Vollgas: Die E 6

Vollgas. Immer Vollgas. Von morgens bis in die Nacht. Muss sein. Die Zeit läuft. Und die Motorräder müssen schneller laufen. Müssen jeden Kilometer schneller fressen, als die Zeit die Minuten frisst: 125 Kubikzentimeter gegen die zweimillionendreihunderttausend Meter der E 6, die zwischen dem Fährhafen Larvik am südlichen Ende Norwegens und dem Nordkap liegen. 125 Kubikzentimeter gegen 54 Stunden, die bis dorthin noch verbleiben. Eile. Hast. Hetze. Doch, verdammt, kein Tempo. Gerade haben sich die Tachonadeln ans Maximum hochgezittert, drehen die Maschinen am Anschlag, halten plärrend die 110, als das Gas wieder zuschnappt, zuschnappen muss. Bremsen, runterschal-
ten, einmal, zweimal. Wohnwagen-Gespanne. Quälen sich mit 70, selten 80 über den Asphalt. Und nirgends reicht die Leistung,
an den Knaus, Tabberts und Dethleffs ohne in den Helm gemurmeltes Stoßgebet – lass es reichen, lass es bitte reichen – vorbei-
zukommen. Nie ist das Überholen wirklich ein Überholen, überall bleibt es ein Vorbeihungern. Das den Schnitt versaut, ihn weiter und weiter nach unten drückt.
Erst als in den Abendstunden die Sonne sich zäh gegen das Untergehen wehrt, Trondheim bereits passiert ist, liegt die Straße plötzlich wie leer gefegt im Wald, windet sich in stetem Auf und
Ab durch das Schwarzgrün dicht stehender Tannen, die von krumm gewachsenen, nur leicht belaubten Birken abgelöst werden. Hinter deren Stämmen erhebt sich eine Kulisse aus Berg-
rücken, rundgeschliffen, obenauf Schneehauben, weiß glänzend. Die Motorräder als lange Schatten über ein endloses violettes Band aus Lupinen hinweghuschend, steigt endlich der Schnitt, bleibt der Süden Norwegens weiter und weiter zurück.
Eine Stunde noch fahren, zwei, drei, jetzt – verflogen alle Müdigkeit, alle Trägheit des Nachmittags – tatsächlich immer Vollgas, rauschhaft, bis kurz nach Mitternacht irgendwo in der Nähe von Mosjøen das Soll des ers-
ten Tags erreicht ist: dem Nordkap um mehr als 1000 Kilometer näher. Und doch noch fast 1300 davon entfernt.
Zu weit, um am folgenden Tag zu bummeln, zu weit, um
anders zu fahren als stumpf von Tankstopp zu Tankstopp. Ohne Pause am Polarkreis, der die Straße auf dem Saltfjell kreuzt, ohne einen Blick für die zahllosen Fjorde, die sich zwischen der Hochebene und Narvik weit ins Land hineindrängen. Denn es geht
einfach nicht vorwärts, geht nicht vorwärts, weil schon wieder quälend langsam, nein, lahmarschig dahinkriechende Wohnmobile, Reisebusse und Kombis mit Anhänger über die halbe Straßen-
breite herausragend, im Weg stehen und jeglichen Ansatz von Schwung zunichte machen. Der Erste kommt vorbei, der Zweite noch knapp, der Dritte bleibt dahinter hängen, einen Kilometer lang, fünf, zehn zuweilen.
Weit noch vor Narvik, es ist fast acht Uhr abends und das
Ziel in den vergangenen elf Stunden keine 500 Kilometer näher
gekommen, geht die Stimmung gegen null. Die Frage, was tun, bleibt eine rhetorische, denn die einzige Antwort kann nur heißen: Meter machen bis zur absoluten Schmerzgrenze, nicht 100000, nicht 300000, sondern 500000. Mindestens, gleichgültig, wie lang es dauern wird.
Ohnehin haben die Stunden für die Tage längst ihre Bedeutung verloren. Sie zählen nur noch dem Zeitlimit entgegen. Das Minute um Minute verstreicht. Doch schneller verstreichen jetzt die Kilometer. Tempo 100, 110, ohne Hindernisse, ohne Unterbrechung, und manchmal, bergab den ganzen Schwung des Gewichts ausnutzend, klettert die Tachonadel sogar bis an die 130. Denn wieder streckt sich die Straße zur Nacht hin völlig leer gen Norden, schlängelt sich an Fjorden – links das Wasser, rechts steil aufragender Fels – entlang, zieht sich durch weite Grünflächen, weiter durch karge, beinahe baumlose, dünn besiedelte Landschaft. Und über allem die Sonne, die nicht untergeht, die
allenfalls kurz hinter den Felsen verschwindet, um sogleich wieder in fahlem Gelb am Himmel aufzutauchen.
Es ist bereits weit nach Mitternacht, als die Begeisterung des einsamen Dahinfliegens gegen die Erschöpfung nicht mehr ankommt, als es, nach 17 Stunden im Sattel, ohne Schlaf wirklich nicht mehr geht. Muss es aber auch nicht. Weil nur noch runde 350 Kilometer durch die Finnmark bis zum Kap zurückzulegen sind. Und für diese Strecke bleiben am nächsten Tag, Aufbruch um 6.30 Uhr, ganze siebeneinhalb Stunden. Das könnte reichen, das sollte reichen. Wenn nichts dazwischen kommt...
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