Unterwegs: Trentino Hochgefühle

Das Trentino verführt mit traumhafter Natur: Berge, Seen und Wälder bieten Motorradfahrern nicht nur eine kurvenreiche Kulisse, sondern unter anderem den Reiz, mit einer Klettertour die Schräglagen-Eindrücke adrenalinfördernd zu ergänzen.

Foto: Deleker

Anfang Juni am Lago d’Iseo. Es schüttet seit zwei Tagen. Der Campingchef freut sich: „Vier Monate hat es keinen Tropfen geregnet, es wurde höchste Zeit.“ Ich kann seine Begeisterung kaum teilen. Zehn Zentimeter Regen in zwei Tagen, das ist typisch für die Westküste Neuseelands, nicht aber für das sonnenverwöhnte Trentino. So ein ortsfestes Genua-Tief hat es allerdings in sich, schaufelt unablässig graue, schwere Wolken, die sich über dem Mittelmeer randvoll aufgetankt haben, gegen die Alpen, wo sie sich erleichtern. Der ausgetrocknete Boden saugt den Regensegen auf wie ein Schwamm. Ich denke an Flucht. Nur wohin? Erst nördlich der Alpen soll es trocken sein. Doch da komme ich gerade her. Also bleiben und aussitzen.

Die hübsche Altstadt von Iseo ist wie ausgestorben. Nur ein paar unentwegte Touristen stapfen regenbeschirmt durch die Pfützen an der Uferpromenade des Sees. Das italienische Leben pausiert volle drei Tage, ist jedoch mit einem Schlag zurück, als die Wolken am Freitagabend aufreißen. Gerade rechtzeitig zur „Passegiata, dem Ritual der Eitelkeiten. Entlang der Seepromenade flanieren fein herausgeputzte Italiener, Pärchen knutschen auf Parkbänken, die neueste Mode und die schicksten Schuhe werden präsentiert, Cafés und Eisdielen platzen aus allen Nähten. Sehen und gesehen werden, italienisches Lebensgefühl, das es so kaum anderswo gibt. Die frühe Morgensonne treibt mich aus dem Zelt, verdampft die letzten Nebelschwaden über den nassen Wiesen. Spiegelglatt reflektiert der See die 2000er-Berge im Norden. Das Frühstück fällt kurz aus, ich will endlich wieder fahren. Schnell ist die XT beladen. Ich folge dem Seeufer nordwärts, biege in Pisogne rechts ab in die Berge. Der schmale Weg kurvt in engen Serpentinen durch den triefnassen Buchenwald hinauf zum Rifugio Maria. Ein traumhafter Platz für den ersten Cappuccino des Tages, gesegnet mit Panoramaaussicht über den Lago d’Iseo und ins Valle Trompia.

Das anfangs idyllische Trompia-Tal verengt sich zunehmend, bis es hinter Collio im Dreiviertelrund der Berge endet. Nicht jedoch die Straße, die hinaufklettert zum Passo Giogo di Bala auf 2162 Meter. Die Welt ist eine andere hier oben. Kalter Wind treibt Wolkenfetzen über kahle, braungrüne Kuppen, der strahlende Frühsommertag ist im Tal zurückgeblieben. Die riesige militärische Radaranlage auf dem Dosso dei Galli wirkt abweisend und bedrohlich. Die Straße tauscht ihren Teer gegen groben Schotter, garniert mit beachtlichen, wassergefüllten Löchern. Tapfer rumpelt die XT über die verschlammte Piste zum Passo di Croce Domini, einem beliebten Bikertreffpunkt. Allerdings wirkt meine verdreckte Enduro wie ein Fremdkörper zwischen den blitzsauberen Choppern und hochglanzpolierten Ducatis vor der Bar. Egal, ein Kaffee muss sein, bevor ich hinabwedle in die Wärme des Val Camónica nach Breno. Auf der anderen Talseite mogelt sich eine kleine Straße aus dem Ort, peilt das Valle di Scalve an und folgt ihm bis zum Ende. Abermals bleibt nur ein Ausweg aus dem von dolomitenartigen Felsbergen eingerahmten Tal: der Weg nach oben.

Der Passo del Vivione, ein kleiner, aber feiner Übergang, auf dem die Verkehrsdichte wochentags gegen null tendiert, klettert kaum autobreit bergan. Die unübersichtliche Straße tänzelt am senkrechten Abgrund entlang, bröselige Mauern als Randsicherung besitzen eher symbolischen Charakter. Auf der Passhöhe in einem grasigen Hochtal lädt ein rustikales Gasthaus zu Kaffee und Kuchen ein. Vor dem Gebäude parken vier wunderschön restaurierte Moto Guzzi V7. Als die Jungs ihre Twins zum Leben erwecken, bebt der Boden. Was für ein beneidenswerter Sound. Dagegen klingt mein moderner Einzylinder wie eine flüsterleise Waschmaschine. Durch finsteren Fichtenwald kurvt die SS 294 wieder runter ins Valle Camónica, das seinerseits direkten Kurs auf die Berg-riesen des Alpenhauptkamms nimmt. Der erste Angriff auf die hohen Pässe startet in Ponte di Legno. Der Gavia ist einer der Promis unter den hochalpinen Übergängen, verdankt seinen Ruf vor allem der spektakulären Südrampe, die erst Ende der 1990er Jahre komplett geteert wurde. Doch auch asphaltiert verlangt die Rampe volle Konzentration, enge Erste-Gang-Kehren, die raue Fahrbahn oftmals keine drei Meter breit und unübersichtliche Kurven im Kiefernwald. Erst jenseits der Baumgrenze öffnet sich die Landschaft, gibt die Sicht frei aufs Adamello- und Ortlermassiv. Ganz oben mutiert der Gavia zur Fern-Seh-Straße der Spitzenklasse. Am schönsten lässt sich das hochalpine Panorama von der Aussichtsterrasse des ockergelben Rifugio Berni bewundern.

Während es auf dem Gavia selbst sonntags vergleichsweise ruhig zugeht, präsentiert sich sein berühmter nördlicher Nachbar, das Stilfser Joch, ganz anders. Schon bei der Auffahrt durchs Valle Bráulio brüllen Dutzende tieffliegender Ducatis an mir vorbei. Zahlenmäßig werden sie nur noch von der anscheinend omnipräsenten BMW GS übertroffen. Die Passhöhe des Stilfser Jochs ist mit ihren 2758 Metern nicht nur eine der höchsten der Alpen, sie ist auch eine der hässlichsten. Gigantische Betonhotels, Seilbahnstationen, Restaurants und Souvernirbuden drängeln sich auf dem kostbaren Baugrund. Sonntagnachmittags wird sogar die Parkplatzsuche zum Geduldsspiel. Lediglich das eigenwillige Tibethaus vor der Kulisse der gewaltigen Ortlernordwand strahlt eine wunderbare Ruhe aus. Das Stilfser Joch markiert in Richtung Süden die Grenze zur Provinz Trentino, eine der schönsten Regionen Italiens. Ich seile mich über die 48 Kehren der spektakulären Ostrampe zunächst hinunter ins Vinschgau, umfahre Meran und nehme den Mendelpass ins Visier, zwar nur 1363 Meter hoch, dafür gesegnet mit spannenden, schnellen Kurven. Er führt ins Valle di Sole, eines der zahlreichen Obstanbaugebiete des Trentino. Kilometerlange Apfelplantagen ziehen sich über sanfte Kuppen. Im April taucht der Frühling das ganze Tal in ein weißes Meer blühender Apfelbäume.

Nur einen Katzensprung weiter südlich wird die Idylle des Val di Sole von hohen, schroffen Bergen abgelöst, den bizarren Türmen der Brenta, gewaltige Bastionen aus grauem Fels. Leider erlauben die Brenta-Berge nur flüchtige Blicke aus der Ferne. Keine einzige Straße dringt in das Reich der Felsburgen vor. Abends auf dem Campingplatz von Molveno wandere ich mit den Augen am Fernglas durch die gigantischen senkrechten Bergwände. Äußerst spannend, bedrohlich und eine eigene Welt für Kletterer und Bergsteiger, garantiert aber nicht für mich. Mein Zeltnachbar lenkt mich von meinen Betrachtungen ab. Er breitet Klettergurt, Seil, Steigeisen und Karabiner vor seiner BMW aus. Wozu in drei Teufels Namen braucht ein Motorradfahrer diesen Krempel? Eine Frage, die Bernd – so stellt sich der BMW-Fahrer vor – mit einem Fingerzeig in die Berge beantwortet. Er erzählt von seiner Klettersteigtour durch die Brenta, von atemberaubender Landschaft, Blicken bis zu den Dolomiten und dem Nervenkitzel auf kaum handtuchbreiten Wegen in senkrechten Wänden. Einige Flaschen Bier und Stunden später hat er mich derartig begeistert, dass ich unbedingt auch dorthin will.

Ich rufe Birgit an, sie war schon mal zum Klettern in der Brenta, und erzähle ihr von Bernd und seinen Erlebnissen. Birgit spürt sofort, dass ich infiziert bin, verspricht spontan, morgen ihre Suzuki zu satteln und in die Brenta zu kommen, damit wir gemeinsam diese Klettersteige erleben können. Ich habe keine Ahnung, auf was ich mich einlasse, doch die Neugier ist größer als die Angst vor senkrechten Wänden. In den zwei Tagen, bis Birgit hier ist, umrunde ich die Brenta wie die Katze den heißen Brei. Bei Pinzolo schlängelt sich eine Seitenstraße durchs Val Nambrone, legt sich an dessen Ende mit der Bergwand an und schraubt sich in 17 Serpentinen bis über 2000 Meter hoch, das letzte Stück auf grobem Schotter. Dort oben finde ich den besten Aussichtspunkt auf die Brenta und bin gleichzeitig nur einen Steinwurf von den Gletschern der Cima Presanella entfernt, mit 3558 Metern höchster Berg des Adamello Nationalparks.

Nach Süden flacht die Landschaft ab, weist im Gegenzug aber wieder deutlich mehr spaßbringende Motorradstraßen auf. Vorbei am Idrosee verliere ich mich in einem Gewirr kleiner Wege, die durch die grünen Berge zacken. Eines der spannendsten Exemplare klettert von Idro hinauf nach Capovalle und windet sich dann in schier endlosen Kurven zum Lago di Valvestino und weiter bis Gargnano am Gardasee. Kaum ist die Uferstraße Gardesana Occidentale erreicht, ist es schlagartig vorbei mit der Beschaulichkeit der kleinen Provinzstraßen. Fast scheint es, als ob die Hälfte aller deutschen Cabriobesitzer hier ihren Traum vom offenen Fahren ausleben wollen. So malerisch die Landschaft auch ist, der Verkehr erlaubt keinen längeren Blick. Da gebe ich lieber Gas und bin abends wieder zu Füßen der Brenta in Pinzolo, kaum eine Stunde, bevor auch Birgit schwer beladen ankommt. Bis spät in die Nacht sortieren wir Trekkingschuhe, Klettersteigset, Karabiner und Rucksäcke für unsere einwöchige Tour. Wir entern den ersten Bus des Tages, der uns zur Seilbahnstation nach Madonna di Campiglio bringt und gondeln hinauf in die Berge. Zunächst lassen wir es langsam angehen, wandern drei Tage entspannt auf harmlosen Wegen, übernachten in rustikalen Hütten und sind fasziniert von den grandiosen Bergen mit ihren himmelhohen, senkrechten Wänden. Das Wetter könnte nicht besser sein, kalte Nächte und sonnige Tage mit glasklarer Sicht bis in die Dolomiten. Von den berüchtigten Brenta-Nebeln, blitzschnell aufziehende Wolken, die jegliche Sicht nehmen, bleiben wir verschont. Perfekt.

Am vierten Tag dann wird es wirklich spannend. Wir entern den Bocchette-Weg, den berühmtesten Klettersteig des Kontinents. Der Steig folgt schmalen, natürlichen Felsbändern durch senkrechte Wände, tänzelt nicht selten tollkühn 500 Meter über dem Abgrund. Wir klinken unsere Klettersteiggurte mit Karabinern ins Stahlseil, das wie ein Geländer als Lebenssicherung straff entlang der Felswand gespannt ist. Vertrauen, Mut und Schwindelfreiheit sind nun gefragt. Fast minütlich muss ich meinen inneren Schweinehund besiegen, wechselt die Faszination von Höhe, Tiefe und Exponiertheit mit nackter Angst und euphorischen Empfindungen. Adrenalin- und Endorphinproduktion laufen auf Hochtouren. Vor allem dann, wenn der Weg kaum noch breiter als ein Blatt Papier ist und es unter dem rechten Fuß scheinbar endlos senkrecht in die Tiefe geht. Plötzlich hört der Weg einfach auf. Lediglich ein schmaler Riss zieht sich durch die Wand, überbrückt die Zehnmeterlücke, bevor der Sims wieder sichtbar breiter wird. Wie soll ich da rüberkommen? Mentale Blockade. Ich will umkehren, geht aber nicht, weil von hinten ein paar andere Drahtseilartisten drängeln. Birgit spricht mir Mut zu: „Es geht doch nur 50 Meter abwärts.“ Na toll. „Lass dich ins Seil hängen, bring Reibung zwischen Schuhe und Felsen und dann langsam rüber. Und nicht nach unten sehen. Ist ganz einfach.“ Ganz einfach? Wenn ich könnte, würde ich lachen. Doch ich kann nicht. Tief durch-atmen. Dumme Sprüche von hinten. Sehr hilfreich. Noch mal tief durchatmen und los. Schritt für Schritt hangle ich mich an der Wand lang, schaffe schweißgebadet die Passage. Birgit tänzelt grinsend hinter mir her, klopft mir Klettergreenhorn anerkennend auf die Schulter.

Zeit zum Erholen bleibt indes kaum, denn der Weg endet kurz darauf abrupt an einer senkrechten Schlucht. Eiserne Leitern, teilweise überhängend, verschwinden in der Tiefe. 150 Sprossen, die mir die Arme mächtig lang ziehen. Passieren kann aber auch hier nichts, wenn man sich mit dem Klettersteigset vernünftig in das parallel zu den Leitern verlaufende Stahlseil einhängt. Mit jeder neuen Überraschung werde ich routinierter und sicherer, tausche die Angst gegen Glücksgefühle, ähnlich denen, für die atemberaubende Kurvenhatz auf dem Motorrad sorgt. Zwei weitere Tage balancieren wir auf den Felsbändern des Bocchette-Wegs haarscharf am Abgrund lang. Der exponierte Klettersteig und die Blicke in die grandiose Welt der Brenta berühren mich tief. Erfahrungen und Aussichten, die nur möglich sind, wenn man diesen Drahtseilakt wagt. Alleine, ohne erfahrene Begleiterin, hätte ich das Herz der Brenta, dieses alpine Juwel des Trentino nie gesehen. Und hätte verdammt viel verpasst.

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