Unterwegs: Montenegro - Balkan Unterwegs in Montenegro: Lockruf der schwarzen Berge

Beim Kurvenkratzen nehmen Angela Schmitz und Axel Heß ganz nebenbei ein paar Superlative Europas mit: die längste und tiefste Schlucht, einen der ältesten verbliebenen Urwälder und den größten See der Balkanhalbinsel.

Foto: Schmitz, Heß

Unterwegs in Montenegro

Kaum haben wir in Allerherrgottsfrühe die Motorräder von der Rampe des Autoreisezugs in Villach gefahren, hängen drohende, schwarze Wolken über uns. Sie ziehen mit über den Wurzenpass, wo wir sie erst nach einem kräftigen Regenguss abschütteln können. Bei 25 Grad dampft die Luft, wir reißen die Regenkleidung vom Leib. Sonne und Wind wecken unsere Lebensgeister. Dank der ständigen Wetterwechsel ersäuft der Balkan von hier an in saftigen Farben - ein Spektakel für die Linse. Tiefgrüne Wiesen, türkisfarbene Flüsse. Braune Kühe käuen friedlich auf den Weiden das Gras wider, Kanuten bezwingen die wilden Wasser.Während uns in Slowenien noch Horden von Motorradgruppen entgegenkommen, verliert sich die Masse, je weiter südlich wir reisen.

Ab Montenegro begegnet uns nur noch eine Handvoll motorisierter Zweiräder, und die haben meist süd- oder osteuropäische Kennzeichen. So teilen wir die spektakulären Kurvenstrecken nur mit Autos, Lkws und Wohnmobilen, was es allerdings in sich hat. Bei der Einreise drückt uns der Zöllner ein Infoblättchen mit Statistiken über Verkehrsunfälle zur freundlichen Beachtung in die Hand. Nach der Theorie erhöht sich die Unfallquote immens alle zwei Wochen zum Bettenwechsel in den touristischen Hochburgen. Die praktische Erfahrung später gibt diese Hinweise der Lächerlichkeit preis. An vielen Ecken im Land lauern zwar Polizisten mit Laserpistole, und sie scheinen reichlich Beute zu machen. Doch wenn es einen Einheimischen erwischt, kennt der im Zweifel jemanden, der einen kennt, der bei der Polizei schon alles regelt. Also löhnen vor allem die Ausländer. Diejenigen, die sich an die Vorschriften halten, stellen ein echtes Verkehrshindernis dar, denn die Raser kleben am Hinterreifen. Mehr als einmal entkommen wir nur knapp den halsbrecherischen Überholmanövern der Montenegriner. Sind die Einheimischen nicht in ihrem Fahrzeug unterwegs, entpuppen sie sich als herzensgut und hilfsbereit. 625 000 Menschen leben in diesem kleinen Land friedlich zusammen und bilden ein buntes Völkergemisch aus Montenegrinern, Serben, Albanern, Kroaten, Roma und Kosovaren.

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Foto: Schmitz, Heß

In der Bucht von Kotor schlagen wir unser erstes Nachtlager im Land auf und genießen die Abgeschiedenheit und Ruhe. Wer will, stößt in dieser Gegend auf manch historische Spur, wie in Perast mit den Klosterinseln und verfallenen Palazzi aus den in dieser Gegend charakteristischen Natursteinen. Die Altstadt von Kotor hat bereits einige Jahrtausende auf dem Buckel, wurde allerdings 1979 durch ein Erdbeben ziemlich zerstört. Die UNESCO zeichnete den alten Stadtkern daraufhin als Weltkulturerbe aus, mit Zeit und Geld konnten viele Gebäude wieder instand gesetzt werden. Über 1348 Stufen erklimmen wir am östlichen Rand der über vier Kilometer langen Stadtmauer eine Anhöhe. 260 Meter weiter oben schauen wir von der Festung Sv. Ivan über die Bucht. In unserem Rücken schlängelt sich ein Eselspfad um Felsbrocken des Karstgebirges und um einsame Hütten, früher die einzige Verbindung ins Hinterland, in dem noch Menschen mit ihren Ziegenherden leben. Wieder unten koste ich an einem Marktstand von dem vorzüglichen heimischen Bergkäse und dem Njeguški pršut, einem geräucherten Schinken. Der freundliche Mann will mir erklären, wie Käse und Schinken hergestellt werden, die Verständigung hapert zwar, doch mit ein paar Wortfetzen Montenegrinisch sowie Händen und Füßen verstehen wir uns.

Unsere Weiterfahrt verzögert sich um ein Gewitter. In Minutenschnelle ziehen schwarze Regenwolken mit Blitz und Donner in die Bucht, Hagelkörner in Daumennagelgröße prasseln aufs Pflaster - und verwandeln das GPS am Motorrad in ein Aqua-
rium. Wir greifen auf fast schon Vergessenes, aber Altbewährtes zurück: Kartenmaterial. Nasse Aussichten für die nächsten Tage treiben uns statt in die Berge zunächst weiter die Küste hinunter Richtung Skadar-See.

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Foto: Schmitz, Heß

In Virpazar treffen wir auf Toman Zec, ein Unikat. Genauso wie das Museum unterm Dach seines kleinen Hotels. Hier hat er aus Familienhand Gebrauchsgegenstände aus drei Jahrhunderten gesammelt. Zu jedem Stück weiß er eine Geschichte zu erzählen. Ebenso wie zu der Foto- und Hutsammlung im Speiseraum der ältesten bestehenden Restauration Montenegros. Er erzählt mir mit etwas Wehmut, dass immer mehr junge Menschen die Region verlassen, um in den Städten ihr Glück zu suchen. Von früher 8000 Bewohnern sind nunmehr kaum 800 übrig geblieben, vor allem ältere. Er zeigt hinüber auf den Marktplatz, wo drei Marktfrauen ihr selbst gepresstes Olivenöl, Ziegenkäse und wenige Feldfrüchte zum Verkauf anbieten. "Vor einigen Jahren drängten sich hier am Markttag Dutzende Stände, und die Leute kamen von überall her um einzukaufen, doch die Zeiten sind längst vorbei." Er dreht sich um und wendet sich wieder seiner Kräutersammlung zu, die er hegt und pflegt. Jeden weiblichen Gast beglückt er mit einem Tütchen getrockneter Kräuter oder einem Blütenzweig. Ich habe meine wohlriechende Sammlung im Alu-Koffer heil nach Hause transportiert. Zum Abendessen erfreut sich mein Gaumen am frischen Fang aus dem türkisfarbenen Meer, die Forelle schmeckt hervorragend. Dazu koste ich einen Rotwein aus hiesiger Produktion, ein durchaus guter Tropfen. Vor einigen Jahren wurde in der Gegend in den Weinbau investiert. Damit erschlossen sich die Anwohner eine neue Erwerbsquelle und bewahrten so die letzten Dörfer davor aufzugeben.

Foto: Schmitz, Heß

Für einen Ausflug zum Skadar-See wählen wir die Weinstraße, deren kurvenreicher Verlauf auch gerne als Racing-Strecke genutzt wird, wovon die weiß-rot bemalten Autoreifen in den engen Kurven sowie die gemalte Start- und Ziellinie auf dem Asphalt zeugen. Schließlich folgen wir dem schmalen Küstensträßchen, das sich in sanften Kurven 40 Kilometer den Hang entlang an den Skadar-See schmiegt, der als jüngstes natürliches Süßwasserreservoir Europas gerade mal 1000 Jahre alt ist.
Wie der Zufall so spielt: Im Autoreisezug hatten wir Ratko kennengelernt, einen Montenegriner aus dem Rheinland. Auf dem Weg zum Durmitor-Massiv entdecken wir in einer kleinen Ortschaft sein Motorrad - große Wiedersehensfreude! Er besucht gerade seine Schwester, und wir hocken uns gemeinsam mit ihnen in die Sonne. Die Schwester erzählt uns von den schwierigen Lebensbedingungen hier in den ländlichen Regionen des Landes, die für uns auf den ersten Blick so idyllisch erscheinen. Hinter den Kulissen ist die Realität recht hart. Zwar leben die Menschen in ihren eigenen bescheidenen vier Wänden und haben Strom und fließend Wasser, doch manch 40-Jähriger hängt noch am finanziellen Tropf der Eltern. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Soziale Absicherungen gibt es keine, geht eine Firma pleite, müssen die Entlassenen zusehen, wie sie klarkommen. Nach einem langen Arbeitsleben bleibt eine monatliche Rente von nur 350 Euro.

Wir verabreden uns mit Ratko für den nächsten Tag im Gebirge und machen uns schon mal auf den Weg dorthin. In abljak gehen wir auf Zimmersuche. Doch die Preise in diesem Skiort sind hoch. Spontan bietet uns jemand an einer Hotelrezeption an, für einen kleinen Obolus in seinem Haus zu übernachten. Wenig später richten wir uns gemütlich in einem Raum bei ihm zu Hause ein, gerade noch rechtzeitig, bevor der nächste Regenschauer niedergeht und bis zum nächsten Vormittag anhält.
Ratko nimmt uns mit in sein Heimatdorf, in dem nur noch eine Handvoll Familien wohnt. "Wovon leben die Menschen hier?", frage ich ihn. Sie ernten ihre Gemüsebeete, sammeln Pilze auf den steilen Hängen, und ab und zu schlachten sie eines ihrer Tiere aus der kleinen Herde, die sie auf den Wiesen weiden lassen. Wir bahnen uns vom Dorf aus den Weg durch dichtes Unterholz zur Tara-Schlucht, die in der Region zu den landschaftlichen Einzigartigkeiten gehört.

Foto: Schmitz, Heß

Plötzlich halten wir den Atem an: Fast 1300 Meter tief stürzen die steilen Felswände der Tara entgegen, die sich in ihrem Wasserbett 140 Kilometer lang den Weg vom ijovo-Gebirge bei Kola in bis zum Zusammenfluss mit dem Piva an der bosnischen Grenze bahnt. Ein Schritt zu weit an die Kante, und niemand würde mich je wiederfinden. Ich höre meinen Herzschlag pochen. Doch er wird übertönt vom mächtigen Widerhall des rauschenden Flusses gegen das Karstgestein. Etwas weniger spektakulär ist tags darauf der Blick in die Schlucht von einer 150 Meter hohen Brücke. Der Verkäufer an einem Kiosk auf dem benachbarten Parkplatz zeigt mir eine Postkarte mit einer alten Aufnahme des Bauwerks und erklärt, auf welch historischem Boden wir stehen. Die fünfbögige Konstruktion diente den Partisanen Anfang der 1940er-Jahre als strategischer Punkt. Als deutsche und italienische Truppen in die Gegend vordrangen, sprengten die Partisanen kurzerhand einen der Bögen der gerade erst fertiggestellten Brücke und hinderten die Gegner am Weitermarsch.

Foto: Schmitz, Heß

Von Kolašin aus beschließen wir spontan, den Nationalpark Biogradska Gora über eine dünne weiße Linie auf der Landkarte zu umfahren und stolpern auf der unbefestigten Piste zu zweit auf einer Maschine über Wurzelwerk und Steine. Einmal ganz herum schaffen wir es jedoch nicht, ein Einheimischer warnt uns, dass in der Höhe Eis und Schnee den Weg versperren. So begnügen wir uns mit einem anderen Superlativ und wandern durch einen der letzten Urwälder Europas. Montenegro hat als erster europäischer Staat den Umweltschutz in seine Verfassung geschrieben. Gute Ansätze sind da, die Perle zu bewahren, auch wenn einem hier und da der beißende Qualm verbrennender wilder Müllkippen die Luft raubt oder landschaftliche Filetstücke Immobilienhaien zum Opfer fallen.

Foto: Schmitz, Heß

In unzähligen Kurven und Kehren bahnen wir uns den Weg über schmale Landstraßen durch die raue Landschaft. Als sich aus dem Gebirge kommend das Tal nördlich von Podgorica vor mir ausbreitet, habe ich einen Lidschlag lang das Gefühl, mir liege die Welt zu Füßen. Im nächsten Moment schlage ich gerade noch rechtzeitig den Lenker für die nächste Haarnadelkurve ein. Über die Passhöhe des Loven-Nationalparks stürzen wir schließlich in 25 Serpentinen hinab zur Küste. Mit der Fähre lässt sich der Weg um die innere Bucht von Kotor abkürzen, dann sind es nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze. Jenseits der Alpen erwarten uns erneut Gewitter, Sturm und Regen, die uns bis vor unsere Haustür treu bleiben. Eigentlich ein Grund, sofort umzudrehen und dem grauen Alltag gleich wieder den Rücken zuzukehren.

Foto: Werel

Infos

Montenegro überwältigt mit seinen landschaftlichen, kulturellen, historischen und kulinarischen Reizen. Dazu kommt die Gastfreundschaft der unkomplizierten Einheimischen.

Zahlen und Daten
Reisedauer: 3 Wochen
Gefahrene Strecke: 4630 Kilometer, davon in Montenegro 1024 Kilometer in zehn Tagen
Montenegro
Hauptstadt: Podgorica
Fläche: 13 812 km²
Gründung: 3. Juni 2006
Währung: Euro
Einwohnerzahl: 625 000

Sehenswert:
Das Land ist noch ein Paradies für Motorradfahrer, die einsame Kurvenstrecken suchen. Gerade in den Bergen entdeckt man überall kleine Landstraßen, auf denen man kaum jemandem begegnet. Der Durchgangsverkehr nutzt meist die vielerorts neu gebauten, breiten Landstraßen. Viele Strecken sind asphaltiert, es gibt aber auch unbefestigte Pisten. Die Fahrfreude trüben nur die unzähligen Verkehrspolizisten mit ihren Laserpistolen, die hinter jeder Ecke lauern können.

Montenegro weist einige sehenswerte Highlights auf: die Tara-Schlucht, die Nationalparks Biogradska Gora, Lovcen und Durmitor, der Skadar-See an der albanischen Grenze, die historischen Städte Kotor, Perast oder Cetinje, unzählige Klöster, Kirchen und Moscheen.

Foto: Schmitz, Heß

Einreise/Übernachten:
Für die Einreise reicht der Personalausweis. Für das Motorrad wird die grüne Versicherungskarte benötigt. Da das Land bereits 1999 die Deutsche Mark als offizielles Zahlungsmittel eingeführt hatte, hat es 2002 den Euro als offizielles Zahlungsmittel übernommen. Montenegro darf allerdings keine eigenen Münzen prägen, da es kein Mitglied der Europäischen Währungsunion ist. Das Land ist jedoch Beitrittskandidat der EU.
Zum Übernachten nimmt man spontan eines der zahlreichen Sobe- oder Apartmani-Angebote wahr - private Zimmer oder Appartements, die es überall im Land gibt. In Montenegro finden Reisende auch vielerorts einen Platz, um ihr Zelt aufzuschlagen, an der Küste allerdings eher als im Hinterland.
Natürlich gibt es auch Hotels verschiedenster Kategorien, am besten, man sucht sich vor Ort eine Unterkunft nach eigenem Geschmack. Während der Haupturlaubszeit Juli/August kann es in der touristischen Küstenregion allerdings schon mal voll werden.
Viele Einheimische sprechen etwas Deutsch, die Jüngeren eher Englisch, oder man verständigt sich mit Händen und Füßen. Das klappt fast immer problemlos und schafft netten Kontakt.

Literatur/ Karten:
Der Reiseführer "Montenegro" von Achim Wiegand (Michael Müller Verlag) bringt Wissenswertes über Land und Leute sowie gute Reisetipps, gewürzt mit trockenem Humor. Als Karten zu empfehlen: "Montenegro" von Freytag & Berndt, Maßstab 1:150000; "Kroatien Küste" von Freytag & Berndt, Maßstab 1:200000; "Slovenija auto karte", Maßstab 1:300 000. Karten kauft man am besten unterwegs an Kiosken oder Tankstellen nahe der jeweiligen Grenzen.

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