Die Insel Korcula kann mit dem Charme von Pelješac nicht mithalten, und so bin ich abends zurück in Podgorje. Die nächste Fähre schippert mich hinüber zum Festland nach Ploce, wo ich auf die Jadranska Magistrale treffe, jene für ihre Schönheit berühmte Küstenstraße, die sich von Rijeka 600 Kilometer weit bis Dubrovnik schlängelt. Aber noch hält sich die Schönheit in Grenzen, die Sicht übers glasklare Meer ist zwar nicht schlecht, aber die hohen Berge der Dalmatischen Alpen hüllen sich in finstere Wolken. Zudem nerven unzählige Wohnmobile und Lkw, die flüssiges Fahren vereiteln. Und dann gibt es noch die absurden Tempolimits. Vor jeder Kurve, egal wie weit der Radius auch sein mag, bremsen mich 50er- oder 60er-Schilder ein. Selbst eine voll beladene Boss Hoss würde bei diesem Tempo niemals ihre bescheidene Schräglagenfreiheit ausnutzen.

Zu gerne wäre ich die Bergstraße hoch auf den 1762 Meter hohen Svetli Jure gefahren, aber Blitz und Donner treiben mich weiter nach Trogir. Eine Stadt zum Wohlfühlen. Uralte Gemäuer, schmale gepflasterte Gassen, die breite von Palmen gesäumte Uferpromenade mit zahlreichen Cafés, wunderschöne hölzerne Segelschiffe am Kai und über allem wacht das mächtige Kastell. Nur das Moped muss mal wieder draußen bleiben aus der historischen Altstadt.

Foto: Deleker

Das Wetter meint es weniger gut mit mir, über der Adria liegt ein ortsfestes Tief. Also plane ich um, verlasse das Meer und nehme Kurs auf den Nationalpark Plitwicer Seen nahe der bosnischen Grenze. Kaum habe ich die Küste hinter mit gelassen, ändert sich die Szenerie: eine überraschende Weite im üppigen Grün mit alten Buchenwäldern, ein paar kleine Orte und am Horizont hohe Gebirgszüge. Außer mir ist kaum jemand unterwegs. Tempo 90 und genießen. Das Kapital Kroatiens ist die Adria, ins Landesinnere verirrt sich kaum ein Tourist.

Außer zu den Plitwicer Seen, Unesco-Welterbe und touristischer Anziehungspunkt im Hinterland. Die Plitwicer Seen sind ein einzigartiges Gesamtkunstwerk der Natur. Seit Jahrtausenden knabbern sich unzählige Bäche, Flüsse und Kaskaden durch den weißen Kalkstein, haben 16 Seen geschaffen, eine fast subtropisch dichte Vegetation und alle nur denkbaren Formen von Wasserfällen von winzig bis 36 Meter Höhe: schmal, breit, wuchtig, verspielt, donnernd, glucksend, rauschend oder murmelnd. Den ganzen Tag laufe ich über hölzerne Stege und schmale Waldwege, kann mich kaum satt sehen an der Wasserwelt, in der schon Winnetou und Old Shatterhand den Schatz im Silbersee gesucht haben.

Für den Rückweg zum Mittelmeer suche ich mir die kleinsten Straßen auf der Landkarte. Manch eine mutiert ganz von selbst zur steinigen Piste, ein Geschenk für die XT. Disteln, Mohn und Ginster schwingen im warmen Wind. In kleinen Orten wie Donji Lapac, Udbina oder Barlete finde ich nette Cafés, wo garantiert niemand Englisch oder Deutsch spricht. Ab und zu treffe ich aber auch auf Spuren des mörderischen Balkan-Kriegs, den ich schon damals nicht verstanden habe, und der so gar nicht in diese friedliche Landschaft zu passen scheint. Krieg ist überall ein Fremdkörper. Serben schossen auf Kroaten, bosnische Muslime auf christliche Kroaten, serbische Kroaten auf kroatische Serben und serbische Serben warfen Bomben auf kroatische Städte. Im jugoslawischen Vielvölkerstaat kämpfte anscheinend jeder gegen jeden. Selbst Nachbarn gingen aufeinander los, nur weil sie unterschiedlichen Volksgruppen an-gehörten. Von Kugeln durchsiebte Häuserruinen und Minen-Warnschilder – nicht wenige der perversen Landminen sind Made in Germany – erinnern noch heute an den furchtbarsten Krieg, den Europa nach 1945 erlebt hat.

Foto: Deleker

Vor mir tauchen die hohen Berge des Velebit auf, reißen mich aus der düsteren Stimmung. Die Straße klettert hinauf zum Pass Ostarijska Vrata, 938 Meter hoch. Die Aussicht berauscht. Weit unten glitzert das blaugraue Meer in dem die unwirkliche Insel Pag schwimmt. Karge sandfarbene Hügel ohne jegliche Vegetation schaffen die Illusion riesiger Dünen. Die Straße seilt sich ab zur Adria, wo ich wieder auf die Jadranska Magistrale treffe. Zwischen Karlobag und Starigrad trumpft sie endlich groß auf 70 wunderbare Kilometer, eine Kurve jagt die nächste, bester Asphalt, jede der zahlreichen Buchten wird genussvoll umrundet. Rechts das Meer, links die steilen Velebit-Berge, bis zu 1757 Meter hoch. Doch der Höhepunkt folgt noch. Hinter Obrovac windet sich eine grob geschotterte Spur hinauf zum Mali Halan Pass, offenbart Postkartenblicke aufs Meer und die hellen bizarren Berge des Velebit, die bisweilen wie Miniausgaben der Dolomiten anmuten.

Die Piste zum Mali Halan ist nur eine unter vielen im Velebit. Wollte ich jeden der legalen Schotterwege fahren, ich wäre wohl eine Woche unterwegs. Hätte dann aber kaum noch Zeit für die Inselwelt. Also beschränke ich mich auf einen weiteren Tag im Velebit und nehme dann Pag ins Visier. Selbst aus der Nähe betrachtet wirkt Pag mit seinen hellen, kahlen Hügeln merkwürdig, erinnert eher an arabische Steinwüsten als an die regenreiche Adria. Sogar die Temperatur macht auf arabisch, steigt deutlich über 30 Grad. In der Gore-Tex-Jacke nimmt das Klima tropische Züge an, heiß und sehr feucht. Aber dem kann abgeholfen werden. Ich entere die Fähre nach Karlobag und verdrücke mich nochmals in die kühlen Wälder des Velebit, navigiere kreuz und quer über kleine Wege Richtung Norden und flitze erst abends wieder hinunter zum Meer.

Anderntags rolle ich auf die aus Kreuzworträtseln bekannte Insel Krk. Sanft hügelt sich die von grüner Macchia bewachsene Insel bis zum Horizont. Schön, aber nicht sehr abwechslungsreich. Vielleicht hat die Nachbarinsel Cres mehr zu bieten. Die Fähre bringt mich hinüber. Nach dem spektakulären Velebit kann mich aber auch Cres nur begrenzt begeistern. Immerhin ist die Landschaft viel abwechslungsreicher als auf Krk. Weites Buschland, viele Felder, von uralten Steinmauern abgegrenzt, ein stiller See, süßlich duftender Ginster und urlaubsverdächtige Buchten am Meer.

Foto: Deleker

Ein schmaler Kanal trennt Cres von Losinj. Genau dort liegt Osor, ein außergewöhnlicher Künstlerort mit 70 Einwohnern. Entlang der grob gepflasterten Dorfstraße stehen zahlreiche Büsten, Skulpturen und Figuren, erinnern an den in Osor geborenen Bildhauer und Illustrator Ivan Antolcic, einen Promi unter Kroatiens Künstlern. Ich fahre weiter nach Mali Losinj, hundertmal größer als Osor und von ganz anderem Charakter. Pastellbunte spätbarocke Bürgerhäuser säumen den lebhaften Hafen, auf der breiten Promenade wird flaniert und geflirtet, Cappuccino getrunken und Eis genossen. Italien ist nicht mehr weit, das extrovertierte Leben erinnert immer deutlicher ans Nachbarland, und auch die Häuser tragen endlich Farbe anstatt des tristen Grau weiter südlich.

Doch den farblichen Overkill erlebe ich am nächsten Morgen, als mich die Fähre von Cres hinüber nach Istrien bringt und ich Opatija erreiche. Pompöse Hotels, extravagante Villen und abgedrehte Paläste zeugen von der Blütezeit als K.u.k.-Seebad. Zurückhaltung kennen die Gebäude nicht, sie sind in knalligen Farben gestrichen. Was für ein Unterschied zum strengen Dubrovnik. Aber der perfekte Abschluss einer Reise. Der erste Eindruck hatte also nicht zuviel versprochen.

Foto: Archiv

Infos

Kroatien ist schon seit Jahren ein sicheres und einfach zu bereisendes Land. Die Spuren des Krieges sind nur noch selten zu sehen. Dagegen locken tolle Motorradstrecken, im Hinterland gerne auch als Pisten, die malerische Mittelmeerküste mit ihren 1185 Inseln, geschichtsträchtige Städte wie Dubrovnik und die hohen Berge des Velebit.

Organisierte Reise
Das Motorrad Action Team bie­tet eine achttägige Rundreise voller Highlights durch Kroatien an. Termine: 12.–19.09./19.09.– 26.09.  Preis: 790 Euro, Informationen: unter Telefon 0711/1821977 oder www.actionteam.de

Reisedauer: zwei Wochen
Gefahrene Strecke: etwa 2500 Kilometer

Land
Hauptstadt: Zagreb
Fläche: 56542 km2
Unabhängigkeit: Juni 1991
Währung: Kuna (HRK)
Einwohnerzahl: 4491543

Foto: Deleker

Anreise
Von Köln bis Rijeka sind es etwa 1100 Kilometer, bis Dubrovnik 1700. Die schnellste Strecke führt dabei über München, Salzburg, Villach und Ljubljana. Autobahnen in Österreich und Slowenien sind vignettenpflichtig. Stressfreier und bequemer ist die Fahrt mit dem Autozug, der wöchentlich von Berlin, Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf bis Triest fährt. Pro Person und Motorrad kostet die Hin- und Rückfahrt in der Nebensaison von Düsseldorf ab 373 Euro. Frühzeitige Reservierung ist zu empfehlen. Infos unter Telefon 01805/241224 oder unter www.dbautozug.de

Foto: Deleker

Reisezeit
Entlang der Adria ist das ganze Jahr Motorrad-Saison, wobei die Wintermonate regenreich, die Sommer dagegen oftmals sehr trocken sind. In den Bergen beginnt der Frühling im April. Ideale Reisezeiten sind Mai/ Juni und September/ Oktober. Wenig erholsam ist es zur Hauptreisezeit im Juli und August. Besonders die Ferienorte entlang der Küste sind dann überlaufen, Unterkünfte oft  belegt und es ist extrem heiß.

Foto: Deleker

Unterkunft
Ent-lang der Küste und auf den Inseln reicht das Angebot vom einfachen Campingplatz für weniger als zehn Euro bis zum elitären Fünf-Sterne-Resort. Privatzimmer heißen „Sobe“. Sie sind an der Adria reichlich vorhanden und zumeist ausgeschildert. Im Hinterland ist das Angebot dünner, Campingplätze gibt es nur wenige, aber Pensionen und Privatzimmer sind zu finden. Lediglich im Sommer kann die spontane Suche nach einer Unterkunft länger dauern.

Foto: Deleker

Literatur
Die besten Führer für unabhängig Reisende kommen aus dem Michael Müller Verlag. Leider gibt es für Kroatien keinen Komplettband, sondern vier einzelne Bücher: Istrien (15,90 Euro), Inseln und Küstenstädte (20,90 Euro), Nordkroatien (18,90 Euro) sowie Mittel- und Süddalmatien (15,90 Euro). Ebenfalls empfehlenswert, wenn auch deutlich weniger detailliert, ist das Kroatien-Handbuch aus dem Verlag Reise-Knowhow für 19,90 Euro. Zum Einstimmen zuhause eignen sich der HB-Bildatlas für 8,50  Euro sowie das ADAC-Reisemagazin Kroatien für 7,80 Euro. Eine gute Landkarte ist das wasserfeste Blatt Kroatien vom Verlag Reise-Knowhow für 8,90 Euro.

Foto: Deleker

Adressen
Am einfachsten erfolgt die Infosuche im Internet, beispielsweise auf diesen Seiten:
www.kroatien.de,
www.reiseinfo-kroatien.de,
www.reiseportal-kroatien.de,
www.reise-kroatien.eu 

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel