Wales Im grünen Bereich

Für Schräglagensüchtige ist Wales sicher kein Paradies. Aber wer verwinkelte Single Tracks durch grüne Berge mag und hinter fast jeder Ecke monumentale Burgen oder aktive Dampfbahnen entdecken will, der ist hier goldrichtig.

Foto: Deleker

Das graue Grauen verschluckt die grüne Welt. Wie ein schwerer nasser Lappen hat sich dichter Nebel über das Land gelegt. Er dämpft die Geräusche und nimmt jede Sicht. Nur das gelegentliche Blöken eines Schafs ist zu hören. Mein Zelt steht auf einer buckeligen Farmweide im Nationalpark Snowdonia, einer der eindrucksvollsten Landschaften von Wales. Aber davon ist gerade nichts zu sehen. Im Gegenteil, ich habe schon leichte Orientierungsprobleme, wenn ich bloß das Toilettenhaus des einfachen Campingplatzes GPS-los finden will. Der Farmer knattert mit seinem Quad vorbei, treibt ein paar Schafe vor sich her. Offenbar kommt er mit dieser Suppe hervorragend zurecht. „Es könnte schlimmer sein“, meint er trocken, „immerhin schneit es nicht!“ Britischer Humor.

Das Wetter –, die Waliser lieben es, darüber zu reden. Es wird maximal von Rugby übertroffen. Denn sobald ein wichtiges Spiel ansteht, diskutiert die Nation tagelang über nichts anderes. Vor allem, wenn es gegen England geht, den ungeliebten Nachbarn. Dann ist sogar das Wetter egal. Mir hingegen ist Rugby egal, und ich interessiere mich ausschließlich fürs Wetter. Vor allem jetzt. Die Vorhersage ist schon fast zu gut, verspricht Sonne und über 30 Grad. Aber wie so oft sieht die Realität anders aus als die Berechnungen der Meteorologen. Immerhin hat sich inzwischen Licht in den Nebel gemischt. Schemenhaft sind die Bergevon Snowdonia zu erkennen. Ihr König, der Mount Snowdon, bringt zwar nur vergleichsweise magere 1085 Meter zusammen, erscheint aber mit seinen steilen Flanken mindestens doppelt so hoch und vergleichbar mit manch 2000er-Alpenriesen.

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Foto: Deleker

Schroff und zerklüftet konturiert, gelten die Felsen von Snowdonia als walisisches Bergsteiger-Dorado. Sogar EdmundHillary trainierte hier, bevor er 1953 als erster Mensch den Mount Everest bezwang. Mir ist allerdings eher nach Fahren zumute als nach Klettern. In Snowdonia ebenfalls kein Problem. Alpine Kurvenorgien kann man indes nicht feiern, klettern die höchsten „Pässe“ doch gerade mal auf 350 Meter hoch. Motorrad-Wandern ist angesagt, sanftes Schwingen zwischen Seen, Bergen und dicken Kiefern. Snowdonia bietet ausgeprägte Genussstrecken.

Die wenigen Orte passen perfekt zum fast schwermütigen Charme der Berge. Schmucklose Häuser aus groben, grauen Steinen, über deren Kaminen weißer Rauch steht, der sich allmählich mit dem Nebel vereint und die Luft mit dem würzigen Aroma der Torffeuer schwängert. Melancholie wie im November. Hektik verbreiten nur die vielen Touristen, die jetzt im August den Nationalpark überschwemmen. Jedoch hier in den Bergen mit deutlich weniger Wucht als in den Seebädern am Atlantik und an der Irischen See. Wer im August Ruhe sucht, findet sie allenfalls in den Cambrian Mountains, weitab von allen Stränden.

Also auf in die Berge. Am besten über kleinste Nebenstraßen, in Wales meist einspurige, löchrige, von dichten Hecken eingerahmte Wege, den berühmten Single-Track-Roads – dem Markenzeichenganz Großbritanniens. Mein Favorit ist die Straße durchs Cwm Cynllwyd zum Bwlchy Groes. Was für Namen! Unmöglich, sie auch nur halbwegs unfallfrei auszusprechen. Zum Glück entpuppen sich einige der vielen Konsonanten als verkappte Vokale. Aus w wird beispielsweise u, und schon lässt sich Cwm wie Kumm aussprechen. Der Bwlch y Groes ist mit 550 Metern der höchste Pass in Wales. Er verbindet zwei wunderschöne und perfekt dem Wales-Klischee entsprechende Täler. Tief eingeschnitten, von eiszeitlichen Gletschern zu einer sauberen U-Form geschabt, ausgelegt mit den grünsten aller Wiesen und eingerahmt von genauso grünen Hügeln. Zwischendrin weiße Tupfer – die wenigen großen sind Häuser, die vielen kleinen Schafe. Auf der Passhöhe wirkt die Landschaft extremer und erinnert an das schottische Hochland: große runde Berge, braungrünes Gras, Moor, Weite und Einsamkeit. Die überfüllten Strände in lediglich 40 Kilometer Entfernung scheinen aus einer anderen Welt.

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