Unterwegs: Marokko Zwischen Himmel & Erde

Kein Land Nordafrikas bietet solche Vielfalt. Über 4000 Meter hohe Berge, Städte wie aus 1001 Nacht und schließlich die äußersten Sandausläufer der Sahara.

Foto: Kirchgeßner

Eigentlich läuft alles prima. In Chefchaouen liegen die ersten hundert Kilometer Marokkos hinter uns, und das wunderbar grüne, abwechslungsreiche Rif-Gebirge im Süden der Mittelmeerküste beginnt. Es könnte gar nicht besser sein. Selbst die anstrengende Anreise mit Auto und Anhänger bis Tarifa in Südspanien ist problemlos verlaufen. Am Atlantik morgens noch den Kite-Surfern beim Tanz mit Wind und Wellen zugesehen, danach innerhalb einer Stunde Zoll und die kurze Fährpassage über die Straße von Gibraltar abgewickelt, und schon betraten wir in Tanger afrikanischen Boden.

Eigentlich alles bestens. Doch plötzlich ist es wieder da. Das ungute, längst vergessen geglaubte Gefühl, das nun im Bauch bohrt. Die Gedanken an den Moment im letzten Jahr, als wir schon einmal hier waren und die Reise urplötzlich eine völlig ungeahnte Wendung nahm. Wann sich die Schraube endgültig von der Maschine verabschiedet hatte, war nicht nachvollziehbar. Die Folgen auf dem Weg nach Fès dafür umso deutlicher, als sich das befreite Kettenritzel genau bei einem Überholvorgang von der Antriebswelle löste und sich mit der freudig folgenden Kette innig zwischen Rahmen und Schwinge verkeilte. Hätte sich das Trumm nicht auch noch vom Kettenrad gelöst – die Maschine mit blockierendem Hinterrad bei diesem Tempo sicher abzubremsen wäre vermutlich kaum gelungen. Die Reise war zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte.

Im Vorbeifahren erkenne ich die Stelle wieder, wo wir damals am Straßenrand gesessen und auf Hilfe gewartet haben. Ich atme noch mal tief durch und versuche, diesen Ort mit jedem Meter räumlich und mental hinter mir zu lassen, während wir durch die südlichen Ausläufer des Rif-Gebirges rollen. Jeder noch so kleine Flecken Ackerland wird hier intensiv bewirtschaftet, Kinder winken uns zu. Bauern sitzen mit ihrer Ernte am Straßenrand und warten auf eine Transportgelegenheit in die nächste Stadt. An einer Olivenmühle machen wir Rast. Mourad, der Besitzer, bemerkt unser Interesse und erteilt einen Crashkurs in Sachen Ölproduktion. Er zeigt, wie ein Esel die archaisch anmutende Olivenpresse in gleichmütigem Kreistrott in Bewegung hält. Bald rennen seine Kinder herbei, ziehen uns in herzlichen Kontakt.

Die Sonne hat gerade erst ihren Zenit überschritten, es bleibt also genügend Zeit, noch ein paar Stunden auf Südkurs zu gehen. Die Landschaft wird weitläufiger, bis zum Horizont zeichnet sich der Straßenverlauf ab. Kleine Ortschaften bieten mit lebhaftem Treiben Abwechslung: ölige Werkstätten, in denen Reparaturen am offenen Motor vollzogen werden, Straßengrills mit aufgehängten Hammeln als Speisekarte, Reifenhändler zwischen Bergen neuer und alter Pneus.

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Foto: Kirchgeßner / Österle

Wir lassen die Singles laufen und schrauben uns südlich von Meknès die ersten Anstiege des Mittleren Atlas empor und den Höhenkurorten Azrou und Ifrane entgegen. Pappeln und Kastanienbäume bilden an der Straße Spaliere, dahinter breiten sich riesige Obstgärten aus. Unter einem Dach aus Kirschblüten finden wir einen Zeltplatz. Außerdem eine warme Dusche und in der Bar schweigsame spanische Tischnachbarn, deren Fahrzeug ganz offensichtlich nachhaltigen Kontakt mit etwas Großem gehabt hat.

Die Bedingungen im Mittleren Atlas haben wir etwas unterschätzt. Auf dem kargen Hochplateau Richtung Midelt bläst ein eisiger Westwind, der mehrfach die Kleiderordnung überdenken lässt. Einfachste Behausungen von Nomadenfamilien ducken sich schutzsuchend auf der weiten Fläche. Mit kleinen Steinmauern versuchen die Bewohner, der rauen Landschaft etwas Lebensraum abzuringen. Wenig später erreichen wir den Kratersee Aguelmame Sidi Ali, an dem die Natur im Zusammenspiel von Wind, Wasser und Lavagestein Pastellfarben in feinster Abstufung an den Horizont zaubert. Ich fahre nah am Ufer – zu nah. Der weiche Boden verschlingt das Vorderrad genau in dem Moment, als ich vom Gas gehe. In hohem Bogen fliege ich durch die Luft, rechne jederzeit mit der bepackten Maschine im Rücken. Aber ich habe riesiges Glück, nur eine verschlammte Front bleibt Zeuge meiner Heldentat. Fast hätte der zweite Anlauf kaum 100 Kilometer weiter südlich als im Vorjahr ebenfalls ein jähes Ende gefunden.

Der Wind hat noch ein paar Schippen draufgelegt und pfeift uns eiskalt um die Ohren. Doch der Blick ist atemberaubend. Rechts der weiße Djebel Ayachi als Vorbote des Hohen Atlas, im Süden die finstere Wolkenfront eines aufziehenden Unwetters. Wie zwei Kontrahenten vor dem Kampf scheinen sie sich zu beäugen. Unser Weg führt mitten hindurch. Der Wind hat leichtes Spiel mit den hohen, vollgepackten Maschinen, drückt sie immer wieder tief in Schräglage, lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Wir passieren schließlich Midelt, stoppen in Errachidia nur für einen Kaffee. Aufgewirbelter Sand hat den Himmel mittlerweile orangerot verfärbt. Ein Hotel bietet Schutz für die Nacht. Morgen soll der Spuk vorbei sein – inshallah, so Allah will.

Das Fieber kommt über Nacht, nimmt mich fest in seinen Griff. Und draußen fällt bleierner Regen. Zwei Tage lang. Dann ist die Morgenluft wieder klar, und ich fühle mich in der Lage, die KTM einigermaßen auf Kurs zu halten. Denn wir planen einen Abstecher in die nahe liegenden Dünen. Vom Hotelparkplatz runter, zweimal rechts ab und dann mit Zug geradeaus. Ein Wüsteneinstieg ist wohl selten so einfach wie am Erg Chebbi. Aufgrund der vergangenen Regenfälle trägt der Sand ausgesprochen gut und gibt den Grobstollern ordentlich Vortrieb. Selbst die hohen Dünen lassen sich mit etwas Schwung erklimmen. Gestoppt werden muss aber punktgenau am Kamm. Zu früh ist schlecht, weil das in der Regel schweißtreibende Schiebeaktionen nach sich zieht. Zu spät ist fatal, da der meist folgende Steilabfall nur mit ordentlich Speed sicher in stabiler Fahrhaltung klappt. Ganz abgesehen davon bietet der Kamm einen herrlichen Ausblick über das Dünengebiet und die angrenzende Wüstenoase Merzouga.

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Foto: Kirchgeßner / Österle

Langsam füllt sich der Sandkasten. Auf zwei oder vier Rädern, zu Fuß oder zu Huf – es ist halb zehn, die Wüste beginnt zu leben. Mit viel Getöse mache ich mich an die Abfahrt und werde unten schon erwartet. Ein kleiner, barfüßiger Junge mit Schildkappe bedeutet mir unmissverständlich, dass er die KTM Probe fahren wolle. Mangels Sicherheitsausstattung bleibt es bei einer Sitzprobe.

Richtung Tazzarine schlängelt sich das Teerband durch schlichte Wüstenlandschaft gen Westen. Immer wieder tauchen Ziegenherden auf Patrouille durch die spärliche Vegetation auf. Vereinzelte Nomadenzelte leuchten wie weiße Kleckse auf einer hellbraunen Leinwand. Der Pisteneinstieg hinter Tazzarine zum Tizi-n-Tafilalet-Pass tarnt sich durch auffallende Unauffälligkeit. Erst ein alter Bedford-Pickup weist uns den Weg. Die tief stehende Sonne taucht die Landschaft in traumhaft schönes Licht. Hohe Felswände schnüren das Tal zusehends ein, Palmen säumen den kleinen Wasserlauf. Immer wieder machen wir Halt, genießen die markanten Kontraste der Landschaft. Und so entscheidet der Bedford, langsam, aber beharrlich dahinrumpelnd, die letzten Kilometer für sich. Die schrägen Sonnenstrahlen kitzeln noch mal in der Nase. Zeit, einen Platz für die Nacht zu suchen. An geeigneten Lagerstätten scheint kein Mangel. In der Nähe bellt ein Hirtenhund. Dass sein kompletter Nachwuchs am nächsten Morgen als Weckkommando vor unserem Zelt jaulen wird, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Wie ein dünner Faden zieht sich die Piste bis zum Horizont. Die Bodenwellen nicht zu hoch, die Steine nicht zu groß, ideale Bedingungen, um die Einzylinder mal von der Leine zu lassen. So fliegen wir etwa eine halbe Stunde mit langen Staubfahnen über die Hochebene. Bis sich das Landschaftsbild schlagartig ändert. Die Piste wird schmaler, die Felswände steigen höher. Prompt treffen wir genau an der engsten Stelle auf den ersten und einzigen Gegenverkehr des Tages: eine große Kamelherde mit zahlreichen Jungtieren, dicht an ihre Mütter gedrückt. Die Situation scheint festgefahren. Den silbernen Wüstenschiffen aus Österreich trauen die Kamele nicht über den Weg und halten gebührend Abstand. Nur die wenigen Esel verstehen den ganzen Aufstand nicht und ziehen unbeirrt weiter. Schließlich taucht der Kamelführer auf, begrüßt uns freundlich, nimmt die Leitkuh fest an die Leine. Daraufhin folgt auch der Rest, wenngleich mit teils lautem Protestgegurgel.

Wir erreichen die südliche Kleinstadt Zagora. An der Promenade drängen sich die Anbieter von Wüstentouren dicht an dicht. In bunten Straßencafés genießen wir die Aussicht auf das geschäftige Treiben der kleinen Wüstenmetropole. Proviant und Benzin bunkern, und es kann weitergehen. Durch das grüne Drâa-Tal nehmen wir wieder Nordkurs auf. Dattelpalmen, wohin man blickt. Zwei Millionen sollen es sein. Dahinter erhebt sich der über 2500 Meter hohe Gebirgszug Djebel Sarhro. In Nekob beginnt eine Piste, die genau auf die Berge zuhält und die wir tapfer hinanklettern. Noch eine Kuppe, dann breitet sich ein in tiefem Grün leuchtendes Tal unter uns aus. Dicht an die Felswand geschmiegt, hangelt sich die Piste hinab. Unten angekommen, führt sie durch kleine Alleen aus Obstbäumen wie durch einen natürlichen Tunnel entlang eines Bachs, der offensichtlich das ganze Tal in Blüte bringt. Dahinter wiegt sich Gerste auf den Feldern.

Ein paar Kilometer weiter zweigt die Piste ab von diesem idyllischen Ort und windet sich erneut hinauf in die Felsen. In engen Schwüngen gewinnt sie zusehends an Höhe. Rechtskehren im ersten Gang, die Kupplung muss helfend eingreifen. Die Stärken der österreichischen Eintöpfe wohnen nicht im Drehzahlkeller. Zwei steil aufragende Felskegel bilden gemeinsam das Tor zum Kratersee Ali, Madame und Monsieur. Sie sind die einzigen, die unseren Aufstieg beobachten. Auf der Passhöhe liegt zwischen die braunvioletten Felsbrocken gequetscht ein kleines Café. Es gibt Pfefferminztee, dampfend heiß und zuckersüß. Die Abfahrt Richtung Norden ist deutlich flacher, der Ausblick auf das zerklüftete Gebirge aber kaum weniger eindrucksvoll. Unzählige Kehren später spült uns die Piste in Tinerhir auf Asphalt.

"Lasst es bleiben, das ist nichts für eure bepackten Mopeds", lauteten die mahnenden Worte des Guides einer Sport-Endurogruppe. Aber die Verbindungspiste der Schluchten Todra und Dadès soll durch eine einzigartige Hochgebirgslandschaft führen, und vielleicht schaffen wir es ja doch. Von Tamtattouchte aus machen wir uns bei Sonnenaufgang auf den Weg. Bereits der Einstieg wartet mit steilen Felsplatten auf, die bei Nässe sicherlich ungemütlich werden können. Die folgenden Kilometer geht es über groben Schotter erst bergan, dann in engen Kehren wieder abwärts. Wir sind in einem Bachbett gelandet und folgen nun seinem Lauf. Die Seite rechts des Bachbetts wird von steilen Felsüberhängen überragt, und am Fuß der Wand finden sich kleine, vom Wasser gegrabene Höhlen. Erst beim Näherkommen sehen wir, dass Nomaden darin wohnen. Auf über 2300 Metern trotzen sie hier der rauen Bergwelt. Die Gesichtshaut der Kinder ist gezeichnet von der trockenen Kälte. Ein Mädchen verdeutlicht Ellen mit Gesten seinen Wunsch nach Hautcreme.

Bis auf über 2600 Meter klettert der Weg durch immer kargere, nahezu vegetationslose Regionen. Die eigentliche Piste neben dem Bachbett haben zurückliegende Regenfälle stark in Mitleidenschaft gezogen und stellenweise völlig weggespült. Wir haben Glück, das momentan nur dünne Rinnsal lässt uns in seinem Bett passieren. Bei Msemrir erreichen wir wieder Zivilisation und die bis dorthin asphaltierte Dadès-Schlucht. Endlich Gelegenheit, die Aussicht zu genießen. Und die ist umwerfend. In der Dadès-Schlucht hat sich der Fluss über Jahrtausende in die Erde gegraben und rauscht aus der Tiefe empor.

Selbst die schwierigsten Pisten der letzten zwei Wochen waren kein Problem, und nun kocht der Kühler schon nach zehn Minuten. Wir stecken im Mittagsverkehr von Marrakesch, dem letzten großen Abenteuer dieser Reise. Zwei Ampeln zuvor haben wir einen älteren Mann mit Mofa kennengelernt. Er ist ortskundig, weiß, wo die Hotels liegen und lotst uns durch die Stadt. Es gibt zwar vertraute Vorfahrtsschilder, Ampeln und Fahrbahnmarkierungen, doch der Verkehr scheint nach übergeordneten Prinzipien zu funktionieren. Einchecken, duschen und dann zu Fuß ins bunte Treiben. Beim Djamâa el-Fna beginnen wir die Entdeckungsreise. Übersetzt heißt er einladend Platz der Geköpften. Bis auf einige Dattelverkäufer und Saftläden ist noch nicht viel los, weshalb wir direkt in die angrenzende Medina marschieren. Dort verlieren wir in der Fülle von Eindrücken schnell die Orientierung. Das Angebot ist riesig, die Läden liegen Tür an Tür. Der stete Menschenstrom schiebt uns quasi durch das Labyrinth der Suks. In der Gasse der Holzschnitzer lädt uns Taufik auf einen "Whisky marocain" ein. Einige Gläser Tee später stehen wir wieder dort, wo unsere Erkundung ihren Anfang nahm – am Platz der Geköpften. Der ist allerdings kaum wiederzuerkennen. Unzählige mobile Garküchen haben mittlerweile ihre Arbeit aufgenommen. Der Duft gegrillten Fleisches mischt sich mit den bläulich-weißen Schwaden der Räucherschalen. Akrobaten, Schlangenbeschwörer, Kartenlegerinnen und Geschichtenerzähler – der ganze Platz ist zu einer einzigen Bühne geworden. Wir setzen uns an eine Grillbude und werden für die nächsten Stunden Zuschauer dieser tollen Szenerie. Marokko – Leben in seiner ganze Bandbreite.

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