Wales (2)

Foto: Deleker
Ich halte Kurs und folge den fast verkehrsfreien Single Tracks südwärts. Obwohl die Sonne den Nebel längst verdampfen ließ, fällt die Orientierung nicht immer leicht. Manche der skurrilen Ortsnamen auf den Schildern sind in der 1:250000-Karte nicht verzeichnet. Immerhin bekomme ich bei der Sucherei langsamein Gefühl für die Sprache, da sich viele Namensteile wiederholen. Wie cwm, was Tal bedeutet, oder lyn fürSee und bwlch für Pass.

Mit fortschreitendem Südkurs nehmen die spannenden kleinen Bergstraßen leider ab. Rolling hills bis zum Horizont, Wiesen, Felder und Äcker. Kulturlandschaft. Einfach nur fahren im gleißenden Licht des viel zu heißen Nachmittags. Das Wetter erfüllt doch noch alle Prognosen, und ein Hoch über der Nordsee schaufelt emsig feuchtwarme Mittelmeerluft nach Wales. Es sorgt nun für extrem dunstige Schwüle mit über 30 Grad. Die Luft ist dick zum Schneiden und in den Motorradklamotten kaum mehrerträglich. Entsprechend früh breche ich anderntags auf, um das ehemalige Kohle- und Eisenhüttenrevier in den Tälern nördlich von Cardiff zu erkunden. Die Wiege des Maschinenzeitalters – heute eine traurige Gegend. Im 19. und 20. Jahrhundert förderten dort über 200 Bergwerke den schwarzen Brennstoff, und Cardiff galt als größter Kohlehafen der Welt. Die Männer schufteten für den Reichtum Englands, lebten selbst in Armut und der bedrückenden Enge ihrer Arbeitersiedlungen. Zurückgeblieben vom verklungen Kohle- und Eisenboom sind verwüstete Landstriche, riesige Abraumhalden, uniforme, graue Reihenhaussiedlungen und die höchste Arbeitslosenquote des Landes. Inzwischen wurden einige der Kohlezechen zu Museen umfunktioniert und die Schlackenhalden begrünt, aber eine rosige Zukunft sieht anders aus.
Anzeige
Karte: Maucher
Ich flüchte vor dieser deprimierenden Stimmung, treibe die Dominator westwärts zu den Stränden der Gower Halbinsel und stelle den Einzylinder erst ab, als die Straße hoch über der Bucht von Rhossili endet. Der Kontrast zum Kohlerevier könnte nicht extremer sein. In weitem Halbrund schimmert die traumhafte Bucht im warmen Abendlicht, gerade mal eine Hand voll Menschen verliert sich auf dem breiten Sandstrand. Ein einzelnes weißes Haus schmiegt sich zwischen Meer und die grünenBerge, frischer Wind weht über die senkrecht aus dem Ozean aufsteigenden Klippen und lässt die Hitze des Tages vergessen.

Ich bleibe in Meeresnähe, hangele mich entlang der Küste von Bucht zu Bucht. Und erreiche schließlich das alte, geradezu mediterran anmutende Seebad Tenby. Eine Postkartenschönheit: Mehrstöckige pastellfarbene Häuser flankieren das Hafenbecken, bunte Fischerboote dümpeln im Wasser, und eine markante Burgruine thront über allem. Tenby hat Charme und Atmosphäre, versucht die stilistische Kombination eines italienischen Cinque-Terre-Dorfes mit britischer Westküste. Doch Tenby ist im August genauso hoffnungsvoll überlaufen wie Vernazza an besagter Mittelmeerküste.

Westlich von Tenby entlang der Pembrokeshire Coast wird es ruhiger. Winzige Stichstraßen enden in kleinen Buchten weitab vom Sommertourismus. Über den Klippen segeln Möwen, vereinzelte Sturmtaucher und sogar Basstölpel, irgendwo wacht ein einsamer Papageientaucher reglos vor seiner Bruthöhle. Wer spektakuläre Szenen sucht, ist in dieser Ecke des Landes am falschen Platz. Die hügelige Landschaft bezaubert eher durch Ruhe, zerklüftete Küstenformen und winzige Straßen, die sich kreuz und quer um die grünen Hügel winden. Auf diesen oft unübersichtlichen Single Tracks würde auch ein Moped mit 17 PS reichen, denn mehr Leistung bedeutet hier keineswegs mehr Fahrspaß.

Ich versuche, die langweiligen A-Straßen zu meiden, mich stattdessen auf Nebenstraßen der Kategorien B und C Richtung Nordosten zurück nach Snowdonia zu schlagen. Und bleibe alle naselang vor gewaltigen Burgen und Ruinen stehen. Mit mehr als 400 Exemplaren rühmt sich Wales der größten Burgendichte Europas. Viele Festungen lassen auf viele Kriege schließen. Und tatsächlich, vor allem im 12. und 13. Jahrhundert prügelten sich die Waliser ausgiebig, bekamen aber auch ordentlich was auf die Mütze. Meistens von den Engländern. Die waren es dann auch, die ihre Vormacht durch riesige Festungen im Land manifestierten. Während die größten Burgen wie Conwy, Caernafon, Caerphilly oder Harlech die Touristen magisch anziehen, interessiert sich für die vielen kleinen, oft nirgends verzeichneten Ruinen kaum jemand. Vermutlich bräuchte man Jahre, um alle historischen Gemäuer des Landes aufzuspüren.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote