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MOTORRAD Unterwegs: Michael-Martin-Spezial Die Wüsten des Planeten im Visier

Wüsten sind sein Schicksal. Sie begeistern Michael Martin auch nach über 100 Expeditionen immer wieder neu, die BMW GS brachte ihn dabei nahe an Menschen und Natur. Exklusiv für MOTORRAD berichtet der bekannte Reisefotograf, was ihn seit 30 Jahren umtreibt.

Seit 30 Jahren bereise ich mit meiner Kamera die Wüsten der Erde, seit 18 Jahren auf dem Motorrad. Das Motorrad, das meine Wasser- und Nahrungsvorräte sowie meine Kameras und Filme transportiert, wird für mich in den Wüsten zur rollenden Oase. 1981 fahre ich als 17-Jähriger zum ersten Mal nach Marokko. In den Sommerferien, mit dem Mofa. Allein die Anreise mit dem altersschwachen Hercules-Gefährt dauert fünf Wochen, doch es reicht für einen ersten Kontakt mit der Wüste und der verändert mein Leben für immer. Mehr als zwanzig Mal fahre ich anschließend mit alten PKWs, vornehmlich Peugeot 504, durch die Sahara nach Westafrika und lerne die größte Wüste der Erde bis in ihre entlegensten Winkel kennen. Anfang der 90er-Jahre verschlechtert sich die Sicherheitslage in Algerien, Niger und Mali rapide, ich muss mich nach neuen Zielen im östlichen und südlichen Afrika umschauen. Mir wird bewusst, dass ich seinerzeit mit dem Mofa viel näher an Land und Leuten war als mit dem Auto, und so frage ich mutig bei BMW Motorrad an, ob sie mir drei Maschinen für eine Motorradtour von Kenia nach Kapstadt zur Verfügung stellen. Überraschenderweise bekomme ich eine Chance und starte im Sommer 1991 zusammen mit meinen Freunden Gregor und Kay auf drei R 100 GS von Kenia nach Kapstadt.

Vom Turkana-See im Norden Kenias folgen wir dem Rift Valley nach Süden, beobachten Flusspferde am Lake Baringo, Flamingos am Lake Nakuru und bestaunen die heißen Wasserfontänen am Lake Bogoria. In Tansania kämpfen wir uns auf schwieriger Piste zum abgelegenen Vulkan Oldoniyo Lengai. Hier macht sich unsere fehlende Motorraderfahrung besonders bemerkbar. Die schwer beladenen Motorräder werfen uns im Minutenrhythmus ab. Völlig erschöpft erreichen wir den Vulkan. Die Besteigung gerät zum Desaster, denn ein Notbiwak kurz unter dem Kraterrand führt bei mir zu einer schweren Nierenbeckenentzündung, und am Gipfel kollabieren die Akkus meiner Kameras. Ich muss später wieder kommen, um die benötigten Fotos zu machen. Nach dem Besuch des Ngorongoro-Kraters, der für Motorräder wegen seines Wildreichtums gesperrt ist, folgen wir dem Transafrican Highway durch Tansania und Sambia nach Botswana. Die Sandpisten der Kalahari überfordern uns. Einzig im Okavango-Delta finden wir einige Tage Ruhe. Dann fahren wir auf direktem Wege weiter an das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika.

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Foto: Michael Martin

Den aus dieser Reise entstehenden Vortrag nenne ich "Transafrika", und MOTORRAD druckt meine erste große Farbstrecke. Von nun an will ich beim Motorrad bleiben, denn es macht mir nicht nur großen Spaß, sondern es ist auch leichter, mit den Menschen in den bereisten Ländern in Kontakt zu kommen. 1994 nehme ich mein nächstes Projekt in Angriff: Ich will den Nil von der Mündung in Ägypten bis hin zu seinen Quellen in Äthiopien und Zentral-afrika mit dem Motorrad begleiten. Auch, weil der längste Fluss der Erde unterschiedlichste Landschaften und Kulturen durchfließt. Meine Freunde Holger und Wojo fahren mit. Erneut stellt BMW uns Motorräder: eine mit dem neuen Boxermotor ausgestattete BMW R 1100 GS und eine R 100 GS. Letztere lasse ich von dem Allgäuer Gespannbauer Karl Schmid zu einem Gespann umbauen. Die von ihm geschweißte vordere Gabel würde mehrere Weltuntergänge überstehen, der verwendete V2 A-Stahl für das Beiwagenboot macht einen äußerst soliden Eindruck. Die Lufthansa transportiert beide Maschinen nach Kairo. Erst nach acht Tagen bekomme ich sie aus dem ägyptischen Zoll. Die Reise wird weiterhin von Grenzproblemen bestimmt. Nach dem Zwangsaufenthalt in Kairo folgen wir dem Nil bis nach Assuan, bevor uns die geschlossene Grenze Ägypten-Sudan zu einem weiten Umweg über das Rote Meer zwingt.

Den Sudan müssen wir eiligst durchfahren, weil man die Grenze nach Eritrea zu schließen droht, die nach Äthiopien ist bereits geschlossen. Trotz aller Hindernisse stoßen wir in Äthiopien zu den Quellen des Blauen Nil vor und fahren weiter über Kenia nach Uganda und Ruanda, wo zwei Quellflüsse des Weißen Nil entspringen. Hier lernen wir einmal mehr afrikanisches Improvisationstalent kennen: Kurz vor Erreichen des Ruwenzori höre ich plötzlich ein lautes Schleifgeräusch am Hinterrad. Ich halte an, untersuche den Stollenreifen. Das komplette Rad hängt schief und lässt sich hin und her bewegen. Die Ursache ist schnell gefunden: Der Bolzen, der die Kardanwelle im Kardangehäuse zentriert, fehlt. Offensichtlich hat er sich gelockert, ist herausgefallen und liegt nun irgendwo an der Strecke hinter mir im Busch. Niedergeschlagen laufe ich einen Kilometer zurück, finde aber nichts. Wir müssen einen LKW anhalten, um das Motorrad zum nächsten Flughafen zu transportieren. Bereits der erste LKW hält.

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Foto: Martin

Der Fahrer sieht sich den Schaden an, holt kommentarlos eine Machete aus dem Führerhaus, fällt wortlos einen Baum und schnitzt mit geübten Griffen einen Bolzen. Mit einem Stein schlägt er den Bolzen in das Gewinde des Kardangehäuses. Es funktioniert! Die Mechaniker der BMW-Niederlassung München staunen nicht schlecht, als sie Wochen später das handgemachte Ersatzteil inspizieren. 1996 zeichnet sich in Niger und Mali eine Beruhigung der politischen Lage ab. Endlich kann ich aufbrechen, um die Sahara wieder zu sehen und auch andere afrikanische Wüsten kennen zu lernen. Ich nenne das Projekt "Die Wüsten Afrikas". Von Kapstadt ausgehend, wollen meine damalige Freundin Katja und ich mit dem Motorrad alle Wüsten Afrikas durchqueren. BMW stellt eine neue R 1100 GS, erstmals stattet Touratech die Maschine weiter aus, montiert eine Keramikkupplung, einen großen Tank sowie ein stabiles Koffersystem.

Wir lassen das Motorrad nach Kapstadt fliegen und fahren in die Namib. Das gut ausgebaute Pisten- und Tankstellennetz stellt uns vor keine Probleme, nur die Pisten des Kaokovelds erfordern Fahrkünste und logistischen Aufwand. Auch die Kalahari ist inzwischen von Teerstraßen durchzogen, so dass wir bald die Wüsten des Rift Valleys in Ostafrika erreichen. Die Durchquerung der Danakil-Wüste kostet uns aufgrund eines anhaltenden Sandsturms und der Gefahr von Landminen viel Kraft. Vom eritreischen Hafen Massawa gelangen wir über das Rote Meer nach Suez in Ägypten. Vor uns liegt die Ost-West-Durchquerung der Sahara.

Foto: Martin

Die Route führt uns nach Libyen zu den Mandara-Seen im Erg Ubari, dann zum Vulkankrater Wau en Namus. Begleitet von einem minenkundigen Führer verlassen wir Libyen auf gesperrter Piste Richtung Tschad, wo wieder Minen drohen. Wir nutzen die kurze Friedensphase im Tibesti-Gebirge, um die Oase Bardai und das Trou Natron, einen eingebrochenen Vulkankrater, zu besuchen. Wir durchqueren die Ténéré, sehen dort die letzten Salzkarawanen und erreichen das Air-Gebirge, das von Tuareg-Nomaden bewohnt wird. Am Niger entlang fahrend, erreichen wir Timbuktu. Von dort geht es auf banditen-gefährdeter Route nach Mauretanien, wo Katja und ich nach sechs Monaten an den Atlantik gelangen. Vortrag und Bildband werden ein großer, auch internationaler Erfolg und die Grundlage für ein noch größeres Projekt: Jetzt will ich alle Wüsten der Erde durchqueren! Im Januar 2000 soll es losgehen. Kurz zuvor hatte ich Elke kennengelernt, die mich nicht nur begleiten, sondern auch einen Film drehen möchte. Wir werden zu zweit auf einem Motorrad fahren, um möglichst flexibel zu sein und Kosten zu sparen.

BMW leiht uns eine 1150er GS, Touratech spendiert die bewährte Keramikkupplung, den großen Tank und das Koffersystem. Die erste der vier großen Etappen führt uns in die Wüsten Arabiens und Asiens. Per Schiff reisen wir von Venedig in die Türkei und lassen in Syrien und Jordanien den Winter hinter uns. Weil ein Visum für Saudi-Arabien nicht zu bekommen war, weichen wir über das Rote Meer aus, um in den Jemen zu gelangen, der uns mit seiner rauen Landschaft und traditionellen Architektur beeindruckt. Über das Wadi Hadramaut kommen wir in den Oman und weiter in die Vereinigten Arabischen Emirate. Im Iran pflügen wir durch die Wüste Lut, besuchen Bergnomaden und fahren über die Salzebenen der Kavir. Höhepunkt in Mittelasien ist ein Feuerkrater im Herzen der Karakum, wo seit Jahrzehnten Erdgas brennt. Nächstes Ziel ist die Mongolei, deren südlicher Landesteil von der Wüste Gobi dominiert wird. Neben vielen Jurten stehen verwegen aussehende Ural-Gespanne. Es ist das einzige Land der Welt, in dem Gespanne als Taxis eingesetzt werden. Dank monatelanger Vorbereitungen gelingt uns die Einreise nach China samt Motorrad. Wir besuchen dort mehrere Wüsten, darunter die Badain Jaran Wüste in der Inneren Mongolei.

Foto: Martin

Inmitten von Megadünen finden sich tiefblaue Süßwasserseen, in einem spiegelt sich das lamaistische Kloster Badan Jilin. Wir folgen der Seidenstraße südlich der Takla Makan-Wüste und verlassen ausgerechnet am 11. September 2001 China Richtung Pakistan. Weil wir Konsequenzen der Terroranschläge in New York befürchten, durchqueren wir in einer gefährlichen Nachtfahrt ganz Pakistan und erreichen Indien, kurz bevor die Grenzen geschlossen werden. Ziel ist die Wüste Thar, in der wir den größten Kamelmarkt der Erde und den Höhepunkt der Pilgersaison in Pushkar erleben. Ein Abstecher nach Ladakh weckt unser Interesse an Tibet. Wir unterbrechen die Reise in Indien und organisieren von Europa aus die Einreise nach Tibet. Im April 2002 können wir tatsächlich einreisen. Unser Ziel, den heiligen Berg Kailash, erreichen wir in sieben Tagesetappen. Zurück in Kathmandu lassen wir das Motorrad per Luftfracht nach Australien transportieren. Dort fahren wir in den Nordwesten, wo die Great Sandy Desert an den Indischen Ozean heran reicht. Vom Eighty Mail Beach aus folgen wir zunächst 600 Kilometer dem einsamen Kidson Track, dann dem Gary Highway eine kaum im Wüstengras auszumachende Fahrspur mit einer Fahrzeugfrequenz von weniger als einem Auto pro Woche. Elke und ich genießen die unberührte Natur und die Abende am Feuer. Nach einem kurzen Aufenthalt in Alice Springs nehmen wir die Simpsonwüste in Angriff. Sie ist geprägt von gut 1000 Dünenzügen, die quer zu unserer Fahrtrichtung verlaufen. Westlich von Cooper Pedy beginnt die Great Victoria Desert, die uns aufgrund der enormen Distanzen zur Mitnahme von 60 Litern Treibstoff zwingt. Südlich schließt sich die Kalkebene des Nullarbor Plain an, der zu den eintönigsten Strecken unserer Reise durch die Wüsten der Erde gehört. Nach drei Monaten in Australien erreichen wir Sydney und verschiffen das Motorrad nach Südamerika. Auf der Panamericana gelangen wir in die Atacama, die sich parallel zur Pazifikküste nach Norden erstreckt.

Tagelang fahren wir in dichtem Küstennebel, der für die Wintermonate typisch ist. Dann steigt die Traumstraße Amerikas an, und wir durchbrechen die Nebeldecke, über uns strahlt für die nächsten Wochen nun ein stahlblauer Himmel. Von San Pedro de Atacama fahren wir hinauf auf das bolivianische Altiplano, eine Hochwüste, die zwischen den Andenkordillieren auf 4000 Metern Höhe zu finden ist. Die dünne Luft und die nächtliche Kälte verlangen Elke und mir viel ab. Während einer Nacht auf der Salzfläche des Salar de Uyni fällt das Thermometer auf minus 25 Grad. Weiter nördlich machen uns vierzehn Flussdurchquerungen zu schaffen. Anfangs fahre ich zu schnell in die vereisten Flüsse. Die Bugwelle schlägt über dem Tank zusammen, über den Luftfilter gelangt Wasser in den Motor. An einen dringend notwendigen Ölwechsel ist nicht zu denken, denn wir haben weder genügend Öl noch einen Filter.

Foto: Martin

Doch der brave Motor springt nach kurzer Trocknungszeit immer wieder an. In der peruanischen Hauptstadt Lima finden wir eine Fluggesellschaft, die das Motorrad von Südamerika nach Nordamerika transportiert. Unser erstes Ziel in den USA ist die Sonora-Wüste in Arizona und Mexiko, die für ihren Kakteenreichtum berühmt ist. Nächster Höhepunkt ist das Death Valley. Abseits des Touristenrummels stoßen wir auf eine Lehmpfanne, auf der Steine wie von Geisterhand dahingleiten und lange Spuren hinterlassen. Die schönsten Landschaften Amerikas finden wir aber auf dem Colorado-Plateau, dem Bikerparadies schlechthin. Von White Sands geht es in Marathon-Etappen quer durch den amerikanischen Mittelwesten nach New York City. Von hier lassen wir die Maschine nach Windhoek in Namibia transportieren. Wir halten uns nicht lange in der Namib und Kalahari auf, denn die Durchquerung der Sahara soll den abschließenden Höhepunkt darstellen. Sie ist mit neun Millionen Quadratkilometern die mit Abstand größte Wüste der Erde. Bei Sandsturm folgen wir der 1300 Kilometer langen "Route de l'Espoir" bis Nema, überqueren die Grenze nach Mali und fahren nach Timbuktu, seit jeher legendäres Ziel am Südrand der Sahara. In Agadez, im Nordosten des Niger, geht es zunächst an den Ostrand des Air-Gebirges, dann weiter nach Algerien. Im Tassili du Hoggar erleben wir die schönsten Landschaften, die ich je in einer Wüste gesehen habe. Die weitere Strecke führt uns über Djanet zurück in den Niger und weiter in den Tschad. Wir meiden das Tibesti-Gebirge und gelangen über den Bahr el Gazal zu den Seen von Ouianga Kebir, den größten Seen der Sahara. Mit geschmuggeltem libyschem Benzin im Tank rollen wir Richtung Ennedi-Gebirge, dessen Felslabyrinth uns vor einige Orientierungsprobleme stellt. Nun liegt die letzte Etappe zum Nil vor uns. Wir überqueren die Grenze zum Sudan ohne Kontrollen und folgen dem Wadi Howar Richtung Nil. Weil der Luftdruck im Vorderreifen zu niedrig ist, bildet sich ein Riss, der immer größer wird. Hilfsbereite Schmuggler nähen den Reifen, er hält durch. Den Nil erreichen wir bei Dongola, wo wir die sudanesischen Einreiseformalitäten erledigen. Zügig gelangen wir ans Mittelmeer und finden im Hafen von Alexandria ein Schiff nach Europa. Ein paar Tage später fahren wir im Schneetreiben auf München zu und werden an der Stadtgrenze von der Polizei aufgehalten. Ein genähter Reifen und ein längst abgelaufener TÜV beschäftigen die beiden Beamten sichtlich bis sie uns doch die letzten zehn der über 100000 Kilometer nach Hause fahren lassen. Es bleibt nicht viel Zeit bis zur weltweiten Veröffentlichung meines Buches "Die Wüsten der Erde" in sieben Sprachen und bis zur Premiere meiner gleichnamigen Diashow.

Foto: Martin

MOTORRAD berichtet in drei Folgen über unsere Reise. Nachdem ich zwischen 2004 und 2008 meine Diashow hunderte Male im deutschsprachigen Raum gezeigt habe, will ich endlich wieder los. Auf zwei Reisen nach Mali und Südamerika arbeite ich mich Anfang 2009 in die digitale Fotografie ein, bevor ich im August 2009 zur ersten Etappe meines neuen Projekts "Planet Wüste" aufbreche. Nach all den Abenteuern ist meine Begeisterung für die Wüsten unseres Planeten noch gewachsen. Ich habe schier Unglaubliches erlebt, wunderbare Menschen kennengelernt, traumhafte Landschaften genossen und registriere jeden Tag aufs Neue dankbar die Erkenntnisse, die mir meine Reisen gebracht haben. Deswegen will ich nach den Trockenwüsten nun auch unbedingt die Eis- und Vulkanwüsten der Erde mit dem Motorrad erkunden und sie mit den Trockenwüsten vergleichen. Mein neues Projekt beginnt in Island.

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