Unterwegs: Türkei–Syrien–Jordanien Abenteuer Nahost

Fast 10000 Kilometer durch Südosteuropa und den Nahen Osten. Durch Schnee, Wüste und auf jahrtausendealten Pfaden. Durch Länder, die man eher aus der Tagesschau kennt als aus Reisemovies. Das Ziel war die Entdeckung der anderen Seite.

Fotos: Bracht
Pffft – mit rasender Geschwindigkeit verabschiedet sich die Luft aus dem hinteren Reifen. Mist, kaum in Thessaloniki gestartet, schon eiert die BMW schaukelnd an den Straßenrand. Hier, in Ostgriechenland, soll eigentlich unsere Nahost-Tour starten. Die Enduro per Spediteur dorthin geschickt und Petra und ich im Billig-Flieger nachgejettet. Im Winter keine schlechte Alternative zur endlos kalten Fahrt per Achse. Über die Türkei und Syrien soll es bis zum Roten Meer in Jordanien gehen. So ist der Plan. Doch gerade geht erst mal gar nichts. Zischend pfeift die Luft neben dem Ventil ins Freie. Hektisches Gebastel – bis wir irgendwie mit einem Gummiring zwischen Felge und Ventilkontermutter den Druckverlust halbwegs unter Kontrolle bringen. Ein Polizist sorgt netterweise mit einem Kompressor für neuen Odem und knallt 2,5 bar in den maroden Schlauch. Damit schaffen wir es zum nächsten Mopedhändler und mit neuem Schlauch sogar noch am gleichen Tag über die türkische Grenze bis nach Çanakkale.

Traumhafte Straßen, meist schmal und kurvenreich, liegen vor uns. Und Pamukkale. Zu dieser Jahreszeit gehören die berühmten Kalksinterterrassen und die antike Stadt Hierapolis nahezu uns allein. Dahinter beginnt die Weite der stillen, winterlichen Türkei. Hohe, verschneite Berge am Horizont und bis in die Knochen zwickende, bleierne Kälte. Doch bei Antalya schimmert endlich wieder das Mittelmeer im Süden und lässt mit jedem Meter Annäherung die Temperatur steigen. Die Kehrseite der Medaille: Von hier bis Alanya dominiert eines der größten Touristenzentren des östlichen Mittelmeers die Küste. Riesige Hotelressorts drängen sich Kilometer um Kilometer Richtung Osten. Erst jenseits von Alanya wird es bes-ser, die Felsenküste lässt für Strände und Betonburgen kaum mehr Platz, selbst die Straße muss teilweise in schwindelerregende Höhen zwischen Bananenhaine und würzig duftende Wälder ausweichen.


Einen Tag später stehen wir in Bab Al Hawa an der Grenze zu Syrien. Visa haben wir im Gepäck, und die nötigen Einreisepapiere für die BMW sowie eine Kurzzeitversicherung gibt’s vor Ort gegen Bares. Für umgerechnet rund 75 Euro knallen schließlich die Stempel in die Pässe, und wir sind drin. Schnell noch Geld umtauschen, dann kann es losgehen. Doch das erste Handicap lässt nicht lange auf sich warten – ausschließlich arabische Beschilderung! Hinzu kommt, dass es in der Realität viel mehr Wege gibt als auf der Karte. Da hilft das GPS auch nur bedingt, zeigt aber zumindest, ob die grobe Richtung stimmt. Obwohl auf den kleinen Straßen wenig los ist, gellen ständig die Hupen: „Welcome to Syria“ – Begrüßung auf syrisch, wie wir nach einiger Zeit kapieren.

Nach einem Streifzug durch die imposanten Reste der Kreuzritterburg Saladin geht es in Richtung Slunfa-Pass. Fröstelnd rutschen wir durch die Schneereste auf der Passhöhe und ducken uns vor dem eisigen Wind, der hier in jahrzehntelanger Arbeit selbst die Bäume in Schräglage gedrückt hat. Doch der Blick ist umwerfend – wie aus einem Flugzeug breitet sich 1000 Meter tiefer die Orontes-Ebene aus. Eine landschaftlich intensiv genutzte Zone, in der bis zu 20 Meter hohe, uralte Holzräder für die Bewässerung sorgen. Von der Strömung zahlloser Wasserarme angetrieben, hieven die Räder in Schöpfeimern das Wasser in die Höhe und verteilen es in ein verzweigtes Leitungssystem. Eine jahrhundertealte Technik.

Nicht weit entfernt liegt die Kreuzritterburg „Krak des Chevaliers“, von der bereits die Mittelmeerküste und die schneebedeckten Berge des Libanon sichtbar sind. Wir fahren ins 1700 Meter hoch aufragende, vorgelagerte Anti-Libanon-Gebirge und besuchen das alte, christliche Dorf Maalula, das an einer fast senkrecht abstürzenden Felswand klebt. Hier wird noch aramäisch gesprochen, einst die Sprache Palästinas, die durch die Ausbreitung des Islam vom Arabischen verdrängt wurde. Prominentester Nutzer: Jesus Christus. Wir übernachten oberhalb des Dorfes im Sergius Kloster, dessen Grundmauern bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden sind. Durch die fast senkrechte Bauweise führen die Eingänge in die Häuser teilweise über die Dächer der Nachbarn.

Eigentlich wollten wir weiter über die Berge zur libanesischen Grenze vordringen und parallel derselben weiterfahren, müssen aber oberhalb von 2000 Metern im tiefen Schnee aufgeben. Die Landschaft ist grandios, meist wüstenhaft trockenes Hochgebirge mit vereinzelten Gehöften zwischen großen Aprikosenplantagen. Bei den überaus netten Bewohnern mündet eine Frage nach dem Weg stets in eine Einladung zum Tee.


Damaskus liegt vor uns. Zunächst schockiert vom Verkehr in der Hauptstadt, schaffen wir es doch irgendwie in die Neustadt und zu einem Hotel. Eine ehemalige Polizeistation, wie wir erfahren, und für hiesige Verhältnisse mit rund 800 Jahren geradezu jung. Die Altstadt wird seit 6000 Jahren kontinuierlich bewohnt, Damaskus gilt als eine der ältesten Städte der Welt. Stundenlang schlendern wir durch die Märkte der Souks, die nach sämtlichen Gewürzen des Orients duften und Waren wie Perspektiven aller Art bieten: Neben Kopftüchern hängen gewagte Dessous in den Läden, Frauen in Highheels stöckeln neben komplett verhüllten, iranischen Schiitinnen, fundamentalistisch aussehende Sunniten drängen sich zwischen reichen Saudis, Drusen aus dem Hauran-Gebirge neben Kurden aus dem Nordosten. Petra kommt mit iranischen Pilgerinnen ins Plaudern, von denen viele Englisch sprechen und die sich aufgeschlossen unterhalten. Wie eine Oase der Ruhe liegt mittendrin die Umayyaden-Moschee. Die Krönung bildet jedoch das Teehaus Noufara. Allabendlich erscheint dort ein Märchenerzähler, der umringt von wasserpfeiferauchenden Alten seine Geschichten zum Besten gibt.


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Weitere 120 Kilometer, dann liegt die Grenze zu Jordanien vor uns. Auch dieser Grenzübertritt ist einfacher als gedacht – zwei Stunden, und wir sind durch, befinden uns bereits auf dem Weg zu den römischen Ruinen von Jerash. Eine prächtig erhaltene Anlage, in der das Leben der römischen Besatzer kaum erloschen zu sein scheint.

Umgeben von Wäldern duftender Kiefern, Pinien, Eichen und Pistazienbäumen geht es durch die Naturparks Dibbin und Ajlun in Richtung Jordan. Die Temperatur steigt stetig, Vegetation und Gemüseplantagen breiten sich zusehends üppiger aus – dann sind wir im Jordantal, dem tiefsten Tal der Erde. Es liegt bis 400 Meter unter Normalnull und verbindet den See Genezareth mit dem Toten Meer. Am Meer flüchten wir recht bald vor dem Trubel des Wochenendes und rollen stattdessen auf dem Kings Highway weiter gen Süden Richtung Petra. Die Sicht ist mau, stürmisches Wetter wirbelt viel Sand auf. Wir erkennen kaum, was sich links und rechts der Straße abspielt.

Dafür haut uns Petra dann fast um. Das Zusammenspiel von bizarr geformter Landschaft und wunderschönen, direkt aus dem Fels gearbeiteten Sandsteinfassaden ist grandios und weltweit einmalig. Fast surreal wirkt an vielen Stellen die Komposition von zahllosen Rottönen. Mittendrin der Siq, eine 100 Meter hohe und an der engsten Stelle gerade noch 2,20 Meter messende Schlucht, die sich später zu einem riesigen, roten Felsental weitet. Wüste in ihrer vielleicht beeindruckendsten Form.

Die Weiterfahrt nach Süden folgt direkt der israelischen Grenzlinie, Wachposten hüben wie drüben beobachten jede Bewegung. Das Rote Meer müssen wir wegen Wind und Kälte streichen, orientieren uns stattdessen östlich in Richtung der Wüsten-Dependance Wadi Rum. Zwei Tage logieren wir bei „Bed and breakfast“ – von Beduinen angeboten. Was bedeutet, dass wir in einer Ecke des großen Zelts unsere Schlafsäcke ausrollen und an allen Mahlzeiten teilnehmen können. Das Leben scheint extrem entspannt und einfach, der Familienvater raucht einen Joint nach dem Essen, es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, dafür Freilufttoiletten in den Felsen. Vor dem Zelt erstreckt sich nichts als Wüste, Grenzen setzen erst mächtige Felsmassive am Horizont. Am zweiten Tag werden wir zu einem Festmahl von Freunden unserer Gastgeber eingeladen: gekochte Ziege, deren Schädel mitten auf der Speiseplatte thront. Puh. Anstrengend für uns, Genuss für die Einheimischen. Aber die nette Atmosphäre rettet uns irgendwie hindurch.


Und dann beginnt er, der fast 6000 Kilometer lange Rückweg. Diesmal hilft keine Spedition. Maximal gibt’s ein Stück Fähre, zwischen Griechenland und Italien. Doch erst mal heißt es, die BMW instandsetzen, die ihre untere Federbeinaufnahme aus der Kardanschwinge eliminiert hat. Samt Gewinde. Also können wir nur der Kraft der Chemie vertrauen und den Bolzen mit Flüssigmetall einsetzen.

Um die Verbindung schonend zu testen, wählen wir die gut ausgebaute Hauptverbindungsroute zurück nach Syrien. Dort greift im Notfall der Schutzbrief des ADAC. Doch da die GS die gewagte Reparatur auf der Etappe durch Jordanien überstanden hat, nehmen wir in Syrien den alten Rückreiseplan wieder auf und cruisen über Bosra in einem weiten östlichen Bogen durch die Wüste. Die ehemals römische Stadt wurde zum größten Teil im 3. Jahrhundert aus dem schwarzen Basaltgestein des Djebel Al-Arab errichtet. Wer heute in diesen uralten Steinhäusern lebt, darf keine Berührungsängste mit Geschichte haben: Wegen der Hitze sind sie weiß gestrichen, tragen Satellitenschüsseln auf den Dächern und sind von Mopeds und Traktoren umstellt. Living History.

Als die letzten Ausläufer des vulkanischen Hauran-Gebirges hinter uns liegen, wird es flach, trocken und öde. Eine breite Verbindungsstraße kreuzt von Osten, Öltanklaster rollen darauf dicht an dicht. Sie kommen aus Bagdad. Erste Hinweise auf den ungemütlichen Nachbarn Irak.
Rund um die alte Oasenstadt Palmyra wird es etwas hügeliger und abwechslungsreicher. Einst wichtige Karawanenstation auf der Seidenstraße zwischen Venedig, China und Indien, deren früherer Reichtum sich immer noch erahnen lässt.

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In Richtung des breit das Land durchquerenden Euphrat macht uns zunehmend ein übler Sandsturm zu schaffen: Wir haben kaum Sicht, und zwischen den Zähnen knirschen Sandkörner. Die Ruinen von Rusafa bieten kurzfristig etwas Schutz, doch erst der Assad-Stausee bringt wirkliche Erholung. Wunderschön liegt er nach der Trostlosigkeit der staubenden Wüste in tiefem Grün zwischen stellenweise sogar bewaldeten Ufern.

In Aleppo genießen wir ein letztes Mal das brodelnde Leben einer orientalischen Stadt. Kilometerweit wandern wir durch überdachte Souks, entdecken alte Paläste, die heute stilvolle Hotels und Restaurants beherbergen, erkunden die mächtige, alles überragende Zitadelle. Etwas weiter entfernt liegt auf einem Hügel das Simeonskloster, dessen inzwischen heiliggesprochener Namensstifter 30 Jahre auf einer Säule zugebracht haben soll.

Die letzten syrischen Meter verglühen unter den Rädern. Diesmal kurven wir in der Türkei nicht an der Küste entlang, sondern über kleine Bergsträßchen durchs anatolische Hinterland. Bis auf 2000 Meter klettern die Wege, von Schneeresten und gefrorenen Wasserfällen begleitet. In den tieferen Lagen Kappadokiens zeigen sich dagegen erste Boten des Frühlings, zartrosa schimmern die Blüten der Mandelbäume rund um die Täler bei Göreme mit ihren berühmten Tuffsteinfelsen. In Egridir machen wir noch einmal Pause, rüsten uns für den langen Weg durchs winterliche Südosteuropa nach Hause. Dicker Schnee gibt im Wintersportort Davras einen ersten Vorgeschmack. Zwei Tage quer durch Griechenland bis zum Fährhafen Igoumenitsa liegen nun vor uns, dann 24 Stunden Fähre bis Venedig und schließlich die letzte und vermutlich härteste Etappe: über die Alpen und bis nach Detmold. Vom Neuschnee in Österreich wissen wir gottlob noch nichts.

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