Unterwegs Rund um das Stubaital

In den Alpen Motorrad fahren ist zum Abheben schön. Warum also nicht den Traum vom Fliegen hinzufügen? Das war es, was Dirk Schäfer vorschwebte, als er mit einem Freund einen Gleitschirm-Kurs buchte.

Foto: Schäfer

Mein Puls ist hoch. Auf dem Rücken trage ich einen 17 Kilogramm schweren Sack und im Kopf die Frage, warum ich das tue. Dabei hatte ich es mir vor Monaten selber ausgesucht. Mein Freund Andy hatte sich zu einem Paragliding-Kurs in Tirol angemeldet und wollte in den kursfreien Zeiten seine 650er über alpine Pässe fliegen lassen. Andys Frau Susanne wollte zwar nicht mit in die Luft, aber die Tiroler Straßen konnte sie sich nicht entgehen lassen. Keine Frage, ich musste mit!

Eins hatte ich in der Euphorie nicht bedacht: 800 Meter über dem Stubaital werden mich nur eine unüberschaubare Zahl dürrer Seilchen und ein Schirm, dessen Material ich zuletzt auf der Innenseite meines Kommunionsanzugs gesehen habe, in der Luft halten. Das wirkt ein bisschen wenig, wenn die eigene Flugerfahrung auf dem Sitzplatz im Mittelgang eines Airbus A 320 gewonnen wurde. Aber noch sind wir nicht in der Luft. Trotzdem: Den Startplatz der Paraglider konnten wir gestern schon hoch über der Landstraße im Stubaital sehen. Andy schüttelte den Kopf: "Von da oben? Niemals!"

Um ein Gefühl für die Landschaft zu bekommen, waren wir dem Stubaital auf den Enduros bis zum Ende des Asphalts gefolgt. Die Luft roch nach Moos, dichte Gischt tobte vom Grawa-Wasserfall herüber. Tief Durchatmen in einer Landschaft, die fast sprachlos macht.

"Erinnerst Du Dich noch an die ersten Male auf einem Motorrad?", fragte ich Andy. Klar, beim ersten Mal im Sattel hatten wir keine Ahnung und noch mehr: Angst und Mut, etwas Neues zu wagen, von dem einige sagten, es sei gefährlich. "Na also! Wo ist da der Unterschied zum Gleitschirmfliegen?" Wir fuhren nach Neder in unsere Herberge und wussten, dass wir in den nächsten Nächten so unruhig schlafen würden, wie vor den ersten tollkühnen Fahrstunden auf einem Motorrad, dessen damals brachial anmutende 27 PS die Arme stramm zogen.

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Foto: Schäfer

Der Inhalt des 17-Kilo-Sacks macht sich auf der flachen Übungswiese breit. Gurtzeug, Leinen, Gleitschirm. Dazu lange Gesichter. Die Leinen sind derart miteinander verwirrt, dass ein Makramee-Kurs für Fortgeschrittene unausweichlich scheint. Aber halb so wild: Fluglehrer Markus zupft kurz an den Bremsleinen, lockert die Seilchen ein wenig, und wir sind startbereit. Karabiner ins Gurtzeug einhängen, Brems- und Steuergriffe in die Hände, Leinen auf Spannung und dann rääääännen! "Schneller, schneller!", höre ich Markus hinter mir rufen. Wenn ich nur könnte! Der Schirm über mir lebt ein hübsches Eigenleben und treibt mal nach rechts, mal nach links. Nach 100 Metern bin ich so aus der Puste, als hätte ich Sprinter Usain Bolt einholen wollen. Am ersten Tag kann niemand glänzen. Aber die Aussicht auf einen abendlichen Ausritt mit den Motorrädern lassen Andy und mich die Schirme und Usain Bolt noch ein paar Mal über die Wiese jagen.

Motorradfahren als Ausgleichssport, ich wäre im Traum nicht darauf gekommen. Wir halten uns auf der Brennerstraße Richtung Innsbruck und drehen am Kreisel vor Mutters scharf links. Vorbei an Obstwiesen und Bauern, die Heu einfahren, erreichen wir Sellrain. Spätestens hier verliert sich die Mattigkeit, die uns seit dem Fliegerdebüt in den Knochen steckt. Hinter Sellrain steigt die Straße zum Kühtaisattel steil an, und Andy gibt der GS derart die Sporen, dass ich mein Bike aus der Reserve holen muss, um dran zu bleiben.

Anderntags stehen wir am Übungshang, geschätzte 100 Prozent Gefälle. Die Schirme sind ausgelegt wie gestern. Der Körper sträubt sich. So steil? Da geht man vorsichtig runter. Aber Rennen? Auf keinen Fall! "Des basst scho!", höre ich Ausbildungsleiterin Moni über das Walkie-Talkie. Ich ziehe den Schirm auf, bis er über mir steht. Dann renne ich los. Zwei Schritte, den Dritten mache ich schon in der Luft. Wow! Zehn Sekunden später lande ich soft wie ein Wattebäuschchen mit schlotternden Beinen auf der Wiese.

Hätte ich eine Concorde gelandet, das Gefühl könnte nicht besser sein. Die Schattenseite: Auf zehn Sekunden Flug folgen zehn Minuten Aufstieg mit 17 Kilogramm Fluggerät auf dem Buckel. Nach dem fünften Mal keuche ich den Hang hinauf. Andy geht es nicht besser. Aber trotzdem: Wir sind jetzt heiß auf einen richtigen Flug. Moni muntert uns auf, die restlichen Energien zu mobilisieren: "Wenn ihr noch zehn Starts und Landungen so absolviert, seid ihr am Dienstagmorgen bei den Höhenflügen dabei." Was? Schon übermorgen?

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Foto: Schäfer

Zurück nach Österreich

Nach der Plackerei am Übungshang sind wir uns einig: Es ist Zeit für mehr Ausgleichsport. Auch für Susanne, die sich in den vergangenen Tagen bei ein paar Trekkingtouren verausgabt hat. Und wohin fahren wir? Brenner, Jaufenpass, Timmelsjoch! Am Brenner brennt noch nichts an, aus Furcht vor gnadenlosen Sherrifs cruisen wir entspannt grenzwärts. Zwei Kreuzungen hinter Sterzing verliert sich der Cruising-Modus von allein und wir folgen dem Fluss der Passstraße bis weit über die Baumgrenze. Kurze Pause auf dem Jaufenpass? Ja sicher!

Das Koffein ist gerade in die körpereigene Umlaufbahn geflossen, da machen sich bei der Talfahrt nach Sankt Leonhard zwei Fireblade-Piloten hinter uns bemerkbar. Klar, schnelle Jungs winkt man durch. Aber wie schnell sind die denn tatsächlich? Die beiden bremsen spät, winkeln vor den Kurven scharf ab, titschen ab und zu mit den Rasten auf. Zackig, aber immer ein sauberer Strich. Unsere Enduros können Schritt halten. Doch mehr zu wollen, hieße, dem Schicksal auf den Zahn zu fühlen. Wir vollenden die Timmelsjoch-Runde eher hurtig. Ein überirdisches Panorama entschädigt für den Wegezoll zurück nach Österreich.

Nachts kann ich kaum schlafen. Die innere Unruhe bricht sich Bahn. Was, wenn doch etwas schiefgeht? Ich versuche mir vorzustellen, wie sich Otto Lilienthal oder die Brüder Montgolfier gefühlt haben müssen, als sie mit ihren aberwitzigen Fluggeräten zum ersten Mal in die Luft gegangen sind. Bei ihren Versuchen gab es keine gut ausgebildeten Lehrer mit Walkie-Talkies, keine Rettungsschirme oder zuverlässige Wettervorhersagen. Diese Männer riskierten für ihren Traum ihr Leben.

Und was ist mein Einsatz? Verglichen damit ist er nicht nennenswert. Aber als uns jetzt die Seilbahn auf den Elfer, den Startplatz für die Höhenflüge auf 2100 Metern hinauffährt, fahren die Gedanken doch wieder Achterbahn. "Muss das wirklich sein?" "Du willst dir doch bloß was beweisen!" Die Gondel ist noch nicht oben, da will ich lieber einem ukrainischen Lastwagenfahrer die Achselhaare frisieren, als den ersten Höhenflug mit dem Gleitschirm wagen.

Foto: Schäfer

Eine halbe Stunde später ist es so weit: Die Leinen sind sortiert, Karabiner ins Gurtzeug eingehängt, die Sicht ist gut. Aus dem Walkie-Talkie höre ich den Fluglehrer: "Alles klar Dirk, Start frei!" Drei Schritte später bin ich in der Luft. Eine weite Linkskurve bringt mich vom Startplatz über das 800 Meter tiefer liegende Stubaital. Es ist wie ein Film, ein schöner Film, in dem die Gedanken wieder auf Kurs kommen. Da vorn ist Innsbruck, linker Hand der Gletscher am Ende des Stubaitals. Ikarus, Graf Zeppelin, Charles Lindbergh.

Was unterscheidet uns noch? Nur noch die Flugerfahrung. "Entspann mal deine Beine, das sieht ja albern aus, reißt mich Monis Walkie-Talkie-Stimme vom Landeplatz aus den Gedanken. Oh ja, meine Beinhaltung wird von unten mehr nach einem Besuch beim Urologen als nach entspanntem Gleitschirmfliegen aussehen. "Und jetzt langsam nach rechts steuern und in die Kurve legen." Das ist ja wirklich fast wie Motorradfahren! Keine hektischen Bewegungen, vorausschauende Blickführung und immer schön das Tempo kontrollieren. Fünfzehn Minuten später "touch down" auf der Wiese vor der Flugschule. "Halleluja!"

Unsere Pilotenfeier soll von einem adäquaten Ausritt gekrönt werden. "Lass uns zur Gletscherstraße ins Kaunertal fahren, schlägt Andy vor. Wir wählen den Kühtaisattel als Stopover, um dann ins Ötztal abzusteigen. Der richtige Spaß beginnt aber auf der Route von Wenns über Piller nach Kaunerberg. Eng, verwinkelt, das Schaltwerk hat stramm zu tun, die Angstnippel auf der Reifenaussenkante schmelzen ab. Dann Zwangspause an der Mautstation zur Gletscherstraße. Zehn satte Euro verschlingen die 26 Kilometer Straße. Aber was solls? Pilotenfeier ist Pilotenfeier.

Der Asphalt holpert, am blass schimmernden Stausee vorbei, den ersten Serpentinen entgegen. Dann beginnt der Kurvencountdown zum Gletscher. Unregelmäßige Kehren, steile Anstiege. Momente, in denen das Drehmoment der BMW die Mundwinkel den Ohren nahebringt. Auf der langen Geraden vor dem Gletscherparkplatz ist auf einmal dieses Gefühl da, dass sich auch beim Höhenflug einstellte. Ein Film, ein schöner Film. Weit über dem Tal, die Weißseespitze, der Gletscher und alles schon ganz nah am Himmel. Dann die Landung auf dem Parkplatz. Seitenständer raus, zurück in die Realität.

Wir rollen die Bikes an den Rand des Parkplatzes. Dahin, wo man weit ins Tal hinabschauen kann. "Stell Dir mal vor, hier den Schirm auszulegen und einfach zu starten. Ein bisschen Aufwind, ein kleiner Schlenker über den Gletscher und dann das Tal entlang fliegen. "Oder gleich über die Alpen." Andy lässt die GS an. "Vorher mache ich noch einen Thermik-Kurs, rufe ich ihm zu. "Alles klar, Start frei!"

Foto: Schäfer

Infos zur Reise

Gleitschirmfliegen und Motorradfahren sorgen für euphorisierende Erlebnisse im Doppelpack. Probieren Sie es aus!

ANREISE Das Stubaital als Drehsscheibe für dynamische Motorradtouren und erhebende Paragliding-Erlebnisse liegt südlich von Innsbruck in Tirol. Von Berlin und vom Ruhrgebiet trennen es knappe 800 Kilometer, Münchner sind schon nach 160 Kilometern vor Ort. Der Autozug der Bahn fährt nach Innsbruck und Salzburg (www.dbautozug.de). Für die Benutzung der österreichischen Autobahnen fällt Maut an: Mit dem Motorrad 4,40 Euro für die Zehntagesvignette, mit Auto und Hänger sind es 7,70 Euro für das gleiche Ticket. Zusätzlich werden noch einmal 2,50 Euro für die paar Meter zwischen Innsbruck und der Ausfahrt Stubai aus der Urlaubsbörse gemopst.

REISEZEIT Die hochalpinen Pässe bestimmen die Reisezeit, allen voran das Timmelsjoch. Von Mitte Mai bis Mitte Oktober ist der Pass befahrbar. Der benachbarte Jaufenpass öffnet im Mai und schließt im November. Sommertags ist die Wetterbeständigkeit am besten, die eindrucksvollsten Panoramen werden im Frühjahr nach der Öffnung der Pässe serviert. Egal wann, ein Pulli für schattige Momente gehört auch im August in den Tanksrucksack.

DIE STRECKE Entlang der Brennerstraße reihen sich die Seitentäler aneinander: Sellrain-, Stubai-, Geschnitztal sowie einige kleinere. Auch wenn es nicht immer so scheint, lohnt auch der Weg in die Sackgassen. Das Hineinfahren und die Rückfahrt wirken wie zwei völlig verschiedene Routen. Die Brennerstraße ist dank der parallelen Autobahn halbwegs geschmeidig zu fahren. Zu den klassischen Highlights gehören auf jeden Fall das Timmelsjoch und der Jaufenpass. Die Österreicher bitten Motorräder auf dem Timmelsjoch mit elf Euro für die einfache Fahrt zur Kasse. Ebenfalls weit oben auf der Liste der Bezahlstrecken ist die Gletscherstraße im Kaunertal. Zehn Euro für zwei Mal 26 Kilometer Straße grenzt an Wegelagerei.

Foto: Claudia Werel

ÜBERNACHTEN Empfehlen kann man das Nächtigen bei www.appartementsaufwind.at in Neder, etwa zwei Kilometer vor Neustift. Für zwei Personen kostet die Woche dort 266 Euro, was fair ist: Die Zimmer sind einfach, sauber und geräumig. Wer es luxuriöser mag kommt im www.alpenschloessl.at auf seine Übernachtungskosten. Die Preise starten dort bei 45 Euro pro Tag. Bei Buchung eines Paragliding-Kurses werden spezielle Angebote erstellt.

AKTIVITÄTEN Neustift im Stubaital ist das Eldorado für Paraglider. Die Flugschule www.parafly.at bietet viertägige Grundkurse ab 440 Euro. Der Kombikurs mit Abschluss Höhenflugausweis dauert sieben Tage und kostet ab 790 Euro. Die A-Lizenz, also der eigentliche Pilotenschein, kann nach dem Kombikurs in weiteren sieben Tagen ab 490 Euro erworben werden. Neben weiteren vielfältigen Aktivitäten wie Bergwandern und Mountainbiking sind die Klettersteige am Ende des Stubaitals ein echtes Erlebnis. Wer klein anfangen möchte, ist in den Klettergärten gut aufgehoben. Wer hingegen schon Erfahrung mit den Eisenwegen gesammelt hat, wird beispielsweise beim Fernau viel Spaß haben. Gurtzeug und eine kurze Einweisung sind bei den Bergführern in Neustift zu bekommen. Mehr Infos unter www.stubai.at.

KARTEN Die Österreichkarte von Michelin bietet 1:400000er-Auflösung und kommt für 7,50 Euro in den Tankrucksack. Mit der ADAC-Länderkarte Österreich im Maßstab 1:300000 werden für 8,50 Euro die meisten Orientierungsprobleme gelöst.

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