Vielfahrer: Menschen und ihre Motorräder Sattel-Fest

Auf dem Weg zum Treffen ist ihnen kein Weg zu weit: Im kleinen Rahmen traf sich die Speerspitze von Deutschlands Vielfahrern an einer Schnittstelle deutsch-deutscher Geschichte. Da bringen es dann acht Motorräder mal eben auf 3,6 Millionen Kilometer.

Siggi ist von der Haltbarkeit seiner BMW K 75 ein wenig enttäuscht. Denn der Dreizylinder des Ex-Ingenieurs machte plötzlich Mucken: "Ich hatte gehofft, es mit dem zweiten Motor bis zur vollen Million Kilometer zu schaffen." Blöd aber, wenn nach 930000 Kilometern ein Kolbenring bricht. Jetzt ist also der dritte Motor drin, und auf der Uhr stehen 945558 Kilometer, Tendenz steigend. "Na ja", sagt Siegfried Donath bescheiden, "ich fahre nicht mehr so viel wie früher."

 

In seinem Rekordjahr 2000 hatte er noch 114900 Kilometer in zwölf Monaten abgespult. Mittlerweile ist der 74-Jährige ruhiger geworden. Jürgen Hereth ist Franke, kommt "aus der Welthauptstadt Nürnberg" und hat seiner Honda CBX von 1983 gut 675000 Kilometer draufgebrummt. "Mein Baby" nennt er den Sechszylinder zärtlich. Und nimmt ihn fast täglich ran. Selbst im Winter fährt Jürgen bloß in Leder, eine Regenkombi besitzt er nicht, und Auto erst recht keins. Auf Treffen deckt er die gepflegte CBX nachts mit einer Plane ab. So auch heute in Duderstadt-Nesselröden (Kreis Göttingen). Dorthin hat Gastgeber Thomas Andres, alias Speedy, die Vielfahrer eingeladen. Speedy, der eine Yamaha XT 500 mit 204061 Kilometern und eine BMW F 650 GS Dakar besitzt, ist nur zwei Kilometer von der DDR-Grenze entfernt aufgewachsen, auf westlicher Seite.

 

Vom Dach seines Hauses aus konnte er in die andere deutsche Republik schauen. ?Wenn Minen hoch gingen, haben wir das im Dorf gehört. Das mussten keine Flüchtlinge sein, manchmal waren es auch Rehe oder Hasen." Auch Siggi erzählt von bewältigter Vergangenheit. Wie er 1955, mit knapp 21 und ?Interzonen-Pass" in der Tasche, seine Familie in Sachsen zurückließ und im Westen neu anfing. Inklusive neuem Führerschein und bald darauf einer NSU Max. Doch auch die Gegenwart bietet am Lagerfeuer reichlich Stoff für knisternde Benzingespräche. Gunter Baron ist auf einer seiner Yamaha TR1 vom schwäbischen Hechingen aus hierher gefahren. 1045 Kilometer, nur um für einen einzigen Abend beim Treffen dabei zu sein. Ein Klacks, meint er. Manfred Möller berichtet von seiner Honda XRV 650: "Vor kurzem hat es alle Zähne der Getriebe-Ausgangswelle abgeschert." Also Notreparatur in Portugal: Das Ritzel ist nun auf der Restverzahnung punktverschweißt.

 

"Hält seit 4000 Kilometern, aber nur bis zum nächsten Kettenwechsel." Insgesamt hat Manfreds Africa Twin jetzt 487000 Kilometer abgerissen. Doch heute ist der Hesse mit seinem Zweit-Motorrad hier, der knallblauen 950er-KTM LC8 Adventure S - mit 123000 Kilometern gerade eben erst eingefahren. Auch Andreas Gottschalk ist mit seinem Youngster da, der Yamaha XJ 900 S Diversion. Besondere Kennzeichen: 147758 Kilometer und nachgerüsteter Zigarettenanzünder. Als Raucher muss man Prioritäten setzen. Daheim stehen noch Oldies, eine SR 500 als "Winter- und Schmuddel-Motorrad" plus eine Kawasaki Z 750 von 1983. Doch wegen Spänen im Motoröl steht die Kawa nach 360100 Kilometern vorübergehend still.

 

Der nächste Tag, Start zur Tour entlang Stationen deutsch-deutscher Geschichte. Kurz vor der einst bestbewachten Grenze der Welt stoppt Speedy. Vom ehemaligen Todesstreifen, seinerzeit fast 1400 Kilometer lang, künden bloß noch junge Bäume in einer endlosen Reihe. Und Betonplatten, auf denen früher IFA-Laster, offene Trabis und olivgrüne MZ patrouillierten. "Wir haben Spielchen gespielt mit den DDR-Grenzern, erzählt Speedy. "Die fuhren auf dem Kontrollweg entlang des Zauns auf ihren MZ, wir parallel dazu auf der anderen Seite mit unseren XTs. Dann haben wir Gas gegeben und sie haben versucht, uns zu folgen. Die mussten ja schauen, was da passiert. Aber sie haben immer verloren."

 

Mit Gelände-Übersetzung liefen die Emmen eben gerade mal 80 Sachen. Erich Zimmermann wohnt maximal weit entfernt an einer anderen deutschen Grenze, nämlich der zur Schweiz. Drüben kann der Südbadener seine BMW R 1200 GS Adventure immer günstig volltanken. Und zwar trotz des riesigen Tanks ziemlich häufig. 203132 Kilometer hat er den Boxer seit dem 27. März 2007 gescheucht - über 70000 km pro Jahr. ?Eine für alles, nach dem Motto fährt Erich die 1200er als sein einziges Motorrad auch bei Schnee. Das tut Bruno Just seiner VFR 750 von 1986 nicht an. Der motorradnärrische Rheinländer hat noch eine RC30 und mehrere Königswellen-Ducatis. Unter anderem. Dennoch hat die VFR allein schon 486000 Kilometer runter. Christian Stalter sammelt im Sattel seiner 1150er-GS Adventure Länder. So um die 50 Staaten nahm er bislang unter die Stollenräder, auf 249347 Kilometern. Die Trips hat er unter www.transeurope.de fein säuberlich aufgelistet, das Forum für Motorradfahrer, die mindestens 100000 Kilometer auf einer einzigen Maschine abgesessen haben. Am zweiten Abend zeigt Speedy in einer Dia-Schau, wie er an Weihnachten 2008 mit der damals 25 Jahre alten XT 500 von Paris nach Dakar fuhr. Zusammen mit anderen verwegenen XT-Treibern auf den Spuren der ersten Rallye von vor 30 Jahren. Einfach so, ohne Begleitfahrzeug. Zum Sand- und Kilometerfressen.

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