Weltreise Welt-Kap

Verrückt, aber war: Für einen Eintrag in das Guinness Buch der Rekorde fuhr der Brite Adam Paul 77000 Kilometer weit rund um die Welt, vom Kap Horn zum Kap der Guten Hoffnung - im Sattel einer siebenkommafünf PS starken Honda C 90.

Ein bitterkalter Morgen irgendwo in den Weiten der sibirischen Tundra zwischen Magadan und Yakutsk. Mit steifgefrorenen Fingern mache ich mich an »Nelly«, meiner tapferen Honda C 90, zu schaffen. Ein ganz normaler Technik-Check, wie ich ihn schon unzählige Male durchgeführt habe. Doch die Freude darüber, daß die beanspruchten Reifen noch immer voller Luft sind, weicht beim Anblick des Ölmeßstabs urplötzlich schierem Entsetzen: Statt Öl schwappt im Tank nur noch eine lehmige Pampe, was auf Wasser im Motor schließen läßt. Ich verkrieche mich im Zelt, um nachzudenken. Bereits beim Frühstück hatte ich mich entschieden, wieder zur rund 100 Kilometer entfernten Hauptstraße zurückzufahren, da auf dieser Piste wegen der starken Regenfälle kein Vorwärtskommen ist, und jetzt weiß ich nicht, ob die kleine Honda sich mangels Schmierung überhaupt noch bewegen läßt. Auf Hilfe warten? Praktisch aussichtslos, daß auf diesem unpassierbaren Weg jemand vorbeikommt. Bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als es mit Nelly zu versuchen.Zehn Stunden später rolle ich mit der kleinen Honda in der Bergarbeitersiedlung Kadykcan ein. Zehn Stunden, die ich über viele Kilometer mehr schiebend als fahrend verbracht habe. Daß der Motor noch immer läuft, grenzt fast schon an ein Wunder. Mit Hilfe eines Ladenbesitzers zerlege und reinige ich das Triebwerk, und um fünf Uhr morgens füllen wir wieder frisches Öl in den kleinen Tank.Am 10. April 1996 war ich im Sattel von Nelly am südlichsten Punkt Amerikas in Ushuaia auf Feuerland gestartet. Und auf den vielen tausend Kilometern auf dem Doppelkontinent hat mich die kleine Honda bis Anchorage in Alaska, von wo ich ins sibirische Magadan geflogen bin, nicht einmal im Stich gelassen - weder auf den staubigen Pisten Patagoniens noch auf den hohen Pässen in den Anden oder auf den vielspurigen Highways, die durch Los Angeles führen. Manchen war sie nur zu langsam, wie dem übergewichtigen Cop, der mich in Arizona anhielt und meinte, daß ich ein Verkehrshindernis wäre und mich zur nächsten Ausfahrt eskortierte - obwohl außer mir so gut wie niemand unterwegs war. Ernsthafte Sorgen hatte ich bisher nur in Peru, wo mir drei Polizisten auf einer Toilette Kokain unterschieben wollten. Aber das ist schon viele Monate her.Inzwischen ist Kadykcan längst in den zittrigen Rückspiegeln verschwunden. Doch meine Freude darüber, daß Nelly ihr Schlammbad schadlos überstanden hat, hält nicht lange an. Die einzige Straße in diesem Teil Sibiriens ist nach 250 Kilometern ab Ust-Nera wegen Überflutung unpassierbar - und am Flughafen weigert man sich behaarlich, Nelly bis nach Yakutsk zu transportieren. Nach drei Tagen habe ich mit Hilfe eines neuen Bekannten - eines Polizisten - die Angestellten der Airline endlich dazu überredet, mich und die Honda mitzunehmen. Für die astronomische Summe von 2,5 Millionen Rubel, was rund 500 US-Dollar und vermutlich einem Vielfachen eines durchschnittlichen Monatsgehalt in Sibirien entspricht.Von Yakutsk folgen 1200 einsame Kilometer in Richtung Süden bis in die Nähe der chinesischen Grenze, dann - weil es in der sibirischen Weite bisher keine durchgehende Straße von Ost nach West gibt - ein Stück mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Cernysevesk, von wo es rund 5600 Kilometer bis zum Ural-Gebirge sind. Der Weg durch die Taiga erscheint endlos, vorbei an den riesigen Industriestädten Novosibirsk und Omsk, die nur durch Schotterpisten verbunden sind. Geteerte Straßen, gut sortierte Läden und einen richtigen Kaffee gibt es erst wieder in Polen.Nach einem kurzen Heimaturlaub in England steht nach einer problemlosen Fahrt durch Bulgarien, die Türkei, Syrien, Jordanien und Israel Afrika auf dem Programm. In Ägypten nerven mich allerdings zahllose Straßensperren und Polizeikontrollen sowie der geldgierige Schlepper im Hafen von Suez, der die wenigen erhältlichen Passagen nach Jeddah in Saudi-Arabien zu horrenden Preisen anbietet - und vermutlich mit vielen Afrika-Reisenden ein gutes Geschäft macht, da man auf dem Landweg in Richtung Süden noch immer nicht durch den Sudan fahren kann. Zum Glück treffe ich Mark aus Kenia, der seine Suzuki per Luftfracht nach Addis Abeba transportieren möchte. Eine vernünftige Idee. Gemeinsam meistern wir alle Hürden des Zolls.Um allerdings als Weltumrunder für einen Eintrag in das Buch der Rekorde in Frage zu kommen, bin ich gezwungen, entsprechende »Lücken« so klein wie möglich zu halten. Will heißen, anstatt von der äthiopischen Hauptstadt in Richtung Süden erst einmal nach Norden bis zur sudanesischen Grenze fahren. Doch nach rund 800 Kilometern beginnt nördlich des Tana-Sees bei Gonder eine militärische Sperrzone. Ich wende die kleine Honda um 180 Grad - in der Hoffnung, ab jetzt ohne größere Probleme in ein paar Monaten das Kap der Guten Hoffnung zu erreichen.Leider hat »El Nino” den Norden Kenias in ein einziges Schlammbad verwandelt. Gemeinsam mit Matt, der im Sattel einer Ténéré sitzt, wühle ich mich tagelang durch Dreck, einmal brauchen wir 13 Stunden für 30 Kilometer. Aber Nelly hält tapfer durch, trägt mich durch Kenia und Tansania, bis ich auf der Insel Sansibar den ersten längeren Stopp in Afrika einlege.Mit gemischten Gefühlen reise ich schließlich in Mosambique ein - andere Reisende hatten mir regelrechte Horrorgeschichten über dieses Land erzählt, sprachen von hohen Schmiergeldern, die an der Grenze oder bei Kontrollen zu bezahlen wären. Das machte mich zunächst unsicher, aber ein 800 Kilometer weiter Umweg durch Sambia kam für mich schon aus aus Zeitgründen nicht in Frage. Zwar werde ich nicht wegen »unerlaubtem Sonnenbrillentragen” zur Kasse gebeten, aber muß dennoch tief in die Tasche greifen, um irgendwelche Straßensteuern und eine Versicherung zu bezahlen, die einen ganzen Monat gilt - und das, obwohl ich schon nach fast fünf Stunden bereits wieder die Grenze nach Simbabwe erreiche.In Harare, der Hauptstadt Simbabwes, genieße ich eine Woche lang die Freuden einer Großstadt: Endlich wieder ins Kino gehen, Post abholen, einen Hamburger essen. Und zur Feier des Tages spendiere ich Nelly einen Satz neuer Bremsbeläge für das Vorderrad - den ersten nach 72000 Kilometern durch bisher 35 Länder.Südafrika. Endlich. Zwar fällt bei Nelly der Krümmer einem Schlagloch zu Opfer, doch der Schaden kann uns so kurz vor dem Ziel nicht mehr bremsen, zumal sich meine Ankunft herumgesprochen hat. In East London verarbeitet ein Reporter meine Reise zu einer Titelgeschichte, und der südafrikanische Honda-Importeur lädt mich in Killarney fürs Fernsehen zu einer Ehrenrunde auf der örtlichen Rennstrecke ein. Ein paar Tage später spule ich schließlich meine letzten Kilometer zum Endpunkt meiner Tour ab. Am Kap der Guten Hoffnung. knallen Sektkorken, kullern ein paar Freudestränen, und es gibt viele Glückwünsche. Ich habe es geschafft und kann es selber kaum glauben. Vor knapp zwei Jahren bin ich am Kap Horn aufgebrochen, und kein Mensch hat der kleinen Honda diese Reise zugetraut. Wenn ich ehrlich bin, hatte auch ich am Anfang große Zweifel. Auf dem Tacho stehen 48000 Meilen, mehr als 77000 nahezu pannenfreie Kilometer - der Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde ist jetzt hoffentlich nur noch Formsache.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote