Weltreise Mein Traum vom Leben

„Jeder Tag, an dem ich ein Abenteuer erlebe, ist mehr Wert als 1000 gewöhnliche Tage!“ Knapp zwei Jahre lang war die US-Amerikanerin Mariola Cichon zwischen Alaska und Feuerland, in Europa und Afrika unterwegs – bis ein schwerer Unfall in Gambia die Fort-
setzung ihrer Weltreise beendete. Vorerst zumindest.

Foto: Cichon
Weltreise, MOTORRAD 25/2003
Weltreise, MOTORRAD 25/2003
Vor mir erstreckt sich ein weiter, völlig unberührter Strand. Ich stelle den Motor der Kawasaki ab, schaue mich um. Gewaltige, flaschenförmige Baobabs spenden Schatten, braune, fußballgroße Früchte hängen an ihren Ästen. Wie aus dem Nichts landet urplötzlich ein riesiger Vogel in der Krone des alten Baumes direkt neben mir, schlägt wild mit seinen Flügeln, stößt grelle Schreie aus. Vermutlich bin ich in sein Revier eingedrungen. Dann vernehme ich eine weitere Stimme. „Sir, wollen Sie einen Affen kaufen?“

Ein Junge, etwa acht Jahre alt, steht hinter meinem Motorrad, in seiner rechten Hand hält er einen Strick, mit dem er eine traurig dreinschauende Ziege führt. Ich nehme den Helm ab. Der kleine Junge starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, ist für einen langen Moment sprachlos – eine motorradfahrende Frau! „Ist es nicht verboten, mit Affen zu handeln?“ „Keine Ahnung, Sir..., sorry... Madam. Er ist noch ganz jung und wohnt bei mir zu Hause.“
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Foto: Cichon
Weltreise, MOTORRAD 25/2003
Weltreise, MOTORRAD 25/2003
Die Reaktion des Jungen ist für mich keine Besonderheit mehr. Ganz im Gegenteil – ich habe mir den Umstand, dass eine allein auf einem Motorrad reisende Frau überall auf der Welt noch immer etwas Besonderes zu sein scheint, in den vergangenen 19 Monaten meiner Reise zwischen Alaska und Feuerland, in Europa und im Norden Afrikas schnell zunutze gemacht – der Überraschungseffekt hat mir bei einigen brenzligen Situationen sehr geholfen. In Kolumbien etwa ließ man mich, sobald ich den Helm abgesetzt hatte, recht schnell und unbehelligt die unzähligen Straßensperren und Blockaden passieren, die von der Polizei oder Armee und manchmal sogar von Guerillas errichtet waren. Auch in den meisten anderen Ländern, die ich während meiner bisher knapp 85000 Kilometer weiten Reise kennen lernte, half der „Frauen-Bonus“ sehr.
Die Stimme des Jungen holt mich aus meinen Gedanken zurück an den Strand im afrikanischen Gambia. „Ich kann dir einen Papagei verkaufen.“ „Nein, tut mir leid, ich habe wirklich kein Interesse an einem Haustier.“ Mit traurigen Augen verschwindet meine Strandbekanntschaft
zwischen den Bäumen. Unweigerlich muss ich an eine Begegnung denken, die sich vor etwa einem Jahr in Honduras zugetragen hatte.

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