Abenteuer Sardinien Unterwegs nach Sardinien

Da sind unvergessliche Kurven, Kulissen wie in den Dolomiten und undurchdringliche Macchia. Der Asphalt ist griffig, die Pisten holprig und das Wasser klar wie im Aquarium. Dirk Schäfer (Text und Fotos) hat hier Abenteuerliches erlebt.

Foto: Schäfer

Du biste ein totarr Mahn!“ Das Gesicht ist mir so nah, wie sonst nur das Visier meines Helms. Zu nah. Ich rieche den Atem, das After Shave. Die Augen dunkelbraun, stechend. Ein Sarde also, wie man ihn sich bei uns vorstellt. Ich verstehe, was er sagt. Und selbst, wenn nicht: Seine Mimik ist unzweideutig. Aber was will der jetzt hier von mir?

Die Polizistin am Ortseingang von Laconi hatte Andi, meinen Reisebegleiter, und mich weiterfahren lassen. Ein Trauerzug sei auf der Dorfstraße unterwegs, hatte sie gesagt. Aber kein Problem, wenn wir langsam führen. Die Gemeinde kam uns entgegen. Wir stellten die Motoren aus, nahmen den Helm ab. Dem Zug voran gingen an die zwanzig Männer, zurechtgemacht wie zu ihrer eigenen Hochzeit. Jeder von ihnen trug mit beiden Händen einen mit gelben Schleifen geschmückten Kranz. Dahinter die Sargträger. Der Schweiß rann ihnen von der Stirn in die Augen. Die nachfolgende Gemeinde nahm die ganze Straßenbreite ein. Und dann kam einer dieser Kranzträger auf mich zu. Ein Hüne.
„Du biste ein totarr Mahn!“ zischt er noch einmal durch seine schmalen Lippen. Verwechselt er mich vielleicht mit jemand? Oder hat er Probleme mit der deutschen Sprache, die er sich vielleicht als Arbeiter in Bayern oder im Schwabenland ange-eignet hat? Oder habe ich mich zu sehr beeindrucken lassen von den fantastischen Erzählungen über unbeugsame, wilde sardische Rebellen, die noch lange nach der Autonomieerklärung 1946 kleinere Auftände angezettelt und verschiedentlich sogar Entführungen organisiert hatten. Oder schlagen mir einfach die vielen Klischees über Sardinien ein Schnippchen?
Der Beginn einer Serpentinenstrecke reißt mich aus den unnützen Gedanken. Runter in den Zweiten, scharf abkanten und dann wieder ans Gas. Rechtskehre im Ersten, zack, zack in den Dritten und den längeren Linksbogen genommen mit dem Grinsen auf der Nase und der Stiefelspitze auf dem Asphalt.

Wir drücken aufs Tempo. Hinter uns naht ein Tiefdruckgebiet mit dicken Regenwolken. Die Gewitter verheißende Front hatte uns schon den ganzen Vormittag lang die Rückspiegel verdunkelt. Und jetzt, wo wir zwar mit Pfeffer von Fonni im Landesinneren nach Fordongianus im Westen unterwegs sind, aber wegen der labyrinthischen Kurvenfolgen kaum Distanz gewinnen können, holt sie uns ein. Ein paar fette Wasserkugeln explodieren auf dem Visier. Wo ist ein Unterstand, ein Dach, ein Baum? Soweit das Auge reicht nichts als offene Felder, die im Zwielicht des heraufziehenden Gewitters wie ein altersschwacher Röhrenfernseher die Farben wechseln. Eine kurze Pause, in der die Tropfen vom Visier geblasen werden, und dann folgt ein Auftritt, der so schnell nicht zu vergessen ist. Weiße Eiskiesel hageln auf die Straße, auf die Felder, auf uns. Hände, Schultern, Oberschenkel, alles was dem Hagel direkt ausgesetzt ist, schmerzt, als würde man mit Steinen beworfen. Binnen Minuten ist die Straße rutschig wie Pril in der Teflonpfanne. Da! Am Horizont! Ein Dorf, eine Stadt! „Ortueri“ lese ich im Vorbeihuschen. Mir egal, wie der Ort heißt. Aber er hat ein herr-liches Haltestellenhäuschen mit Metalldach.Es ist Palmsonntag. Überall in Ortueri liegt Heu auf den Straßen. Gelebte Tradition auf einer Insel, auf der man schon vor der Geburt katholisch ist, wie man sagt. Vom Gewitter sind die Straßen überflutet. Das Heu treibt in munteren Bächen durch den Ort und verstopft die Gullideckel. So ähnlich sieht es mit dem Verkehr aus. Hier sorgt allerdings ein dickbauchiges Wohnmobil am Marktplatz für den Infarkt. Wobei Marktplatz etwas übertrieben klingt. Drei Sonnenschirme, unfreiwillig zum Hagelschutz degradiert, reichen aus, um das Plätzchen zu füllen. Und einen Teil der Hauptstraße dazu. So kämpft der automobile Camper um jeden Millimeter mit dem Gegenverkehr. Vermutlich ist es nur einer dieser vielen Millimeter, der am Ende fehlt, um den wohnmobilen Pfropfen aus der Dorfstraße zu lösen.

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Foto: Schäfer

Das ist der rechte Moment, um italienische Lebensart zu erfahren, ja fast zu genießen: Mit ihrer sprichwörtlichen stoischen Ruhe tragen die Alfa- und Fiat-Chauffeure ihren Teil zur Unauflöslichkeit des Chaos bei. Zurückfahren? Kommt nicht in Frage! Beinahe herrlich, würde der neuerlich einsetzende Hagel am Palmsonntag in Ortueri, der uns nun schon ein zweites Mal mit seinen Eisklumpen überschüttet, nicht so unpassend wirken wie die Mafia in einem demokratischen Italien.
Der sardische Westen ist die Schatz-kammer des Landes, und die Costa Verde eine ihrer Perlen. Vor allem jetzt, wo sich die Sonne durch die Wolken bohrt, wirkt die Landschaft in ganz besonderer Weise faszinierend. In langen Kurven gleiten die Boxer über die perfekte Küstenstraße. Alle zwanzig Kilometer wird diese Perfektion von einem der zahlreichen winzigen Orte unterbrochen.

Marina de Arbus ist einer von ihnen. Wir müssen unbedingt hier halten. Der Koffeinpegel der morgendlichen Cappuccini hat sich verdünnisiert, und schon seit Terralba wurde unser flüssiger Fahrstil dauernd von pawlowschen Reflexen behindert. Am einzigen Café vor Ort stören dann auch nicht die eiscremverzierten Sitzgarnituren aus Plastik. Hauptsache, wieder einen meisterlich zubereiteten Kaffee genießen und ein wenig mit dem Wirt plauschen. Der rät uns von der Weiterfahrt nach Süden ab. Die Straße ginge kurz vor dem Rio Piscinas in eine Piste über, die den Fluss in mehreren Furten quert, um dann in ein Feld aus schwerem Sand zu münden, bevor man endlich wieder den Asphalt erreicht. Die Darstellung ist so düster, wie es die Wolken über Ortueri waren. Aber da wir schon dem Hagel nicht ausweichen konnten, müssen wir den Rio Piscinas auch nicht ohne Not meiden. Und umdrehen kann man, anders als in Ortueri, immer noch.

Das sonnige Jahr hat den Fluss auf das Niveau eines breiteren Bachs zusammenschrumpfen lassen. Selbst ein Golffahrer quert die Furten ohne Mühen. Nur das versprochene Sandfeld hält in punkto Schwere in etwa den Andeutungen am Café stand. Aber durch die vielleicht fünfzig Meter Saharagefühl fräsen sich die Boxer locker durch. Dass wir dabei recht unmännlich mitfußeln, sieht ja niemand.

Die Grüne Küste mündet bei Iglesias in eine Landschaft, die der unaufhörliche Westwind mürbe gemacht hat. Wenn hier noch irgendwo Bäume stehen, dann nur, weil sie sich dem Wind angepasst haben und statt nach oben windabwärts weiter wachsen. An den skurrilen Bäumen hätte der Surrealist Salvador Dali seine Freude gehabt. Uns lässt der Wind erfreulicherweise nahezu unbehelligt. Nur zweimal greifen Böen in die Vorderräder und geben eine kleine Ahnung von seinen Möglichkeiten. Mehr als nur eine Ahnung von seiner Macht vermitteln uns dann die regenschwangeren Wolken über der Antiocio-Halbinsel. Über eine Million Liter Wasser enthält eine Gewitterwolke, und es scheint, als ob sie alle davon über Sant Antiocio entladen wolle. Was ist nur los mit der Sonneninsel Sardinien? Ist das schon der Klimawandel? Ein Blick zu Andi genügt, um zu wissen, dass auch er kein zweites Ortueri erleben möchte. Die Bar an der Uferpromenade kommt wie bestellt, als ein Sturzregen die Verkehrsadern der Stadt überflutet. „Due Cappucini!“

Aus zweien werden vier, aus vieren werden sechs Heißgetränke. Vor der Tür von Marcellos Bar wird der Sankt Nimmerleinstag wahr. Neun Runden Billard später ist die Aussicht auf Wetterbesserung gegen Null geschrumpft. Zeit für ein erstes Bier und die Aufnahme vertrauensfördernder Gespräche mit dem Barkeeper. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Marcello hat eine deutsche Freundin und will von uns wissen, womit man eine deutsche Frau glücklich machen kann. Gesichtsausdruck und Gestik lassen keinen Zweifel daran, dass er sich nutzbringende Hinweise für den Intimbereich erhofft. Und ich dachte, er sei der Latin Lover! Oder werde ich etwa schon wieder Opfer meiner verinnerlichten Klischees?

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Foto: Schäfer

Viele behaupten, die StraSSe von Bosa nach Alghero sei die schönste der ganzen Insel. Vielleicht, weil diese 45 Kilometer feinsten Asphalts von keiner Stadt, keinem Dorf, ja noch nicht mal von einer Kreuzung oder gar einem Café unterbrochen werden. Immer entlang der Steilküste treibt uns die von sporadischen Sonnenstrahlen getrocknete SP 49 nordwärts. Rechts das struppige, undurchdringliche Gebüsch der Macchia und links das türkisfarbene Meer, dessen Wasserqualität übrigens – aller Mittelmeerverschmutzung zum Trotz – immer noch hervorragend ist. Nicht umsonst lieben Wassersportler über und unter Wasser die See rund um Sardinien.

Doch zurück zur SP 49: Bevor diese Straße gebaut wurde, verirrte sich allenfalls ein Schafhirte hierher. Oder Schiffbrüchige, die das Unglück hatten, ausgerechnet an diese verlassene Gegend angespült zu werden. Was für die einen wie Wildnis aussieht, wirkt auf andere wie ein Naturparadies. Doch nichts ist, wie es scheint, und normale Touristen wissen nicht, dass dieses vermeintlich unberührte Eden gar nicht so unbewohnt ist, wie es selbst auf den zweiten Blick wirkt. Jedenfalls heißt es in nicht verstummen wollenden Berichten, hier seien einige der Bewohner lichtscheu wie Grottenolme. Kein Wunder: Sie schrieben, so sagt man, mit an einem dunklen Kapitel der jüngsten europäischen Geschichte.

Es geht um Aldo Moro, den von den Roten Brigaden entführten und ermordeten Ministerpräsidenten Italiens. Bewohner der Gegend südlich von Alghero sollen hier in der Abgeschiedenheit Sardiniens wie an anderen Orten in ganz Europa von den Geheimdiensten und dem amerikanischen CIA trainiert worden sein für anti-kommunistische Sabotageakte im Falle einer sowjetischen Invasion. Eine Serie von Bombenattentaten soll auf ihr Konto gehen, und es gibt Leute, die ihnen nicht nur die Ermordung Aldo Moros, sondern auch den Anschlag auf das Oktoberfest in München anlasten.
An der Costa Smeralda will man von solchen Geschichten nichts wissen. Man lebt auf großem Reifen und und verdreifacht die Preise für Cappucino und anderes. Zum Beispiel im Hafen von Porto Cervo, wo die Privatyachten sich gegenseitig in Länge und Protzigkeit übertrumpfen. Die vielgerühmte Smaragdküste erstrahlt heute in ihrem Juwelenglimmer, die Sonne macht endlich wieder den Job, den man auf Sardinien von ihr erwarten darf. So fällt der Abschied nicht leicht von dieser Insel, die einen längeren Aufenthalt verdient hätte. Erst auf dem Schiff fällt mir wieder der Hüne aus Laconi ein: „Totarr Mahn!“ Andi und ich bestellen zwei Bier und trinken aufs Leben.

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