Unterwegs: Ostafrika Im Herzen Afrikas

Von Kenia bis Kairo sollte die Tour gehen, durch die extremsten Landstriche und wildesten Nationalparks des Schwarzen Kontinents. Doch Afrika wäre nicht Afrika, wenn ein Plan einfach so klappen würde.

Foto: Neudecker

Papiere, Karten und GPS-Gerät auf den linken Haufen, Socken, T-Shirts und Wanderstiefel rechts, Schläuche und Werkzeug nach unten in die Koffer. Kanister links an die Maschine. In der Twige Lodge bei Mombasa sortieren Sepp und ich unser Gepäck. Diese Reise wird anders werden. Anders als frühere Trips in den Norden, Westen oder durch die Mitte Afrikas. Wasser, Benzin und asphaltierte Wege wird es genug geben. Zumindest in Kenia. Von hier wollen wir durch Äthiopien, den Sudan und Ägypten bis zum Mittelmeer fahren. Und von dort heim nach Europa. Dazwischen liegen zahllose Unwägbarkeiten. Grenzen, Sperrgebiete, bittere Armut, die berüchtigte afrikanische Bürokratie und zum Teil unkontrollierte Rechtszustände. Auch wenn die Kenia-Krise vor einem Jahr inzwischen vorüber ist, die entführten Touristen in Ägypten wieder freigelassen sind – heikel bleibt die Route. So oder so. Doch wir wollen fahren, un-bedingt. Denn wann mit durchgängiger Entspannung in Ostafrika zu rechnen ist, steht in den Sternen.

Auf winzigen Pisten nähern wir uns der Hauptstadt Nairobi. Ein mühsames Unterfangen, weil die sogenannte kleine November-Regenzeit allnachmittäglich einen kräftigen Guss sendet. Der lehmige Boden verwandelt sich dann im Nu in eine Rutschpiste und macht jedes Fortkommen zur Tortur. Die beiden Nationalparks Tsavo und Shimba-Hills fallen allein aus diesem Grund flach, da kein Fahrzeug den Schlammpisten dort gewachsen ist. Ob wir mit dem Motorrad reingelassen worden wären, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Denn Großwild kann für ungeschützte Biker ziemlich gefährlich werden, weshalb viele Parks für Motorradfahrer gesperrt sind.

Irgendwann müssen wir drauf. Auf den Mombasa-Highway, Hauptverkehrsader und wichtigste Süd-Nord-Traverse Kenias.

Zu 90 Prozent von Lastwagen befahren und die letzten 60 Kilometer vor Nairobi im Staub und Stau einer zerfurchten Dauerbaustelle versinkend. Es wird dunkel und mir zusehends unwohler. Die Vorstellung, hier einen Unfall zu haben ...

Erst spät abends erreichen wir eine Oase des Friedens: die Jungle Junction, Globetrottercamp inmitten der quirligen Millionenstadt Nairobi. 1800 Metern über dem Meeresspiegel liegend, ist das Klima entsprechend angenehm.

Von dort machen wir einen südwestlichen Abstecher ins Massai-Gebiet am Magadi-See. Der Weg dorthin führt an den ostafrikanischen Grabenbruch. Beginnend im Hochland von Äthiopien, durchzieht er in zwei großen, südlich verlaufenden Ästen ganz Ostafrika bis hinab nach Mosambik. Auf zahlreichen Serpentinen verglühen binnen weniger Kilometer tausend Höhenmeter unter unseren Rädern. Die Vegetation wandelt sich schlagartig von üppigem Grün zu wüstenartiger Steppe mit heiß flimmernder Luft. Am Magadi-See werden gewaltige Vorkommen von Trona abgebaut, ein für die Herstellung von Pottasche und Kochsalz verwendetes Salzgemisch.


Auf staubenden Pisten gelangen wir zu den Massai-Dörfern kurz vor der tansanischen Grenze, wo das Naturvolk noch relativ ursprünglich lebt, da sich kaum Touristen hierher verirren. Fasziniert betrachte ich die farbenfrohe Kleidung der Frauen und den prächtigen Ornat der Männer. Die Massai gehören zur bekanntesten Volksgruppe Ostafrikas. Sie schaffen es, einerseits stolz an ihrer alten Lebensweise festzuhalten und diese andererseits auch meisterlich zu vermarkten. Zu uns sind sie freundlich, bleiben aber zurückhaltend.

Zurück auf Nordkurs, rückt im Osten bald der 5199 Meter hohe Mount Kenia ins Blickfeld. Den wollen wir besteigen. Am Eingang des National-Parks allerdings erwischt uns zum ersten Mal die afrikanische Bürokratie eiskalt: In der penibel verfassten Fahrzeug-Gebührenordnung sind sämtliche Genres inklusive Helikopter verzeichnet – aber keine Motorräder. Die Ranger wissen also nicht, wie viel sie uns abknöpfen sollen. Unser Angebot, einfach den Autotarif zu zahlen, bleibt chancenlos. Die Bikes müssen am Eingang parken und wir Kilometerweit per pedes ins Bergsteigercamp ziehen. Spitze! Doch zwei Tage später stehen wir mit schmerzendem Schädel auf knapp 5000 Metern. Erschöpft, aber komplett erfüllt.

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Danach wird es auch für die KTMs abenteuerlich: Unsere Route nach Äthiopien soll nicht über den offiziellen Grenzübergang bei Moyala führen, sondern weiter westlich über die „Turkana-Piste“. Beschwerlich und entlegen, dafür wunderschön, heißt es. In Nanyuki zweigen wir nördlich Richtung Maralal ab, und schon bald verschwindet der letzte Asphalt unter den Rädern. In der Regenzeit gibt es hier vermutlich kein Fortkommen mehr. Tiefe, lehmige Furchen lassen Schlimmes erahnen. Unruhig behalte ich jede kleine Wolke im Auge, und schließlich liegt das Regengebiet am Mount Kenia bald hinter uns. Es wird immer heißer, die Vegetation zusehends spärlicher. Der kleine Ort bildet quasi die letzte Bastion der Zivilisation. Wir sind im Samburuland. Die Samburu sind ein Krieger- und Nomadenvolk und eng mit den Massai verwandt. Der kleine Ort bietet einen pittoresken Mix aus westlich gekleideten Menschen und Samburu-Kriegern in vollem Ornat.

Wir nähern uns dem Turkana See und damit einer der heißesten, vulkanischen Regionen Afrikas. Die Einheimischen warnen vor der Piste, sie sei extrem schwierig und nur sehr langsam zu befahren. In South Horr rät uns eine eingebürgerte Engländerin eindringlich vor Fahrten in der Dämmerung ab. Es sei vermehrt zu Überfällen gekommen – der Grund wären nicht nur Unruhen aufgrund der bevorstehenden Wahlen, sondern auch Feindlichkeiten zwischen den Samburu- und Turkana-Stämmen, die immer wieder zu Zwischenfällen führten. Wir beschließen zu bleiben und übernachten in einer echten „Manyatta“, einer Samburu-Hütte aus Lehm und getrocknetem Dung.


Kurz vor dem Turkana See, dem größten permanenten Wüstensee der Welt, beginnt der berüchtigte Pistenabschnitt. Faust- bis handballgroße, kugelrunde Vulkansteine lösen einen wahren Eiertanz auf den Bikes aus. Angespannt und hochkonzentriert holpern wir, um Balance ringend, über die schwarzen Kugeln. Erschöpft erreichen wir „das Ende der Welt“: Loiyangalani, eine unwirtliche, kleine Oase am Ufer des Sees. Heiße Wüstenwinde peitschen durch die staubigen Gassen. Der Pater der katholischen Mission verkauft uns Benzin – zum ziemlich unchristlichen Preis von drei Dollar pro Liter. Dafür lassen wir uns anschließend gerne zum Fischessen einladen. Wenn in dieser Gegend jemand Geld hat, dann ist es offensichtlich die Kirche.

Der nächste Tag wird der härteste der Reise: Die Chalbi-Wüste beginnt, deren schwarzes Vulkangestein die Hitze wie ein Backofen speichert. Sepps Motorrad meldet sich prompt nach wenigen Kilometern mit Hitzeproblemen: Alle fünf Kilometer erzwingt die rote Warnlampe einen Kühlungsstopp. Warten, fünf Kilometer weiterackern, wieder warten. Zwölf Stunden brauchen wir so bis zum Sibiloi-Nationalpark. Völlig erschöpft und ausgedörrt fallen wir am Eingang buchstäblich von den Maschinen. Es ist zwar nur eine 20 Dollar Eintritt kostende Ödnis aus Vulkangestein und Weichsand, aber es gibt einen Wasserhahn. Und das ist momentan das Wichtigste. Todmüde schlagen wir mehr oder weniger da, wo wir stehen, unser Lager auf.

Unser erster Kontakt mit Äthiopien ist ein hölzerner Schlagbaum, hinter dem eine bunt zusammengewürfelte Gruppe ungewöhnlich großer Menschen steht und auf uns starrt. Einer outet sich schließlich als Chef des Postens und kontrolliert unsere Pässe. Der Schlagbaum öffnet sich, wir dürfen durch. Einreisestempel gibt's erst später in Omorate, der nächsten größeren Stadt Äthiopiens.

Als neugieriger Mensch muss ich dort sofort kosten, worüber ich so viel gehört habe: „Injera“, gesäuertes Fladenbrot aus sogenanntem Teffmehl. Konsistenz und Geschmack ähneln einem sauren Schwamm. Garniert mit verschiedenen Belägen, bildet Injera die Basis jeder Mahlzeit. Man sollte sich also dran gewöhnen ...

Auf einer wilden Buschpiste gelangen wir nach Dimeka – und mitten in den Samstagsmarkt. Ein prächtiges Spektakel, das den ethnisch vielfältigen Süden Äthiopiens farbenfroh darbietet. Hamar und Karo, die vornehmlich vertretenen Volksgruppen, präsentieren sich mit exotischem Haarschmuck, Ziegenlederkleidung und wilder Körperbemalung. Leider wissen diese Menschen genau, welche Anziehungskraft ihre Exotik auf Touristen ausübt – und werfen sich nur zu bereitwillig gegen Geld in Pose.


Durch den Busch geht es nördlich weiter in Richtung Jinka und zum Mago-Nationalpark – einem der wildesten und unzugänglichsten ganz Afrikas. Dort lebt das Volk der Mursi, bekannt durch den auffälligen Tellerlippenschmuck der Frauen, die groteske, bis zu handtellergroße Platten in ihren Unterlippen tragen. Da die Mursi als aggressiv gelten, dürfen wir nur in Begleitung eines bewaffneten Offiziers ein Dorf besuchen. Mit einer Kalaschnikow im Arm fährt er kurzentschlossen auf der KTM mit. Bei der Ankunft bietet sich uns ein erbärmliches Szenario. Die Menschen stellen sich in Reih und Glied auf, und ich werde aufgefordert, meine „Foto-Objekte“ auszuwählen. Beschämt mache ich ein paar wenige Bilder, dann kehren wir ernüchtert zurück.

Das Reisen wird zunehmend schwieriger. In Jinka machen wir das erste Mal die Erfahrung, die sich durch ganz Äthiopien zieht: Tankstellen haben immer Diesel, aber nur selten Benzin. Und das wenige wird obendrein rationiert. Wir versorgen uns auf dem Schwarzmarkt, was aber anstrengend ist. Für Adrenalinschübe sorgen auch immer gröbere Landkarten und GPS-Maps. Dicke Straßenlinien entpuppen sich nicht selten als zerfurchte Spülwege, die kaum noch mit dem Motorrad befahrbar sind.


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Wir nähern uns allmählich der Danakil-Wüste. Bis zu 130 Meter unter dem Meerespiegel gelegen, ist sie erbarmungslos heiß und zählt zu den geologisch aktivsten Gebieten der Erde. Vulkane und schwarzer Lavasand begleiten uns auf dem Weg zum Erta Ale, einem der wenigen Vulkane weltweit, in dessen Caldera ein aktiver Lavasee brodelt. Da die Region bereits im Grenzgebiet zu Eritrea und Dschibuti liegt, dürfen wir nur mit Begleitfahrzeug und Polizeischutz hinein. Das alles haben wir in Addis Abeba arrangiert – doch leider wurde dabei vergessen, uns die Passage einer zweihundert Meter langen Brücke zu genehmigen. Motor-räder dürfen nicht passieren. Begründung: „Es ist einfach so.“ Willkommen in Afrika. Kurzerhand stoppen wir einen Lkw, und zwanzig Paar Hände hieven und zerren die KTMs auf die Ladefläche. Hinter der Brücke das Ganze wieder retour, und die Fahrt kann weitergehen. Es ist der Hammer!

So weit wie möglich nähern wir uns dem Vulkan mit den Motorrad, doch irgendwann werden die Lavabrocken immer größer. Die letzten Meter kommen wir nur noch zu Fuß weiter. Dann sind wir oben, kriegen beim Blick in die Caldera eine Gänsehaut nach der andern. Rotglühend brodelt tief unten die kochende Lava des Erta Ale. Es ist der Höhepunkt der Reise.

Wir quartieren uns weiter nördlich in Ahmedela ein, um dort eine Exkursion zum Assale Salzsee und in die Dallol-Senke zu starten – wo die höchsten durchschnittlichen Temperaturen der Erde gemessen werden. Gleichzeitig bauen die Menschen in harter Knochenarbeit Salz in großen Blöcken im See ab. Tausende von Kamelen transportieren es anschließend von dort zum Verkauf nach Mekele.

Die Stadt ist auch für uns wieder der erste Kontakt mit der Zivilisation. Von Mekele geht es über eine idyllische Piste durchs bergige Tigray Richtung Aksum. In der äthiopisch-orthodoxen Kirche gilt es als heilige Stadt, da dort angeblich die Bundeslade aufbewahrt werden soll. Heftige Magenprobleme rücken mein Interesse an Kultur allerdings in den Hintergrund. Alle Symptome weisen auf Amöbenruhr hin. Allein die Vorstellung, in Äthiopien zum Arzt zu müssen, gleicht einem Albtraum. Medizinisches Halbwissen und eine umfangreiche Reiseapotheke helfen über das Schlimmste hinweg. Zudem gibt’s den rettenden Wirkstoff Metronidazol in jeder Dorfapotheke.

Außerdem drängt die Zeit – der Blick auf die Landkarte verrät, wie weit der Weg nach Kairo noch ist. Wir dürfen nicht trödeln. Von der Königsstadt Gonder aus wollen wir in den Sudan.


Auf der Piste Richtung Grenze erwischt uns die erste Motorradpanne, die beinahe größere Folgen gehabt hätte: Beim Starten sprengt Sepps KTM ihr Motorschauglas im hohen Bogen aus dem Kurbelgehäuse. Er bemerkt es gerade noch vor dem Losfahren, sammelt den Übeltäter wieder ein und fixiert ihn mit Dirko und Sekundenkleber wieder im Gehäuse. Aber schon an der Grenze lauert das nächste Problem: Die sudanesische Polizei akzeptiert unser Visum nicht. Statt der üblichen einmonatigen Gültigkeit weist es zwei Monate auf – extra beantragt! Zunächst werde ich der Fälschung bezichtigt, dann begnügt man sich mit der Behauptung, das Konsulat in Berlin hätte sich eben verschrieben. Dummerweise ist Samstag, in Berlin niemand zu erreichen – und morgen das Visum abgelaufen. Verzweifelt rufe ich die Visumstelle in der Hauptstadt Khartoum an. Der freundliche Beamte bestätigt zwar die Gültigkeit des Dokuments, kann aber am Telefon nichts ausrichten.

Sechs Stunden lang belagern wir die Grenzer, und ich greife tief in die „afrikanische Trickkiste“, doch nichts hilft – kein Schmiergeld, kein Flehen, kein Schmeicheln, kein Sympathisieren. Wohl ist den Männern klar, dass irgendwo ein Fehler passiert ist – Trotzdem droht der Gesichtsverlust, wenn sie es zugeben. Und so haben wir einfach verloren.

Ich könnte kotzen... So habe ich mir das Ende der Reise nicht vorgestellt. Also wieder zurück nach Äthiopien. Nur gut, dass dieses Visum eine zweite Einreise erlaubt. Wir fahren in die Hauptstadt Addis Abeba und stellen fest, dass dort gerade Weihnachten gefeiert wird. Drei Tage geht nichts. Dann endlich finden wir dank der Hilfe der überraschend entdeckten Motorradreiseagentur „AfricaRidingAdventures“ eine Spedition, die unsere Bikes nach München zurückbringen kann. Ein Problem gelöst, wobei auch das dauern wird. Angeblich ist der einzige Mann in Addis, der die Gefahrguterklärung ausstellen darf, gerade in Urlaub.

Afrikas Uhren ticken anders. Definitiv. Selbst die Erfahrung vieler Touren härten nicht dagegen ab. Dass eine ganze Reise am afrikanischen Amtsschimmel scheitern soll, ist nur schwer zu akzeptieren. Aber vielleicht probieren wir es einfach irgendwann nochmal. Und zwar in umgekehrter Richtung – von Kairo nach Kenia. Womöglich leuchtet der Schwarze Kontinent dann schon ein bisschen heller. Zu wünschen wäre es ihm.

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