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Unterwegs: Österreich Österreichische Eisenstraße

Kein Motorrad ohne Stahl. Warum nicht mal auf den Spuren des Eisens durch Österreich touren? Kurviger kann man Stahlerzeugung kaum erleben.

Wer Motorrad fährt, kann sich dem Thema Eisen und Stahl kaum entziehen, denn ohne diesen Werkstoff würden weder Motorräder noch andere lebenswichtige Gegenstände unserer Zivilisation existieren. Ein reizvoller Gedanke also, die Stahlerzeugung zum Thema einer Tour zu machen. Wenn sich diese Mission wie in Österreich noch mit kurvenintensiven Straßen durch attraktive Landschaften und Orte verbinden lässt, umso besser.

"Österreich", so hatte ich kürzlich gelesen, sei "das Land der Kellner und Skifahrer". Nichts da, denn als ich die KTM Duke an einem sonnigen Nachmittag entlang der Donau gen Linz dirigiere, wird ein anderer Charakterzug der Alpenrepublik deutlich: Vis-à-vis des Flusses erstreckt sich das Betriebsgelände von Österreichs Stahlriesen Voestalpine. Hochöfen, Kokerei, Gasometer und Walzwerke bilden dort ein bizarres Industriegeflecht, das flächenmäßig so groß wie 760 Fußballplätze ist. Das touristisch geprägte Österreich hat auch ein rußgeschwärztes Gesicht.

Kurze Zeit später lenke ich die Duke durch die "Stahlstraße" und bewundere die Voestalpine-Hochofenkulisse bei einem Werksbesuch aus der Nähe. Im Hochofen "Heißer Riese" läuft ein traditioneller Hochofenabstrich mit 1400 Grad heißem flüssigem Roheisen. Draußen, auf dem Werksgelände, lässt die Natur sich derweil nicht verdrängen: 500 Pflanzenarten existieren hier, im Hallendach nisten Turmfalken. Wenn ein Junges aus dem Nest fällt, rückt die Werksfeuerwehr an und setzt den Vogel zurück.

Das Thema Eisen und Stahl lässt mich nicht mehr los, ich folge der "115", der Eisenstraße, die sich südlich der Donau über Enns und Steyr durch Ortschaften und Landschaften mit Namen wie Eisenerz, Eisenwurzen, Gusswerk oder Eisenerzer Alpen zieht. Klingt spannend und sieht kurvig aus. Statt Eisen sind zunächst nur Mais und Getreidefelder zu sehen. Hinter Steyr dann blühende Almwiesen und bewaldete Bergkuppen. Nach Ternberg die ersten schroffen Kalkfelsen in bewaldeten Bergen. Die Enns leuchtet blaugrün - fast schon karibisch.

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Foto: Eisenschink
Hochofenanstich bei Voestalpine in Linz.
Hochofenanstich bei Voestalpine in Linz.

Altenmarkt, Hieflau, schon bin ich mittendrin in den Ennstaler und Eisenerzer Alpen. Noch ein paar Kurven, dann kommt eine gigantische Stufenpyramide, die geheimnisvoll in der Nachmittagssonne schimmert: der Erzberg. Seit mehr als 1200 Jahren wird hier Erz abgebaut. Der 1500 Meter hohe Berg ist von einem dicht bewaldeten Gebirgsrücken zu einer vielstufigen Pyramide mutiert. Die pittoreske Ortschaft Eisenerz zieht vorbei, gefolgt vom Erzbergstüberl, wo es heute "Hauly-Schnitzel mit Pommes und Erzberg-Pizza" gibt. Ich folge dem Schild "Abenteuer Erzberg" und gelange zu einem Schaubergwerk mit angegliederter Station für eine "Hauly-Abenteuerfahrt".

Der Hauly, eigentlich Haulpak, ist ein elfeinhalb Meter langer, fünf Meter breiter, ebenso hoher und 55 Tonnen schwerer Lastwagen. Leistung: 860 PS. Die sechs Antriebsräder haben einen Durchmesser von je 2,60 Meter. Seine Mulde ist umgebaut. Statt erzhaltigem Gestein transportiert er heute 64 Besucher. Mit mir ist die nächste Hauly-Abenteuerfahrt ist bis auf den letzten Platz belegt. Der Schwerlaster hält das locker aus, seine Zuladungskapazität beträgt 77 Tonnen. Begrüßung mit "Glück auf", dann beginnt der Zwölfzylinder zu röhren. Warum man sich anschnallen muss, wird beim Anfahren klar. Der Hauly, ausgestattet mit sechs Vorwärts- und einem Rückwärtsgang, macht einen derartigen Ruck, dass die Köpfe nach hinten fliegen. Dann geht es - erneutes Abnicken beim Schalten in den zweiten Gang - mit viel Motorengebrüll über geschotterte Serpentinen nach oben zur Etage Drei-König. 1085 Meter. Die Aussicht ist phänomenal und reicht über die Stufen der Pyramide bis weit in die Erzberger Alpen. Vorbei am flaschengrünen Erzbergsee geht es zurück zum Ausgangspunkt, Zeit ist Geld - der Hauly frisst 55 Liter Sprit pro Stunde.

Zurück im Bike-Sattel fällt auf, dass die Duke beim Schalten ähnlich bockig ist wie der Hauly. Wir reiten Richtung Hieflau. Im Ort Blinker links. Rechts tobt die Enns durch ihr Flussbett, linker Hand wachsen die Ennstaler Alpen monumental empor. Weng, Weißenbach, Altenmarkt. Die Strecke ist so schön, dass ich ums Haar den Abzweig der Eisenstraße in Richtung Hengstpass übersehe. Nach einem engen Kerbtal des Nationalparks Wildalpen kommt erst der "Engpass", dann der "Hengstpass": Kurven vom Feinsten.

An der Jausenstation Zicker-Reith kommt mir ein Radfahrer entgegen, ansonsten ist weit und breit kein Fahrzeug zu sehen. Über Windischgarsten und Phyrnpass kurve ich nach Liezen und stoße über Weng, St. Gallen und Großreifling ins Salzatal vor. Salza - der Name klingt nach Tanz. So ähnlich wirkt sich die Strecke entlang des flaschengrünen Flusses auch aus. Kurven ohne Ende. Gut, dass die Rafter und Kanuten, die hier die Straße queren, bunte Schwimmwesten und Neoprenanzüge tragen. Bis Wildalpen stehen die Zeichen auf Wassersport. Zwei Gasstöße weiter, in Gusswerk, lockt mich die Eisenstraße mit dem Montan- und Gießerei-Museum nach der langen Kurvenstrecke aus dem Sattel. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts habe es um Gusswerk drei Hochöfen gegeben, sagt Richard Pichler, Vorsitzender des Vereins "Eisenwerk Gusswerk", doch von der Montanindustrie sei hier lediglich die Eisengießerei geblieben.

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Foto: Eisenschink
Die traditionelle Eisenverarbeitung im Not-Tal bei Ybbsitz.
Die traditionelle Eisenverarbeitung im Not-Tal bei Ybbsitz.

Hinter Gusswerk wartet ein Schild: "Bitte langsam und leise fahren!". Okay. Langsam geht. Aber leise? Vorsichtig taste ich mich die Serpentinen hinauf in den Wallfahrtsort Mariazell, der mich mit Kirchengeläut und Tourismustrubel begrüßt. Ich muss gen Norden flüchten und erlebe nun Kehren, die nicht nur Nummern, sondern auch Namen tragen. Kehre 13 heißt "Katzler Reith". Andere nennen sich "Ötscher Reith" oder "Spitzbuben Reith". Hinter Kehre 9 fahre ich links ab zur Runde um den fast 2.000 Meter hohen Großen Ötscher. Einsam ist es hier. Nur Wiesen und Wald. Um die Kehren "Moor Reith" und "Eselstuben Reith" fahre ich über Puchenstuben nach Kienberg und Lunz.

Noch ein Schlenker über St. Georgen, Ybbsitz und Hollenstein, dann entlang der Ybbs zurück nach Mariazell. Was für eine Motorradstrecke! Anschließend geht es über den Afflenzer Seeberg hinunter nach Bruck und entlang der Mur nach Leoben. Im Ortsteil Donawitz liegt eine gewaltige Hochofenkulisse. Hier, wo es noch dampft, zischt und raucht, zeigt sich die Eisenstraße von ihrer spektakulären Seite. Zwischenstopp im "Gasthaus zum Schichtarbeiter", dann schraube ich mich gestärkt nach Vordernberg hinauf.

Kleine Birken, Fichten und gelb blühender Löwenzahn drücken sich aus den Fugen des Vordernberger Hochofens Radwerk III, der kurze Zeit später im Visier auftaucht. Die Natur erobert sich so manchen Dino der Eisenzeit zurück. Im Hochofen Radwerk IV, dem einzigen noch voll ausgestatteten Holzkohlenhochofen in Österreich, ist ein Museum untergebracht. Doch ich will weiter. Hinauf zur 1225 Meter hohen Passhöhe Präbichl und dann noch einmal zum Erzberg.

Zwischenstopp am Parkplatz "Erzbergblick", von wo aus ich die 42 Stufen der Erzberg-Pyramide und den umherfahrenden gelben Hauly sehen kann. Wenn ich nachher über die Eisenstraße in Richtung Donau zur A 1 und weiter nach Passau fahre, dann kann ich die gut 200 Kilometer bis zur deutschen Grenze in rund zwei Stunden zurücklegen. Der Hauly - Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h - bräuchte dazu doppelt so lang. Könnte dafür aber 77 Tonnen Souvenirs mitnehmen.

Zeichnung: Werel

Infos

Es muss nicht immer Apfelstrudel und Kaiserschmarrn sein: Wer sich in Österreich auf die Spuren von Eisen und Stahl begibt, kann viel erleben. Tolle Kurvenstrecken gibt es gratis dazu.

Sehenswert:
Eine topmoderne interaktive Ausstellung zum Thema Stahlwelt kann man bei Voestalpine in Linz besuchen. Wahlweise mit anschließendem Werksbesuch. Voestalpine Stahlwelt, Voestalpine Straße 4, A-4020 Linz, www.voestalpine-stahlwelt.at, Telefon 00 43-50 30/4 15 89 00. Am Erzberg gibt es ein Schaubergwerk, Hauly-Abenteuerfahrten und ein jährlich stattfindendes, mittlerweile berühmtes Motorrad-Rodeo. Ab 2011 wird es als "Enduro Xtreme" Weltmeisterschaftsstatus haben und voraussichtlich Mitte Juni den besten Offroad-Fahrer aller Disziplinen ermitteln. Informationen: Abenteuer Erzberg, Erzberg 1, A-8790 Eisenerz, Telefon 00 43-38 48/32 00, www.abenteuer-erzberg.at. Radwerk IV ist der einzige erhaltene und voll ausgestattete Holzkohle-Hochofen Europas und heute als Hochofen-Museum zu besichtigen. Peter-Tunner-Straße 2, A-8794 Vordernberg, Telefon 00 43-38 49/2 38, www.radwerk-vordernberg.at. Führungen inklusive Schaugießen und Videovorführungen hat das Montan- und Gießerei-Museum Gußwerk zu bieten: Bahnhofstraße 7, A-8632 Gußwerk, Telefon 00 43-38 82/26 36, www.kunstguss-gusswerk.at. Exponate aus der Welt der Stahlkocher finden sich im Metallurgie-Museum Donawitz, Vordernbergerstraße 121, A-8700 Loeben, Telefon 00 43-5 03 04/25 22 61, www. geschichteclubalpine.at. Der Fahrngruber Hammer ist eine ehemalige Hackenschmiede aus dem 16. Jahrhundert, heute gibt es hier Schauschmieden und Schmiedekurse. Der alte Edmund Fahrngruber schmiedet noch selbst. Markt 24, A-3341 Ybbsitz, Telefon 00 43-74 43/8 53 00, www.ybbsitz.at. Weitere Sehenswürdigkeiten zum Thema Eisen und Stahl unter www.eisenstrassenmuseen.at (Steiermark) und http://museen.eisenstrasse.info (Niederösterreich).

Übernachten:
Eine schicke Unterkunft mitten im Wallfahrtsort Mariazell ist das Hotel "Weißer Hirsch", Telefon 00 43-38 82/3 10 76, www.weisser-hirsch.at. In Linz: Hotel Schillerpark in Zentrumsnähe, Telefon 00 43-7 32/69 50, www.austria-trend.at. Familiär ist die Frühstückspension Wengerwirt, A-8913 Weng im Gesäuse, Telefon 00 43-36 13/22 70, www.wengerwirt.at.

Adressen/Karten:
Auskünfte durch Steiermark-Tourismus in Graz, www.steiermark.com, Tourismusverband Linz, www.linz.at/tourismus. Weitere Infos: www.eisenstrasse.co.at, www.eisenstrasse.info. Eine Karte der Eisenstraße gibt es beim Verein Steirische Eisenstraße, Freiheitsplatz 1, A-8790 Eisenerz, Telefon 00 43-38 48/36 00

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