Unterwegs: Malaysia-Rundtrip Willkommen im Dschungel

Freundliche Menschen, verkehrsarme Straßen, urwüchsigen Dschungel, wilde Früchte, grenzenlose Strände, pulsierende Städte, uralte Tradition neben hipper Moderne entdeckte Autor Anton Scholz auf seiner Reise durch das Motorradparadies Malaysia.

Foto: Scholz

Türkisblauer Ozean erstreckt sich bis ins Unendliche. Darüber ein strahlend blauer Himmel. Der Blick in den Rückspiegel zeigt ein anderes Szenario: gewaltige Gewitterwolken, zuckende Blitze. Infernalisch kracht der Donner dazu. Nate und ich spüren im Nacken schon die tropischen Regengüsse und flüchten über die Brücke von der Insel Penang auf das Festland. Wir sind in Malaysia, einem Land mit wilder, weitgehend unberührter Natur, kühnen Bauprojekten und einem exotischen Mix aus malaysischen, indischen und chinesischen Kulturelementen. Das alles fügt sich zu einem harmonischen Ganzen. Zwischen den klassischen Touristenzielen Singapur und Thailand kann man in Malaysia sowohl den ältesten Dschungel der Welt entdecken als mit Kuala Lumpur auch eine der fortschrittlichsten Großstädte ganz Asiens. Wir wollen herausfinden, ob die Geschichten von atemberaubenden Kurvenstraßen durch dschungelbedeckte Berge und entlang endloser weißer Sandstrände stimmen.

Zunächst durchqueren wir die Stadt Butterworth und fahren nach Norden Richtung Baling, einer Stadt nahe der Grenze zu Thailand. Entlang der Straße entdecke ich immer wieder alte Gebäude aus der Kolonialzeit, viele von ihnen trotz ihrer Schönheit vernachlässigt und halb vom Dschungel überwuchert. Zwischen dem kunstvollen Stuck und den verspielten Erkern der Häuser quillt unbändige Botanik hervor. Die Gebäude zerfallen langsam.

Alle paar hundert Meter tauchen am Wegesrand kleine Buden auf, die frisches Obst und Gemüse verkaufen. Malaysia ist ein Garten Eden: Es herrscht ewiger Sommer, und irgendeine Frucht ist immer gerade reif. Im Moment ist Durian-Saison: Der süßlich-faulige Geruch dieser großen, stacheligen Früchte steigt einem unweigerlich in die Nase. Auf früheren Reisen in Asien habe ich exotische Früchte wie Mangosteen, Jackfruit und Rambutan schätzen gelernt, doch für Durian konnte mich
nie begeistern. Für Nate jedoch ist Durian etwas Neues, und als ich ihm erzähle, dass die Frucht als starkes Aphrodisiakum gilt, möchte er probieren. Doch der strenge Geruch beim Öffnen lässt den Appetit meines Freundes drastisch schrumpfen, und er gibt schnell auf.

Die Straßen sind gut ausgebaut, so dass wir zügig vorankommen. Nahe Baling biegen wir kurz vor einem der Grenzübergänge nach Südthailand ab und fahren entlang der Grenze Richtung Osten, und zwar auf dem Highway, der die West- mit der Ostküste Malaysias verbindet. Obwohl es eine der Hauptverbindungstraßen des Landes ist, die quer durch die Berge der Halbinsel führt, herrscht praktisch kein Verkehr. Auf einer Strecke von über 100 Kilometern schlängeln sich herrlichste Kurven auf gut geteertem Asphaltband ohne eine einzige Ampel. Beiderseits der Straße ragt undurchdringlicher Dschungel auf, und gelegentlich hört man wilde Schreie von Vögeln oder Affen, die hier, tief im Landesinneren, noch ungestört leben können. Fast schwindelig vom Kurvenfahren erreichen wir am Abend Kota Bharu, eine Hafenstadt am Südchinesischen Meer und unser heutiges Etappenziel.

Anzeige
Foto: Scholz

Anderntags rollen wir auf kleinen Straßen entlang der Ostküste gen Süden. Es dauert nicht lange, und vor uns tauchen die ersten mit Palmen übersäten Strände auf, die zu unserer Überraschung vollkommen verlassen scheinen. In Europa unvorstellbar, dort würde man kaum den Sand vor lauter Menschen und Liegestühlen sehen. Während wir hier den ganzen Tag unter Palmen liegen und im Meer schwimmen könnten, ohne einer Seele zu begegnen.

Nach einer Weile entlang der Küste schwenken wir landeinwärts, Richtung Kenyir See, dem größten von Menschen geschaffenen See in Südostasien. Kaum haben wir die Küstenstraße verlassen, scheint jegliche menschliche Zivilisation zu enden: Die Dörfer werden seltener, und allein die gewaltigen Palmölplantagen, die sich links und rechts der Straße bis zum Horizont erstrecken, erinnern daran, nicht vollkommen im Nirgendwo unterwegs zu sein. Palmölplantagen sind ein klassisches Bild in Malaysia: Das Land ist der weltgrößte Palmölproduzent.

Als wir den See schließlich erreichen, der sich wie eine blaue Oase inmitten des Grüns des Dschungels auftut, verstärkt sich das Gefühl größter Abgeschiedenheit. Selbst das Hotel ist bis auf uns und eine junge französische Familie komplett leer. Affen hängen in den Bäumen, exotische Blüten verströmen betörende Düfte, ein über einen Meter langer Iguana kriecht vor mir in aller Ruhe über den Fußweg. Um das Bild abzurunden, sitzt auch noch eine handtellergroße Spinne lauernd über meinem Bett. Wir sind tatsächlich mitten im Dschungel gelandet.

Bei strahlendem Sonnenschein genießen wir am nächsten Morgen unser Frühstück mit Blick auf den atemberaubend schönen See. Die Palmen wiegen sich in sanfter Brise, ich nippe an meinem frisch gepressten Fruchtsaft und lehne mich zurück. So lässt sich das Leben aushalten.

Der nächste Tag wird dagegen hart, da wir in großer Hitze die gesamte Halbinsel queren müssen, um nach Melakka zu gelangen, einst das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Malaysias. Als wir die Stadt am späten Nachmittag endlich erreichen, machen wir auf dem historischen Marktplatz eine Pause und saugen die uns umgebende Geschichte ein. Für viele Jahrhunderte war der Ort für Portugiesen, Holländer und Briten eines der größten Zentren des Südostasienhandels. Als Erstes kamen 1509 die Portugiesen nach Melakka und fanden schon damals eine geschäftige Stadt vor, in der Chinesen mit Malaien und Indern Handel trieben. Mitte des 17. Jahrhunderts vertrieben die Holländer die Portugiesen und regierten für 150 Jahre. Anfang des 19. Jahrhundert übernahmen schließlich die Briten die Herrschaft, und Stamford Raffles, der Gründer von Singapur, sorgte dafür, dass europäische Elemente in Melakka erhalten blieben. So kommt es, dass die Stadt heute das Erbe dreier europäischer und dreier asiatischer Kulturen widerspiegelt.

Am Abend schlendern Nate und ich durch das atmosphärische Chinatown, das aussieht, als habe sich hier in den letzten paar Jahrhunderten nichts verändert. Morgen schon werden wir in Kuala Lumpur sein, wo Wolkenkratzer aus Glas und Stahl das Stadtbild prägen. Ähnlich wie in so vielen asiatischen Metropolen liegen auch in Malaysia das Vorgestern und das Übermorgen ganz nah beieinander.

Anzeige
Foto: Scholz

Beim morgendlichen Aufbruch dann eine unschöne Überraschung: Meine KTM 950 Adventure will nicht starten. Das Rattern des Anlassers deutet auf ein Batterieproblem, und es bleibt uns nichts übrig, als das Motorrad zum nächsten kleinen Bikeshop zu schieben. Der Besitzer des Ladens staunt nicht schlecht, als ich die KTM vor seinem Laden parke. Es kostet uns einige Überredung, bis der Mann bereit ist, sein Glück zu versuchen. "Ein Problem mit den Starterrelais", meint er nach einer halben Stunde Schrauben und deutet dabei auf einen schrottreifen malaysischen Scooter. "Ich kann ein Relais aus dem Scooter dort ausbauen und hier reinschrauben." Skeptisch geben wir das Okay und nutzen des Rest des Tages, um die historische Stadt weiter zu erkunden. Dabei entdecken wir alte Grabsteine von europäischen Seeleuten, die in Melakka ihre letzte Ruhe gefunden haben. In der Hoffnung, dass meiner Adventure dieses Schicksal erspart bleibt, kehren wir zum kleinen Laden zurück. Und siehe da: Sie lebt! Es kann also weitergehen.

Da wir nun Zeit verloren haben, nehmen wir die Autobahn. Nach nur knapp zwei Stunden erreichen wir die ersten Ausläufer von Kuala Lumpur. Schon von weitem sind die gewaltigen Petronas-Zwillingstürme auszumachen, die lange Zeit das höchste Gebäude der Welt waren und das Stadtbild dominieren.

Nirgendwo ist der Mix der Kulturen deutlicher als in Malaysias lebendiger Hauptstadt. Moscheen stehen neben Hindutempeln und chinesischen Schreinen. Es macht Spaß, die verschiedenen wahrhaft exotischen Speisen auszuprobieren und mit den Händlern um Preise für Souvenirs zu feilschen.

Nach zwei Tagen quirligen Stadtlebens geht es weiter nordwärts entlang der Westküste. Von den endlosen Teefeldern und kurvigen Straßen, die zu den Cameron Highlands führen, hatte ich schon viel Gutes gehört. Und es stimmt: Eine endlose Aneinanderreihung von Kurven schraubt sich fast schwindelerregend die Berge hinauf und bietet dabei herrliche Ausblicke weit über das Land. Kilometer um Kilometer brausen wir wie im Rausch voran. Ich merke zu spät, dass mein Tank fast leer ist. Es gibt aber nicht mal ein Dorf, wo man Benzin kaufen könnte. Und so kann ich nur hoffen, dass ich die letzten Kilometer bergauf nicht schieben muss. Mit dem letzten Tropfen Benzin im Tank erreichen wir die Cameron Highlands. Ein fast unbeschreibliches Panorama breitet sich vor uns aus: Saftig grüne Reihen von Teefeldern überziehen die Berge, so weit das Auge reicht. Einzelne Wolken wabern über die Felder und verleihen dem Ganzen eine mystische Atmosphäre. Nate und ich halten inne, denn uns ist klar, dass dies der krönende Abschluss unserer Reise ist. Gut 2000 Kilometer Malaysia liegen bereits hinter uns, aber wir sind uns auch ohne ein Wort einig: Wenn es nach uns ginge, würden wir liebend gerne noch weitere 2000 Kilometer anhängen.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote