Unterwegs in Südtirol Zum Zungenschnalzen

Saftige Alpenpässe und liebliche Seitentäler, mildes Klima und Deutsch noch oft als Muttersprache – da fühlt man sich doch ganz schnell wohl im italienischen Südtirol.

Start: 9, 8, 7, 6 … 29, 30, 31… Hier die durchnummerierten Kehren des Stilfser Jochs, dort die Drehzahlmesserbalken von Hondas Crosstourer. Fahren nach Zahlen auf höchstem Niveau. In 48 Serpentinen schraubt sich die Königin der Passstraßen auf ihrer Ostrampe empor zum Joch. Eine echte Herausforderung für die schwere 1200er, die in den engen Kehren nicht unbedingt der Champ ist, aber auf den Zwischengeraden punktet und bis zu 36 Balken – entspricht etwa 9000 Touren – zucken lässt wie Vitali Klitschko einen Jab mit der linken Führhand. Wie sich die Strophen meines „Stilfser Songs“ wohl von ganz oben anhören, von der 2757 Meter hohen Passhöhe? Dort wartet bereits Klaus auf mich. Angereist ist er mit einer KTM 690 Duke, zusammen wollen wir Südtirol unter die so unterschiedlichen Kräder nehmen. Während sich diese beschnuppern, bezieht das Fahrpersonal sein reserviertes Zimmer in der „Tibet Hütte“. Der etwas abseits des Gipfelplateaus gelegene Gasthof ist ein ideales Quartier, um nach oder vor der täglichen Invasion am „höchsten Rummelplatz Europas“ den Achterbahn-Thrill auf der dritthöchsten asphaltierten Straße der Alpen zu goutieren, auch wenn man dafür früh aufstehen muss.

Kurz nach sechs setzt die Sonne hinter den Spitzen des Ortlermassivs das Firmament in Flammen. Da brennen wir gerne mit und noch vor dem Frühstück eine kleine Trainingseinheit aufs serpentinige Parkett. Was dazu führt, dass Klaus immer wieder mal ­diabolisch zu mir herübergrinst wie einst Lance Armstrong zu Jan Ulrich. Denn während mein Moby Dick die Kehren meist etwas weiter nimmt, sticht der orangefarbene Schwertträger gerne innen durch. Keine zwei Stunden später kriechen schneckengleich die ersten Wohnmobile bergan, gut zu beobachten beim Kaffee auf der Panoramaterrasse der „Tibet Hütte“.

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Foto: Daams
Einen solchen Anblick hat man nicht alle Tage.
Einen solchen Anblick hat man nicht alle Tage.

Die Ruhe lockt

Alles Gepäck an Bord und via Prad hin­ab ins Tal der Etsch. Der Verkehr auf der SS 38 Richtung Meran nervt. Was nützt es, fünf Autos am Stück zu überholen, wenn du weitere 4995 vor dir hast? Da hilft nur Blinker rechts, und ab ins Martelltal. Eine andere Welt. Erdbeerduft statt Dieselqualm, dazu zwischen den rotgetupften Feldern wieder Serpentini und Tornanti. Schön schmal schlenkert das Sträßchen um schroffen Fels, schmiegt sich wie ein Spaghettiträger an die türkis schimmernde, feuchte Haut des Zufritt-Stausees. Der heißt übrigens auf Italienisch Lago di Gioveretto, womit wir rein zufällig beim Thema Sprache und Geschichte wären. Da dieses Kapitel aber deutlich umfangreicher und komplexer ist als, sagen wir mal, das Handbuch einer mit allen elektronischen Assistenzsystemen gespickten Ducati Multistrada, hier nur so viel: Südtirol, auf Italienisch Alto Adige, wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom österreichischen Tirol abgespalten und zur nördlichsten Provinz Italiens. Diese erhielt 1972 Autonomiestatus – mit Deutsch und Italienisch als gleichberechtigten Amtssprachen; daneben gibt es als Dialekt auch noch Ladinisch. Wer tiefer in die topografisch-geologischen Geheimnisse des Martelltals vordringen möchte, laufe am Ende der Straße gen Butzenspitze und Monte Cevedale.

Zurück marsch, marsch – und von der SS 38 gleich ab ins nächste Seitental, das Schnalstal. Auch ohne Ötzi, der hier 5300 Jahre unterm ewigen Eis ruhte und nun eine neue Bleibe im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen gefunden hat, ein lohnender Abstecher. Ob hoch nach Katharinaberg, wo auf felsigem Plateau ein spitzer Kirchturm wie der Zeigefinger Gottes in den Himmel sticht, ob nochmals abzweigend ins Pfossental, wo der Gasthof „Jägerrast“ süße Erdbeerroulade auftischt, ob durch die lang gezogenen Kurven am Vernagt-Stausee, wo plötzlich Rehe kreuzen, um in ihren waldeigenen Swimmingpool zu springen: „Am besten schreibst du da gar nix von, damit das alles so schön ruhig bleibt.“ Meint einer der zwei Kläuse. Der andere denkt: Mit Schnalser Speck fängt man Mäuse.

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Foto: Daams
Da kann man sich nicht beschweren.
Da kann man sich nicht beschweren.

Die Seitentäler sind es wert

Immer den Schildern zum Passeiertal und Timmelsjoch nach. Der 2491 Meter hohe Pass ist im Sommer offiziell von sieben bis 20 Uhr geöffnet und bietet sich als willkommenes Betthupferl an. Ein wärmendes Lager findet sich, wieder retour bis nach Moos, im Gasthof „Hochfirst“. Bis zum Wecken durch die Fraktion der Frühtrompeter, angeführt von einer bassigen HP2 und einer heiser röchelnden Speed Triple, die zum Gipfelsturm blasen. Damit lassen wir uns heute etwas Zeit, pflegen vorerst die verbale Konversation mit Frau Wirtin. Alberta Pöhl ist „da hinter den Bergen in Pfelders“ aufgewachsen, als Mädchen Helferin auf dem Bauernhof gewesen und macht ihre Arbeit im Gasthof „schon immer“. Vom Staat subventionierte Ausländer, die Griechenland-Krise, das reformierte italienische Steuersystem – jede Veränderung bedeutet ein Riesenproblem. Nicht ganz so schwierig die Umstellung beim Mopedwechsel, als Crosstourer und Duke heute mal die Piloten tauschen.

Federleicht fetzt die 690er voran, als wolle sie das Credo vom „Weniger ist mehr“ in den sich kringelnden Asphalt meißeln. Noch mal hoch zum Timmelsjoch, von wo es, ab hier mautpflichtig, grenzüberschreitend hinabgeht ins österreichische Sölden. Lieber nicht. Lieber sofort zum nächsten Südtiroler Spaß, dem Jaufenpass. Ach, wenn ich mir auch noch die Berge dazu kaufen könnte: Die KTM wäre meine. Und wer schenkt uns mehr Zeit? Zum Beispiel fürs hübsche mittelalterliche Sterzing.

Oder für all die Seitentäler, die zwar als Sack­gassen enden, durch die dafür aber statt Durchgangsverkehr viel Stille strömt. Ein ehemaliges Militärsträßchen schraubt sich ab Stein weiter hoch zum Pfitscher Joch, ideal für leichtes Gerät.

Foto: Daams
Auch der Timmeljoch lockt mit dem unglaublichen Panorama.
Auch der Timmeljoch lockt mit dem unglaublichen Panorama.

Hin und weg

Flüssig zu fahren auch das 2211 Meter hohe Penser Joch, nicht nur landschaftlich attraktive Alternative zur oft überlasteten Verbindung Sterzing – Bozen durchs Eisacktal. Zum Einstieg eine markante Engstelle, die Straße in die Zange nehmend wie ein riesiger Schraubstock; dazu oben auf der felsigen „Backe“ ein Kreuz. Genial auch das Sträßchen, das südlich von Sarnthein nach links Richtung Niederwangen und Ritten abzweigt: enge Kurven zum Niederknien, 16 Prozent Steigung. 690er und 1200er bolzen bergan, Bozen bleibt im Talbecken liegen. Und in Oberinn bist du endgültig hin und weg. Hinter grünen Hügeln baut sich die gewaltige Phalanx zackiger Dolomitengipfel auf. Die Duke kann es kaum erwarten, hangelt sich über Klobenstein und Barbiano hinab ins Eisacktal und eilt, nach kurzem Intermezzo auf der SS 12 bis Klausen, durchs Villnößtal empor zum Würzjoch. Dort finden wir im Almgasthof „Ütia de Börz“ nächtliche Ruhe vor dem Sturm.

Schemenhaft schält sich anderntags der Pantoffelberg aus dem Morgennebel und bittet passionierte Bergwanderer zur Audienz. Nun, wir sind heute bereits ver­abredet: Klaus kann wieder die Königin der kleinen Passstraßen zum Tanz bitten, ich das bequeme Schlachtross satteln. Eine Aufwärmrunde durchs leere Lüsnertal, dann das volle Dolo-Programm: Grödner-Joch, Sellajoch, Pordoijoch. Im Sommer oft zu viel Touristen, aber sonst…

Der Ausstieg aus der „Südtiroler TT“ gelingt mit dem Abzweig zum Passo di Falzarego und Passo di Valparola. Und wer den Furkelpass nicht vergisst, hat bei „Pass, Land, Fluss“ eine Alternative zum Furka. Dahinter übernehmen wieder „normale“ Berge ohne Zacken das Zepter. Auf Wiedersehen Südtirol, Arrivederci Alto Adige. Ein einspuriges Sträßchen sticht haarnadelig durch grünen Tann hoch zum Staller Sattel, der Grenze zu Österreich. Wegen der Enge der Strecke und kecken Kühen ist die Passage zeitlich streng reglementiert: Aufwärts geht’s von der 30. bis 45. Minute einer jeden Stunde, in Gegenrichtung von der 1. bis 15. Minute. Wie beim Start zum ­MotoGP wartet das Feld der Fahrer hochkonzentriert aufs Umspringen der roten Ampel. 3, 2, 1…

Foto: Daams
Alpenglühen am Peitlerkofel.
Alpenglühen am Peitlerkofel.

Infos

Vom Stilfser Joch zum Stal­ler Sattel, vom Ortlermassiv bis zu den Dolomiten: Süd­tirol liegt nicht nur in Italien ganz oben, sondern auch in der Liga motorradtauglicher Reviere.

Hauptstadt: Bozen
Fläche: 7400 km²
Höchster Berg: Ortler (3905 m)
Höchster Pass: Stilfser Joch (2757 m)
Einwohnerzahl: 509626

Anreise
Der Reschenpass im Westen, der Felbertauerntunnel im Osten, dazwischen Timmelsjoch oder Brenner – das sind, je nach individuellem Startpunkt, die Einfallstore für eine erlebnisreiche Reise nach Südtirol.

Reisezeit
Wie für die italienischen Alpen nicht untypisch, gilt auch hier: Während die hohen Pässe, abhängig von der aktuellen Schneelage, ab etwa Mitte Mai bis Oktober befahrbar sind, dauert in den Tälern und Städten die Straßencafé-Saison wegen des mediterra­nen Klimas oft deutlich länger. Was es, je nach persönlichen Vorlieben und Jahreszeit, mal oben, mal unten angenehmer macht. So oder so sind die Ferienmonate Juli und August nicht die ideale Zeit, da dann ­neben vollen Passstraßen auch mit aus­gebuchten Unterkünften zu rechnen ist.

 

Foto: MairDumont/Claudia Werel

Unterkunft
Überragende Übernachtungserlebnisse direkt an der Passhöhe verspricht in 2800 Metern Höhe die „Tibet Hütte“,
Stilfser Joch, I-39020 Stilfs, Telefon 00 39/03 42/90 33 60, www.tibet-stelvio.com. Nicht ganz so hoch und so passnah, aber immerhin mit der Straße zum Timmelsjoch direkt vor der Tür, punktet der Gasthof „Hochfirst“, I-39013 Moos, Telefon 00 39/ 04 73/64 70 40. Vis-à-vis des mächtigen Dolomitengipfels Peitlerkofel nächtigt man am Würzjoch im Almgasthof „Ütia de Börz“, Würzjoch, Str. Börz 26, I-39030 St. Martin in Thurn, Telefon 00 39/04 74/52 00 66, www.wuerzjoch.com. Eine noble Adresse im Antholzer Tal Richtung Staller Sattel ist das Hotel „Bad Salomonsbrunn“, Antholzerstraße 1, I-39030 Rasen Antholz, Telefon 00 39/04 74/ 49 21 99, www.badsalomonsbrunn.com. Weitere interessante Hotel-, Touren-, und Serviceangebote unter www.moho.info

Literatur und Karten
Detailliert über die Region informiert der Reiseführer „Süd­tirol“ aus dem Michael Müller ­Verlag für 24,90 Euro. Eine übersichtliche Straßenkarte inklusive Extra-Guide ist die Freizeitkarte „Süd­tirol/Dolomiten“ von Marco Polo im Maßstab 1:120 000 für 7,99 Euro.
Adressen: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt am Main, Telefon 0 69/23 74 34, www.enit-italia.de.

Ferner: www.suedtirol.info, www.provinz.bz.it

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