10 Bilder
Bei der Reise der Familie Kaitinnis zeigen die MOTORRAD-Leser Einblicke in die Welt der Karpaten. Hier die Wehrkirche von Biertan.

Unterwegs: Leserreise Karpaten Karpatenreise ins Gestern

Wie gern MOTORRAD-Leser unterwegs sind, beweist Familie Kaitinnis, die auf einer Karpaten-Tour ihren Kindern und sich selbst Einblicke in eine andere Welt gönnte.

Lässig lässt der Zöllner den Geldschein aus dem Pass verschwinden. Damit hat der Mann, der vor uns am kleinen Grenzübergang nördlich von Uzhgorod steht, offensichtlich seine Einreise in die Ukraine beschleunigt. Helmut und ich sind uns einig, nichts zu zahlen, es wird aber auch nicht erwartet. Vielleicht liegt das an unserem Nachwuchs, Nina (14) und Timo (11), der auf dem Sozius sitzt. Jedenfalls stehen wir ruck zuck auf der anderen Seite des Schlagbaumes und plötzlich in einer anderen Welt. Der Asphalt ist löchrig, ein buntes Gemisch an Fahrzeugen bevölkert die Straße und hier, abseits der Hauptstrecke, gibt es Benzin nur gegen Bares, einen intakten Geldautomaten muss man suchen.

Ziel unserer Tour ist der 1300 Kilometer lange Karpatenbogen, den wir mit dem Beskiden genannten Gebirgsteil im Grenzgebiet von Tschechien und der Slowakei erreichten. Unsere Beifahrer hielten wir mit Leckereien der tschechischen Küche oder kleinen Besichtigungen bei Laune. In der Altstadt des slowakischen Wallfahrtsortes Levoca prunken 60 bestens erhaltenen Bürgerhäuser aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Der Bummel über den Wochenmarkt wirkte wie ein Besuch im Mittelalter. Dann ein Stopp an der mächtigen Zipser Burg. Die Aussicht vom Burgturm auf die Hügellandschaft der Zips begeisterten uns und die Kinder genauso wie die Ausstellung über das Leben der Rittersleute.

Nach fünf Tagen schließlich die Ukraine und der zügige Grenzübertritt. In einem Lokal testen wir die einheimische Küche. Mehrere Gäste bitten um ein Foto mit den Motorrädern, zuletzt nimmt eine hübsche Braut auf meiner Sitzbank Platz und posiert strahlend für das Fotoalbum. Obwohl eine Unterhaltung kaum möglich war, winkt man uns bei der Verabschiedung wie guten Freunden nach. Ein schwarzer Himmel und lautes Donnern lässt uns auf einer Flussaue am Uzh blitzschnell eines unserer Zelte aufbauen. Zu viert springen wir hinein, als der Himmel seine Schleusen öffnet und ein fürchterliches Unwetter hereinbricht. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei. Plötzlich hören wir leise Schritte vor dem Zelt.

Die Stimmung ist gruselig - ist es ein Dieb, ein Meuchelmörder? Helmut wagt einen Blick nach draußen - es wandert nur eine Ziegenherde vorbei, gefolgt vom Hirten und seinem Hund. Die kleinen Straßen der Waldkarpaten sind wunderbar zum Motorradfahren. Zwar muss man auf Schlaglöcher achten, aber es herrscht relativ wenig Verkehr, sodass wir die ursprüngliche Landschaft und die Menschen genießen können. Sobald wir anhalten, kommt jemand, um Hilfe anzubieten. Viele suchen ein Gespräch und sind enttäuscht, wenn es wegen der Sprachbarriere kaum klappt. Wir treffen allerdings auch einen Mann, der uns in bestem Deutsch den Weg weist. Auf die Frage, woher er seine Kenntnisse hat, antwortet er grinsend: "Ich war mit einer Spezialeinheit der Sowjetarmee in Ostberlin. Da haben wir den Funkverkehr der Westdeutschen abgehört!"

Anzeige
Foto: Kaitinnis
Exotik am Bau im Apuseni-Gebirge.
Exotik am Bau im Apuseni-Gebirge.

Vor der Hospoda, dem Gasthaus in Kolocava lernen wir Maria Gleba kennen. Sie ist Deutschlehrerin im Ort und antwortet auf unsere Frage nach einem Zimmer: "Geht nicht in die Hospoda, das ist viel zu teuer. Ihr könnt ein Zimmer bei der Oma haben, das ist sogar mit Badezimmer." Die Witwe nimmt uns überaus herzlich auf. Sie selber bewohnt nur ihre winzige Küche, die gleichzeitig Wohnzimmer und Schlafzimmer ist, während sie das eigentliche Wohnhaus an Touristen vermietet. Das angepriesene Badezimmer entpuppt sich als Zwei-Personen-Banja, in der wir auf groben Holzplanken stehen und in einer Plastikschüssel Wasser mischen, um es mit einer Schöpfkelle über den Körper zu gießen. Als Wasserabfluss fungiert ein Spalt in der Außenwand. Das Wasser musste Olena Romanjuk, unsere "Oma", in Eimern von der anderen Straßenseite heranschleppen, denn fließend Wasser gibt es hier noch nicht. Zum Plumpsklo führt ein halsbrecherischer Weg durch den Hühnerfreilauf. Wäsche wird im Bach am Straßenrand oder im Fluss gewaschen. Vom EU-Beitritt scheint die Ukraine zumindest hier noch 100 Jahre entfernt zu sein.

Die Weiterfahrt Richtung Süden beschert uns feinstes Offroadvergnügen durch eine einsame, dicht bewaldete Bergwelt. Leider erreichen wir den geografischen Mittelpunkt Europas bei Sturm und Regen und übersehen den ersehnten Campingplatz. Unseren Vorschlag, in einem Holzunterstand am Parkplatz zu übernachten, lehnen Nina und Timo ab, sie wollen weiter fahren. So tasten wir uns die letzten Kilometer vorsichtig durch die Nacht bis Rachiv, wo wir eine Privatunterkunft mit viel Platz zum Trocknen der Kleidung finden. Die letzten Griwna werden wir vor dem Grenzübertritt nach Rumänien nicht los, da beide Tankstellen vor der Grenze kein Benzin mehr haben. Flott wechseln wir das Land und können kein Vorurteil über die Ukraine bestätigen. Die Menschen waren uns gegenüber immer nett, ehrlich und hilfsbereit, bei Verkehrskontrollen im Land wurden wir nie angehalten.

Mit wenigen weiteren Besuchern schlendern wir durch das von Ordensfrauen bewohnte Kloster Sucevita und bestaunen im klaren Morgenlicht die üppigen Fresken an der Fassade. Auch im Inneren des Moldauklosters nichts als Bilder. Nach Voronet geht es von hier über den gut ausgebauten Ciumarna-Pass, der weite Ausblicke auf eine Landschaft gewährt, die an den Schwarzwald erinnert - nur wird hier die Heuernte per Hand und Pferdefuhrwerk eingebracht.

Anzeige
Foto: Kaitinnis
In Kolocava erlebt man einen Zeitsprung in die Vergangenheit.
In Kolocava erlebt man einen Zeitsprung in die Vergangenheit.

Auf der Weiterfahrt zur Bicasz-Klamm zwingt uns ein Gewitter zum Halt in einem Dorf. Schnell wollen wir in die Regensachen schlüpfen, da winkt uns ein Mann in sein Haus. Die Unterhaltung verläuft lustig auf Englisch, Rumänisch und per Hand und Fuß.

Der junge Mann heißt Jonas, studiert an der Fernuniversität und finanziert das Studium über einen Vollzeitjob in der nahe gelegenen Uranmine. Jonas meint: "Das ist anstrengend und nicht ungefährlich. Aber was soll man machen? Das Studium kostet mehrere Tausend Euro!" Später passieren wir die heruntergekommene Mine, die wie eine Geisterstadt wirkt, und bewundern Jonas für seinen Mut, dort zu arbeiten. Als wir die Bicasz-Klamm erreichen, entpuppen sich die Campingplätze als Hüttendörfer, was uns in Anbetracht der Wetterlage entgegen kommt. Doch auch am nächsten Morgen offenbart ein Blick aus der Tür die absolute Hoffnungslosigkeit. Alles ist trübsinnig grau. Die Motorräder bepacken wir im strömenden Regen, der uns bis Sighisoara (Schäßburg) treu bleibt.

Zum Glück wechselt das Wetter ständig, und so erkunden wir bei herrlichstem Sommerwetter Sighisoara, das im 12. Jahrhundert von den Siebenbürger Sachsen gegründet wurde. Die Pracht der vergangenen Tage ist zum Teil noch zu erahnen, jedoch sehr vom Zahn der Zeit angenagt. In der gesamten Altstadt, der Burg, herrscht rege Bautätigkeit, ganze Straßenzüge werden aufgerissen, das Pflaster erneuert, Häuser frisch verputzt. Der Stundturm, das Wahrzeichen der Stadt, ist nicht nur Aussichtspunkt, sondern auch Museum. Die Kinder finden Gefallen an den Ausstellungen, vor allem an den alten chirurgischen Instrumenten. Sie sind allerdings froh, dass sie in der heutigen Zeit leben und keine Behandlung damit ertragen müssen. Weniger angetan ist der Nachwuchs vom Aufstieg auf den Schulberg, wo eine deutsche Schule steht. Die beiden haben schließlich Ferien!

Wäsche waschen ist angesagt! Allerdings muss zuerst die defekte Waschmaschine des Campingplatzes ersetzt werden. Die Ersatzmaschine tut es leider auch nicht, man macht sich auf die Suche nach einer dritten. Eine alte Frau bietet an, sich um unsere Sachen zu kümmern und bringt uns spät abends alles gewaschen ans Zelt. Wir möchten uns mit einem kleinen Trinkgeld bedanken, das die Frau anfangs vehement ablehnt. In Anbetracht ihrer Wohnsituation bestehen wir jedoch darauf. Sie lebt auf dem Campingplatz in einem fensterlosen, winzigen Raum, in dem sie sich kaum rühren kann. Deutlicher kann einem die Altersarmut in Rumänien nicht vor Augen geführt werden.

Foto: Kaitinnis
Schäßburg in Siebenbürgen zeigt sich lebensfroh.
Schäßburg in Siebenbürgen zeigt sich lebensfroh.

Zwölf Kilometer südlich von Sibiu finden wir in Cisnadioara (Michelsberg), einen kleinen Campingplatz. Von dort hat man einen phänomenalen Blick auf den kegelförmigen Michelsberg mit der darauf erbauten Basilika und die Südkarpaten mit dem Fagaras-Massiv. Über einen kleinen Pfad erreicht man in wenigen Minuten den Dorfplatz von Michelsberg, wo wir bei einer Frau einkaufen, die uns berichtet, dass nach der Wende, also 1989, als auch Ceausescu hingerichtet wurde, über 250 000 der deutschstämmigen Siebenbürger das Land verließen. Michelsberg war bis dahin ein Dorf mit 3500 deutschen Einwohnern. Jetzt sind nur noch 200 übrig geblieben. Die anderen haben nicht an bessere Zeiten geglaubt.

Leider verstecken sich die Südkarpaten unter einer dunklen Wolkendecke, eine Wetterbesserung ist nicht in Sicht. Daher verschieben wir den Besuch dieser beeindruckenden Gipfel auf die nächste Reise und machen uns über das Apusenigebirge, das die Rumänen zu den Westkarpaten zählen, auf den Weg nach Hause. Kurz vor der Vartop-Passhöhe übernachten wir an einem Bach, mit einem Wiesel als Nachbarn. Spät abends, das Lagerfeuer knistert schon, schleicht ein großer Hund um unser Lager. Unheimlich leuchten seine Augen in der Dunkelheit. Zum Frühstück schauen zwei Kühe mit einem Kalb vorbei. Für Nina und Timo ist dies die tollste Nacht auf der ganzen Reise. Davon lassen sie sich auch nicht durch den herumliegenden Müll abbringen. Doch auch Helmut und ich schauen über vieles hinweg. Viel zu spannend ist diese Zeitreise ins Gestern - Begegnungen mit sympathischen Menschen, der Blick in Dörfer mit Häusern ohne Strom und ohne fließend Wasser und in wilde, ursprüngliche Landschaften.

Zeichnung: Werel

Infos

Wer dem Karpatenbogen folgt, findet ursprüngliche Landschaften, verwunschene Dörfer, Wildnis, Hochgebirge und alte Kulturen.

Allgemein:
Die Karpaten sind ein rund 1300 Kilometer langer Gebirgszug, der sich über acht Länder Mittel- und Osteuropas erstreckt. Die höchsten Gipfel befinden sich in der Hohen Tatra (2655 m) und in den Südkarpaten (2544 m). Ein Drittel aller Großraubtiere (Braunbären, Wölfe, Luchse) Europas ist hier anzutreffen. Einige Völker, wie z.B. die Huzulen in den Waldkarpaten, haben bis heute ihre alten Traditionen bewahrt. Highlights: Levoca, Zipser Burg, Moldauklöster, Wehrkirche Biertan, Schäßburg, Hermannstadt, Banská Bystrica.

Anreise:
Bis zum Beginn des Karpatenbogens an der tschechisch/slowakischen Grenze sind es gut 600 Kilometer von Berlin und München, 900 Kilometer von Hamburg und rund 1000 Kilometer von Dortmund.

Rumänien:
Camping: Ferienanlage Ananas www.ananas7b.de, Strada Cimitirului 32, 555301 Cisn?dioara (Michelsberg) Camping Aquaris, www.aquariscamp.net, Sighisoara (Schäßburg) Probieren: Palinca de Maramures, eines der populärsten Getränke in Rumänien. Essen: Restaurant Moldava, Gura Humorului, Pia?a Republicii 16, www.enunta.ro. Beste regionale Küche. Freilichtmuseum: "Astra", im Sommer tgl. 10-20 Uhr, Montags geschlossen, 550400 Sibiu, Calea Rasinari, www.muzeulastra.ro. Karte "Rumänien & Moldawien" von Freytag & Berndt, 1:500000. Reiseführer Reise-Know-How.

Ukraine:
Für die Einreise in die Ukraine benötigen Deutsche Reisepass, internationalen Führerschein und grüne Versicherungskarte für das Motorrad. Eine Impfung gegen FSME und Hepatitis B wird empfohlen. Dolmetscherin und Zimmervermittlerin: Maria Gleba, Schewtschenko Str. 44 a/4, 90043 Kolotschawa, Telefon 0038-0977-001830. Unterkunft: Gästehaus "Smerekova Hata" in Rakhiv, www.rakhiv-tour.narod.ru. Literatur: "Ukraine - der Westen", Reise Know-How.

Slowakei:
Literatur: Karte von Marco Polo, 1:300000. Kurze und knackige Infos für die Durchreise findet man im Marco Polo-Führer "Slowakei".

Reisen mit Kindern:
Je nach Alter Einbeziehung in Reiseplanung, viele Pausen, Besichtigungen, Gegensprechanlage. Weitere Informationen unter www.kaitinnis.de.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote